Opernloft Hamburg: Unter der Dusche mit Don Giovanni

OPERNLOFT/Don Giovanni/v.l.n.r.: Ren Fukase, Marie Sophie Richter, Lukas Anton, Marie Audrey Schatz Copyright: Inken Rahardt

Don Giovanni oder vollständig „Il dissoluto punito ossia Il Don Giovanni“ ist ein Drama in zwei Akten von Wolfgang Amadeus Mozart nach einem Libretto von Lorenzo Da Ponte. Die Oper, deren Aufführung etwa zwei Stunden und 45 Minuten dauert, zählt zu den Meisterwerken der Oper. Don Giovanni wurde oft als die „Oper aller Opern“ bezeichnet. Es wurde viel darüber gestritten, ob – ausgehend von der Bezeichnung Dramma giocoso – Mozart hier in Abgrenzung von der Opera buffa eher ein musikalisches Drama angestrebt hat. Die Musik des Don Giovanni gehört zu jenen Kompositionen Mozarts, die eindrucksvoll die Legende vom heiteren, verspielten Götterliebling widerlegen. Den Opernfreunden altbekannt, aber das es auch auf mitreißende Weise einmal anders kommen kann, zeigt die Inszenierung dieser Oper im Hamburger OPERNLOFT, die am gestrigen Abend ihre begeistert aufgenommene Premiere hatte. (Rezension der Premiere v. 27.9.2019)

 

Zum Inhalt, wie wir ihn kennen:  

Sevilla, in Spanien. Der Verführer und Gotteslästerer, Don Giovanni, maskiert sich, um Donna Anna, die Verlobte Don Ottavios, zu verführen. Anna weist ihn zurück und begibt sich in den Schutz ihres Vaters, des Komturs. Im Zuge eines Duells verletzt Don Giovanni den alten Mann tödlich und flieht mit seinem Diener Leporello, ohne Reue, neuen Liebesabenteuern zu. Donna Elvira und Zerlina werden seine nächsten Opfer. Als er immer wieder dem Netz seiner Verfolger entflieht, brüstet sich der Verführer seiner Ausschweifungen und feiert glanzvolle Feste. Aber er wird schließlich von der geisterhaften Erscheinung des Komturs, der seine Tochter rächt,  in die Unterwelt gezerrt, wo er in den Flammen der Hölle umkommen wird. So wird die Weltordnung wieder hergestellt.

Akt 1

Don Giovannis einziger Lebenszweck ist die Verführung von Frauen. Nachdem er Donna Anna entehrt hat und ihren Vater, den Komtur, im Duell ermordet, trifft er auf Donna Elvira, eine frühere Eroberung. Sie stellt ihn zur Rede und überschüttet ihn mit Vorwürfen, er aber schleicht sich fort und lässt Leporello zurück, der auf  ihre Anschuldigungen antworten soll. Der Diener liest ihr in einem Rezitativ die lange Liste der weiblichen Trophäen seines Herrn vor.

Registerarie“ des Leporello: „Madamina, il catalogo è questo“

Nach der Episode mit Elvira, trifft Don Giovanni auf eine ländliche Hochzeitsgesellschaft. Die hübsche Zerlina soll den Bauern Masetto heiraten. Eine günstige Gelegenheit, die der Verführer nicht verstreichen lässt. Er droht dem Bräutigam mit Gewalt, wenn er nicht sofort das Feld räume, und verspricht der naiven jungen Zerlina das Blaue vom Himmel. Erst widersteht sie, doch er kann sie schnell erobern.

OPERNLOFT/Don Giovanni/ Marie Audrey Schatz, Copyright: Inken Rahardt

Reich mir die Hand mein Leben…/ Là ci darem la mano

Don Giovanni organisiert einen Ball, und Tanz und überschwängliche Freude herrschen im Festsaal seines Schlosses. Aber immer mehr Drohungen werden laut. Donna Anna erkennt in ihm den einstigen Verführer und Mörder ihres Vaters, und auch Elvira und Zerlina wollen Rache. Don Giovanni schlägt alle Warnungen in den Wind und will den Ball für neue Abenteuer nützen. Die Tänze werden immer ausgelassener und der Wein fließt in Strömen.

Akt 2

Don Giovanni ist seinen Verfolgern entkommen, aber er hat Leporello zurückgelassen und mit ihm Kleider getauscht, so dass sein Diener die Strafe erdulden muss, die Don Giovannis Feinde für ihn vorgesehen haben. Elvira, die immer noch an Don Giovanni hängt, betet für ihn zum Himmel und fleht ihn an, sein frevlerisches Leben aufzugeben. Anna hingegen, bittet ihren Verlobten, die Hochzeit zu verschieben, um ihren Vater zu betrauern. Im Zuge eines Festmahls in seinem Schloss gibt sich Don Giovanni Essen und Trinken hin und behandelt Leporello schlechter denn je. Zu seiner großen Überraschung erscheint die steinerne Figur des Komtur, den Don Giovanni frevelnd im Friedhof zum Mahl geladen hatte. Seine Stunde hat geschlagen: die Erscheinung packt ihn mit eiskalter Hand und fordert ihn zur Reue auf – Don Giovanni weigert sich. In einer düsteren und grandiosen Szene wird der Lebemann, vor Schmerzen schreiend, in die Flammen der Hölle hinabgestossen. Leporello kommt aus seinem Versteck und berichtet allen vom grausigen Ende seines Herrn, dessen Bestrafung wohl gerechtfertigt war. 

 

OPERNLOFT/Don Giovanni/ Ren Fukase, Lukas Anton, Copyright: Inken Rahardt

So also sieht die Oper üblicherweise aus. Und nun vergessen wir das alles und schauen auf eine andere Version, die hier im Hamburger OPERNLOFT gezeigt wurde.

Die mit Herzblut und statt im 17. Jahrhundert in der heutigen Zeit genauso aktuell das Leben zeichnet. Eine neue „Generation Oper“ lädt ein zum Gruppenkuscheln auf einer Kiste – vier Akteure bestreiten eine ganze Oper und alles ohne großes Orchester, da reichen auch ein Piano und ein Akkordeon. Minimalistisches ganz großes Kino!

 

Fasst man hier den Inhalt der Oper zusammen, würde es sich in etwa so lesen:

Don Giovanni liebt das Leben und die Liebe, ersinnt ständig Gründe, neue Bekanntschaften zu schließen – dazu gehören nicht nur Elvira und Zerlina, sondern auch Leporello! Man kommt sich näher, doch das ergibt auch Probleme. Es häufen sich Auseinandersetzungen unter den jungen Menschen, man will frei leben, sich ausprobieren…. Aber alle altbekannten Zwänge, Erwartungen und auch Vorurteile von innen wie auch außen… sind ständig im Unterbewusstsein da. Gibt es einen Ausweg? Ja, am Ende wird alles in eine Kiste gepackt, quasi das Leben aufgeräumt und neu gestaltet, es löst sich alles in Rauch und Feuer auf und man stößt draußen vor der Tür auf einen gemeinsamen Neubeginn an.

Es wurden der Inhalt und die Arien durchaus übernommen, trotzdem ist alles anders und viel lebhafter, ein wenig moderner ausgelegt. Da finden wir die 4 Protagonisten Giovanni, Leporello, Elvira und Zerlina schon mal in einer Disco beim abtanzen unter der Lichtorgel, die Bühne besteht aus 2 halboffenen Kabinen, die ein wenig an Umkleidekabinen auf Rollen mit Ausblick erinnern und mobil im Geschehen eingesetzt werden. Mal offen, dann mit Vorhängen geschlossen, zeigen sie alle Facetten des Menschen. Man steigt auf Holzkisten zum Gruppenkuscheln oder doch schubsen und schlagen? Dann werden die weißen Masken „der Anderen“ zerschreddert, man wollte nicht hören, was diese zu sagen haben.

Hier stellen die Masken die auf der Bühne fehlende Gesellschaft der Feiernden dar, also auch den steinernen Komtur aus der Originalfassung. Aber im Geiste über allem schwebend und eine deutliche Unzufriedenheit mit dem Handeln des Don Giovanni verkündend. Mit der Vernichtung dieser starren Masken ignoriert man also deren Meinungen und auch Drohungen!

Eine außergewöhnliche Bühnenarbeit, die als Singspiel, mit Sprache und Gesang präsentiert wird. Man streitet dabei lebhaft, es wird gelacht, gezerrt und umarmt….. das Publikum wird mit einbezogen und ist hautnah dabei.

OPERNLOFT/Don Giovanni/ v.l.n.r.: Ren Fukase, Marie Sophie Richter, Lukas Anton, Marie Audrey Schatz, Copyright: Konstantin Anikin

Regisseurin Kerstin Steeb hatte bei der Inszenierung die Idee, Sinnlichkeit und Sittlichkeit aufzugreifen, Vertrauen oder doch Eifersucht? Die Bandbreite der Gefühle darstellen zu lassen von jungen Menschen in der eben auch heutigen Zeit, im Bild des Verhaltens Frauen zu Männern. Ein Charakter zeigt eben nicht nur Schwarz oder Weiß, die kleinen Facetten herauszuarbeiten war der -gelungene- Plan. Umgesetzt im angepassten minimalistischen Bühnenbild (Ausstattung von Margarethe Mast) konnten die Akteure die entstehenden Situationen und Gefühle zeigen. Mit einigen Kisten, zwei halboffenen Kabinen in denen die Vorhänge und Jalousinen die sonst schweren Kulissen verdrängten und einem Papierschredder, der eine tragende Rolle einnahm. Damit wurde ein Weg gefunden, das Verständnis von Liebe und Beziehung deutlich darzustellen, ganz im Sinne der Regie.

Aug in Aug mit dem Publikum erklangen wunderbare Stimmen, es waren fast Dialoge mit den Zuschauern, man fühlte sich total angesprochen – eine ganz neue Art der Vorstellung auf ungewohnt kleinem und total ausverkauftem Raum.

Diese sehr intensiven Gefühle und Darstellungen packten das begeisterte Publikum und führten zu kaum enden wollendem Beifall, die Musiker müssen einfach nochmal explizit erwähnt werden dabei. Mit nur einem Piano und einem Akkordeon wurde ein ganzes Orchester ersetzt, und das absolut grandios! Wunderbar am Klavier Amy Brinkmann-Davis, – die auch für die musikalische Leitung der Aufführung verantwortlich ist -, das Akkordeon fantastisch gespielt von Krzysztof Gediga, zeigten die beiden Musiker vollen Einsatz in Perfektion, jeder Ton saß und es war ein wunderbar stimmiges Zusammenspiel. Für das Sound-Design war Tom Gatza zuständig. 

Und selbstverständlich großes Lob und Anerkennung auch für das sängerische DON GIOVANNI – Ensemble:

OPERNLOFT/Don Giovanni/ Lukas Anton, Copyright: Inken Rahardt

Der Don Giovanni (Bariton) von Lukas Anton wunderbar präsent, leichtlebig, agil und schon dominant im Auftritt. Er „leitete“ das Geschehen auf der Bühne und selbst „unter der Dusche“ war er die Hauptperson mit klarer Stimme. Er bot dem Publikum ein sängerisches Erlebnis, dass Spaß machte!

Elvira (Sopran), gesungen von Marie Audrey Schatz, hatte vielleicht den schwersten Part im Spiel. Ihre klare Stimme, sehr verständlich, zeigte die so intensive Eifersucht, ihre Anspannung und Enttäuschung gegen Giovanni. Mit teilweise harter Gesangsansprache, den Gefühlen folgend, war sie gefordert und meisterte ihre Arien ausgezeichnet, sehr zur Freude der Zuhörer.

Marie Sophie Richter als Zerlina (Sopran), zeigte eine weichere Seite im Liebesreigen, war immer mehr Vermittlerin, Freundin und wollte das Leben mit Freude geniessen. Dies war in ihrer weichen, lockenden Tonart stark herauszuhören, wunderbar die Höhen und Tiefen erfasst. Eine Freude, ihr zu folgen!

Leporello (Bariton), gespielt von Ren Fukase. Der junge japanische Bariton prästierte sich in einer Pfadfinderuniform auf der Bühne mit seiner volltönenen Stimme mit sehr viel Tiefe und Kraft – ein erstaunlicher Genuss, der so nicht erwartet wurde. Allerdings hat er sich in vorhergegangenen Solopartien im Konzertbereich Erfahrungen erarbeitet, die hier voll zum Tragen kamen. Chapeau!

OPERNLOFT/Don Giovanni/ v.l.n.r.: Marie Sophie Richter, Lukas Anton, Copyright: Inken Rahardt

Von diesen vier außergewöhnlichen jungen Künstlern ist noch viel zu erwarten! Dazu eine ebensolche völlig neue Lokalisation direkt an und mit Blick auf die Elbe – das verspricht eine interessante Zukunft für das Opernloft in Hamburg!

Das Konzept ist absolut stimmig und – besonders für Opernneulinge – eine grandiose Erfahrung. Es muss nicht immer das traditionelle Opernhaus sein, hier wird jedem eine „Opern-Lightversion“ schmackhaft gemacht und könnte irgendwann zum Dauerabo führen, egal ob hier oder dort – die Leidenschaft zu klassischer Musik wird so sicher geweckt.

Das von Inken Rahardt, Yvonne Bernbom und Susann Oberacker 2003 gegründete junge Musiktheater musste in seiner relativ kurzen Geschichte schon zweimal umziehen: von Wandsbek aus der Conventstraße, in die alte Druckerei von Axel Springer in der Fuhlentwiete und nun an die Elbe in den Fischereihafen in Altona. Seit 2018 gibt es wieder das volle Programm, nicht nur Oper, auch Komödien und Konzerte. Eine Vielfalt rund um die wunderbare Musik. Bis zu 200 Menschen finden hier einen bequemen Platz mit Rundumsicht, die Bühne ist von allen Plätzen aus perfekt einsehbar, manchmal auch mitten drin.

OPERNLOFT.Logo/ @ Opernloft

Ein kurzweiliger Besuch um sich selbst ein Bild zu machen von dieser durchaus einmaligen Lokalisation dauert nur 90 Minuten, länger ist keine Vorstellung und es gibt auch eine Pause zwischendurch. Wobei man vorher und nachher gern noch etwas verweilen mag auf ein Schwätzchen mit den immer anwesenden Damen der Leitung!

Mit einem Glas Sekt in der Hand kann man hier auch, drinnen wie draußen, den Blick über den Hafen schweifen lassen und den Sonnenuntergang in voller Schönheit genießen – besser kann Oper nicht sein!

 

  • Rezension von Marion Nevoigt / RED: DAS OPERNMAGAZIN
  • OPERNLOFT HAMBURG / Stückeseite
  • Titelfoto: OPERNLOFT/Don Giovanni/ Marie Audrey Schatz, Ren Fukase, Copyright: Inken Rahardt

 

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