Zwischen Traum und Tragik – „Don Carlos“ an der Vlaamse Opera Antwerpen

Antwerpen/Don Carlos/(c) Opera Ballet Vlaanderen / Annemie Augustijn

Einsame Landschaften, melancholische Weiten und traurige Leere. Beschreibungen, die nicht nur auf das prägnante Bühnenbild, sondern vielmehr auch auf Don Carlos inneren Seelenzustand zutreffen. Die nach außen getragenen und dargestellten Innenwelten des Titelhelden werden zum Schauplatz in Johan Simons Inszenierung, für die der bildende Künstler Hans Op de Beeck ein stimmiges Bühnenbild entworfen hat. (Besuchte Vorstellung am 28.9.2019)

 

Fontainebleau! Forêt immense et solitaire!“ So riesig und einsam wie der Wald Fontainebleaus scheint auch Don Carlos innere Gefühlswelt zu sein, die er hier besingt. Hans Op de Beeck, dessen Werk sich oft mit problematischen menschlichen Beziehungen, aber auch der Absurdität der menschlichen Existenz beschäftigt, verbildlicht Carlos Seelenlandschaften als raumfüllende Videoprojektionen. Seine zurückhaltende und ruhige Bildsprache mit Trompe-l’oeil-Dekor entspricht der Melancholie, die Carlos ausstrahlt und öffnet dem Zuschauer so ein Fenster und gewährt Einblick in seine Seele.

Don Carlos ist eine Oper voller Widersprüche und Gegensätze – zwischen Machtstreben und Liebessehnsucht, zwischen Unterdrückung und Auflehnung und in Carlos Fall auch zwischen Tatendrang und träumerischer Passivität.

Die Vlaamse Opera entscheidet sich für die „Modena-Version“ mit fünf Akten und in französischer Sprache gesungen, lässt sie die Geschichte jedoch erst mit dem zweiten Akt beginnen. Der erste Akt wird als Retrospektive erzählt, indem Don Carlos seinem Vertrauten Rodrigue so die folgenschwere Begegnung mit Elisabeth schildert. Johan Simons rückt die tragische Gestalt von Don Carlos in den Mittelpunkt und lässt sein Leben von seinem Sterbebett im Gefängnis aus vorüberziehen und Revue passieren. In diesen surrealistischen Traumbildern wirkt er wie eine Wandler zwischen Leben und Tod.

Auf der Bühne herrscht eine bedrückende Ruhe, streng und klaustrophobisch ist die Atmosphäre. Bis auf den Titelhelden agieren alle Charaktere fast ausschließlich statisch und mit stereotypen, unnatürlichen Gesten. Nur Don Carlos bewegt sich lebhaft, mit geradezu kindlicher Unbeschwertheit, leicht tänzelnd über die Bühne. Im Schlafanzug und im Fiebertraum – seinen Titel „Infant“ ein wenig zu wörtlich genommen – wirkt er wie einer, der nicht erwachsen werden will. Stattdessen zieht er sich zurück in sein Bett, dass er kurzerhand in ein Kinderbett mit Gitterstäben umfunktionieren kann. In seiner Realitätsflucht wird die Bühne zu einem großen Kinderzimmer, in dem er sich zurückzieht und mit überdimensionierten Bausteinen spielt. Das Bühnenbild von Hans Op de Beeck und die Kostüme von Greta Goiris schaffen in den Chorszenen ein Tableau Vivant à la Brueghel oder Bosch – mit farbenfrohen und mittelalterlich anmutenden Kostümen erinnern sie nur zu sehr an die Figuren in den Bildern der niederländischen Maler.

Das Orchester (Symfonisch Orkest Opera Ballet Vlaanderen) unter der musikalischen Leitung von Alejo Pérez mit seinem wunderbar akzentuierten Dirigat wusste es, die Tragik und Emotionalität der Musik Giuseppe Verdis einzufangen. Mit Straffen Tempi und aufbrausenden Tuttipassagen zog sich eine sich stetig steigernde Spannungsdramatik durch die Musik. Pérez, der seit der Spielzeit 2019/20 die musikalische Leitung am Haus übernommen hat, lieferte einen eindrucksvollen Einstand und lässt für kommende Dirigate Vorfreude aufkommen. Der Chor (Koor Opera Ballet Vlaanderen) trat beeindruckend homogen auf und reihte sich in das durchweg hohe Niveau der Solisten ein.

Antwerpen/Don Carlos/(c) Opera Ballet Vlaanderen / Annemie Augustijn

Allen voran der amerikanische Tenor Leonardo Capalbo als Don Carlos, dessen Rolle stimmlich und darstellerisch einem Marathon gleich kam. Johan Simons verlangte einiges von seinem Titelhelden ab, der während des fast vierstündigen Abends ununterbrochen auf der Bühne war – stets in Bewegung, beobachtend und agierend. Stimmlich ließ er sich jedoch nichts anmerken und sang bis zum Schluss mit strahlender, emotionaler Stimme und charismatischen Höhen. Mary Elizabeth Williams als Elisabeth de Valois – vor Beginn der Vorstellung als erkältet angesagt – mag man verzeihen, dass sie ihre Stimme nicht ganz entfalten konnte. Dennoch sang sie mit zu Tränen rührender Zärtlichkeit und sanftem anmutendem Sopran. Die Darstellung Elisabeths mit ausdrucksstarker Mimik war hochemotional und ebenso glaubwürdig wie tragisch. Kartal Karagedik bestach durch seine dunkle Stimmfärbung und eleganten aber kraftvollen Bariton, der in Sterben seine Arie „Carlos, écoute…“ mit mitreisend trauriger Eindringlichkeit sang.

Raehann Bryce-Davis war eine infernal-dämonische Prinzessin Eboli mit beeindruckender Stimmführung und spielerischer Darstellung. Ihr Schleierlied sang sie mit unnachahmlicher Sinnlichkeit und Facettenreichtum. Bryce-Davis wusste ihre voluminöse Stimme gekonnt einzusetzen und setzte mit „Ô don fatal” neue Maßstäbe, so grenzen- und hemmungslos war ihre Interpretation. Ein mehr als überzeugendes Rollendebüt!

Antwerpen/Don Carlos/(c) Opera Ballet Vlaanderen / Annemie Augustijn

Als Philippe II. überzeugte Andreas Bauer Kanabas dank differenzierter Charakterzeichnung und verlieh so seiner Rolle Vielschichtigkeit. Er stellte sich als herrschsüchtigen Machthaber, aber auch mit seiner menschlichen, verletzlichen Seite dar. Mit beeindruckend deutlicher Aussprache und enormen Stimmvolumen verdiente er das Prädikat: Idealbesetzung. Man merkte ihm die Erfahrung mit dieser Rolle an, denn er sang einen stimmlich überaus gereiften König, dessen düstere, aber dennoch wohlklingende Bassstimme dies wunderbar ergänzte. Auch die kleineren Rollen waren hochkarätig besetzt. Besonders stachen Annelies Van Gramberen strahlender Thibault, Roberto Scandiuzzi als harscher Großinquisitor und Werner Van Mechelen als Charles V. mit sonorer Baritonstimme hervor.

Trotz mitunter ablenkender Requisiten mit bedeutungsheischender Symbolik vermochte die Inszenierung von Simons und de Beeck zu überzeugen. Dank einer detaillierten Personenregie bekommen alle Charaktere die Möglichkeit ihre Seite der Geschichte darzustellen und tun dies auf eine eindringliche Weise, die ihr Handeln nachvollziehbar und ihr Wesen erfahrbar macht. Es wird verdeutlicht, dass hinter Politik- und Machtkonstrukten stets Menschen stehen, mit all ihren Wünschen und Ängsten. Im Fall von Don Carlos ist dies eine tragische Figur, die dem Druck von politischer und persönlicher Verantwortung unterliegt.

 

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