Oper Köln: Geniales Education-Projekt und ideale Familienoper: „Pünktchen und Anton“ – Streaming –

Oper Köln/Pünktchen u. Anton/Ana Fernández Guerra, Dustin Drosdziok, Luzia Tietze – @Paul Leclaire

Die beiden Sängerinnen Ana Fernández Guerra und Luzia Tietze sind Pünktchen und Anton, die Helden des gleichnamigen Romans von Erich Kästner. Während das elfjährige Pünktchen in einem wohlsituierten Fabrikantenhaushalt mit Köchin und Kindermädchen lebt ist Anton allein für seine kranke Mutter verantwortlich und muss den Haushalt führen. Damit er Essen kaufen kann gehen Pünktchen und Anton zusammen betteln.

Das Kindermädchen Fräulein Andacht hat ihrem Freund, dem Gauner Robert der Teufel einen Plan der Wohnung von Pünktchens Eltern mitgebracht. Pünktchen und Anton verfolgen die Einbruchsplanung und alarmieren Berta, die Köchin, sowie die Polizei. (Rezension des Live-Stream vom 10.02.2021)

 

Bevor die Polizei ankommt kann Berta den Einbrecher mit einem Nudelholz KO schlagen. Am Schluss kommen die Eltern aus der Oper dazu. Das untreue Kindermädchen wird entlassen und Frau Gast, Antons Mutter, darf mit Anton in das Zimmer des Kindermädchens einziehen. Herr Pogge, Pünktchens Vater, will ihr eine Arbeit besorgen.

Das Buch hat Erich Kästner vor 90 Jahren geschrieben, die Handlung und die Musik spielen in der Zeit der Weimarer Republik in Berlin. Die Themen sind immer noch aktuell – Armut, soziale Ungerechtigkeit und das Teilen, das in einem Lied: „Suppe ist für alle da…“ besungen wird.

Die Kinderoper „Pünktchen und Anton“ mit Musik von Iván Eröd (1936 bis 2019) nach einem Libretto von Thomas Höft wurde am 8. Mai 2010 in einer Inszenierung von Matthias von Stegmann im Kinderopernzelt der Wiener Staatsoper uraufgeführt.

Regisseurin Barbara Gillessen adaptiert das Stück coronatauglich für die Kinderoper im Staatenhaus 3. Da kein Publikum zugelassen ist kann die Aufzeichnung der Premiere nur gestreamt werden. Das Stück kann mit der Schulklasse oder als Familienoper mit Kindern ab 6 Jahren geschaut werden.

Oper Köln/Pünktchen u. Anton/Stefan Hadžić, Lotte Verstaen – @Paul Leclaire

Es gibt ein reichhaltiges Tableau mit einer Fülle von Arbeitsanregungen und ein Materialpaket mit 48 Seiten Unterrichtsmaterial, das man direkt downloaden und ausdrucken kann. Damit kann das Stück im Musikunterricht vor- und nachbereitet werden, und man kann die Oper auch als Ausgangspunkt für Fragestellungen wie Kinderarmut und soziale Gerechtigkeit nehmen. Als Lehrerin juckt es mir in den Fingern, diese Oper als Impuls für ein Schulprojekt mit einer 5. oder 6. Klasse fächerübergreifend umzusetzen.

Rund um die Oper im Staatenhaus hat man einen Pünktchen-Parcours angelegt, bei dem die Besucher*innen nicht nur die Oper, sondern auch die Stadt Köln erkunden können. Für den Parcours gibt es einen QR-Code, mit dem den sich die Schüler*innen die Anweisungen auf ihr Smartphone laden können. Der Weg führt über die Deutzer Brücke in die Altstadt. Das kann man als Familie auch mit den Kindern machen.

Nicht umsonst wurde die Oper Köln 2019 mit dem Oper! Award für das beste Education-Programm ausgezeichnet. Hier der Link zu den zahlreichen Anregungen der Theaterpädagog*innen einschließlich Anleitungen zum Nachspielen und einer Video-Anleitung zum Tango-Tanzen von Athol Farmer. Außerdem gibt es noch ein reich bebildertes Programmheft, das online durchgeblättert und auch runtergeladen werden kann.

Iván Eröd hat eine kleine Oper im Stil eines Singspiels mit ganz reizenden Arien und Ensembles komponiert, die zum Teil gut nachgesungen werden können. Eröds bildstarke Musik passt sehr gut zu Kästners Leichtigkeit und bezieht viele Musikrichtungen, unter anderem auch ungarische Volksmusik und Tango-und Schlagermusik der 30-er Jahre ein.

„Kunst ist Kommunikation. Wenn ich Musik schreibe, so mit der Absicht, dass sie auch angehört und begriffen wird. Ich muss mich also einer Sprache bedienen, die geeignet ist, wenigstens von einer größeren Anzahl Menschen verstanden zu werden,“ so der Komponist, der mit Zwölftonmusik angefangen hatte.

Besonders gut gefällt mir das Mathe-Duett des Herrn Pogge mit seiner Tochter Pünktchen, bei dem sie sich als Rechengenie erweist.

Oper Köln/Pünktchen u. Anton/Claudia Rohrbach – @Paul Leclaire

Für die jungen Sängerinnen und Sänger des Internationalen Opernstudios ist diese Produktion eine erste Herausforderung im szenischen Agieren. Stefan Hadžić als Vater Pogge zeigt sich als schon bühnenerfahrener Bariton, Claudia Rohrbach, eine meiner Lieblinge aus dem Ensemble (Konstanze, Zerlina, Pamina, Despina,  Sophie Scholl,…), gibt Pünktchens opernbegeisterte Mutter. Sung Jun Cho als Gottfried Klepperbein steuert die tiefen Basstöne bei. Die Rollen sind absolut typgerecht besetzt. Star ist naturgemäß Pünktchen (Ana Fernández-Guerra) mit ihrem bezaubernden hohen Koloratursopran, die auch den Dackel Piefke zum Leben erweckt. Lotte Verstaen liefert eine umwerfend komische Charakterstudie der frommen, aber resoluten Köchin Berta. Luzia Tietze in der Hosenrolle des Anton singt den Seemannssong im Stil von Kurt Weill als Auftrittsarie. Meike Raschke spielt das dem Gauner Robert der Teufel (Dustin Drosdziok) ergebene Kindermädchen, das dem Charme des bösen Verführers erlegen ist. Ihr Tango-Duett wurde von Athol Farmer choreografiert. Leider müssen wegen der Corona-Regeln die Darsteller auf Distanz tanzen und agieren, was aber sonst kaum auffällt.

Eva Buddes Klage als kranke und deprimierte Mutter geht zu Herzen. Die erstaunlich komplexen Ensembles gehen oft aus Liedern hervor. Die 15 Musiker des Gürzenich-Orchesters dirigiert Harutyun Muradyan, ein armenischer Stipendiat des Dirigentenforums des Deutschen Musikrats.  Musikalischer Leiter der Kinderoper ist immer noch Rainer Mühlbach, aber der probt vermutlich schon die „Götterdämmerung für Kinder“, die für April 2021 angesetzt ist.

Die Darstellerinnen und Darsteller bewegen auch die Requisiten wie das Sofa und die Kulissen, die das Berlin der 30-er Jahre durch eine echt fahrende S-Bahn in den charakteristischen Farben andeutet. Man sieht dabei, wie Theater funktioniert.

Dreieckige Perikaden können so gedreht werden, dass abwechselnd die feudale Fabrikantenwohnung, die ärmliche Küche der Familie Gast oder der Park erscheinen. Bühnenbild und Kostüme von Jens Kilian deuten auf die Zeit, in der das Stück spielt. Die Eltern Pogge in Abendgarderobe, die Köchin mit Haube und Pünktchen in einem gepunkteten Overall mit Matrosenkragen sind absolut treffend gezeichnet. Zu den Kostümen gibt es im Material auch Figurinen, die buntgemalt und ausgeschnitten werden können.

Das Ganze dauert kindgerechte 65 Minuten ohne Pause, kann aber als Stream nach Belieben unterbrochen und auch wiederholt werden. Die Geschichte ist so erzählt, dass auch Sechsjährige ihr folgen können.

Oper Köln/Pünktchen u. Anton/Ana Fernández Guerra, Luzia Tietze – @Paul Leclaire

Die Oper eignet sich nicht nur für Schulklassen, sondern auch ganz hervorragend als Familienoper, die man sich mit den Kindern bzw. Enkeln zu Hause ansehen kann. Jeder kann das 48-seitige ausführliche Materialpaket downloaden und mit Kindern einzelne Arbeitsanregungen bearbeiten, einschließlich der Pünktchen-Rallye in Köln, die zu einem Spaziergang am Rhein einlädt.

Leider fehlt das Live-Erlebnis. Ich war selbst schon oft in der Kinderoper und habe dort dicht an dicht mit vielen Schulkindern auf den durchgehenden Bänken gesessen. Das ist natürlich in der Pandemie undenkbar. Die Kinder gehen so unfassbar spontan mit, dass man es hier schmerzlich vermisst. Umso mehr sollten Familien sich diese Oper mit ihren Kindern zu Hause anschauen!

Ursprünglich als Live-Oper geplant wurde die Kinderoper als Stream umgesetzt. Lehrer können sich für ein Gruppenticket registrieren, das mit bis zu 100 E-Mail-Adressen einer ganzen Klasse oder Stufe geteilt werden kann. Auch der Preis für das Gruppenticket wird nach dem „Pay as you wish“-Prinzip gestaltet. Der Stream kann bis zum 16.3.2021 um 23.59 Uhr abgerufen werden.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Köln / Stückeseite
  • Titelfoto (u. alle weiteren Fotos): Oper Köln/Pünktchen u. Anton/Ana Fernández Guerra, Luzia Tietze – @Paul Leclaire

 

 

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