
Die Bamberger Symphoniker, der österreichische Dirigent Manfred Honeck und der Kissinger Sommer verbindet eine ganz eigene traditionsreiche Liaison: Kein anderes Spitzenorchester ist derart eng mit der 40-jährigen Festivalgeschichte in Bad Kissingen verbunden und kein anderes europäisches Orchester hat eine derartig fruchtbare Beziehung zu Manfred Honeck knüpfen können wie eben die Bamberger Symphoniker. (Rezension des Konzerts v. 19. Juli 2025)
Vor knapp zwanzig Jahren begann Honecks einzige feste „Musik-Partnerschaft“ als musikalischer Leiter des US-amerikanischen Pittsburgh Symphony Orchestra, die bis heute fortwährt. Auf dem europäischen Kontinent hingegen tritt Honeck fast wöchentlich mit einem anderen Weltklasseorchester in Erscheinung. Als Gastdirigent ist er besonders für seine profunden Interpretationen klassisch bis romantischer Symphonik deutschsprachiger Komponisten begehrt.
In Europa gelang es lediglich den Bamberger Symphonikern, eine etwas tiefere und auch langfristige Kollaboration mit Manfred Honeck einzugehen. Das Orchester ernannte ihn im Herbst 2023 zu seinem Ehrendirigenten und gewann ihn so für zusätzliche Auftritte und Konzerttourneen wie eben jener Mini-Tour zum Saisonabschluss nach Ottobeuren und Bad Kissingen. Erwartungsgemäß wussten Orchester wie Dirigent mit Franz Schuberts Unvollendeter und der Zweiten Sinfonie von Johannes Brahms, jenem Repertoire, bei welchem Manfred Honeck so schnell kaum ein Dirigent das Wasser reichen kann, zu überzeugen.
Mit viel Gefühl und dem Einsatz von zärtlich gedimmten, impressionistisch anmutenden Klangfarben leitete Gabriel Faurés Pavane den Abend ein und bildete sogleich die abgeklärte Grundstimmung für Franz Schuberts daran anknüpfende 7. Sinfonie in h-Moll D 759, besser bekannt als die Unvollendete. Es ist ein düster und bedrohliches, immer wieder von unheilvollen Klängen durchsetztes Werk, dessen Tonart h-Moll bei Schubert immer wieder in einer Todessehnsucht Verwendung findet. Honeck ließ besonders im Allegro moderato das Ringen des Komponisten mit sich selbst im Finden einer eigenen symphonischen Klangsprache hörbar werden. In seiner Interpretation arbeitete er das Rätselhafte und Unnahbare des Werkes heraus. Mit einer gänzlich abgeklärten Kargheit und einem kaum wahrnehmbaren Pochen entstand aus einer atmosphärischen Stille die so mysteriös wie düstere Unisono-Linie aus Celli und Kontrabässen. Oboe und Klarinette artikulierten das Hauptthema mit gedämpftem Klang, geschmückt mit einer lediglich dezent-brüchigen Süße. Um die Doppelbödigkeit der Grundstimmung Schuberts beizubehalten, gab Honeck dem nach einer knappen Überleitung anknüpfenden populären Seitenthema lediglich einen dezenten Kontrast. In der Expositionswiederholung gelang dem Dirigenten schließlich das Unerwartete, er ließ die unheimliche Cello-Kontrabass-Melodielinie noch ein wenig kärglicher und noch einen Hauch nüchterner als beim ersten Einsatz, diesmal in absolut vollkommener Schlichtheit, erklingen. Im weiteren Verlauf schwoll der Streicherapperat nur zeitweise und ganz bewusst zu großem Volumen an und wurde nach drei donnernden Orchesterschlägen mit einem leicht verkürzten Schlussakkord abrupt beendet. Das Publikum wirkte schon nach dem ersten Satz sichtlich erschüttert.

Es ist die große Stärke Manfred Honecks, sein intellektuell geprägtes Werkeverständnis in wahrhaft musikalischen Ausdruck umzusetzen und ohne jeden oberflächlichen Effekt stets in die Tiefe der Symphonik vorzudringen, besonders an diesem Abend, wenn er Schubert aufführt.
Die Symphonie Nr. 2 in D-Dur, op. 73 von Johannes Brahms gilt als eines der beliebtesten Werke des Komponisten. Er komponierte sie innerhalb weniger Monate und die Uraufführung geriet zu einem schlagartigen Erfolg. Seitdem ist das Werk nicht mehr wegzudenken und die Konzertprogramme und Diskographien sind gefüllt mit unzähligen grandiosen und genauso vielen mittelmäßigen Interpretationen. Manfred Honecks Ausführung gehörte eindeutig zu ersterer Kategorie. Sie hatte alles, was es für eine gute Brahms-Aufführung braucht: Einen hinreißenden, in Emotionen schwelgenden Kopfsatz, dann der mit leichter Melancholie gefüllte, wunderschöne zweite Satz, welcher besonders durch die Expressivität von Solo-Hornist Christoph Eß lange nachwirkte. Im dritten Satz führte Honeck das Orchester mit einer graziösen Eleganz und sparte im sich anschließenden besonders fulminanten, äußerst virtuosen Finalsatz nicht mit den Effekten. Der Dirigent entwickelte alles organisch und legte sämtliche Details der Partitur Brahms offen. Dabei wirkte das Musizieren so mühelos, natürlich und frei im Ausdruck.
Der beliebte Chefdirigent der Bamberger Symphoniker, Jakub Hrůša, hat erst kürzlich mit einem Wechsel nach Prag zur Česká filharmonie seinen Rückzug aus Bamberg verkündet. Nach diesem außerordentlichen Konzert mit schwungvoller Zugabe, dem Ungarischen Tanz Nr. 1 in g-Moll von Johannes Brahms, bleibt es den Bamberger Symphonikern zu wünschen, dass sie diese Chance nutzen und ihre Zusammenarbeit mit Manfred Honeck noch weiter intensivieren können.
- Rezension von Alexandra Richter und Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Kissinger Sommer 2025
- Titelfoto: Kissinger Sommer 2025/Bamberger Symphoniker/Konzert v. 19.7.2025/Foto © Julia Milberger