Hilfe, ich habe einen Vulkan geheiratet! – „Die Schweigsame Frau“ an der Staatsoper Unter den Linden

Staatsoper Berlin/DIE SCHWEIGSAME FRAU/Brenda Rae, Peter Rose/Fotocredit: Bernd Uhlig

Meine Damen und Herren! Werte Doctores! Folgende Rechenaufgabe: der Barbier Pankratius Schneidebart beklagt, er könne für sechshundert Jahre pro Tag sechzig Kunden balbieren und käme auf keine sechzigtausend Pfund Vermögen. Da diese Aussage im Jahr 1935 geschrieben wurde, verraten der Inflationsrechner der Bank of England und der Google-Währungskonvertierer, dass es sich um einen heutigen Wert von 3,697 Millionen Euro handeln würde und der Barbier Schneidebart bei keinerlei Ferien in sechshundert Jahren demnach rein rechnerisch für seine Ersparnisse weniger als 33 Cent pro Kunde verdient. Klar, dass der Barbier sich unter diesen Umständen für das Erschleichen einer Erbschaft inklusive geräumiger Wohnung ausspricht. Und damit willkommen in der „Schweigsamen Frau“ von Richard Strauss (mit Libretto von Stefan Zweig) an der Staatsoper Unter den Linden. (Rezension der Vorstellung v. 22.07.2025)

 

Dass es unter anderem um Wohnungsknappheit geht, deutet Regisseur Jan Philipp Gloger bereits während der Ouvertüre an. Aus dem Graben tönen orchestrale Steigerungen, auf einer Leinwand erscheinen immer mehr Browserfenster einer Immobilienseite, die zweifelhafte Ware beschönigend anpreist: Souterrain-Wohnung mit individueller Beleuchtung, Dachwohnung mit kreativen Herausforderungen, Altbau mit Sanierungspotenzial…teilvermietet, auf 3 Monate befristet, 2400€ pro Monat. Sir Morosus, seines Zeichens Admiral im Ruhestand, sesshaft in einer tapezierten Mehrzimmerwohnung und materiell äußerst gut situiert, spürt von diesen Problemen nichts. Hingegen zwickt ihn die Einsamkeit. Doch igelt er sich altersbedingt ein, will nichts Neues wagen, nein, zum Heiraten sei er zu alt, zu alt sowieso, um Menschen kennenzulernen, nur Ruhe will er, Ruhe im Haus, damit er den Lärm nicht ertragen muss, wenn andere Menschen glücklich beisammen sind und er nicht dabei. Demnach ist die Freude groß, wenn sein geschätzter Neffe Henry plötzlich vor ihm steht – und sofort wieder weg, als dessen mitgebrachte „Truppe“ kein Soldatentross ist, sondern eine Theatergruppe. „Eine ganze Opera in meinem Haus!“ – das geht nicht! So befördert der Ohm den fröhlichen Lärm samt Neffen sofort wieder aus dem Hause und beauftragt seinen Barbier Schneidebart, ihm eine möglichst schweigsame Gattin zu finden, der er alles vererben kann, damit Henry mit seinen „Gauklern“ nicht an sein schönes Geld kommt. Dumm nur, dass Barbier Schneidebart mit dem errechneten kümmerlichen Lohn heimlich für den Künstler Henry Partei ergreift und ihm und der Theatertruppe zu finanzieller Sicherheit und schönem Wohnraum dank Onkelchens Erbe verhelfen will. Irgendwie muss dem Alten die Lust am Heiraten also ausgetrieben werden. Die Verkleidungen werden ausgepackt, das Verwirrspiel beginnt – und für Sir Morosus’ Ohren eine sehr harte Nacht.

Diese Geschichte um Einsamkeit, die sich hinter einer angeblichen Lärmempfindlichkeit versteckt, wird zumeist charmant und verdaulich aufgezogen; diverse auf der Leinwand eingeblendete Fakten nach den Pausen stupsen das Publikum immer wieder an, den Wunsch nach Ruhe nicht als solchen geistig zu belassen und auch nicht gedanklich den Morosus als miesepetrig-misanthrop und minimal misogyn beiseitezulegen. Nicht umsonst kommt sein Name freilich vom englischen ‚morose‘, zu Deutsch griesgrämig, denn das Alter, die Einsamkeit und die damit verbundene soziale Unsicherheit hat ihn mürrisch gemacht. Und doch ziehen ihn Stimmen an; an seinen eigenen Wänden lauscht er sich die Ohren platt. Peter Rose leiht ihm einen samtigen Ton, besonders in Dialogen mit seiner neuen „schweigsamen Frau“, die sehr gut den Eindruck vermitteln, dass das Wohlbefinden anderer Menschen dem Alten doch nicht wurscht ist, nur fehlt ihm die soziale Abenteuerlust. Am obersten Ende tönt es allerdings manchmal etwas dünn, nicht immer kann sich Roses schöner Klang akustisch durchsetzen, und das tiefe Des Ende des zweiten Aktes wabert leider hörbar in der Intonation. Ob das an der Tagesform liegt oder an einer Indisposition, bleibt wohl noch offen.

Brenda Rae singt die tituläre „schweigsame Frau“ Aminta, die eigentlich Henrys Gattin aus der Theatergruppe ist und in Verkleidung als Jungfer Timid(i)a (die Übertitel können sich nicht recht entscheiden, wie viele i’s dem Namen gebühren) den Morosus erst bezirzt und dann terrorisiert. Gerade diese Verwandlung innerhalb der Rolle-in-der-Rolle gelingt Rae eindrucksvoll: als scheue Braut singt sie ihre lieblichsten Passagen und wechselt als lärmig-herumteufelnde Gattin rasant die Stimmfarben, singt ein „Ruhe! Hab’ ich dir gesagt!“ im Trillerpfeifenklang, akzentuiert biestige Höhen, was dauerhaft jedoch auf Kosten der unteren Hälfte der Stimme geht; die bleibt der teuflischen Timida klanglich eher unterentwickelt.

Staatsoper Berlin/DIE SCHWEIGSAME FRAU/Siyabonga Maqungo, Brenda Rae, Peter Rose, Ensemble/Fotocredit: Bernd Uhlig

Henry Morosus (Siyabonga Maqungo) erfreut vor allem im zweiten Akt, wo er mit gleißendem Klang immer wieder ein umsichtiges und wahrhaft schönes Anschwellen der Töne vollbringt, auch einmal den leicht schneidenden Ton zurücknimmt; einzig singt er gelegentlich recht konsonantenbetont, was seiner durchaus vorhandenen Fähigkeit zum Legato etwas im Wege steht. Samuel Hasselhorn als Barbier Schneidebart trumpft mit kräftigem Bariton auf, den Koloraturen gewachsen, und changiert beeindruckend fließend zwischen Sprech- und Singlage, ohne dass diese klanglich sonderlich weit weg voneinander wären, und illustriert unter springendem körperlichem Einsatz singend den – ja, den springenden Punkt. Auch Iris Vermillion zeigt sich als Haushälterin Theodosia Zimmerlein lebhaft und stimmlich gut aufgelegt. Die Theatertruppe selbst erhält ebenfalls ihre gesanglichen wie komischen Momente, unter anderem Serafina Starkes Isotta mit flinkem Sopran und Carlotta (Rebecka Wallroth), die ihren Mezzo erst als Bauernmoidl komödiantisch zum Einsatz bringt und dann ein entsetzlich gutes Papageiengekreisch mimt, und zuletzt Vanuzzi (Manuel Winckhler), Morbio (Dionysios Avgerinos) und Farfallo (Friedrich Hamel), als anzügliche Advokatenparodie im dritten Akt erscheinen (das Auftauchen des Oberadvokaten Vanuzzi schreit nach Commendatore-Satire), mit allerhand Gestik das Gesetz vortanzen und ersuchen, einen Ehebruch zu diagnostizieren.

Ohne das Dirigat wäre die Veranstaltung aber natürlich nur halb so komplett – der Generalmusikdirektor Unter den Linden Christian Thielemann am Pult der Staatskapelle Berlin bestreitet seine erste Neuproduktion mit einem Stück, das hiermit am Haus auch zum ersten Mal aufgeführt wird, neunzig Jahre nach der Uraufführung. Dies geschieht in seinem charakteristischen Stil von Volumen und Opulenz ohne Schwere; der diffizilen Partitur bleibt eine Leichtigkeit inne, die der Komödie wendiger Dialoge bewahrt, ohne die Sänger zum dauerhaft krähenden Parlando zu nötigen, wie es mit einer weniger nuancierten Herangehensweise durchaus möglich wäre. Gleichzeitig setzt das Dirigat auch ergänzend zur Inszenierung emotionale Schwerpunkte, die nahelegen, um was es wirklich geht – nämlich um die Zweisamkeit. „Ja, das wäre schön“, singt Morosus, und Orchester und Bassstimme musizieren diese Stelle mit Hingabe, „[…] nicht so sterbensallein jeden Tag, jede Nacht mit sich selber zu sein“. Und während Peter Rose den Kopf auf die Schulter seines Barbiers legt, wird in der Gleichzeitigkeit von lustiger Gestik und seelischer Ernsthaftigkeit aus dem Graben das Hauptproblem des Hausherrn ersichtlich. Das erdet die Komödie in einer emotionalen Aufrichtigkeit, die ihr guttut; nie wird ein bestimmter Charakter oder deren Gefühle lächerlich gemacht, nur die Komik ihrer Marotten. Da dürfte die Inszenierung teils dem Publikum durchaus mehr Fähigkeit zum eigenständigen Denken zutrauen – dass Henry im Herzen kein frauenhassender Schlägertyp ist, sondern diese Rolle sehr offensichtlich innerhalb eines Komplotts rund um die lärmende neue Gattin seines Onkels spielt, dürfte allen klar sein auch ohne T-Shirt, das diese Botschaft aufgedruckt in den Saal brüllt.

Und am Ende – erfreut sich Sir Morosus doch der erwünschten Ruhe. Nämlich bei Tische, mit Neffen und Theatertruppe. Ein bisschen Stille ist ihm endlich vergönnt, und das auch noch in Gesellschaft anderer Menschen, mit denen er nun gemeinsam schmunzeln darf, und die ihn wohl beerben dürfen. Unter diesen Aspekten bedauerlich, dass es diese Saison nur drei Vorstellungen gibt – doch nächste Saison geht es weiter mit den Problemen auf Berlins Wohnungsmarkt. In der Realität dürfte sich bis dahin nichts gebessert haben. Auf der Bühne nach über drei Stunden aber schon. Vielleicht dürfen ein paar Glückliche nach der Vorstellung ja auch in Morosus’ Schlafzimmer einziehen. Wenigstens an den vorstellungsfreien Tagen.

 

  • Rezension von Lynn Sophie Guldin / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Staatsoper Berlin / Stückeseite
  • Titelfoto: Staatsoper Berlin/DIE SCHWEIGSAME FRAU/Brenda Rae (Aminta), Peter Rose (Sir Morosus), Iris Vermillion (Haushälterin)/Fotocredit: Bernd Uhlig
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