
Inmitten einer Berliner Schlechtwetterperiode, die einem einmal täglich die Brille von der Nase regnet, macht die Deutsche Oper Berlin gottseidank einen Ausflug. Und zwar in ihr eigenes Foyer. Benedikt von Peters Neuinszenierung von „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ (Musik von Kurt Weill /Text von Bertolt Brecht) spielt (fast) überall im Haus. Für den optimalen Besuch einfach die schrillste Klamotte des eigenen Kleiderschrankes anziehen, Kopfschmerzen des Arbeitstages mitbringen und in Neonlicht und Sekt (mit oder ohne Alkohol) ertränken – und warten, bis der Ernst beißt. (Rezension der besuchten Premiere am 17. Juli 2025)
Die Welt ist selbstverständlich schlecht. Geld will jeder und hat es nicht, dafür aber bündelweise kriminelle Energie im Reisegepäck. Mit solchem und einer Leiter treibt es den Dreieinigkeitsmoses, den ‚Prokuristen‘ Fatty und die Witwe Leokadja Begbick durch das Land, bis auf der Treppe Richtung ersten Stock des Foyers Schluss ist. Na, dann bleiben wir eben hier. Sehr zur Freude des Publikums. „Aber dieses ganze Mahagonny ist nur, weil alles so schlecht ist“, singen sie zu dritt, und unter diesen eindeutigen Umständen bleibt nur eins: die Schlechtigkeit der Welt noch ein wenig vermehren. Diese frisch gegründete Stadt Mahagonny zieht die Haltlosen an: die, die nichts mehr in ihrem Leben hält und auch die, die selbst nichts mehr hochhalten. „Willkommen zuhause!“ verkündet Begbick ihnen, und das ist so viel Wahrheit, wie es auch Drohung ist – und dann tauchen noch vier Holzfäller aus Alaska auf. Dieses Alaska, wo der Mensch bei vier Grad Wassertemperatur ein reines Anstrengungswesen ist, das wollen sie nun hinter sich lassen: Jakob Schmidt, Sparbüchsenbill, Alaskawolfjoe und Jim Mahoney.

Ganz so einfach ist das freilich nicht. Spätestens, wenn sich in einem unerfreulichen Gespräch um das schnöde Geld, von dem die Besucher nicht genug ausgeben wollen, die Witwe Begbick mit ihren Mitgründern auf der Toilette zofft – überhaupt, wie sich der Prokurist und der Dreieinigkeitsmoses schon am Anfang unentschlossen anmotzen! – wenn die vier Holzfäller in Glitzersakkos (Kostüme: Geraldine Arnold) vor der U-Bahn-Station Deutsche Oper longieren, ist das ein lebendes Wimmelgemälde wie von Hieronymus Bosch. Bosch im Konsumchaos: hier sektverkaufende Statisterie, dort ein als Discokugel verkleideter Mann, jemand will einem Hüte und Kleider andrehen, schallende Choristen mit turmhohen Haaren in Papageienfarben, die Holzfällerjungs suchen frenetisch nach Jim, war das Jim?, ach, nee. Wie die Darstellenden unter diesen Bedingungen übrigens ihre Einsätze nicht verpassen, ist schleierhaft, wie die drei Brecht’schen Stadtgründer da die Treppen hoch und runter hasten.
Das alles wird durch Live-Kamerabegleitung (Kathrin Krottenthaler, Bert Zander, Hannah Dörr) auf Leinwände ins Haus (Bühne: Katrin Wittig) übertragen, sofern es sich gerade nicht vor einem selbst abspielt. Die Gier der eigenen Augen schlägt einem jeden ein Schnippchen; wie in Boschs detaillierten Szenerien ist es nämlich ganz unmöglich, das innere Leben und das Detailreichtum von mehr als einer Szene gleichzeitig wahrzunehmen. Das schiere Dasein von so viel Bewegung und Detail zieht die Augen immer weiter, dass sie schon das nächste verschlingen, ehe sie in eine Ecke hinreichend geschaut haben. Das wühlt auf; ganz unfreiwillig reist das eigene Innere in diese Stadt, in der alles so leicht zu haben ist, dass einem die Augen übergehen und die Seele in ihrer gierigen Unruhe sich selbst verzehrt.
Bei der Ankündigung eines Hurricans werden alle ins Auditorium bugsiert, wo des Desasters zweite Hälfte auf Matratzen (Publikum) oder einer handgehaltenen Leiter und drei Saalstühlen (Darstellende) bestritten wird. Die Außenwelt ist tot, es lebe Mahagonny! Und es lebt. Das ist nicht minder ungemütlich für das Publikum; statt in der Bosch’schen Konsumhölle sitzt man nun leicht knieschmerzig auf Matratzen, staunend im Rasursitz aufschauend zum herumlaufenden Geschehen, unabsichtlich einfältig lächelnd angesichts der Nähe dieses Geschehens, joa, sehr spannend, mal so nah dran sein, und doch tut man ja nichts, nichts, gar nichts, um das Zurasen auf apokalyptische Zustände aufzuhalten. Jakob Schmidt (Kieran Carrel) singt honigweiche Töne, während er sich an Kälbern zu Tode isst. Fast unbemerkt starren Jimmy Mahoney und die Witwe Begbick einander finster an, erst auf zwanzig Meter Distanz und dann auf immer weniger Abstand. Längst keimt in ersterem eine Antipathie gegenüber dem System, das ihm nicht mehr geheuer ist, doch das duldet die Absolutherrin des Chaos nicht. Hier beißt gleich jemand.
Und zwar die Witwe. Evelyn Herlitzius, durchdringend und exaltiert, im ersten Teil noch mit einer Kopfbedeckung, die sich Hut schimpft und absolut alle Rahmen sprengt, buttert immer wieder einen gruseligen Schmier in die Stimme, der nicht verraten will, ob die Witwe nur skrupellos und geldgierig ist oder auch schier boshaft. Ein Geschäftsviech durch und durch, eine brandgefährliche Spezies, hat sie ja anders als Jimmy Mahoney ihren moralischen Kompass schon raus: es geht ums Geld. Die Seele ist ausgehöhlt, das weiß sie auch und sucht sie nicht wieder.
Jimmy dagegen findet sich in Mahagonny auf der Suche nach rauschendem Leben, wie alle anderen, kann nicht recht benennen, was fehlt, obwohl er mosert und insistiert: „Aber etwas fehlt!“. Nur verwechselt er dieses Etwas zunächst – nicht die Aufregung fehlt, sondern irgendeine Form von Moralvorstellungen, von Einigung auf Werte und Miteinander. Dass er das erst begreift, nachdem er selbst die absurdesten Regeln erfindet und selbige ihn schließlich auffressen, ist die Tragik und Absurdität dieser Geschichte. Nikolai Schukoff klingt in dieser Rolle solide, metallisch-muskulös im Klang, im oberen Register etwas eng am Premierenabend, doch das mittlere Register durchdringt und die ruhigen Momente besonders gegen Ende des Stückes gelingen.

Annette Dasch als Jenny Hill liefert sehnigen Klang, eine Stimme von Fülle und Leben im „Alabama-Song“. Ihr oberstes Gebot ist eine Selbstbestimmung, der sie stets treu bleibt – Zähneblecken einer Prostituierten, die qua gesellschaftlicher Stellung und finanzieller Situation wirklich kein großes Los im Leben gezogen hat. „Wenn einer tritt, dann bin ich es, und wird einer getreten, dann bist du’s“ wird häufig gesungen, doch in dieser Inszenierung ist es Jennys Satz, nur ihrer, den sie nicht aus Gier oder Zügellosigkeit singt, sondern aus Klarheit. Kassiert sie am Anfang schon eine Klatsche der Witwe Begbick für ihre Aufmüpfigkeit (ohnehin sind die Frauen dieses Stückes die Entschiedenen, die am festesten treten), wird Jenny vielleicht gar zur Einzigen, die das wirkliche Ausmaß der grassierenden Verrohung sieht. Bestialisch intensiv singt Dasch „Ein Mensch ist kein Tier!“ und liefert ihren Sprechtext mit großer, direkter Natürlichkeit.
Die kleineren Rollen erfreuen sich wendiger Darsteller; Dreieinigkeitsmoses (Robert Gleadow) singt zunächst minimal weicher als sein Kontrahent im Preisboxen, Alaskawolfjoe mit Padraic Rowans robustem Bariton, was Gleadow in seiner Gerichtsszene sogleich beiseitelegt. Den Boxgegner prügelte er zuvor mit endlosen Schlägen einer Sektflasche zu Tode. Jugendfrei ist das nicht, auch nicht die Implikationen des schmerzhaften Stöhnens aus den Bordellzimmern Mahagonnys. Artur Garbas als Sparbüchsenbill und Thomas Cilluffo als Prokurist ergänzen schließlich harmonisch die Besetzung.
Das Orchester der Deutschen Oper Berlin spielt stets im Saal, in der ersten Hälfe live übertragen durch Lautsprecher und einen Bildschirm quer durchs Haus in fast jede Ecke. Dirigent Stefan Klingele eröffnet beschwingt und spannungsvoll, dirigiert in der erste Hälfe im Glitzerfrack und dann in Paillettenhose, wenn in der zweiten Hälfte kratzige, dunkle Striche Einzug halten. Diese eröffnet er mit einer energetisch aufgeladenen, fast ekstatischen Untermalung des Chores „Erstens kommt das Fressen…“, die das verzweifelte Vergnügen-in-sich-reinschaufeln illustriert. Wenn sich das Blatt in diesem Stück endgültig zum Ernsten wendet, die Klänge orgelhaft düster werden, wünscht man sich glatt mehr von diesen anschwellenden und ebbenden Orchesterklängen zu Jimmy Mahoneys „Nur die Nacht, nur die Nacht darf nicht aufhör’n“.
Dass die akustische Balance hier nicht in jedem Moment perfekt ist, geschenkt, denn sie bleibt die allermeiste Zeit sehr gut – nur ist das Erlebnis eben ein anderes, als Klang hübsch sortiert und von vorn serviert zu bekommen. Hier läuft man durch den volltönenden Chor, hört in jeder Position des Raumes etwas leicht Einzigartiges; man muss seine Prioritäten weg von der Ordnung und hin zum Erleben schieben. Dass das Gesamterlebnis entsteht, man eine Oper reibungslos über Stockwerke spielen kann, ist von allen Seiten eine technische Meisterleistung, der eine knietiefe Verneigung gebührt. Für das Haus muss dieses elaborierte Konzept, das dazu auch noch einen Bruchteil der regulären Saalkapazität erlaubt, eine gigantische Anstrengung sein. Nicht auszudenken, wie viele Ämter und Sicherheitsprüfungen es für die Umsetzung einer halbkriminellen und absolut ordnungshüterfreien Stadt gegeben haben musste. Mit Erfolg: das „Gefühl Mahagonny“ ist ein befremdlicher Cocktail aus unserer Gier und unserem Danebenstehen, Unterhaltung und Staunen. Empörung kommt wie immer zu spät. Schallt im Ohr, wurmt im Kopf.
- Rezension von Lynn Sophie Guldin / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Deutsche Oper Berlin / Stückeseite
- Titelfoto: Deutsche Oper Berlin/ Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny/Foto: Thomas Aurin