Martin Achrainer im OPERNMAGAZIN-Portrait

Video-Vorschaufoto

In der vergangenen Woche stand mir der österreichische Bariton Martin Achrainer für ein vielbeachtetes DAS OPERNMAGAZIN – Videointerview zur Verfügung. Ich sprach mit dem am Landestheater Linz engagierten Künstler über seinen Berufsweg, seine bisherige Karriere und was derzeit gerade für ihn ansteht. Darüber hinaus war es natürlich keine Frage auch über seinen Heimatort zu sprechen und welche Bedeutung dieser für ihn hat. Achrainer ist gebürtiger Kitzbüheler. Einer Stadt in Tirol, die gerade erst ihre 750-Jahr-Feiern absolviert hat und die weltweit ein Begriff im Wintersport ist. Die mondän aber auch bodenständig ist, die wunderschön gelegen ist mit dem Blick auf die beeindruckenden Gipfel des Wilden Kaiser-Gebirges. Martin Achrainer findet auch die passenden Worte zu seiner Heimatstadt. Liebevoll, aber auch kritisch. Und doch innerlich sehr verbunden mit ihr. Von dort aus zog es ihn nach Wien, wo er seine Ziele realisieren wollte – und letztlich auch konnte.

 

Mittlerweile blickt der Bariton bereits auf eine umfangreiche Liste von Rollen seines Gesangsfachs zurück. Die großen klassischen Opernpartien jedes Baritons, wie etwa der Don Giovanni oder Graf Almaviva oder den Escamillo hat er natürlich gesungen. Aber auch immer wieder, und das ist ihm besonders wichtig, Interpretationen neuzeitlicher Werke. Hier ist ihm der amerikanische Komponist Philip Glass besonders wichtig. Mit Glass zusammen erarbeitete er die Oper „KEPLER“ am Landestheater Linz, die dort im Jahre 2009 ihre Uraufführung hatte. Ein Auftragswerk der Stadt Linz über den Himmelsphysiker Johannes Kepler (1571-1630). Martin Achrainer verkörperte die Titelpartie. „Schon bei den ersten Tönen eines Werkes von Glass erkennst Du den Komponisten„, sagte er mir in unserem Gespräch und bringt im weiteren Verlauf seine große Bewunderung für den Menschen und Musiker Glass zum Ausdruck. Beide arbeiteten dann in Folge auch noch in New York zusammen. Und in diesem Zusammenhang fiel ein weitere Name, der für die Karriere des jungen Sängers von besonderer Bedeutung war und auch noch ist: der Dirigent Dennis Russell Davies. Damals verantwortlich für die musikalische Leitung dieses Werkes. Dennis Russel Davies, wie Glass US-Amerikaner, war von 2002 bis 2017 Chefdirigent des Bruckner Orchesters Linz und der Oper des Landestheaters Linz.

Martin Achrainer/Bühnenfoto „Le grand macabre“/Foto @ Neue Oper Wien 

Ursprünglich wollte Martin Achrainer Schauspieler werden. Am Max Reinhard-Seminar in Wien absolvierte er daher das entsprechende Studium. Daran anschliessend nahm er sein klassisches Gesangsstudium bei Rotraud Hansmann an der Wiener Universität für Musik und darstellende Kunst auf. Eine seiner in dieser Studienzeit prägende Lehrerin war die große KS. Brigitte Fassbaender. Eine Opernsängerin und Regisseurin mit einem Füllhorn an Erfahrungen und Wissen für ihre Schüler und Studenten. Aber auch die aus Bukarest stammende Gesangslehrerin Irina Gavrilovici zählt zu Achrainers prägenden Lehrpersonen. Diese Verbindung aus Schauspiel und Gesang, die Martin Achrainer aufgrund seiner beiden Ausbildungen auf der Bühne vereinen kann, prädestinieren ihn natürlich für gerade neuzeitliche Werke, aber auch bei Darstellungen in anspruchsvollen und die Sänger und Sängerinnen fordernden Inszenierungen.

Natürlich war auch Martin Achrainer von den vielen pandemiebedingten Absagen der vergangenen 15 Monate betroffen. Darunter einige Auftritte in Deutschland, auf die er sich sehr gefreut hatte, wie er im Gespräch berichtet. Erfreulicherweise geht es aber für ihn, wie für viele seiner Kolleginnen und Kollegen, gerade mit immer mehr Power voran. Derzeit probt er auf zwei Bühnen Österreichs seine kommenden Premieren ein. Zunächst steht da der Dr. Falke aus der FLEDERMAUS auf dem Programm. Premiere ist am 28. Juli 2021 bei den Schlossfestspielen Langenlois in Niederösterreich. Nach Dr. Falke folgt der Schaunard in LA BOHEME an seinem Stammhaus in Linz. Dort wird sich der Vorhang zu dieser Puccini-Neuinszenierung erstmalig am 25. September 2021 heben.

Martin Achrainer in WINTERREISE/Bühnenfoto@ Reinhard Winkler

Achrainers künstlerisches Schaffen umfasst neben der Oper auch den Liedgesang, in welchem er auch ein breitgefächertes Repertoire hat. Ganz exemplarisch dafür seine Einspielung aus 2019 der WINTERREISE von Franz Schubert, die er zusammen mit dem Pianisten Tommasso Lepore szenisch auf CD herausgebracht hat. Die damaligen Aufführungen wurden von der Fachpresse gefeiert.  Ein Videomitschnitt davon ist auf seiner umfangreichen und sehr gut gestalteten Künstlerwebsite auch vorhanden. In diesem Zusammenhang sei auch auf die kommende CD des Künstlers verwiesen. Zusammen mit seiner langjährigen Begleiterin am Klavier, Maki Namekawa, wird im Herbst dieses Jahres eine weitere gemeinsame Aufnahme erscheinen.

Bei unserem gemeinsamen Gespräch wurde, nicht nur mir, recht deutlich, dass Martin Achrainer ein Künstler ist, der vor Energie und Begeisterung über seinen Beruf förmlich sprudelt. Aber Achrainer ist auch jemand der leiseren, zurückgenommenen Töne. Ich komme auf seine Leidenschaft des Geschichtenschreibens zurück, über die wir uns ausgetauscht haben. In kleinen Kurzgeschichten, die er auf einem Blog in unregelmäßigen Abständen veröffentlicht, erzählt er von Erlebnissen und Gegebenheiten seines Lebens. Zumeist aus der Zeit seiner Kindheit in Tirol. Kindheitsgeschichten aus dem Blick des heute erwachsenen Mannes und Vaters, aber gerade deswegen von besonderer Klarheit und Ironie. Angesprochen, ob dies eventuell ein „drittes künstlerisches Standbein“ nach dem Schauspiel und dem Gesang werden sollte, verneint Martin Achrainer. „Eigentlich habe ich angefangen zu schreiben aus therapeutischer Sicht„, sagt er mir. Sehr offen spricht er darüber, dass er als Kind unter Legasthenie gelitten habe, einer Lese- und Rechtschreibstörung, die nach Berechnungen des „Bundesverbandes Legasthenie“ allein in Deutschland rund 4% aller Kinder betrifft. Achrainer ist es wichtig, dieses Thema, dass so viele Menschen direkt oder indirekt betrifft, nicht zu tabuisieren. Sehr menschlich, sehr sympathisch!

Martin Achrainer / Foto @ Reinhard Winkler

Und ja, natürlich haben wir auch über Kitzbühel geplaudert. Wie könnte ich, der ein großer Kitzbühel-Fan bin, es mir entgehen lassen, dass nicht zu tun! Achrainer erzählt von seiner Heimat in warmen Worten, berichtet aber auch davon wie schwer es damals für ihn war, aus der heimeligen Gegend auszubrechen um in der Weltstadt Wien seine beruflichen Träume zu realisieren. Aber wie schön es nun für ihn es, die Eltern und Freunde in Kitzbühel zu besuchen, wenn er die Zeit dazu hat. Einen gemeinsamen Kritikpunkt fanden wir in unserem Gespräch dann  doch: Kitzbühel mit seiner finanziellen Potenz, seiner Internationalität und seiner weltweiten Berühmtheit könnte für die Klassische Musik noch mehr tun, als es das bis jetzt macht. Martin Achrainer beklagt, dass er diesen Zustand seit Jahren bedauert, aber das man wohl in den entsprechenden Kreisen der Stadt Kitzbühel auf diesem Ohr scheinbar schlecht hört. Da lässt sich die Stadt viel entgehen! Martin Achrainer und auch DAS OPERNMAGAZIN würden gern den betreffenden Damen und Herren der Stadtspitze Kitzbühels, falls gewünscht, davon erzählen, was sie alles verpassen.

 

Ich danke dem Künstler Martin Achrainer für ein wirklich angenehmes und menschlich sympathisches Gespräch und wünsche ihm beruflich und privat viel Glück und Zufriedenheit bei allem was noch für ihn kommt!

 

Portrait und Interview ©Detlef Obens/DAS OPERNMAGAZIN-07-2021

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.