„Lucia di Lammermoor“ an der Oper Leipzig

Oper Leipzig/LUCIA DI LAMMERMOOR/Foto ©Kirsten Nijhof

Lucia di Lammermoor, ein lyrisches Drama (dramma lirico) in drei Akten, von Gaetano Donizetti (1797-1848) wurde am 26. September 1835 im Teatro San Carlo in Neapel uraufgeführt. Das Libretto stammt von Salvadore Cammarano, nach dem Roman The Bride of Lammermoor (1819) von Walter Scott. Die Premiere von Donizettis französischsprachigen Fassung, Lucie de Lammermoor, fand am 6. August 1839 im Pariser Théâtre de la Renaissance statt. Wie üblich basiert die Aufführung der Oper Leipzig auf der Originalfassung in italienischer Sprache. (Rezension der bes. Vorstellung am 10.02.2022)

 

Eine Inszenierung von Katharina Thalbach aus dem Jahr 2016 steht wieder auf dem Spielplan der Oper Leipzig. Die Handlung spielt in Schottland Ende des 17. Jahrhunderts und stellt zwei Liebenden aus den verfeindeten Adelsfamilien Ashton und Ravenswood dar. Wie bei Romeo und Juliet sterben die beide Liebenden mit der Hoffnung im Himmel wiedervereint zu werden: Lucia im Wahnsinn, Edgardo durch Selbstmord.

Oper Leipzig/LUCIA DI LAMMERMOOR/Foto ©Kirsten Nijhof

Die Hauptthemen der Oper – Liebe, Eifersucht, Rache, Verrat, Täuschung und Familienrivalität – sind relevant für jede Generation und Kultur. Thalbach und der Bühnen- und Kostümbildner Momme Röhrbein haben die Geschichte an dem Ort und zu der Zeit, die das Libretto vorschreibt, inszeniert. Gleichzeitig sind die universelle Botschaft und die Emotionen nicht verloren gegangen. Die männlichen Charaktere tragen stereotypisch Kilts, eine Burgruine ist auf den Vorhang zu sehen und die Bühne ist durchgehend finster, was mit einem langen nördlichen Winter und der Handlung übereinstimmt.

Bei Olga Jelínková wird Lucia zu einem mitreißenden Charakter, der weit mehr als nur das Opfer eines Familienstreits wird. Jelínková bringt eine ausgezeichnete Gesangstechnik, insbesondere eine reizvolle Koloratur, sowie emotionales Engagement in ihre Verkörperung der Rolle mit. Übrigens strahlt sie Reinheit und Arglosigkeit aus, was nicht nur zum Charakter, wie im Libretto beschrieben, passt, sondern auch die Tragödie noch herzzerreißender macht.

Sir Edgardo di Ravenswood wurde vom Tenor Arthur Espiritu gesungen mit der richtigen Balance von Sensitivität und Kraft, um Pathos, Frust und, am Ende, Verzweiflung auszudrücken. Seine Stimme ist stark und wohlklingend, was dem Charakter eine Art von Mut und Entschlossenheit verleiht. Seine Liebe für Lucia sowie sein Schmerz als er sie verliert wurde deutlich dargestellt. Man versteht warum Lucia diesen Edgardo liebt und ihn ewige Treue schwört.

In wie weit Lord Enrico Ashton versucht seiner Schwester Lucia, durch eine strategische Ehe mit Lord Arturo Bucklaw, zu helfen ist schwierig einzuschätzen. Der Bariton Franz Xaver Schlecht spielt Enrico als bösartigen Unterdrücker, der darauf versessen ist sich an seinen Feinden unter allen Umständen zu rächen. Seine aggressive Schauspielerei und Gesang betonen Enricos Streben nach Rache, und unterminieren jegliche brüderlicher Liebe, die er für seine Schwester möglicherweise haben könnte. Obwohl Schlecht eine gute Leistung als Enrico erbracht hat, erinnerte seine Bühnenpräsenz eher an Friedrich von Telramund und seine Behandlung von Elsa.

Patrick Vogel porträtiert den eindimensionalen Lord Arturo Bucklaw idealerweise als arroganten, lieblosen Bräutigam, der in den Bund der Ehe mit Lucia auf Forderung ihres Bruders Enrico eintretet. Vogels hohe Tenorstimme und Körpersprache geben das Gefühl, dass Arturo sich seiner Unfähigkeit bewusst ist, Lucias Liebe durch seinen eigenen Verdienst zu gewinnen. Er überzeugt in dieser kleinen undankbaren Rolle. Sandra Janke verkörpert Lucias Vertraute, Alisa, mit einer leisen aber hörbaren Stimme als sensible, zurückhaltende Freundin. Raimondo Bidebent, Lucias Erzieher und Vertrauter, wurde von den Bass Sejong Chang als emotionaler, mitfühlender Priester, der über Lucias Aktionen hinter den Kulissen berichtet, dargestellt. Der Hochtenor Dan Karlström sang Normanno, Hauptmann der Truppen von Ravenswood, als loyaler Freund, der bis zum Ende an Edgardos Seite bleibt.

Antonino Fogliani leitet das Gewandhaus Orchester und den Chor der Oper Leipzig. Moderate Tempi, die den SängerInnen ermöglichen den Text klar zu artikulieren, sowie Pracht, Leidenschaft und Präzision bezeichnen seinen Stil in dieser Vorstellung.

Oper Leipzig/LUCIA DI LAMMERMOOR/Foto ©Kirsten Nijhof

Insgesamt präsentiert diese sehr gelungene Inszenierung Lucia di Lammermoor nicht nur als bel canto bravura, sondern auch als Musikdrama mit literarischem Wert, was bei vielen anderen Aufführungen nicht immer zur Geltung kommt. Im Sinne der aristotelischen Mimesis sieht und hört man die dramatis personae nicht nur, sondern vertieft sich in ihre Emotionen, Entscheidungen und Schicksale.

Ich würde nur empfehlen, die Taschenlampen bei den zukünftigen Aufführungen wegzulassen. Diese bringen gar keinen Wert zur Inszenierung (ich musste die Augen während des Eröffnungschors schließen, um nicht geblendet zu werden). Ein weiterer Vorteil, wenn sich die Charaktere ohne künstliches Licht suchen, besteht darin, dass die Handlung aus dem 17. Jahrhundert realistischer wirkt.

Gaetano Donizetti, Lucia di Lammermoor mit Olga Jelínková (Lucia), Sandra Janke (Alisa), Franz Xaver Schlecht (Lord Enrico Ashton), Arthur Espiritu (Sir Edgardo di Ravenswood), Patrick Vogel (Lord Arturo Bucklaw), Sejong Chang (Raimondo Bidebent), Dan Karlström (Normanno), Chor und Orchester der Oper Leipzig, Antonino Fogliani.

 

  • Rezension von Dr. Daniel Floyd / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Leipzig / Stückeseite
  • Titelfoto: Oper Leipzig/LUCIA DI LAMMERMOOR/Foto ©Kirsten Nijhof

 

 

 

 

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