„Lohengrin“ bei den Bayreuther Festspielen 2022

Bayreuther Festspiele 2022; Lohengrin; Insz. Yuval Sharon/C. Nylund u. K.F. Vogt/ Foto ©Enrico Nawrath

Thielemanns Schwanengesang? „Lohengrin“ bei den Bayreuther Festspielen

Mit der musikalischen Leitung der Festspielpremiere des „Lohengrin“ in der Inszenierung von Yuval Sharon mit den Bühnenbildern von Rosa Loy und Neo Rauch hat es Christian Thielemann im Jahr 2018 geschafft: Endlich hat er sämtliche Werke Richard Wagners auf dem Grünen Hügel dirigiert. Dies hat vor ihm lediglich Felix Mottl bewerkstelligt, und das ist auch schon über hundert Jahre her. Thielemann schien den Bayreuther Festspielen mit seinem Debüt vor 22 Jahren „treu bis in den Tod“ geschworen zu haben, lediglich einen Sommer hat er mit Richard Strauss‘ „Frau ohne Schatten“ bei den Salzburger Festspielen gefremdelt. Umso größer nun die Überraschung bei der Spielplanvorstellung der nächsten Wagner-Festspiele: Thielemann wird im Sommer 2023 wohl nicht mehr dirigieren! Sang- und klanglos, ohne weitere Kommentierung, sind sämtliche Opernaufführungen ohne ihn besetzt. Dabei betont Thielemann doch stets seine exzellente Zusammenarbeit mit Katharina Wagner und dass er sich doch so unglaublich wohl in Bayreuth fühle? (Rezension der Vorstellung v. 07.08.2022)

 

Wohingegen Thielemanns kürzlicher Abschied von den Salzburger Osterfestspielen lange angekündigt und zelebriert (bzw. beweint) wurde, schweigen sich sowohl Bayreuth als auch der Dirigent selbst über eine zukünftige Zusammenarbeit auf dem Grünen Hügel weiter aus. Welch Ironie, dass es ebenfalls der „Lohengrin“ gewesen ist, mit dem sich Thielemann im vergangenen Frühjahr von den Festspielen an der Salzach verabschiedet hat. So es umso aufschlussreicher, wie gleichermaßen einfallsreich doch ungeheuer diametralen Charakters sich Thielemanns musikalische Interpretation des „Lohengrin“ an den beiden Spielstätten zeigte. Während der Dirigent vor wenigen Monaten in Salzburg zunehmend exzentrischer die Partitur Wagners in ihren Extremem auslegte, geriet seine Bayreuther Interpretation umso inniger und filigraner. Vermutlich mochte auch die besondere Akustik des gedeckelten Orchestergrabens seine Interpretation beeinflussen. In Bayreuth erklang weniger das Rubato mit den ausschweifenden Generalpausen vor den Szenenwechseln, für welches Thielemann ansonsten so bekannt ist. Dieser Bayreuther „Lohengrin“ wurde mit Fokus auf die Klangfarben zelebriert, wohl bezugnehmend auf das künstlerische Blau der Bühnenbilder? Dabei zeigte der Dirigent eine selbst für seine hohen musikalischen Ansprüche ungeheure orchestrale Transparenz, die mit absoluter Einheit zwischen Orchester und Festspielchor zur brillanten unisono-Klanginstallation vollendet wurden. In Elsas feierlichem Einzug zum Münster ließ Thielemann die Handlung schließlich­ anhalten, um hymnisch, gleichwohl weder schleppend noch dehnend, jeden Ton des Orchesters in seiner Musik atmen zu lassen.

Bayreuther Festspiele 2022; Lohengrin; Insz. Yuval Sharon/G. Zeppenfeld, M. Gantner, D. Welton/Foto ©Enrico Nawrath

Während Thielemann in den Salzburger Aufführungen einige ungewohnte Stimmen auswählte, stellte er bei den Bayreuther Festspielen seinen persönlichen All-Star-Cast aus langjährigen Weggefährt*innen zusammen. Als Dernière bekam diese nun zum letzten Mal wiederaufgenommene Inszenierung dadurch noch einmal eine qualitativ ganz neue Homogenität zwischen Bühne, Sänger*innen und Orchester.

Klaus Florian Vogt hat die Titelrolle schon auf gefühlt sämtlichen Opernbühnen der Welt verkörpert. Welch ein Wunder, dass er seinem Lohengrin auch nach über zwanzig Jahren noch weitere Nuancen entlocken konnte: Indem er seine feine, helle Stimme in der Gralserzählung ins allerfeinste Pianissimo zurücknahm, und in absoluter Zurückhaltung und Zartheit aus dem „fernen Land“ berichtete  – das Orchester von Thielemann dazu behutsam gedämpft – wusste er mit seinem Schwanenritter noch einmal ganz neu aufzuwühlen.

Ob in dramatischen Strauss-Partien, symphonischen Liedkonzerten oder die lyrische Eva in den Meistersingern: Mit Camilla Nylund verkörperte eine langjährige musikalische Partnerin Thielemanns die Partie der Elsa. Mit schlank geführter Stimme, sehr genauer musikalischer Ausführung bei exakter Artikulation erfüllte die Wagnersopranistin sämtliche Wünsche des strengen Bayreuther Publikums. Und doch ließ Nylund an diesem Abend spüren, dass sie noch über die Rolle der Elsa hinauswachsen wird. Ihre Stimme ist nun in sämtlichen Registern, insbesondere in der Höhe, derart gefestigt, dass ihr Brünnhilde-Debüt – für die kommende Spielzeit an der Oper Zürich geplant – schon heute antizipiert wird!

Petra Lang kehrte nach mehreren Festspielsommern als Thielemanns Isolde in der Partie der Ortrud wieder in ihr ursprüngliches tiefer angelegtes Mezzo-Stimmfach zurück. Aufgrund einiger Eigenheiten wie das Anschleifen der Spitzentöne, wurde sie im Sopranfach durchaus kontrovers aufgenommen. Umso erfreulicher, dass Lang in der Partie der Ortrud endlich ihre Paraderolle bei den Bayreuther Festspielen verkörpern durfte. Sie stellte eine Ortrud in intensiv-kraftvoller Interpretation mit dämonischer Besessenheit dar, die sich im Zweikampf des zweiten Aufzugs mit Nylunds unschuldiger Elsa zu einem wahren Bühnenkrimi aufschaukelte.

Bayreuther Festspiele 2022; Lohengrin; Insz. Yuval Sharon/Foto ©Enrico Nawrath

Mit natürlichem, unprätentiösem Vortrag füllte Georg Zeppenfelds seine Partie des König Heinrich mit Leben und Wärme, wie es kaum ein anderer Bass-Sänger neben ihm vermag. Ähnlich stark auch Martin Gantner in der Rolle des Telramund, der als einziger Solist der „Lohengrin“-Serie auch zuvor in Salzburg diese Partie unter Thielemann verkörperte. Wieder einmal bewies Ganter sich als Sängerdarsteller, der seine Partie bedingungslos auslebt und dabei die Mischung von deutlicher Deklamation, stimmlicher Intensität und Phrasierungskunst beherrschte. Als Heerrufer des Königs rundete Derek Welton das Ensemble mit seiner hellen, liedhaft-geführten Baritonstimme ab.

Da dieser aussagelos-blaue „Künstler-Lohengrin“ nun sowieso abgesetzt wird (und anderswo schon ausreichend kritisiert wurde) sei auf weitere Aspekte der Bühne und Kostüme an dieser Stelle verzichtet. Hier galt’s der Musik: Gerade nach den diversen musikalischen Unzulänglichkeiten dieses Festspielsommers, natürlich auch unfreiwillig durch mehrere Dirigentenwechsel bedingt, bewies Christian Thielemann, wie hoch die Messlatte für allerhöchste musikalische Qualität in Bayreuth gelegt werden kann – und wo sie auch liegen sollte! Es wäre ein großer Verlust, sollte er ab dem kommenden Sommer wirklich nicht mehr in Bayreuth dirigieren!

 

2 Gedanken zu „„Lohengrin“ bei den Bayreuther Festspielen 2022&8220;

  1. Tielemann habe ich oft in Wien erlebt , zuletzt mit Bruckner. Leider bin ich zu „alt“, um noch
    Bayreuth von Wien aus zu erleben. Ich kann mir die Größe dieses Abends vorstellen und freue mich für alle Freunde dieses Abends. Liebe Grüße aus Wien..

  2. Jede(r) Lohengrin Fan sollte das einmal im Leben erfahren haben, was im August diesen Jahres in Bayreuth dargeboten wurde. Ich hätte am darauffolgenden Tag sterben können und hätte sagen können, den heiligen Gral der Klassischen Musik erlebt zu haben.

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