„Odessa Classics“ mit Alexey Botvinov und Giorgos Kanaris im Beethovenhaus Bonn

Alexey Botvinov (https://botvinov.com.ua/de/)

Eigentlich wollte Thomas Hampson am 9. August 2022 mit dem renommierten ukrainischen Pianisten und Kulturmanager Alexey Botvinov im Beethovenhaus Bonn den Liederzyklus „An die ferne Geliebte“ und Lieder von Franz Schubert singen. Auf eine Gage verzichtete er beim Benefizkonzert im Rahmen von „Odessa Classics@Beethoven-Haus“. Die Kartenpreise waren moderat, denn die Konzertgäste sollten für den Hilfsfonds „Hope for Peace“ für ukrainische Künstler kräftig spenden. Alle 199 Plätze des Kammermusiksaals mit seiner exquisiten Akustik waren ausgebucht – da kam die Hiobsbotschaft: Thomas Hampson war erkrankt. Das Management des Beethovenhauses bot eine Rücknahme der Eintrittskarten an, aber der Einspringer, den man gewinnen konnte, Giorgos Kanaris, Bariton aus dem Ensemble der Bonner Oper, riss das Publikum zu Beifallstürmen hin.  Alexey Botvinov erwies sich nicht nur als virtuoser Pianist, sondern auch als kongenialer Liedpartner.

 

Als am 24. Februar 2022 russische Truppen die Ukraine überfielen, war der in Odessa geborene Pianist Alexey Botvinov mit seiner Frau und seinem achtjährigen Sohn gerade auf Konzertreise in der Schweiz. Es war offensichtlich, dass sein Festival „Odessa Classics“, eine der populärsten ukrainischen Sommerkonzertreihen, 2022 nicht dort stattfinden konnte.

Alexey Botvinov wurde in Odessa geboren. Im Alter von 19 Jahren gewann er 1983 als jüngster Teilnehmer den Allunions-Rachmaninow-Wettbewerb in Moskau und wurde in seiner Heimatstadt zum Solisten der Philharmonie und zum Lehrer am Konservatorium ernannt. Gastspiele führten ihn in 36 Länder der Welt, und mit seinem vor acht Jahren gegründeten Festival „Odessa Classics“ holte er Weltstars nach Odessa.

Daniel Hope (Foto: Margaret Malandruccolo/DG)
Daniel Hope (Foto: Margaret Malandruccolo/DG)

Er wurde von Stargeiger Daniel Hope, Präsident des Beethoven-Hauses, ermutigt, das ukrainische Festival in Bonn fortzusetzen. Kulturstaatsministerin Claudia Roth stellte sich als Schirmfrau zur Verfügung, und Botvinov konnte mit seiner Familie eine der Wohnungen beziehen, die das Beethovenhaus internationalen Gästen der Universität zur Verfügung stellt. Das Beethovenhaus möchte Kulturschaffenden aus Odessa Unterkunft und die Gelegenheit geben, künstlerisch aufzutreten und sichtbar zu bleiben, so Malte Boecker, Direktor des Beethovenhauses. So kuratierte Alexey Botvinov sieben Sommerkonzerte, die in der Zeit vom 5. Juli bis 9. August 2022 jeweils dienstags im Kammermusiksaal des Beethovenhauses stattfanden. Beim letzten dieser Konzerte am 23. August 2022 wird Botvinov auf Wunsch von Malte Boecker die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach spielen, mit denen er weltweit schon 150 mal aufgetreten ist. Künstlerinnen und Künstler, die eigentlich in Odessa aufgetreten wären, hatten jetzt auf Einladung des Beethoven-Hauses die Gelegenheit, stattdessen dort zu spielen.

Giorgos Kanaris / Foto @ Thilo Beu

Giorgos Kanaris hatte schon 2017 genau das mit Thomas Hampson geplante Repertoire im Beethovenhaus präsentiert. Seine Interpretation der Lieder ist reifer und dramatischer geworden. Man hat den Eindruck, dass sich mit Botvinov und Kanaris zwei kongeniale Künstler getroffen haben, die sich im Ausdruck gegenseitig beflügelten. Man benötigte kein Programmheft, um die Texte zu verstehen, denn Kanaris artikulierte perfekt und völlig akzentfrei. Seine Stimme hat Substanz gewonnen, er machte aus den Liedern kleine Seelendramen. Vor allem beim „Doppelgänger“ lief es einem kalt über den Rücken. Bei der Zugabe, Franz Schuberts „Du bist die Ruh“, konnte man die Schönheit seines Kavaliersbaritons ganz besonders genießen.

Kanaris, der mit seiner Familie in Bonn lebt, ist seit 2009/10 Mitglied des Ensembles der Bonner Oper und hat dort die großen Partien seines Fachs – vom Papageno über Guglielmo, Almaviva, Don Giovanni, Giorgio Germont, Mandryka und Marquis Posa – gestaltet und ist immer wieder als Liedsänger in Erscheinung getreten. Zuletzt konzertierte er mit der Basspartie der 9. Sinfonie von Beethoven in der Bonner Oper.

Alexey Botvinov zeigte mit seiner Interpretation der Partita Nr. 6 e-moll, dass er ein veritabler Experte für das Werk von Johann Sebastian Bach ist. Mit einem Steinway stand ihm ein moderner Konzertflügel zur Verfügung, der ihm ermöglichte, Bachs Musik fast schon romantisch zu interpretieren. Mit dem Nocturne c-moll op. 48.1 und den Walzern cis-moll op. 64.2 und Des-Dur op. 64.1, Paradestücken des Repertoires von Frédéric Chopin, glänzte er mit perlenden Läufen und virtuosen Sprüngen.

Mit seiner Interpretation der „Goldberg-Variationen“ von Johann Sebastian Bach wird Botvinov die Konzertreihe „Musiksommer 2022 – Hope for Peace: Odessa Classics@Beethoven-Haus Bonn“ am 23. August 2022 abschließen und damit in den Schwerpunkt „Bach“ der Saison 2022/23 überleiten. Am 28. August 2022 geht es gleich weiter mit dem Beethovenfest.

 

 

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