Klassikstars vor Alpenpanorama: Kammermusik von Schubert und Schumann beim Verbier Festival

Salle des Combins © Nicolas Brodard

23. Juli 2021, Salle des Combins, Verbier

„Rencontres Inédites“ – Einzigartiges Treffen

Programm:
Franz Schubert, Streichquintett C-Dur op. post. 163, D 956
Robert Schumann, Klavierquartett Es-Dur, op. 47

 

Das Verbier Festival im Schweizer Kanton Wallis, auf 1.500 Höhenmetern gelegen, unterscheidet sich in seinem Charakter weit von den Festivitäten in Salzburg, München oder Bayreuth und konnte sich dadurch zu einem der faszinierendsten Musikfestivals Europas entwickeln. Allsommerlich treffen sich in Verbier, einem ansonsten für den Wintersport bekanntes Städtchen, die weltgrößten Künstlerinnen und Künstler der klassischen Musik für ein unkonventionelles und ausgefallenes Programm voller Kammermusik, Liederabenden und großen Opernaufführungen. Die herausragende Eigenart in Verbier: Das gesamte Festivalprogramm wird in Zusammenarbeit mit jüngeren Nachwuchsmusikerinnern- und Musikern erarbeitet. Das Verbier Festival Orchestra ist international zusammengesetzt und gilt als eines der bedeutendsten Ausbildungsorchester der Welt, die Altersgrenze liegt bei höchstens 28 Jahren. Abgeschieden vom sonstigen Trubel der Welt erarbeitet der renommierte russische Dirigent Valery Gergiev als Musikdirektor die anspruchsvollsten Werke der Opern- und Konzertliteratur. Zahlreiche Workshops, Meisterklassen oder auch Kunstprojekte bilden den Rahmen dieses dreiwöchigen Festival.

Verbier Festival/23.7.2021/Foto @ Janosh Ourtilane

Zunächst wollte DAS OPERNMAGAZIN von der Aufführung von Richard Wagners „Tristan und Isolde“ berichten, als Solisten konnten unter der musikalischen Leitung von Daniele Gatti die kürzlich beim Festival d’Aix-en-Provence umjubelten Wagnergrößen Nina Stemme und Stuart Skelton für Verbier gewonnen werden. Doch dann trat für des Verbier Festival Orchestra der Super-GAU ein: Aufgrund eines Corona-Falls kurz vor dem Eröffnungskonzert musste sich das gesamte Orchester in Selbstisolation begeben, für Proben blieb schlichtweg keine Zeit mehr, die Abreise der ambitionierten Musikerinnern und Musiker noch vor Festivalbeginn blieb die einzige Option. Ein Festspielsommer 2021 ohne Festspielorchester, die Enttäuschung bei allen Mitwirkenden mag man sich gar nicht vorstellen! Das Verbier Festival machte aus der Situation das bestmögliche und warf kurzfristig den Spielplan um. Als Ersatz für die große Wagner-Aufführung verlegte man kurzerhand einen Kammermusikabend auf die Hauptbühne des Festivals, dem Salle des Combins, bei dem sich die weltweit renommiertesten Instrumentalsolisten für einen Abend des kammermusikalischen Musizierens zusammengefunden haben. Auf dem Programm stand je ein Werk von Schubert und Schumann, ausgeführt mit gänzlich unterschiedlichen, gleichermaßen hochkarätigen Instrumentalisten.

Das Streichquintett in C-Dur, D 956 nimmt im Schaffen von Franz Schubert als auch im Kanon der Kammermusik im Allgemeinen einen besonderen Platz ein. Gefüllt von einer nicht greifbaren Tragik hat der Komponist auf der Höhe seines Schaffens ein inniges, ganz ihm persönliches Klagelied verfasst und dabei einige kompositorische Konventionen seiner Zeit hinterfragt. Kennzeichnend für dieses Streichquintett ist der überaus weitläufige erste Satz, das Allegro ma non troppo. Dieser gab dem Publikum als auch dem Kammerensemble die Möglichkeit, sich in dem großen, 1.700-Sitzplätze fassenden Salle des Combins erst einmal zu verständigen. Denn das Kammerensemble saß vom Publikum weit entfernt, Kameras und Bildschirme vermittelten auch den Menschen auf den hinteren Plätzen das gemeinsame Musizieren. Als Zuhörer musste man sich in die Akustik in dem für große Orchesterwerke konzipierten Konzertsaal erst reinhören, schmerzlich vermisste man doch die intime Nähe wie sie beispielsweise die Schubertiade in Schwarzenberg ausstrahlt.

Verbier Festival/23.7.2021/Foto @ Janosh Ourtilane

Das Quintett setzte sich aus Marc Bouchkov und Mihaela Martin an der Violine, Nobuko Imai an der Viola sowie Frans Helmerson und Anastasia Kobekina am Cello zusammen.

Sie musizierten mit spärlichster Mimik, legten ihre Interpretation rein in die Instrumente und schufen mit dem Motto „weniger ist mehr“ die größtmöglichen Effekte. Indem das Ensemble ganz auf das Mittel der Reduktion setzte, baute sich im Saal nach und nach zwischen Musizierenden und Rezipienten eine unbegreifliche Spannung auf, die sich bis weit in die hinteren Reihen trug. In der ersten Hälfte ihrer Ausführung ist das Quintett in seiner Dynamik kaum über ein Mezzopiano hinausgekommen, so dass das Publikum zur Konzentration gefordert wurde und gebannt auf der Stuhlkante saß um im Mischklang des großen Konzertsaals die Details ausfindig zu machen.

Die Menge im Saal schien gefesselt, konnte sich schließlich vor Anspannung aber auch vor Begeisterung der musikalischen Leistung nicht mehr halten und so kam es nach dem dritten Satz, dem Scherzo zu einem überraschenden, langanhaltenden Zwischenapplaus. Das abschließende, tänzelnde Rondo war dann purer Balsam für die Seele, endlich trat ein wenig Entspannung in die musikalisch knisternde Atmosphäre.

Eine sicherlich notwendige Pause nach diesem Streichquintett von Franz Schubert auch zum Freilüften der Ohren wurde dem Publikum in Verbier vergönnt. So betrat unverzüglich, noch im verhallenden Schlussapplaus von den Klängen Schuberts, das zweite Kammerensemble für ein Klavierquartett von Robert Schumann die Bühne.

Erstaunlich, diese Besetzung: Die niederländische Violinistin Janine Jansen und der französische Violist Antoine Tamestit, sie beide gelten als die wegweisendsten Solo-Instrumentalisten unserer Zeit, führten das Ensemble an. Am Cello Klaus Mäkelä, er wurde erst kürzlich im Alter von nur 24 Jahren zum Chefdirigenten des bedeutendsten Orchester Frankreichs, dem Orchestre de Paris berufen. Und niemand geringeres als der Musikdirektor der Royal Opera House London, Sir Antonio Pappano komplementierte das Quartett am Klavier.

Verbier Festival/23.7.2021/Foto @ Janosh Ourtilane

Als das Ensemble den schwungvollen ersten Satz von Robert Schumanns Klavierquartett Es-Dur, op. 47 anstimmte, wurde augenblicklich die gänzlich unterschiedliche Dynamik dieser vier Solisten deutlich. Mit viel größeren dynamischen Abstufungen und Kontrasten bei ausladendem Körpereinsatz zeigten sie eine vollkommende andere Intensität im musikalischen Zusammenspiel als zuvor das Streichquintett mit Schubert. Im eröffnenden Satz, dem Allegro ma no n troppo wetteiferten Jansen und Tamestit an der Geige und Bratsche geradezu mit- und gegeneinander. Ein musikalisches Feuerwerk, bei dem sich Antonio Pappano in seiner Begleiterrolle zunächst wirkungsvoll zurücknahm, dafür im darauffolgenden Scherzo-Satz einen pulsierenden, sich sogleich auf den Pulsschlag des Publikums übertragenden, Grundschlag am Klavier bildete. Souverän und leidenschaftlich, gleichermaßen einfühlsam gestaltete Klaus Mäkelä seine Cello-Soli im Andante-Satz.

Beide Ensembles, das Streichquintett als auch das Klavierquartett, wussten in konträrem Ansatz jeweils für sich das Publikum zu begeistern, ein weiterer musikalischer Vergleich erübrigt sich von selbst. Welch denkwürdiger Abend und gebührender Ausgleich für die entfallende Wagner-Oper!

 

  • Rezension von Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Verbier Festival
  • Titelfoto: Verbier Festival/23.7.2021/Foto @ Janosh Ourtilane

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