Intensives Aufwärmtraining für den Wagner-Marathon: „Tristan und Isolde“ an der Oper Leipzig

Oper Leipzig/Opernhaus/ © Kirsten Nijhof

In knapp zwei Monaten wird die Oper Leipzig die auf ihre Art größten Wagner-Festspiele aller Zeiten abhalten. Doch bevor sich der Vorhang für „Wagner 22“ hebt, müssen alle Inszenierungen noch einmal einstudiert werden, damit die szenischen Abläufe auch gefestigt sind. Denn während der Festspiele selbst wird nicht viel Zeit für Proben bleiben! Immerhin werden bei „Wagner 22“ sämtliche  dreizehn (!) Bühnenwerke des Komponisten in chronologischer Reihenfolge innerhalb von drei Wochen aufgeführt: Neben den zehn großen Musikdramen inklusive des Ring-Zyklus bilden die drei weniger bekannten Frühwerke „Die Feen“, „Das Liebesverbot“ und „Rienzi“ den Auftakt der Festtage. (Rezension der Vorstellung v. 30.04.2022)

 

Die Wiederaufnahme von „Tristan und Isolde“ in Form einer Einzelvorstellung sollte auch in Vorbereitung der Festtage die szenisch anspruchsvolle Inszenierung von Enrico Lübbe noch einmal beim Bühnenpersonal festigen. Die Premiere fand nämlich wenige Wochen vor Ausbruch der Corona-Pandemie statt, so dass der Oper Leipzig eine szenische Wiederaufnahme bislang vergönnt gewesen blieb. Und dies ist sehr bedauerlich, denn im Wagner-Kanon des Hauses hat Lübbes Deutung von „Tristan und Isolde“ ihre ganz eigene Stärke und Intimität. Obgleich die Leistung der anderen Regisseur*innen nicht schlecht zu reden ist, meine persönliche Meinung: Von den dreizehn Wagner-Inszenierungen an der Oper Leipzig ist „Tristan und Isolde“ die rundum gelungenste Interpretation!

Oper Leipzig/TRISTAN UND ISOLDE/ Foto @ Tom Schulze

Das Liebesdrama wird mit lediglich geringen szenischen Anpassungen in allen drei Aufzügen auf einem Schiffsfriedhof dargestellt. Auf diesem schafft Enrico Lübbe gemeinsam mit seinem Bühnenbildner Étienne Pluss einen realistischen, zugleich bedrohlichen Rahmen, in welchem die Grenzen zwischen Zeit und Ort verschwinden. Durch den Einsatz der Drehbühne deutet der Regisseur die Räume fortwährend neu und zeigt deren Unbeständigkeit. Im Schwang der Musik bleiben die Bilder eindrücklich, zugleich unvollständig, dann werden sie unkonkret und lösen sich schließlich wieder auf und verschwinden ins Dunkel. Mittels gekonntem Einsatz von Licht und Schatten wird stets nur ein Ausschnitt der Umgebung erkennbar. Dabei offenbart das Suchen-und-Finden der Protagonisten in bedrohlicher Umgebung mit möglicher, teilweise konkreter Beobachtung durch die Diener König Markes, deren konstante Vulnerabilität. Tristan und Isolde changieren fortwährend zwischen psychedelischer Imagination und harter Realität eines Friedhofs, stets dem Sterben nahe. Mit dezenten Videoprojektionen in den Gefühlsausbrüchen im Liebesduett verdeutlicht Lübbe den Strudel der Gefühle, welcher die Titelfiguren gefangen hält. Dies sorgt für durchaus beklemmende Gefühle beim Publikum. Die Bühnenästhetik zeichnet dabei jedoch eine kontinuierlich verblüffende Parallele zu den jeweiligen Textzeilen aus dem Libretto Richard Wagners.

Und obwohl dies nur die Vorbereitung der großen Festtage sein sollten, brachte die Oper Leipzig eine Ausnahmebesetzung auf die Bühne: Das Bayreuther Traumpaar des legendären „Castorf-Rings“, Catherine Foster und Stefan Vinke, haben an diesem Abend ihre hohen Erwartungen in den beiden Titelrollen vollends erfüllt. Foster stellte mit ihrer schier unendlich voluminösen Stimme eine rachedurstige Isolde dar. Ihre Todesflüche trafen direkt ins Mark, für Foster blieb Isolde stets eine starke unantastbare Frau, weitaus ihrem Tristan überlegen. Und dabei war der Tristan von Stefan Vinke einer der ganz wenigen, bei dem ist nicht zu bangen galt, ob die Stimme bis zum Schluss durchzuhalten vermag. Die Stimme von Vinke klang selbst im kräftezehrenden Fieberwahn des dritten Akts gesund und kraftvoll. Der Tenor brauchte sein Organ nicht sorgsam über drei Akte zu disponieren. Er überzeugte durch versierte Technik, Routine und vor allem Musikalität – diese Kombination lässt seinen Tristan jedes Mal erneut zur Ausnahmeerscheinung werden!

Auch die drei anderen großen Partien waren hervorragend besetzt: Sebastian Pilgrim als König Marke offerierte mit runder, klangschöner Stimme die hohe Qualität des Leipziger Ensembles. In der Partie des Kurwenal überzeugte Mathias Hausmann in trefflicher Deklamation mit eindringlicher, leidenschaftlicher Baritonstimme. Ebenso stimmlich intensiv wie wortgewandt gestaltete Barbara Kozelj die Rolle der Brangäne glaubhaft und einfühlsam.

Oper Leipzig/TRISTAN UND ISOLDE/ Foto @ Tom Schulze

Ulf Schirmer, der sich mit den Festspielen „Wagner 22“ als Intendant und Generalmusikdirektor der Oper Leipzig verabschieden wird, leitete sicher und versiert durch die Partitur Richard Wagners. Bei moderaten, nicht überhetzten Tempi klang das Gewandhausorchester unter seinem Dirigat stets ausgeglichen, technisch sauber und drohte nie die Sänger*innen zu überdecken. Und doch schien die Gefahr, vor der Wagner während der Komposition des dritten Akts warnte, das Publikum könne bei Aufführungen seiner Oper verrückt werden, gebannt zu sein: Obgleich Schirmer mit dem Gewandhausorchester eines der renommiertesten Klangkörper der Welt zur Verfügung stand, wagte der Dirigent einfach zu wenig. Sich in Sicherheit wiegend, zähmte Schirmer die Dissonanzen und Klangausbrüche der Partitur. Das Gewandhausorchester hätte größeren dynamischen Abstufungen, gekonnt gesetzten Generalpausen oder auch Tempoänderungen sicherlich blind folgen können, wenn diese nur gekommen wären – so blieb Schirmers Dirigat mehr gekonnte Begleitung als entfesseltes Musikdrama. Leider!

Neben dem exzellenten Ensemble und den üblichen Gästen der Oper Leipzig sind zu „Wagner 22“ auch zahlreiche internationale Größen jeden Stimmfachs eingeladen. Es bleibt der Oper Leipzig für deren Festspiele zu wünschen, dass die zwölf noch folgenden Wagner-Opern in ähnlich hoher szenischer und stimmlicher Qualität glücken werden. (Anm. der RED.: DAS OPERNMAGAZIN wird von den Festspielen WAGNER 22 – Der Fliegende Holländer u. Lohengrin – berichten)

 

  • Rezension von Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Leipzig / Stückeseite
  • Titelfoto: Oper Leipzig/TRISTAN UND ISOLDE/ Foto @ Tom Schulze

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