Staatsoper Hamburg: „Tannhäuser“ – Rezension

Staatsoper Hamburg/TANNHÄUSER/Klaus Florian Vogt, Chor der Hamburgischen Staatsoper/Foto @ Brinkhoff/Mögenburg

Der Mensch, das androgyne Wesen

Mit plastischer und nachvollziehbarer Genauigkeit formt der ungarische Theater- und Filmregisseur Kornél Mundruczó die Persönlichkeitsprofile der Protagonisten für diese Neuproduktion von Wagners TANNHÄUSER an der Staatsoper Hamburg. Am offensichtlichsten wird dies in der Figur der Elisabeth sichtbar. Die Inkarnation der reinen, selbstlos liebenden Frau wird feinfühlig hinterfragt. Sie tritt im Hosenanzug (Kostüme: Sophie Klenk-Wulff) und mit Kurzhaarfrisur auf, wirkt so sehr androgyn und zeigt am Ende des zweiten Aktes durchaus männlich-dominante Züge, wenn sie sich gegen die rachsüchtige Männerwelt stellt – und sich szenisch und stimmlich durchsetzt. Jennifer Holloway setzt das ausgezeichnet um, zeigt die Verletztheit mit manischen Zwangshandlungen (ständiges Kratzen am Arm, Hang zu Selbstverletzungen). Im dritten Akt ist sie vollständig gebrochen, hat kaum mehr die Kraft, den Felsen zu erklimmen, um nach Tannhäuser Ausschau zu halten, das Gebet „Allmächt’ge Jungfrau, hör mein Flehen“ wird zur Schau in eine gebrochene Seele. Stimmlich leuchtet ihr von leichtem Vibrato umflorter Sopran in der Hallenarie, intoniert mit berührender Emphase im Duett mit Tannhäuser das „Heinrich, was tatet ihr mir an?“, legt sich mit kraftvollem Glanz über das Ensemble im „Concertato“ des Finales II.  (Rezension der gesehenen Vorstellung v. 04.05.2022)

 

Auch die Gegenfigur zur Elisabeth, die Liebesgöttin Venus, ist in dieser Produktion nicht einfach eine erotische Produktionsfläche für Hetero-Männerfantasien und Vollweib. Die mit überwältigend sattem und schon beinahe autoritärem stimmlichem Volumen aufwartende Tanja Ariane Baumgartner zeigt ganz klar, wer in diesem Aussteiger-Paradies auf der Tropeninsel die Hosen anhat: Wenn Tannhäuser am Ende jeder Strophe seiner Lobpreisung den Wunsch äußert, die Beziehung zu beenden, verabreicht sie ihm erst mal eine schallende Ohrfeige. Voller Sinnlichkeit in der Stimme sucht sie Tannhäuser im dritten Akt wieder zu ihr zu locken. Tannhäuser steckt in einer großen Krise, man nennt das heutzutage Midlife-Crisis. Auch er hat weiche, weibliche Züge, die Männerrituale (den erlegten Hirschen, die von der Decke hängen, die Kehle durchschneiden zu müssen) widern ihn gewaltig an. Klaus Florian Vogt singt die überaus anspruchsvolle und gefürchtete Partie mit unglaublich schöner, reiner Stimmführung, textlicher und intonatorisch bestechender Sicherheit, ohne jegliche Ermüdungserscheinungen. Selbst in der Romerzählung am Ende kann er noch mit einer herrlichen akustischen Persiflage auf den Papst aufwarten. Manchem Aficionado mag das helle, jungenhafte Timbre von Klaus Florian Vogt als nicht rollenadäquat erscheinen. Ich finde das überhaupt nicht, das ist mir tausendmal lieber, als ein gaumig stemmender und baritonaler klingender Heldentenor mit Konditionsproblemen. Die Mühelosigkeit, mit welcher er die Stimmführung in den Ensembles übernehmen kann, ist bestechend. Jedenfalls freue ich mich auf sein Rollendebüt im September als Jung-Siegfried in Zürich.

 

Staatsoper Hamburg/TANNHÄUSER/Klaus Florian Vogt, Tanja Ariane Baumgartner, Christoph Pohl/Foto @ Brinkhoff/Mögenburg

Unschärfen der Regie

Neben den drei gelungenen Charakterporträts von Elisabeth, Venus und Tannhäuser erschien mir die seelische Befindlichkeit Wolframs noch etwas diffus. Zwar spürt man zu Beginn des zweiten Aktes, dass da was war zwischen ihm und Elisabeth, doch die Beziehung zu Tannhäuser wird nicht ganz klar. Auch er, der sanfte Wolfram, kann durchaus physische Gewalt anwenden (er knallt Tannhäuser eine, als der aus Rom zurückkehrt). Über ihn würde man sehr gerne noch mehr erfahren. Wolfram hat ja mitunter die „schönsten“ Stellen in Wagners Oper zugeteilt bekommen. Christoph Pohl sang sowohl seine Plädoyers für die „reine – sprich asexuelle – Liebe“, als auch das Lied an den Abendstern mit balsamischem Wohlklang. Ebenfalls nicht ganz klar wird, was sich da im Inselparadies genau abspielt: Tannhäuser wird zum Orchestervorspiel von Alpträumen heimgesucht, das wird auf die Leinwand projiziert. Die Träume sind sehr bruchstückhaft, eine Wasserleiche, Blut, bedrohliche Hunde. Filmisch ist das hervorragend gemacht, bleibt aber enigmatisch. Tannhäuser wacht dann in einem Bett unter den Palmen auf, im Bett befinden sich auch mehrere junge Mädchen. Inzest, Pädophilie oder unschuldiges Familienleben? Auch das wird nicht vollends klar. Eine junge Frau raucht gar noch einen Joint, Knaben turnen an Lianen. Kommt daher Tannhäusers „lassitude“, ist es der Überdruss am Familienleben?

 

Staatsoper Hamburg/TANNHÄUSER/Jennifer Holloway, Klaus Florian Vogt/Foto @ Brinkhoff-Mögenburg

Die Schauplätze

Auf den ersten Blick mag es erstaunen, dass Monika Pormale für Mundruczós Inszenierung eine tropische Insel auf die Bühne hieven ließ. Doch wenn man auf den Text hört, macht das durchaus Sinn. Tannhäuser vermisst u.a. im Reich der Venus die Jahreszeiten, den Frühling, die Nachtigall – also das, was die Tropen nicht bieten können. Er sehnt sich somit nach Thüringen, und wenn er das Heil Marias anruft, teilt sich die Insel und macht einer unwirtlichen, felsigen Gegend Platz. Auf den Felsen sitzt ein Hirte und singt seine fröhliche Weise. Friedrich Tödtner, Solist der Alsterspatzen, intoniert diese mit der Gänsehaut erregenden Reinheit seines Knabensoprans. Ganz große Klasse! Der Auftritt der Jagdgesellschaft wird angeführt vom Landgrafen Hermann, dem kein geringerer als der großartige Georg Zeppenfeld seine luxuriöse Bassstimme leiht. Sein „So bleibe denn unausgesprochen“ im zweiten Akt ist von tröstlicher Schönheit. Die Halle in der Wartburg wird dominiert von einem mittelalterlichen, ein fürstliches Festmahl darstellenden Gobelin auf der Rückseite und einem Tisch im Vordergrund, hinter dem fünf weiße Hirschköpfe mit stechend leuchtenden, roten Augen Platz genommen haben. Sie erinnerten mich an eine Richterbank. Der sechste Richter (Hirsch) dient Elisabeth als Beichtvater oder Kuscheltier, wird dann aber vor dem Einzug der Gäste vom Zeremonienmeister an seinen Platz am Tisch gestellt. Der Sängerwettstreit ist ein Sektempfang, ziemlich lustig inszeniert mit herunterfallenden Tabletts und ungebetenen Gästen, die sich Gratissekt zu erschleichen versuchen. Auch klug gemacht, die johlenden Nationalisten und Machos bei gewissen Vorträgen der Sänger oder bei den Worten des Landgrafen zur „deutschen Majestät“. Neben Tannhäuser und Wolfram beteiligen sich Walther von der Vogelweide (mit schönem, hellem Tenor von Daniel Kluge interpretiert) und der bärbeissige Biterolf von Levente Páll am Wettgesang. Martin Summer (Reinmar von Zweter) und Jürgen Sacher (Heinrich der Schreiber) ergänzen die hochklassige Riege der Minnesänger. Wenn Tannhäuser dann erregt gesteht, dass er sinnliche Freuden bei Venus genossen hatte, wird der Gobelin von der hereinfahrenden Tropeninsel heruntergerissen und Tannhäuser schwebt wie von Zauberhand gezogen als Marionette in Nebelschwaden hoch über dem Tisch. Die ungebetenen Gäste haben unterdessen schon längst Brunftkämpfe mit den Hirschköpfen ausgefochten.

Staatsoper Hamburg/TANNHÄUSER/Ensemble/Foto @ Brinkhoff-Mögenburg

Der von Eberhard Friedrich einstudierte Chor der Staatsoper Hamburg überzeugt mit gesanglicher Klangkultur vom Feinsten und macht in den operettenhaften Kostümen beim Sektempfang, als Pilger mit grell und grün leuchtenden Kreuzen und als Sirenenstimmen gute Figur. Im dritten Akt sind wir wieder in der felsigen Landschaft, allerdings sind die Felsen nun mit grünem Moos überzogen. Doch für Tannhäuser gibt’s keine „grüne Hoffnung“, er verflucht den ganzen religiösen und scheinheiligen Zirkus des Papsttums und wünscht sich zur Venus zurück. Die Insel baut sich tatsächlich wieder auf, aus einer Palme steigt ein golden leuchtender Phallus. Doch Tannhäuser sinkt am Stamm der Palme nieder, der Chor dringt mit der Heilsbotschaft des Papstes ins Parkett und mit quasi quadrophonischen Klangen geht die Oper zu Ende.

 

Die Erzählebene des Orchesters

TANNHÄUSER ist selbstverständlich Chefsache, somit steht Kent Nagano am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg. Gespielt wird eine Mischfassung aus Dresdener, Pariser und Wiener Fassung. Manchmal hatte man das Gefühl, vieles sei extrem langsam und relativ leidenschaftslos dirigiert. Doch handkehrum war da auch sehr viel an Subtilität in der Gestaltung auszumachen. Und da der Dirigent sehr auf klangliche Transparenz und die ausgewogene Balance achtete, schienen die Tempi bloß langsam zu sein, denn meine absolute Zeitmessung ergab keine nennenswerten Abweichungen von der Dauer der Akte durch andere Interpreten.

Großer, beinahe 10 Minuten andauernder Jubel des Publikums am Ende dieser dritten Vorstellung der Neuproduktion von Wagners TANNHÄUSER!

Fazit: Ein richtiges Bühnenbild, das diese Bezeichnung auch verdient; man muss nicht drei Stunden auf weiße (wenn möglich noch rotierende) Wände starren. Hervorragende gesangliche Leistungen und spannende Interpretationsansätze durch die Regie.

 

  • Gastrezension von Kaspar Sannemann (Oper-aktuell) für DAS OPERNMAGAZIN
  • Staatsoper Hamburg / Stückeseite
  • Titelfoto: Staatsoper Hamburg/TANNHÄUSER/Klaus Florian Vogt, Chor der Hamburgischen Staatsoper/Foto @ Brinkhoff/Mögenburg

 

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