Hölle. Fegefeuer. Paradies. – Premiere „Il Trittico“ am Staatstheater Wiesbaden (Stream)

Staatstheater Wiesbaden/Foyer Großes Haus/
Foto: Sven-Helge Czichy

Il trittico, 3 Einakter von Giacomo Puccini / Premiere am Hessischen Staatstheater Wiesbaden am 1. Mai 2021 (diese wurde aufgezeichnet). / Streaming am 9. Mai 2021. 

 

So habe ich meine letzte Besprechung für das OPERNMAGAZIN begonnen: „188 Tage ohne. 188 Tage ohne Oper live auf der Bühne. So lange musste ich warten.“ Das war am 6. September 2020.244 Tage sind seither vergangen. Es ist viel passiert oder auch wenig, so, wie es jede und jeder persönlich empfindet. Oper live habe ich seither nicht gesehen, und ich hielt mich fern von Streams. Zu gerne sehe ich den kompletten Bühnenraum vor mir, lasse den Blick wandern, verweile, wo ich es möchte. Wie geht es dir, wie geht es Ihnen damit? Über einen Kommentar dazu würde ich mich sehr freuen.

Aber – jetzt also doch ein Stream. Die vom Staatstheater Wiesbaden angekündigte Online-Premiere von „Il Trittico“ (Triptychon) am 9. Mai stellte sich als Aufzeichnung ohne Publikum vom 1. Mai 2021 heraus. Die drei Einakter von jeweils ca. einer Stunde wurden hintereinander ohne Pause übertragen. Eine ziemliche Herausforderung für die Zuseherin, so viel Sitzfleisch wird ihr nicht einmal bei einer Wagner-Oper abverlangt. Und da ich keine Sekunde versäumen wollte, saß ich die drei Stunden festgetackert vor meinem Bildschirm.

 

Staatstheater Wiesbaden/Der Mantel/Daniel Luis de Vicente/Foto: Karl und Monika Forster

Giacomo Puccini befasste sich schon um das Jahr 1900 mit dem Gedanken, drei kurze Opern für einen Abend zu komponieren. Aber erst 1912, nach einer Aufführung des Dramas „La Houppelande“ von Didier Gold, fand er den Stoff für den ersten Einakter „Il Tabarro – Der Mantel“. Ein erster Libretto-Entwurf des Schriftstellers Ferdinando Martini gefiel Puccini nicht, er wandte sich an Giuseppe Adami, der ihm innerhalb einer Woche ein Exposé lieferte. Die Komposition dauerte, durch den Krieg unterbrochen, von 1913 bis 1916.

Libretto

Giuseppe Adami

Uraufführung

14. Dezember 1918, New York (Metropolitan Opera)

Besetzung

Michele, Besitzer eines Schleppkahns – Daniel Luis de Vincente
Giorgetta, seine Frau – Olesya Golovneva
Luigi, ein Löscher – Aaron Cawley
Talpa, ein Löscher – Wolf Matthias Friedrich
Frugola, seine Frau – Romina Boscolo
Tinca, ein Löscher  – Eric Biegel
Liederverkäufer –  Ioan Hotea
Liebespärchen – Stella An und Ioan Hotea

Ort Paris

Zeit um 1900

Einziger Akt (Inhaltsangabe aus dem Opera-Guide)

„Micheles Schleppkahn liegt am Seineufer vor Anker und wird von den Löschern entladen. Giorgetta, die junge Frau des fast doppelt so alten Michele, bringt den Arbeitern ihr Essen, wobei sie mit Luigi, den sie liebt, flirtet. Sie will sich mit ihm, wenn Michele schläft, treffen. Ein angezündetes Streichholz soll das Zeichen sein. Der Abend bricht herein, die Arbeiter gehen nach Hause. Michele ahnt, dass seine Frau ihm untreu ist, und erinnert sie an die glücklichen Zeiten ihrer Ehe, wo er sie und ihr verstorbenes Kind unter seinem großen warmen Mantel geborgen hat. Giorgetta täuscht Müdigkeit vor und zieht sich in die Kabine zurück. Michele bleibt grübelnd sitzen, während auf der Straße ein Liebespärchen und Passanten vorbeigehen. Als er seine Pfeife nimmt und ein Streichholz anzündet, hält Luigi dies für das Zeichen und schleicht sich an Bord. Michele packt ihn und würgt ihn solange, bis Luigi gesteht, dass er ein Verhältnis mit Giorgetta hat. Michele tötet Luigi und versteckt ihn unter seinem Mantel. Giorgetta, durch Micheles Verhalten beunruhigt, kommt an Deck und kokettiert mit ihrem Mann. Michele öffnet den Mantel und beugt die aufschreiende und vor Entsetzen zurückweichende Giorgetta auf das Gesicht ihres toten Liebhabers.“

 

Staatstheater Wiesbaden/Sr. Angelika/Chor/Foto: Karl und Monika Forster

Nun mussten zwei weitere Opernstoffe zur Vollendung der Trilogie gefunden werden. Während seiner Arbeit an „La fanciulla del West“ lernte Puccini den Sänger, Arzt und Journalisten Giovacchino Forzano kennen, der für ihn die Geschichte der Nonne Angelica erfand. Puccini wünschte sich ein tragisches, ein lyrisches und ein heiteres Stück für seine Trilogie und diese rührende Geschichte „Suor Angelica – Schwester Angelica“ erschien ihm als passendes Mittelstück. Seiner Schwester Ramelde, die selbst Nonne war, verdankte er die eine oder andere Anregung.

Libretto

Giovacchino Forzano

Uraufführung

14. Dezember 1918, New York (Metropolitan Opera)

Besetzung

Schwester Angelica – Olesya Golovneva
Fürstin, ihre Tante – Romina Boscolo
Äbtissin, Schwester Eiferin – Fleuranne Brockway
Schwester Genoveva – Stella An
Schwester Dolcina – Britta Stallmeister
Lehrmeisterin der Novizinnen, Schwester Osmina, Schwester Pflegerin, zwei Bettelschwestern, zwei Laienschwestern – Chorsolistinnen des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden

Ort ein Kloster in Italien

Zeit gegen Ende des 17. Jahrhunderts

Einziger Akt (Inhaltsangabe aus dem Opera-Guide)

„Schwester Angelica lebt seit sieben Jahren in einem abgelegenen streng geführten Kloster, in das sie ihre unbarmherzigen Verwandten wegen eines Fehltritts gesperrt haben. Angelicas Eltern sind vor zwanzig Jahren gestorben und haben ihre Kinder der Fürstin, einer Schwester der Mutter Angelicas, anvertraut. Diese, eine unnachsichtige Frau, kommt jetzt ins Kloster, um Angelica zum Verzicht auf ihr Familienerbe zugunsten ihrer jüngeren Schwester Anna Viola zu bewegen. Als Angelica von der Fürstin erfährt, dass ihr Sohn, ohne dass man sie benachrichtigt hat, gestorben ist, bricht sie zusammen und unterschreibt. Die Tante entfernt sich ohne ein Wort. Angelica ist verzweifelt und vergiftet sich, bittet aber sterbend um ein Gnadenzeichen. Visionär sieht sie die Gottesmutter mit ihrem Kind. Engelsstimmen ertönen, die der verzückten Angelica, die ihr Kind in die Arme nehmen will, verzeihen.“

 

Staatstheater Wiesbaden/Gianni Schicci/ Daniel Luis de Vicente, Romina Boscolo, Erik Biegel, Statisten/Foto: Karl und Monika Forster

Für den Abschluss des Triptychons fehlte noch der heitere Teil. Giovacchino Forzano, der gerne ein italienisches Thema vertont sehen wollte, schlug Puccini vor, unter Verwendung einiger Verse aus Dante Alighieris „Divina commedia“, einer keineswegs komisch gemeinten Dichtung, eine burleske Komödie zu erfinden, „Gianni Schicchi“.

Libretto

Giovacchino Forzano (nach Dante)

Uraufführung

14. Dezember 1918, New York (Metropolitan Opera)

Besetzung

Gianni Schicci – Daniel Luis de Vicente
Lauretta, seine Tochter – Olesya Golovneva
Die Verwandten des Verstorbenen Buoso Donati:
Zita, genannt die Alte, Buosos Base – Romina Boscolo
Rinuccio, ihr Neffe – Ioan Hotea
Gherardo, Buosos Neffe – Erik Biegel
Nella, seine Frau – Britta Stallmeister
Gherardino, ihr Sohn – Elias Püschel/Philipp Donhauser
Betto di Signa, Buosos Schwager – Benjamin Russell
Simone, Buosos Vetter – Wolf Matthias Friedrich
Marco, sein Sohn – Christopher Bolduc
Ciesa, Marcos Frau – Fleuranne Brockway
Magister Spinelloccio, Arzt – John Holyoke
Amentio di Nicolao, Notar – Martin Stoschka
Pinellino, ein Schuster – Oliver Steinmetz
Guccio, ein Färber – Leonid Firstov

Ort Florenz

Zeit 1299

Einziger Akt (Inhaltsangabe aus dem Opera-Guide)

„Um das Bett des verstorbenen reichen Donati stehen lamentierend seine Verwandten, sich heimlich auf die Erbschaft freuend. Der Jubel ist nur von kurzer Dauer, denn Betto will gehört haben, dass Donati alles der Kirche vermacht hat. Jetzt sucht man fieberhaft nach dem Testament, das Rinuccio findet, aber nur herausgeben will, wenn Tante Zita nichts gegen seine Heirat mit Lauretta einzuwenden verspricht. Dies wird ihm schnell zugebilligt und dann das Testament geöffnet. Entsetzen zeigt sich auf den Gesichtern, als sich herausstellt, dass tatsächlich der ganze Besitz des Alten der Kirche überschrieben ist. Helfen kann hier nur noch der schlaue Gianni Schicchi. Man beschließt, ihn um Rat zu bitten, obwohl er der Familie nicht fein genug ist. Schicchi lässt sich endlich auf Laurettas Bitten bewegen, zu helfen. Er legt sich, als Buoso Donati verkleidet, in das Bett des Verstorbenen, der in ein anderes Zimmer gebracht wird, und diktiert einem herbeigeholten Notar und zwei Zeugen ein neues Testament, das alle Angehörigen erben lässt. Dabei vergisst der schlaue Fuchs nicht, sich selbst das Beste, die Mühlen von Signa, das Stadthaus und die Maultiere, zu hinterlassen. Die wütenden Blicke und Proteste der Verwandten wehrt er ab, indem er darauf hinweist, wie streng in Florenz Testamentsfälscher bestraft werden. Als der Notar und die Zeugen, die den klaren Verstand des Sterbenden bewundern, das Haus verlassen haben, stürzt sich die ganze Verwandtschaft auf Gianni. Der weist sie aus dem Haus, das jetzt ihm gehört. Er ermahnt sie nochmals, nie etwas von der Fälschung zu verraten, weil darauf der Verlust der rechten Hand und Verbannung aus Florenz stehe. Schimpfend laufen die Erben auseinander, während sich Lauretta und Rinuccio in die Arme sinken.“

 

 

Die Inszenierung

Uwe Eric Laufenberg, Intendant des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden führte Regie in allen drei Teilen von „Il Trittico“. Auch die technische und die musikalische Umsetzung lag jeweils in einer Hand.

Musikalische Leitung – Alexander Joel

Chor & Chorsolistinnen des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden

Wiesbadener Knabenchor

Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

 

Bühnenbild – Gisbert Jäkel

Kostüme – Jessica Karge

Licht – Andreas Frank

Chor – Albert Horne

Knabenchor – Roman B. Twardy

Dramaturgie – Daniel C. Schindler

 

Staatstheater Wiesbaden/Der Mantel/Aaron Cawley, Olesya Golovneva/Foto: Karl und Monika Forster

„Il Tabarro – Der Mantel“ schildert die sozialen Verhältnisse, das harte Arbeitsleben der Pariser Schiffsarbeiter um 1900. Wir sind in der Hölle. Es ist aussichtslos, auch nur die geringsten Träume und Ziele verwirklichen zu können. Es herrscht ein Milieu von Armut und Entbehrung. Die Bühne ist grau, schwarz, düster. Der einzige Farbklecks ist ein weißer Küchentisch. Eine Rampe führt schräg nach oben zum Schiff, Zementsäcke werden entladen. Die Löscher tragen Hemden mit den typischen blauen französischen Streifen. Die Rückseite der Bühne zeigt ein Bild eines Verladekrans. Die Regie bleibt sehr eng am Libretto, das dank der eingeblendeten deutschen Untertitel (gesungen wird in italienischer Sprache) gut mitzuverfolgen ist. Dezent dargestellt der Flirt von Giorgetta mit Luigi, aufgeladen die spätere Liebesszene der Beiden, in der er sie schon mal auf den Tisch wirft, sie küssen sich, die Musik macht dazu eine Pause. Sein Text dann „lieber tot, als dass er (der Ehemann) dich hat“. Macht gestohlenes Glück die Lust größer? Auf jeden Fall herrscht Eifersucht pur „dass niemand deinen Körper besitzt, würde ich sogar zum Messer greifen“. Ob sie weiß, worauf sie sich da einlässt? Sehr schön dargestellt wird der einfühlsame Ehemann „die Pfeife ist erloschen, die Liebe nicht“ und „mein graues Haar beleidigt deine Jugend“. Und doch nennt er sie ansatzlos eine Hure, und doch wird er zum Mörder, als er weiß, dass seine Frau ihn betrügt. Michele wollte nichts anderes, als seine Frau und seinen verstorbenen Sohn zu beschützen, unter seinem Mantel zu bergen. „Soll ich zu dir kommen?“ fragt sie ihn. „Wohin? Unter meinen Mantel? Ja, wir alle tragen einen Mantel, er verdeckt Freude und Leid. Manchmal ein Verbrechen“.

 

Staatstheater Wiesbaden/Sr. Angelika/Olesya Golovneva/Foto: Karl und Monika Forster

„Suor Angelica – Schwester Angelica“ spielt hier im Innern des Klosters, wir sind im Fegefeuer.  Das Thema Religion und die Symbole der Religion, hier der Katholischen, scheinen mir ein großes Anliegen von Uwe Eric Laufenberg zu sein. Seine visuelle Umsetzung unterstützt das Aufregerthema dieses Einakters aufs Feinste. Die Nonnen sitzen in schwarz-weiße Nonnentrachten gekleidet aufgereiht auf einer langen Bank, die Bühne ist ansonsten leer. Es herrscht ein sehr rauer Ton im Kloster, je härter eine Strafe ausfällt, umso besser. Selten lohnt es sich so sehr wie hier, die Untertitel mitzulesen. Strafe für ein Zuspätkommen „wer zu spät kommt, muss den Boden küssen“. Auf der Bühne steht jetzt ein Springbrunnen, nur drei Mal im Jahr fällt Sonnenlicht in den Klosterhof und auf den Brunnen, sein Wasser färbt sich dann golden. Im vergangenen Jahr ist eine der Nonnen gestorben und die anderen fragen sich, ob es der Wunsch der Toten sein könnte, etwas von dem goldenen Wasser zum Grab zu bringen. Angelica sagt „Wünsche haben nur die Lebenden“, wogegen die Äbtissin der Meinung ist, dass „wir keine Wünsche haben dürfen“. Die doch vorhandenen Wünsche der Nonnen sind sehr bescheiden, eine möchte gerne noch einmal ein Schaf streicheln, das Schaf, das dafür auf die Bühne kommt, ist nicht echt. Eine andere wünscht sich etwas zu naschen, dabei ist Gefräßigkeit eine Todsünde. Der Esel, der dann mit der Kollekte, Körbe voll mit Öl und Haselnüssen, Mehl, Käse, Linsen, Eier, Butter und Beeren, auf der Bühne steht, ist echt. Also ein lebender Esel.

Aber was wünscht sich Angelica, die seit sieben Jahren, seit der Geburt ihres unehelichen Sohns im Kloster lebt? Die anderen Nonnen wissen es, eine Nachricht ihrer Familie. Und prompt kommt Besuch ins Kloster, ein Timing wie es nur im Theater vorkommt, die Fürstin, Angelicas Tante, gekleidet ganz in schwarz mit einem Spitzenumhang, kommt mit Dokumenten. Die einzige Bühnendekoration ist jetzt der weiße Tisch, den wir schon aus dem Mantel kennen, auch hier wird er bespielt, und ein Stuhl. Die Fürstin kniet auf dem Tisch und singt von Schande und Buße, Angelica, die das Kloster als Ort des Mitleids empfindet, kauert unter dem Tisch. Die nun folgenden Szenen sind hochdramatisch, Angelica soll auf ihr Erbe zu Gunsten ihrer Schwester verzichten, sie erfährt, dass ihr Sohn zwei Jahre zuvor verstorben ist und die vermeintliche Idylle, die vorher unter den Nonnen geherrscht hat, wird je von der Realität eingeholt, als die Nonnen Angelica den Stift für die Unterschrift in die Hand drücken und sie zur Unterschrift zwingen. Sehr böse auch die Szene, als die Äbtissin den Stuhl unter Angelica wegreißt, auf dem diese zur Unterschrift gesessen hatte. Verzweifelt singt sie auf dem Boden liegend „ohne Mutter bist du gestorben … jetzt bist du ein Engel … wie süß enden alle meine Leiden, wenn ich dir in den Himmel folgen darf … wann darf ich sterben … sprich zu mir, mein Liebling“. Die Nonnen kommen auf die Bühne, ein großes Kreuz mit einer lebensgroßen Christusfigur, vom Betrachter abgewandt, steht auf der Bühne. Der Chor singt aus dem off „preist die heilige Jungfrau“. Angelica, die sich mit Kräutern und Pflanzen auskennt, holt ein Fläschchen aus den Kräuterbeet und gießt eine Flüssigkeit in eine Tasse, kniet unter dem Kreuz. „Schwester Angelica kennt immer ein gutes Mittel … geheimnisvolle Gifte in den Blumen“. Sie trinkt das Gift „für ihn (meinen Sohn) sterbe ich, im Himmel sehe ich ihn wieder“. „Ah, ich bin verdammt, ich habe mich getötet, ich sterbe in Todsünde“. Und zur Jungfrau gewandt „gib mir ein Zeichen der Gnade, rette mich“.

Uwe Eric Laufenberg kennt keine Gnade. Angelicas Sohn und Christus kommen auf die Bühne, sie fasst beide an den Händen und steigt rückwärts in den Bühnenuntergrund hinab. Wer eine Todsünde begeht, kommt in die Hölle, nicht in den Himmel. Warum hat sie nicht gewartet auf ihren natürlichen Tod? „Salve Maria“, der Vorhang schließt sich.

 

Staatstheater Wiesbaden/Gianni Schicci/ Ioan Hotea, Olesya Golovneva/Foto: Karl und Monika Forster

„Giannni Schicci“, wir sind im Paradies, Getümmel auf der Bühne, große italienische Landschaften als Wanddekoration, die Familie, ein großes Bett, darin der tote Buoso Donati mit einer Baseball-Kappe auf dem Kopf und einem Schal um den Hals. Auch hier folgt die Regie dem Libretto, lediglich die Kleidung ist modern, na ja, nicht wirklich modern, eher im Stil der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Allen geht es gut, sie leben in der schönsten Stadt der Welt, in Florenz, alle haben genügend Geld, trotzdem kann keiner genug kriegen, alle sind eben menschlich. Ein bisschen zu menschlich, die Regie lässt die Familie sogar auf dem Bett tanzen. Bis das Testament gefunden wird und alle feststellen müssen, dass das Erbe fast komplett an ein Kloster geht. Dann wird nur noch gezankt und sich empört. „Die Mönche werden fett auf unsere Kosten … wir platzen vor Wut, sie vom Fressen … Fasane, Hasen, fette Gänse“. Die Empörung ist so groß, dass auf den armen Toten eingeprügelt wird.

Die Vernunft siegt schnell, Gianni Schicci wird engagiert, das Schicksal zu wenden, der ist aber zunächst nicht begeistert „der Sippschaft helfen? Nein“. Giannis Tochter Lauretta, sehr verliebt in Rinuccio, ein Mitglied der Sippschaft, bittet ihren Vater, zu helfen „Väterchen, teures, höre“, droht dabei, sich von der Brücke zu stürzen, sie will lieber sterben, als auf den Liebsten zu verzichten. Welcher Vater ließe sich da nicht erweichen. (Warum Lauretta ohne ein mögliches Erbe auf Rinuccio verzichten müsste, kann ich hier nicht erklären.) Während Gianni sinnend über die Bühne geht, laufen die Familienmitglieder im Gänsemarsch hinter ihm her. „Nun?“ ist ihre Frage. Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf. Am Ende geht es immer noch allen gut, einem sogar besser als vorher, alle leben noch im schönen Florenz und alle haben immer noch genug Geld, einer hat sogar mehr als vorher. Lauretta hat ihren Rinuccio. Gianni fragt das Publikum „Urteilen sie selbst, hätte man das Geld besser verwenden können?“ und legt sich lachend in sein Bett.

 

Die Musik

Puccinis Musik zeigt in „Il Trittico“ unterschiedliche Gesichter. Der Mantel, eine Eifersuchtsgeschichte, zeichnet ein düsteres Stimmungsbild mit impressionistischen Szenen. Es gibt monologartige Arien und zum Ende einen dramatischen Höhepunkt. Für Schwester Angelica komponierte Puccini melodiöse sentimentale undramatische Musik. Gianni Schicci ist eine im Erzählton gearbeitete Komödie, die Arie der Lauretta „Oh mio babbino caro“ ist sicherlich bekannt, oder?

Die Sängerinnen und Sänger haben mir alle sehr gut gefallen, besonders erwähnen möchte ich trotzdem den schönen ausdrucksstarken Sopran von Olesya Golovneva, die wunderbar tiefe Stimme von Romina Boscolo und Daniel Luis de Vicente, der sowohl einen einfühlsamen mordenden Michele als auch einen betrügenden Gianni Schicci singt.

Chöre und das Orchester des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, unter Leitung von Alexander Joel, sind auch in Pandemie-Zeiten in allerbester Form.

Und mein Fazit? Unbedingt sehens- und hörenswert, auch wenn nur im Stream. Es gibt noch viele Übertragungstermine bis Ende Mai 2021 für kleines Geld. Allerdings sind feste Zeiten von 19 bis 22 Uhr vorgegeben, es gibt keine Pause.

 

 

 

 

 

 

 

 

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