Heitere Strauss-Rarität in Spitzenbesetzung: „Die schweigsame Frau“ an der Bayerischen Staatsoper

Staatsoper München/DIE SCHWEIGSAME FRAU/Foto ©Wilfried Hösl

Die signifikanten, das 20. Jahrhundert prägenden Opern Richard Strauss‘, entstanden in enger Zusammenarbeit zwischen dem Komponisten Strauss und dem Dramatiker Hugo von Hofmannsthal, einem der bedeutsamsten Vertreter des Fin de Siècle im deutschsprachigen Raum. Und obgleich nach dem Tode Hofmannsthals im Jahre 1929 noch posthum mit „Arabella“ und der „Ägyptischen Helena“ zwei weitere Opern mit seinem Libretto uraufgeführt wurden, sollte Strauss die musikalisch-dichterische Einheit seines „Rosenkavaliers“ oder der „Frau ohne Schatten“ nie wieder erreichen. Auch Strauss‘ späte Bühnenwerke, etwa in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Joseph Gregor, führen aufgrund dramatischer und linguistischer Schwächen bis heute eher ein Schattendasein im Opernbetrieb. Lediglich ein einziges Mal noch fand Richard Strauss auch nach dem Ableben von Hofmannsthal zu seiner alten Kreativität zurück, und zwar in seiner komischen Oper „Die schweigsame Frau“. Diese entstand Anfang der 1930er Jahre in Zusammenarbeit mit niemand geringerem als Stefan Zweig. Strauss selbst bezeichnete die Arbeit Zweigs am Textbuch als „das beste Libretto für eine opera comique seit Figaro“. Es ist Zweigs einziges Opernlibretto geworden. (Besuchte Vorstellung am 29.01.22)

 

Die Uraufführung sollte zwei Jahre nach der Machtergreifung der Nazis stattfinden und wurde – Stefan Zweig entstammt einer Familie jüdischen Glaubens – zum Eklat: Der Dichter hatte das Land natürlich schon lange verlassen, Strauss bestand vermutlich in seiner Naivität und eben aus künstlerischer Wertschätzung seines Partners auf Nennung des Librettisten auf den Plakaten und im Programmbuch; dies brachte Strauss den endgültigen Bruch mit den Nazis. Die Politiker der NS-Ideologie boykottierten die Uraufführung und nach dem Krieg konnte sich „Die schweigsame Frau“ trotz ihrer künstlerischen Genialität nie so wirklich etablieren. Bei Liebhabern von Richard Strauss wird das Werk jedoch weiterhin hochgeschätzt.

Die Handlung ist leicht verständlich: Der ehemalige Kapitän Sir Morosus lebt durch den Krieg gezeichnet und aufgrund einer Schädigung seines Gehörs von der öffentlichen Gemeinschaft zurückgezogen. Lediglich seine Haushälterin leistet ihm Gesellschaft, und selbst diese lärmt seinem empfindlichen Gemüt zu sehr. Als eines Tages sein Neffe Henry zurückkehrt, Morosus glaubte ihn zunächst als Kriegsheld zu vermissen, stellt sich dieser als Mitglied einer extrovertierten und polternden Operntruppe heraus. Der Neffe wird kurzerhand enterbt, eine „schweigsame Frau“ solle Sir Morosus als neue Erbin gefunden werden. Die Operntruppe macht sich in einer Intrige des Barbiers einen Spaß daraus mit Aminta dem Sir Morosus eine nur scheinbar „schweigsame Frau“ zu vermachen, nach der Hochzeit stellt sich Aminta als keifende Furie heraus. Erst als Morosus kurz vor dem Herzkasper steht, wird die Maskerade aufgelöst. Und trotz aller Gemeinheiten fand der ehemalige Kapitän auf seine alten Tage den Scherz seines Neffen Henrys und des Barbiers irgendwie doch ganz lustig. Der Schluss der Oper ist versöhnlich, der Generationenkonflikt ist beigelegt, die Operntruppe bittet um Entschuldigung und Morosus hat endlich wieder seine Ruhe.

Staatsoper München/DIE SCHWEIGSAME FRAU/Foto ©Wilfried Hösl

Die Bayerische Staatsoper grub diese Opernrarität vor zwölf Jahren wieder aus, brachte sie zu den Festspielen auf die Bühne des Prinzregententheaters und landete mit der Inszenierung des mittlerweile als Kultregisseur geltenden Barrie Kosky direkt einen Coup. Aufgrund des großen Erfolgs holte die Bayerische Staatsoper ihre „Schweigsame Frau“ auf die große Bühne des Nationaltheaters für zahlreiche Wiederaufnahmen zurück. Das Sujet der Oper ist natürlich eine Steilvorlage für Kosky, der auf fast leerer Bühne – lediglich ein Bett dient als Zufluchtsort des Kapitäns – seine Regie auf die exaltierten Kostüme und eine ausgefeilte Personenführung konzentriert. In der Operntruppe Henrys toben sich Regisseur und insbesondere die Kostümbildnerin Esther Bialas einmal so richtig aus und erwecken die schrägsten Opernfiguren in farbenprächtiger Mariner zum Leben: Unverkennbar sind Wotan, die schweigsame Frau Aminta selbst ist Brünnhilde, Falstaff, Lohengrin oder auch Madame Butterfly – welch ein simpler, gleichsam grandioser Regieeinfall!

Kaum eine Oper hat so einen umfangreichen Text wie “Die schweigsame Frau“. Die endlosen und in enormen Tempo vorgetragenen Monologe machen das Werk für den Dirigenten zu einer besonderen Herausforderung. Stefan Soltész nahm sich dieser an. Mit großem Erfolg dirigierte er das Werk schon bei der letzten Wiederaufnahme und setzte auch dieses Mal mit orchestralen Klangfarben so bunt wie Koskys Kostüme seine knalligen Akzente. Er führte sein Ensemble in flotten Tempi versiert und sicher durch die Partitur. Die Besetzung selbst war für eine Rarität insbesondere als Wiederaufnahme ausgesprochen luxuriös!

Staatsoper München/DIE SCHWEIGSAME FRAU/Foto ©Wilfried Hösl

Brenda Rae brillierte in der Titelrolle als Aminta, natürlich gar nicht so „schweigsam“, wie man es vermuten würde. Mit ihrem leuchtenden Koloratursopran mit einfühlsamer Gestaltung changierte sie augenblicklich zwischen tiefer Einfühlsamkeit und absoluter Skurrilität und Koketterie. Franz Hawlata versprühte als Sir Morosus in deklamatorischer Intensität mit kerniger Bariton-Stimme die altersmilde eines Hans Sachs. Als Barbier glänzte der junge, charismatische Bariton Björn Bürger mit kraftvoller und eindringlicher Stimmführung und einer unglaublichen Bühnenpräsenz. Mit fester, sicher geführte Tenorstimme gestaltete Daniel Behle ihm ebenbürtig die Rolle des Henry. In der Partie der Haushälterin rundete Christa Mayer das Ensemble in pointierter, komischer Gestaltung mit geschmeidiger Mezzo-Stimme ab.

Im kommenden Sommer wird das Werk zu den Opernfestspielen 2022 in ähnlich glanzvoller Besetzung noch einmal, hoffentlich nicht zum letzten Mal, von der Bayerischen Staatsoper aufgeführt. Dann wird es in einer Reihe mit „Capriccio“ stehen, jener geistvollen Nicht-Oper, diesem „Konversationsstück für Musik“ von Richard Strauss, welches die Streitfrage der Bedeutung von Text und Musik auf der Bühne behandelt.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.