Hamburger Staatsoper: Mit „SIEGFRIED“ und „GÖTTERDÄMMERUNG“ schliesst sich der Ring

Staatsoper Hamburg/Siegfried/ Foto @ Monika Rittershaus

Nun fügt sich in der Staatsoper Hamburg Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ zu einem Ganzen zusammen, denn an diesem Wochenende kamen „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ zur Aufführung.  (Doppel-Rezension der Aufführungen von Siegfried und Götterdämmerung am 23.+25.11.2018 in der Staatsoper Hamburg)

 

Am Freitag erschlug Siegfried im – gleichnamigen dritten Teil der Tetralogie – Fafner den Lindwurm, wie auch Mime seinen hinterlistigen Ziehvater und Zwerg. Dann widersetzte er sich erfolgreich Wotan und erweckte schließlich die Walküre Brünnhilde aus ihrem, von Feuer umgrenzten Schlaf, womit er sie wie von Wotan vorgesehen zum „Weib erringt“. In Götterdämmerung nun, dann am folgenden Sonntag,  zieht es den Helden zu neuen Abenteuern. Er lässt Brünnhilde mit dem Ring auf ihrem brennenden Felsen zurück, das nur er, der größte Held, durchbrechen kann. Bei den Geschwistern Gunther und Gutrune und deren Halbbruder Hagen, dem Sohn des Ringschöpfers Alberich, findet er Aufnahme. Ein Zaubertrank bringt ihn dazu, Brünnhilde zugunsten von Gutrune zu vergessen. Seinem neuen Blutsbruder Gunther bringt er im Gegenzug Brünnhilde, die er mithilfe des Tarnhelms in der Gestalt von Gunther befreit. Diese, tief verletzt durch den vermeidlichen Betrug, verrät Hagen, dem es nach Ring und Schatz verlangt, Siegfrieds einzige verletzliche Stelle: das rechte Schulterblatt. Auf einer Jagd tötet Hagen Siegfried, der sich sterbend an seine wahre Liebe erinnert. Letztlich besteigt Brünnhilde den Scheiterhaufen, nachdem sie den Ring den Rheintöchtern zurückgab und so auch Walhall und die Götter vernichtet.

Staatsoper Hamburg/Götterdämmerung/ Foto @ Monika Rittershaus

Auch die letzten beiden Teilen ihrer Produktion lassen Regisseur Claus Guth und sein Kostüm- und Bühnenbildner Christian Schmidt nicht in einer reinen Sagenwelt, sondern eher in einer fast zeitlos irdischen spielen. So zieht der mürrische Mime Siegfried im dritten Teil in einer Art Lagerhalle groß. Die Höhle Fafners befindet sich in einer Art botanischem Museum, gleicht einem Dschungel und Fafner entpuppt sich, nachdem er erschlagen und somit entzaubert wurde, als ein gebrechlicher Alter. Alberich hingegen, der auch vor der Höhle lauerte, als Säufer. Wotan, der Wanderer verliert seinen Kampf gegen seinen, so heiß ersehnten Helden, Siegfried, in einer Bibliothek, einem Ort lange gesammelten, angehäuften Wissens, das zerstört wird, als der Speer zerbricht. Und als der Held und Brünnhilde sich jubelnd „leuchtender Liebe, lachendem Tod“ hingeben, zerreißen beide ebenfalls Bücher. Der letzte Teil des „Rings des Nibelungen“ zeigt, dass Glaube und Liebe augenscheinlich nicht nur Berge versetzen, sondern auch Orte verändern. Denn wo einst, die Walküren in Stockbetten schliefen, wo einst die obere Ebene, einer Ruine glich, zeigt sich dem Zuschauer eine obere Ebene, die intakt ist und unten nun eine Art Appartement mit Schlaf- und Waschecke und überdimensionaler Wohnküche. Hier bereitet Siegfried Frühstück mit Kaffee und Toast, der in beiden Opern sonst eher an einen verzogenen Lümmel erinnert, der sich seine eigne Sonne ist und sich nicht um andere schert, als an einen hehren Helden. Seine Beziehung zu Brünnhilde ist stürmisch-zärtlich und fast kindlich, bildet auf gewisse Weise einen Bruch zu Text und Musik.
Der Rest der Handlung findet in einem sich drehenden zweistöckigen Gebäude im Bauhaustil statt, dessen Räume sich Spielort gemäß verändern. Hier flegelt sich Siegfried auf weißen Polstern, bevor er endlich durch die Heirat mit Gutrune, die kurzen Hosen gegen einen Smoking tauscht und erwachsen geworden zu sein scheint.

Oft findet Handlung auf beiden Ebenen zu selben Zeit statt. Sei es, wenn Alberich Hagen mahnt, Hort und vor allem Ring zu beschaffen. Wotan auftaucht oder auch weitere Götter, Walküren, Nornen und Hagens Mannen. Aktionen, die in ihrer Häufigkeit zum Ende des Stückes hin, wenn nicht verwirren, so doch zeitweise von der Musik ablenken, die doch allein schon beredt ist. Zusammen mit Brünnhildes Worten aus „Starke Scheite schichtet mir dort …“ lässt sie alles hören, wissen, fühlen was zum Verstehen und in Klängen zu schwelgen nötig ist. Doch dank Richard Wagners wirklich genialem Einsatz von Leitmotiven. Immer wiederkehrende Themen. Melodien, Melodienfragmente die Personen, Handlungen, Stimmungen oder auch Feuer und Sturm beschreiben und die ein hohes Wiedererkennugspotential haben. Selbst wenn das der Figur ,der sie ursprünglich zugeordnet waren, beim Erklingen nicht anwesend ist, bleibt die Bedeutung stets gleich, verständlich und dies teilweise mehrere Abende lang, wie das Entsagungsmotiv, Wotanmotiv, das Feuer/Lohemotiv, das Ringmotiv, das Wurm/Fafner-Motiv und viele mehr.

Staatsoper Hamburg/Siegfried/ Foto @ Monika Rittershaus

Dafür, dass die Führung durch und die Entführung in Richard Wagners phantastische (Musik)Welt zum Genuss wurde, sorgte das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter der Leitung von Kent Nagano. Als Beispiele seien die Szene mit dem Waldvogel, der Trauermarsch und überhaupt alle Vor- und Zwischenspiele genannt, war die Leistung auch im Ganzen bemerkenswert.
Aber natürlich trugen alle Beteiligten bei, auch der
Chor der Hamburgischen Staatsoper, der allerdings nur in der Götterdämmerung zum Erfolg beitragen konnte.

Doch natürlich waren es die Protagonisten, wie auch die Sänger der, bei Wagner stets nicht wenig anstrengenden Nebenrollen, denen Anerkennung und bewundernde Begeisterung im höchsten Maße galten.

So war Jürgen Sacher ein Mime, wie er herrlich widerlicher nicht ein könnte. Er jammerte, zeterte und schmiedete hinterhältig schleimig Mordpläne gegen das einst „zullende“ Kind“, Siegfried. Auch sein Tenor ist wie gemacht für Rollen wie Mime, Loge oder auch den Herodes (Elektra, Ricard Strauss). Rollen, die die Fähigkeit verlangen, die Stimme unschön klingen zu lassen. Selbst wenn ihr Besitzer, dadurch nie in der Lage sein wird, die beliebteren Heldenrollen zu singen.
Jochen Schmeckenbecher im Gegenzug, war als Alberich, der einst der Liebe entsagte um den Ring schaffen zu können, der die Weltherrschaft ermöglicht, ein Stimmverführer. Hier stand der weiche, wohltönende Bariton im Gegensatz zu dem heruntergekommenen Säufer, der zwischen leeren Flaschen auf einer Museumsbesucherbank vor Fafners Höhle ausharrt. Auf einer Seite ist es bedauerlich, dass Schmeckenbecher nur im „Siegfried“ zu sehen war, denn die Entwicklung zu sehen, die Alberich durchläuft um vom Trinker zu einem anderen zu werden, wäre sicher interessant gewesen und man hätte gerne mehr von dem Bariton aus Heidelberg gehört.
Ja, der Besetzungswechsel war ein wenig störend. Allerdings übernahm erneut
Werner Van Mechelen, der schon im „Rheingold“ begeisterte und auch in „Götterdämmerung“ durch darstellerisches wie gesangliches Können wieder überzeugte.
Auch
Alexander Roslavets als Fafner wusste durch wandelbaren, gut geführten Bass zu gefallen und berührte in der kurzen Sterbeszene, auf offener Bühne in menschlicher Gestalt.

Staatsoper Hamburg/Götterdämmerung/ Foto @ Monika Rittershaus

Die Szene vor Fafners Höhle barg noch eine weitere gut besetzte Partie. Elbenita Kajtazi war ein wirklich entzückender, auch für das Publikum sichtbarer Waldvogel. Ein heiteres Spiegelbild Siegfrieds, wie er in kurzen Hosen, wirkt sie wie ein Symbol für den unschuldigen Naturburschen, der Siegfried im tiefsten Innerem ist. Eine Papierschwalbe in der Hand, flattert und zwitschert sie vor dem Helden her: Eine, schon mit mehreren Preisen ausgezeichnete, junge Sängerin, von der sicher noch einiges zu erwarten ist.
Doris Soffel hat bereits seit vielen Jahren Erwartungen erfüllt oder gar übertroffen. Als, ihren Pflichten müde Erda, beweist sie, dass sie weder ihre Bühnenpräsenz, noch ihre kraftvollen Höhen verloren hat. Alles andere weist jedoch, wohl verständlich, leichte Ermüdungserscheinungen auf.
Müde wirkte
John Lundgren als Wanderer nur geschuldet der Rolle, ansonsten bestach er nicht nur, wie stets durch starke Ausstrahlung und warmes, formbares Timbre. Wie schade, dass Wotan in dieser Inszenierung zwar auch in Götterdämmerung auftaucht, aber eben schweigend und von einem Statisten dargestellt. Möge Lundgren bald wieder kehren, vielleicht auch ein Mal in einer Oper eines anderen Komponisten, als Jack Rance aus oder sogar als Scarpia.

Katja Pieweck, Hellen Kwon, Claudia Mahnke eröffneten den letzten Tag des Wagnerischen-Rings als, sich an Siegfried lehnende, gesanglich recht gut harmonierende Nornen. Claudia Mahnke zeigte dann später als Waltraute Potential für weitere größere Partien.
Als zweites Damentrio in diesem Stück kokettierten
Katharina Konradi, Ida Aldrian, Ann-Beth Solvang als Rheintöchter leichtfüßig und planschend mit Siegfried und machten diesen Aufeinandertreffen auch musikalischen zu einem heiter melancholischen Kleinod.
Vladimir Baykovs Gunter war besonders darstellerisch facettenreich, dass er stimmlich etwas weniger überzeugte, als als Wotan in „Rheingold“, ist allerdings in erster Linie in Zusammenhang mit der Leistung von Stephen Milling als Hagen zu sehen. Dessen volle, an die Bässe alter Schule mahnende Stimme, seine imposante Statur und Darstellung, des in sich zerrissenen Albensohns, zog sofort und ganz und gar in den Bann
Allison Oakes,als Dritte im Bunde, derer die Siegfried zu Fall bringen, überzeugte darstellerisch als verliebte, doch ihrer „Rivalin“ Brünnhilde unterlegene Gutrune. Ihre schöne, oft gut modellierte Stimme wusste sie aber, vor kurzem als Marietta in Korngolds „Die tote Stadt“ noch stärker zur Geltung zu bringen.

Staatsoper Hamburg/Götterdämmerung/ Foto @ Monika Rittershaus

Lise Lindstrom als Brünnhilde und besonders Andreas Schager als Siegfried schließlich, hatten den Löwenanteil an künstlerischer Arbeit zu leisten,da sie beiden Vorstellungen zu singen hatten. Sie meisterten dies, jeder auf seine Weise, mit gewisser Bravour.
Lise Lindstrom ist schon optisch eine jugendlich schöne Brünnhilde, überzeugend in beiger Soldatinnenkluft, in der sie in Siegfrieds Armen einschläft, wie auch in jenem blauen Kleid, in dem sie eine Oper später erwacht. Darstellerisch bietet sie unglaublich viele Nuancen. Sie ist die noch skeptische, lebenshungrige frisch Erweckte, die, irgendwie auch mütterlich liebende Gefährtin, die Betrogene. Letztlich ist sie auch die Rächerin und Entscheiderin, als sie den Ring den Rheintöchtern zurückgibt und die ist, die Nothung ein letztes Mal schwingt, und so Walhall und alles was damit zusammenhängt zerstört. Die Energie und Verve, die Lindstrom in diese Geste legt, legt sie bei beiden Auftritten auch in Spiel und Stimme. Klar ist ihr Sopran metallern, aber doch nie blechern, manchmal ein wenig scharf in den Höhen doch stets ausdrucksvoll und die Aussage des Gesungenen wortlos unterstützend.
Andreas Schager, ist einer der meist umjubelten Wagnertenöre und zweifelsohne der mit der kraftvollsten Stimme. Aber auch jemand, dem die sanften leisen Töne nicht leicht und auch nicht oft von den Stimmbänder gehen. Sein Stimmvolumen ist wahrhaft beeindruckend. Doch wann geht dieser augenscheinliche Kraftaufwand auf Schagers Kosten? Dies gilt im Besonderen für das „Schmiedelied“ im ersten Aufzug von „Siegfried“. Das er Partien wie Tamino oder Ferrando (Cosi fan tutte) im Repertoire hat(te) scheint ungewöhnlich, klingt aber leicht in der Waldvogelszene, bei der Szene am Rhein mit den Rheintöchtern und auch, wenn er als Siegfried sich sterbend an alles erinnert.  Hier wirkt Schager weicher, fast zart, so weit dies Musik und Rolle verlangen. Darstellerisch ist er ein herrlich verzogener Siegfried. Am Ende dann gelang ihm etwas, das genauso schwer zu erreichen ist, das Singen von besonderen Tönen. Er stand einfach, als Vision der sterbenden Brünhilde, da. Zeigte dem Publikum Rücken und Schulterwunde und doch lag in dieser Reglosigkeit, ein Ausdruck, der nahe am „Gänsehautfaktor“ war.

Alles in allem also, waren diese beiden Ringteile, wie auch schon die beiden davor, ein Beweis nicht nur für die Genialität Wagners, sondern auch für die ungebrochene Begeisterungsfähigkeit des Publikums der Staatsoper Hamburg, der sich in stürmischen Jubel zeigte.

 

  • Zusammenfassende Rezension der Aufführungen des Siegfried am 23.11. und der Götterdämmerung am 25.11. in der Staatsoper Hamburg von Birgit Kleinfeld (Red. DAS OPERNMAGAZIN)
  • Homepage der Staatsoper Hamburg
  • Titelfoto: Staatsoper Hamburg/Götterdämmerung/ Foto @ Monika Rittershaus (alle Artikelfotos @ Monika Rittershaus)

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