Hamburg Ballett: „Illusionen wie Schwanensee“ – Traumwelten

Ballett von John Neumeier/Illusionen – wie Schwanensee/ Alexandr Trusch/Foto @ Kiran West

„Illusionen wie Schwanensee“ ist John Neumeiers Version von Peter I. Tschaikowskys Märchen um Prinz Siegfried, der sich in einen Schwan verliebt, welcher die vom Zauberer Rotbart verzauberte Prinzessin Odette ist. Bei Neumeier ist der Prinz ein König, und zwar Ludwig II von Bayern, der „Märchenkönig“ und seine Liebe gilt keinem Märchenwesen, sondern er verfällt einer Vision, die ihn mehr und mehr die Realität vergessen lässt.

Seit der Premiere am 02. Mai 1976 haben Neumeiers „Illusionen“ nichts von ihrem ganz besonderen Zauber verloren. Dank eines Konzepts, das eine psychologische Sicht auf eine Geschichte mit Empathie für die Hauptfigur und Romantik verbindet. Dargeboten von einem Ensemble, welches beweist das Ballett „Tanztheater“ ist, verbindet es doch höchste Tanzkunst mit sichtbarer Freude an authentischem (Schau-)spiel. (Rezension der besuchten Vorstellung v. 22.5.19)

 

Wenn sich der Vorhang öffnet, befinden wir uns im Rohbau des Schlosses „Neuschwanstein“. Der König wurde in Gewahrsam genommen, nachdem er auf einen Maskenball für wahnsinnig erklärt wurde. Hier in seinem Gefängnis spürt er die Anwesenheit des „Mann im Schatten“, eines Trugbildes, das sofort wieder verschwunden ist und dann erinnert er sich: An das fröhliche Richtfest seines Schlosses, die Privatvorstellung des Ballettes Schwanensee, bei der er sich selbst in der Rolle des Prinz Siegfrieds sah und an den Maskenball. Hier kommt es zum Eklat und zur Verhaftung, als der einzige schwarz gekleidete der maskierten Clowns, die Maske abnimmt und sich als „Mann im Schatten“ entpuppt, der ihn auf unauffälligere Weise auch durch die anderen Erinnerungen begleitet hat. Ein Besuch von Natalia, holt den König zurück aus seinen Traumgedanken ins hier und jetzt. Doch er schickt sie fort, verfällt ganz seiner fiktiven Welt um die Schwanenprinzessin Odette. Rotbart entpuppt sich als „Mann im Schatten“, seinem Wahn. Er wehrt sich nicht länger, ergibt sich seinem Schicksal.

Ballett von John Neumeier
Illusionen – wie Schwanensee/
David Rodriguez, Alexandr Trusch/Foto @ Kiran West

Neumeier und sein Bühnen- und Kostümbildner Jürgen Rose gaben dem „Gefängnis“, wie auch für die drei Erinnerungen, ein jeweils authentisches Ambiente. Das Gefängnis ist einem unfertigen Teil Neuschwansteins nachempfunden, beim Richtfest gibt es ein Gerüst aus hellen Holz, welches die Bühne umrahmt. Es wird geschäkert, getanzt und und in Sportkämpfen gewetteifert, in Kostümen, die der Zeit entsprechen. Das Bühnenbild für die Theateraufführung ist üppiger, wie auch die Kostüme des Prinzen Siegfried und seiner Begleiter. Hier und im Grand Pas de deux passt Neumeier seine Choreografie in weiten Teilen den Originalchoreografien von Marius Petipa und Lew Ivanowan. Beim Maskenball entführen uns Rose und Neumeier in einen Festsaal, mit vielen Leuchtern. Auch die Kostüme sind prachtvoll, entsprechen den Trachten der Länder, die in den einzelnen Tänzen des Divertimentos präsentiert werden.

Neumeiers Choreografie beschränkt sich, wie auch in seinen anderen Handlungsballetten, nie allein auf die jeweiligen Tänze und Tänzer, sondern bezieht das gesamte Ensemble mit ein, lässt es agieren, wie Menschen auf Festen im Hintergrund agieren. So gibt es viel zu sehen und zu entdecken und für jedes einzelne Ensemblemitglied die Möglichkeit seine Vielseitigkeit unter Beweis zu stellen, im Kleinen wie im Großen. Alle haben sie Erwähnung, Dank und Anerkennung erwähnt. Nicht allein die bezaubernde Emilie Mazon als Schmetterling auf dem Maskenball oder Karen Azatyan als charakterstarker Prinz Leopold, Patricia Friza in der Rolle der gestrengen Königinmutter oder Florian Pohl als Prinz Siegfried oder wieder Patricia Friza und Yun-Su Park als große und Giorgia Gianni, Chiara Ruaro, Airi Suzuki und Mengting You als kleine Schwäne. Denn sie alle machten diesen Abend zu einem Erlebnis schönen Tanzes und tiefer Emotionen.

Dies gilt natürlich ganz besonders für die Protagonisten des Abends. Xue Lin ist eine geradezu ätherisches schwerelose Odette, die brillante Technik mit zarter berührender Ausstrahlung verbindet.

Matias Oberlin, Absolvent der Ballettschule des Hamburg Balletts und diesjähriger Preisträger des Dr. Wilhelm Oberdörffer-Preis war ein elegant-chamanter Graf Alexander. Besorgt um den König und Freund, voller zärtlicher Hingabe an seine Braut Prinzessin Claire (Leslie Heylmann). Seine Sprünge sind kraftvoll, seine Schrittkombinationen wirken sicher und leicht. Leslie Heylmann sprüht vor Leichtigkeit und Charme. Die Pas de deux mit Matias Oberlin sind zum dahinschmelzen zärtlich und ihren Variationen wohnt neben tänzerischer Finesse auch ein erfrischendes Maß an Koketterie inne.

Madoka Sugai, Preisträgerin des Dr. Wilhelm Oberdörffer-Preis 2018 gewinnt die Herzen der Zuschauer schon mit ihrem ersten Auftritt. Jede Bewegung, jede Geste und ihr Minenspiel zeigen wie sehr sie als Natalia den König liebt. Die Abschiedsszene gestaltet sie herzzerreißend in Tanz und Darstellung, ganz und gar gibt sie sich selbst auf und dem König hin. Im Grand Pas de deux besticht auch sie durch Anmut und nicht nur ihre Fouettés haben den Szenenapplaus mehr als verdient.

Ballett von John Neumeier/Illusionen – wie Schwanensee/ Madoka Sugai, Alexandr Trusch/ Foto @ Kiran West

Der gerade 23 Jahre alt gewordene David Rodriguez fasziniert als Mann im Schatten durch seine subtil bedrohliche Ausstrahlung, die in den Bann zieht, zumal er im Gegensatz dazu, als schwarzer Clown, dessen Identität dem Zuschauer bewusst ist, leichtherzig albert, lacht und und akrobatisches Können zeigt. Seine Pas de deux mit dem König, besonders die Schlussszene, verursachen aufgrund der Virtuosität und Intensivität eine Gänsehaut, die nachhallt.

Dies ist auch Alexandr Trusch und der optischen, wie künstlerischen Harmonie zwischen den beiden zu verdanken. Trusch ist ein jugendlicher, auf berührende Weise fast unschuldig wirkender König. Es gelingt ihm, dem Publikum jede kleinste Gefühlsregung nahe zu bringen. Sein Solo im Richtfestbild ist voller Melancholie, die durch die Mischung aus geschmeidiger Anmut noch unterstrichen wird. Auch er bekommt im Grand Pade deux für seine rasante Variation, wohlverdienten Szenenapplaus. Und auch bei ihm geht die Abschiedsszene von Natalia mit jeder Bewegung, jeder Hebung unter die Haut.

Simon Hewett führte das Philharmonische Staatsorchester Hamburg souverän und brachte Tschaikowskys  Musik auf eine Art zum klingen, die zusätzlich zu den verzaubernden Bildern auf der Bühne, schwelgen ließ. Und noch einer rührte zu Tränen: Konradin Selzer, der mit seinen Violinsoli mehr als nur den Tanz unterstütze, sondern ihm das gewisse entrückende Etwas zufügte.

Erst nach ausgiebigen Jubel verließ das Publikum das Haus und die Welt der so schön dargebotenen Träume.

 

  • Rezension von Birgit Kleinfeld / RED. DAS OPERNMAGAZIN
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  • Titelfoto: Ballett von John Neumeier/ Illusionen – wie Schwanensee/
    Xue Lin, Alexandr Trusch/Foto @ Kiran West

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