Frauenpower mit Mozarts Musik – „Die Entführung aus dem Serail“ in der Oper Köln

Oper Köln /Entführung aus dem Serail/Kathrin Zukowski, Rebecca Murphy/Foto © Paul Leclaire

Mozarts Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“ kommt in Köln als bunter Bilderbogen, Traum der hochschwangeren Konstanze, daher, die sich aus ihrem öden Leben an der Seite des doch etwas langweiligen Belmonte heraus in ein aufregendes Abenteuer mit einem anderen Mann träumt, der ihr den Hof macht. Kathrin Zukowski macht als Konstanze in jeder Hinsicht eine gute Figur, denn sie bleibt trotz aller Versuchungen ihrem Belmonte treu. Sie gestaltet souverän die schwere Partie mit ihrem strahlkräftigen warmen Sopran und begleitet sich sogar selbst auf der Gitarre. Ihr zur Seite steht ein gut aufgestelltes Ensemble und ein kleines Orchester unter der Leitung von Rainer Mühlbach, der mit Verfremdungen der Anfänge der einzelnen Nummern die Hörgewohnheiten des Publikums irritiert. (Rezensierte Vorstellung v. 28.03.2022)

 

 

Zu einem solchen Repertoirestück ist schon alles gesagt, nur noch nicht von jedem. Regisseurin Kai Anne Schuhmacher und Dirigent Rainer Mühlbach nehmen sich gar nicht erst vor, traditionelle Erwartungen zu bedienen, vor allem keine Überfrachtung mit einer wie auch immer gearteten politischen Dimension. Wenn etwas nicht vorkommt, dann ist es orientalisches Flair und die Angst vor einer fremden Kultur.

Oper Köln/Entführung aus dem Serail/Rebecca Murphy, Lucas Singer/Foto © Paul Leclaire

Der erste Eindruck ist der, dass eine Theatertruppe mit fünf sehr guten Sänger*innen und zwölf Chormitgliedern von der Kostümbildnerin Valerie Hirschmann mit allem, was der Fundus hergibt, ausstaffiert und abenteuerlich bleich geschminkt mit einem kleinen Orchester die Nummern aus der „Entführung aus dem Serail“ darbietet. Die Emanzipation der Frauen spielt dabei eine sehr große Rolle. Vor allem die zierliche Soubrette Rebecca Murphy als Blondchen und Dompteurin lässt sich nichts gefallen, aber auch Kathrin Zukowski als Konstanze befreit sich von behindernden Röcken und Frisuren, die nur Arbeit machen. Am Schluss steht sie mit Minirock, weißen Stiefelchen und Bubikopf da.

Justin Drozdziok als Pedrillo und vor allem SeungJick Kim als Belmonte wirken dagegen etwas lebensuntüchtig, vor allem Belmonte mit der physischen Ausstrahlung eines langweiligen Beamten kommt mir ein wenig lächerlich vor. Am Anfang stolpert er im karierten Pyjama über die Bühne, am Ende macht er sich mit einem rosa Maßanzug und weißem Hemd fein, um seine Konstanze erneut zu erringen. Seine betörenden Arien helfen dabei erheblich.

Lukas Singer als Osmin ist eher ein Gegenbild zu dem, wie er früher immer dargestellt wurde: mit hohen Plateausohlen alle überragend lang und dünn und ganz schön clever als autoritärer Macho. Mit seinem prachtvollen Bass gibt er dem Affen Zucker. „Ich gehe doch rate ich dir,“ ist ein Kabinettstückchen mit Blondchen als kesse Domina, bei dem sich zeigt, dass er vor einer Frau kuscht.

Alle fünf Solisten singen auf sehr hohem Niveau, vor allem Kathrin Zukowski als Konstanze und SeungJik Kim als Belmonte treffen den richtigen Mozartton und bewältigen auch die anspruchsvollen Koloraturen der Marternarie und der Baumeister-Arie mit Bravour. Dabei loten sie das Verhältnis zueinander immer wieder neu aus. Es wird überhaupt in den Arien und Ensembles berauschend schön gesungen, auch wenn die Anfänge der Stücke mitunter musikalisch etwas gegen den Strich gebürstet sind.

Florian Reiners als Bassa Selim fungiert als eine Art Spielführer im Look eines Zauberers, der mit seinen Nosferatu-Fingern für Schattenspiele sorgt. In der Optik eines Cabaret-Conferenciers kommentiert er nebenbei die Handlung.

Oper Köln /Entführung aus dem Serail/Rebecca Murphy, Lucas Singer/Foto © Paul Leclaire

Das Bühnenbild von Dominique Wiesbauer ist auf einer schiefen Ebene bodenbündig in der weiten Messehalle 3 aufgebaut, deren 200 Plätze notorisch ausverkauft sind. Gegenüber sitzt das Gürzenich-Orchester unter der Leitung von Rainer Mühlbach in kleiner Besetzung auf einem Podest. Diese Anordnung bewirkt, dass Mühlbach mit der einen Hand das Orchester dirigieren muss, mit der anderen die Sänger*innen, was nicht immer reibungslos gelingt. Rechts und links sind in fünf Reihen die Zuschauerbänke aufgebaut. Die Kulisse besteht aus Massen cremeweißer Tücher an Seilzügen und auf Stangen, die zusammengeknüllt das Bett des Paares Belmonte – Konstanze darstellen, aber auch zum Zelt, zur Mauer und zur Projektionsfläche von Schattenspielen hochgezogen werden können.

Der von Bang-In Jung einstudierte Chor trägt nicht nur musikalisch zum Opernspaß bei, sondern auch optisch. Die phantasievollen Kostüme von Valerie Hirschmann zeigen Diversität in jeder Hinsicht, zum Beispiel eine Frau im Dirndl, einen Herkules und eine Drag Queen, und die tollen Masken wie die Löwenkostüme geben den Zuschauern immer was zu gucken. Das Vaudeville „Nie werd´ ich deine Huld verkennen“ als Finale zeigt noch einmal das ganze Panoptikum.

Kai Anne Schuhmacher und Rainer Mühlbach haben einen Weg gefunden, aus dem Steinbruch des Singspiels von Gottlieb Stephanie d. J. und der Musik von Wolfgang Amadeus Mozart ein rundum unterhaltendes Musiktheater mit einer vor allem musikalisch ungeheuer spannenden Entwicklung der Hauptfigur Konstanze zu kreieren. Mozart war ein Frauenversteher! Das Verhältnis zwischen Männern und Frauen ist das brandaktuelle Thema.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Köln / Stückeseite
  • Titelfoto: Oper Köln /Entführung aus dem Serail/Florian Reiners, Kathrin Zukowski © Paul Leclaire

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