„ELEKTRA“ – diese Wiederaufnahme ist ein Glücksfall für die Staatsoper Berlin

Staatsoper Unter den Linden/Elektra/ Waltraud Meier (Klytämnestra)/ Foto @ Monika Rittershaus

Der schwarze Vorhang öffnet sich, spannungsvoll erwarten die Zuschauer das Agamemnon-Motiv im Fortissimo – zu hören gibt es lediglich das leise Scharren eines Besens über den Bühnenboden. Patrice Chéreau zögert den Moment heraus, das Publikum erstarrt gebannt auf den Sitzen, erst nach wenigen Sekunden unterbricht Barenboim mit dem Einsatz seiner Staatskapelle die Dunkelheit. (Rezension der besuchten Vorstellung v. 3.2.19

 

Chéreaus Elektra ist ein Meisterwerk solch intimer Augenblicke. Der Regisseur vermeidet abgedroschene, plakative Theatertricks und spielt mit der Psychologie seiner Figuren. Er stellt auf großer, spärlich beleuchteter Bühne die Taten und Gedanken der Handelnden in den Vordergrund. Durch subtile Gesten und eindrucksvoll in Szene gesetzte Blicke seiner Sänger unterstreicht er die elementaren Botschaften der aufbrausenden Partitur von Richard Strauss. So zeigt sich bereits früh die Freude in den Gesichtern der Mägde beim Anblick ihres vermissten Orest. Dieser betritt schon während der Klytämnestra-Szene die Bühne und beobachtet das Drama um seine Familie aus dem Hintergrund heraus. Kalt läuft es den Zuschauern über den Rücken, als sich Orest seiner Schwester, vor Gram auf dem Boden wälzend, zu erkennen gibt.

Die Mailänder Scala, die Metropolitan Opera und das Liceu-Theater in Barcelona – Chéreaus letzte Opernproduktion reiste durch die gesamte Welt und kehrte 2019 zur Wiederaufnahme zurück nach Berlin. Obwohl die Personenregie über die Jahre nachgelassen hat, Details in Mimik und Gestik sind verloren gegangen, bleibt diese Produktion eine der wichtigsten Inszenierungen in der Rezeptionsgeschichte von Elektra.

Die Besetzung der Hauptrollen war mit Ausnahme von Waltraud Meier eine andere als noch 2013 zur Premiere in Aix-en-Provence. Meier verkörperte nicht die dämonische oder schrill-verrückte Klytämnestra, sondern verband sämtliche Lebenserfahrungen ihrer Kundry und Isolde zu einer stolzen, selbstsicheren und nachdenklichen Charakterrolle. Mit ihrer deutlichen Aussprache und schauspielerischem Geschick gelang Waltraud Meier die intensivste Darstellung des Abends. „Es drückt mich nicht, es würgt mich nicht“, selbstreflektorisch im Flüsterton, ganz wie eine Liedsängerin, betonte sie die Verse fragend an ihre Tochter gerichtet.

Staatsoper Berlin/ELEKTRA/ Evelyn Herlitzius (Elektra) und Waltraud Meier (Klytämnestra) / Foto @ Monika Rittershaus

Erst zog Evelyn Herlitzius Ihre Teilnahme an der Wiederaufnahme zurück, nun ist auch die Einspringerin Ricarda Merbeth erkrankt. Glücklicherweise fand die Staatsoper Berlin kurzfristig mit Sabine Hogrefe einen adäquaten Ersatz für die Titelrolle. Hogrefe verkörperte die Rolle bereits an zahlreichen mittelgroßen Häusern und war offizielles Double für Christine Goerke in der gleichen Produktion an der Metropolitan Opera. Drittbesetzung bedeutete an diesem Abend dank Frau Hogrefe keinesfalls dritte Wahl – im Gegenteil! Sängerisch überzeugte Sabine Hogrefe, sie vermochte ihre verhältnismäßig kleine Stimme bewusst einzusetzen. Sowohl in den dramatischen als auch den lyrischen Passagen sang sie sicher, in den Höhen und Tiefen erklang ihre Stimme stets frei und voluminös. Ihr dezent eingesetztes Vibrato half der Charakterisierung dieser dämonischen Rolle. In ihrer schauspielerischen Darstellung zeigte Hogrefe eine verletzbare und aufgewühlte Elektra. Sie warf damit einen neuen Blickwinkel auf die angespannte Bruder-Schwester-Beziehung mit Orest.

Vida Miknevičiūtė hat sich an den Staatstheatern Wiesbaden und Mainz in zahlreichen dramatischen Partien auf ihr Debut an einer großen Opernbühne vorbereitet. Die Berliner Staatsoper erkannte ihr Potential und ließ sie am Haus in der Rolle der Chrysothemis debütieren. Miknevičiūtė verfügt über ein großes Stimmorgan mit ausgeprägten Stärken in der hohen Lage. Durch ihr leichtes, süßliches Vibrato differenzierte sie sich deutlich von den anderen Sängerinnen. Insbesondere im Zusammenspiel mit Hogrefe zeigte sie stimmlich und darstellerisch durch bewusste Zurückhaltung, dass Chrysothemis lediglich als kleine zerbrechliche Schwester neben der ausgestoßenen und mordlüsternen Elektra lebt.

Während die drei weiblichen Hauptrollen der Oper jeweils auf ihre eigene Art rachsüchtig, dämonisch, ängstlich oder panisch sind, stand Rene Pape als Orest wie ein Fels in der Brandung des aufrauschenden Orchesters. Seine voluminöse, runde und kraftvolle Stimme verlieh ihm Autorität über seine Gegenspieler. Ein Hauch des Göttervaters Wotan war auf der Bühne zu spüren, diesem Orest stellte sich keiner entgegen, sein Auftrag lautete „Mord“ und den war er gewilligt auszuführen.

DANIEL BARENBOIM IN DER STAATSOPER UNTER DEN LINDEN/ Foto @ Christian Mang
Daniel Barenboim in der Staatsoper Unter den Linden/ Foto @ Christian Mang

Seit fast dreißig Jahren dirigiert Daniel Barenboim die Berliner Staatskapelle. Kurz nach seinem Antritt als Generalmusikdirektor spielte er mit eben jenem Orchester und schon damals mit Waltraud Meier in der Rolle der Klytämnestra die Oper im Studio ein. Sein Dirigat wurde geprägt durch jahrzehntelanges, eng vertrautes Zusammenspiel.

Daniel Barenboim legte ein sängerfreundliches und ruhiges Tempo vor. Er gestaltete damit nicht die dramatischste, aber womöglich seine musikalischste Elektra. Intuitiv gelangen ihm auch die kniffeligsten Stellen der Partitur. Die Mägdeszene wurde deutlich strukturiert und bestach durch sichere Einsätze der Sängerinnen. Franz Mazura und Olaf Bär, Sängergrößen einer vergangenen Zeit, kehrten in kleinen Rollen auf die Opernbühne zurück.

In Anbetracht der komplizierten Partitur bewies die Staatskapelle Berlin, dass sie nicht nur als leidenschaftlich musizierender Klangkörper fungiert, sondern dass ihre Musiker auch solistisch brillieren können. Das exzellente und präzise Zusammenspiel der Streicher erklang wie ein Teppich, behutsam vermochte Barenboim die zahlreichen Soli in diesen einzuweben.

Ein Orchester in Höchstform und eine spannende Sängerbesetzung in legendärer Inszenierung – diese Wiederaufnahme wurde zum Glücksfall für die Staatsoper Berlin.

 

  • Rezension der besuchten Vorstellung von Phillip Schober / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Homepage der Berliner Staatsoper unter den Linden
  • Titelfoto: Staatsoper Unter den Linden/ELEKTRA/Evelyn Herlitzius (Elektra) und Waltraud Meier (Klytämnestra)/@Monika Rittershaus

Ein Gedanke zu „„ELEKTRA“ – diese Wiederaufnahme ist ein Glücksfall für die Staatsoper Berlin

  1. Besuchte Vorstellung: 3.2.19 – immerhin Berliner Staatsoper
    Leider war die Elektra aus meiner Sicht doch 3. Wahl, wie schon gesagt – kleine Stimme. Elektra erfordert einen hochdramatischen Sopran und bei der Orchestrierung Stimmkraft. Dann musste man auch noch bei der Klytämnestra so gespannt zuhören, um überhaupt etwas zu verstehen, dass es wirklich keine Freude mehr war. Flüstern und sprechen mag durchaus Interpretationsmittel sein, aber was zu viel ist ist zu viel. Ich wünsche mir einfach nur Stimmen die richtig im Raum stehen und dann darf auch über Interpretation geplaudert werden. Die Not zur Tugend zu machen – dieser Spruch war noch nie ein guter Berater.

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