
Ethel Smyths Oper „The Wreckers“ (dt. „Strandrecht“), uraufgeführt 1906, ist das bekannteste Werk der britischen Komponistin. In den letzten Jahren gab es vereinzelte Inszenierungen dieser Oper auf deutschen Bühnen zu erleben, aber insgesamt ist „The Wreckers“ immer noch ein relativ unbekanntes und selten gespieltes Werk. Zu Unrecht – wie die gestrige Premiere dieses Musikdramas am Landestheater Detmold unter Beweis stellt. Die Geschichte über die skrupellosen Strandräuber, die ihre Verbrechen an den schiffsbrüchigen Menschen als gar noch „gottgegeben“ preisen und die am Ende die beiden Menschen aus ihrer Gemeinschaft hinrichten, die all das nicht mehr ertragen und sich ihre Menschlichkeit erhalten wollen, ist der Stoff für eine große Oper. Die Detmolder Intendantin Kirsten Uttendorf inszeniert diese Oper sehr emotional und gefühlsbetont und Per-Otto Johansson am Pult des Symphonischen Orchester Detmold lässt die Dramatik dieser Partitur auf beeindruckende Weise spürbar werden. Ein starker Opernabend in Detmold! Der Jubel des Premierenpublikums war groß und langanhaltend. (Rezension der Premiere v. 06. März 2026)
Erzählt wird die Geschichte einer Dorfgemeinschaft an der Küste von Cornwall, die davon lebt, dass verirrte Schiffe durch eben bewusst fehlende Leuchtfeuer, an den Klippen zerschellen. Dann sehen es die Dorfbewohner als eine Gabe Gottes an, sich an der Fracht und auch den Habseligkeiten der gestrandeten Menschen bedienen zu können. Sie erkennen an ihrem Handeln nichts unrechtes. Vielmehr beten sie Sonntags dafür, dass ihnen das Meer auch weiterhin einen solchen „Fang“ beschert. Irgendwann bemerken die Strandräuber, dass die „Beute“ ausbleibt und bemerken, dass einer von ihnen nachts ein Leuchtfeuer entfacht, dass die nahenden Schiffe vor den Klippen warnt. Für sie ist das ein Verrat. Zunächst verdächtigen sie ihren Anführer, den Prediger Pascoe und vor allem seine Frau, die junge nicht aus dem Ort stammende Thirza, der Verräter zu sein. Doch bevor sie Pascoe den Fluten übergeben, gibt sich der junge Fischer Mark als derjenige zu erkennen, der die heimlichen Leuchtfeuer entfacht. Und als sich dann auch noch Thirza zu Mark gesellt und vor allen Dorfbewohnern ihre Liebe zu ihm offenbart und sie gemeinsam erklären, dass sie dieses unmenschliche und gesetzlose Leben als Strandräuber nicht mehr weiterleben wollen, ist das Urteil über beide gefällt. In der aufkommenden und nahenden Flut sollen sie ihr gemeinsames Ende finden. Die verbrecherische Dorfgemeinschaft hat sich dieses Problems entledigt und sieht ihr Unrecht nicht ein. Thirza und Mark aber sehen ihren gemeinsamen Tod als Erlösung an.

Eine dramatische Liebesgeschichte in einem rauen Umfeld. Cornwalls Küsten, wild und voller Klippen und oft von stürmischer See umflutet, bildet die Kulisse zu einem Drama über dass, was durchaus mit dem scheinbaren „Recht des Stärkeren“ gleichzusetzen ist. Der, oder diejenigen, die die fragwürdige Macht und Stärke besitzen über andere zu urteilen und zu bestimmen, nehmen sich, was immer sie wollen, wann immer sie wollen. Das Liebespaar Mark und Thirza wollen aber so nicht mehr leben. Wissend um ihre schwache Position in dieser rechtlosen Gemeinschaft, begehren sie erst im Geheimen gegen ihre Mitbewohner auf. Vielleicht auch in der Hoffnung, so eine Änderung der Situation herbeizuführen. Doch sie müssen erkennen, dass sie der Übermacht der Dorfgemeinschaft nichts mehr entgegenzusetzen haben. Ein Umdenken dieser Menschen scheint nicht realistisch zu sein. Zu sehr fühlen sich diese im Recht. Dem Recht des Stärkeren, dass die Schwachen ausschließt. Einer Mehrheit, die das Recht der Minderheit nicht achtet. Ethel Smith zeigt mit ihrer Oper geradezu mit mehr als einem Finger darauf, dass Recht nur Recht sein kann, wenn es alle umfasst und mit einschließt. Die laute Mehrheit, aber eben auch, die leise und oft nicht zu vernehmende Minderheit. Oder einfacher formuliert: Smyth geht es um die Menschenrechte.
Regisseurin Kirsten Uttendorf zeigt in teils subtilen Gesten und Bildern den Konflikt der „Guten“ – Mark und Thirza – gegen die „Bösen“ – die Dorfbewohner – sehr nachvollziehbar auf. In ihrer Inszenierung geht es weniger um die politischen und sozialkritischen Aspekte, die in dieser Geschichte vorhanden sind, als vielmehr darum aufzuzeigen, wie Aufbegehren und Opposition in einer solchen inhumanen Umgebung unmöglich zu sein scheint. Einerseits zeigt sie den lauten und gröhlenden Mob, der ohne jede Rücksicht nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist und dann wieder diese sehr gefühlvollen Szenen und Momente des sich heimlich treffenden Liebespaares.
In dieser Gegenüberstellung der jeweiligen Gefühlswelten bedurfte es keiner weiteren Erklärung oder Erläuterung. Vielmehr, auch und besonders durch diese wirklich großartige Musik dieser Oper, erkennt das Publikum die Konflikte und die tieferen Aussagen dieses Werkes auch ohne plakative Erklärungen oder Hinweise, wie sie leider zu oft in Operninszenierungen zu beobachten sind. Frau Uttendorf lässt ihren handelnden Personen viel Raum zum darstellen ihrer Charaktere, gibt ihnen Raum zur (sängerfreundlichen) Darstellung ihrer jeweiligen, höchst anspruchsvollen, Partien und bindet den Chor – sehr wichtig und präsent in dieser Oper – sehr präzise in das Gesamterleben dieser Oper ein. Das aus Holz gestaltete Bühnenbild und die in Braun-und Grautönen gehaltene Kostüme spiegeln die Trostlosigkeit und Vergänglichkeit dieser Lebensform dar. (Bühne: Jule Dohrn-van Rossum, Kostüme: Claus Stump). Zum finalen Duett Thirza/Mark lässt Kirsten Uttendorf die beiden Darsteller vor den Bühnenvorhang treten. Hinter ihnen ist nur noch die schwarze Wand zu sehen. „Love, mouth to mouth we soon shall calm be sleeping“ singen sie, sich an den Händen haltend, in den Saal hinein. Ein berührendes Schlussbild, dass seine Wirkung beim Publikum nicht verfehlt. So gefühlvoll und berührend kann Opernregie sein.
Musikalisch wurde die Aufführung ebenfalls ein großer Wurf!
Zunächst sei da der Opernchor des Landestheaters Detmold, sowie die Extrachöre von Damen und Herren, unter der Leitung von Francesco Damiani, zu erwähnen. Damiani hatte den gesamten Chor bestens vorbereitet und zu einer wichtigen Säule der Inszenierung werden lassen. Nicht unerwähnt soll auch die Statisterie des Landestheater bleiben, die auch mit in die Inszenierung eingebunden waren.

Lotte Kortenhaus spielte eine zumeist sehr brav und bieder wirkende Thirza, die aber in den Duetten mit Pascoe und im weiteren Verlauf der Oper mit Mark auch die leidenschaftliche, kämpferische Seite dieser Rolle darzustellen wusste. Dieser sehr anspruchsvollen Partie verlieh Lotte Kortenhaus ungemein viel Ausdruck und stellte ihr großes sängerisches Können insbesondere in den erwähnten Duetten eindrucksvoll dar. Völlig verdienter Jubel beim Schlussapplaus für sie!
Als Mark glänzte Ji-Woon Kim mit strahlenden Spitzentönen und scheinbar nicht enden wollenden Kraftreserven für diese schwierige und den Sänger sehr herausfordernden Partie. Eine Glanzleistung des Detmolder Tenors!
Der geistliche Anführer Pascoe wurde vom Bassbariton Marcel Brunner auf sehr eindringliche Weise dargestellt und gesungen. Zu Beginn verlieh er diesem Charakter die nötige Dominanz und im weiteren Verlauf der Oper zeigte aber auch er die Verletzlichkeit des betrogenen Ehemannes und die Resignation darüber. Ein starkes Rollenportrait des international tätigen Sängers, welches ebenfalls vom Publikum mit großem Applaus bedacht wurde.

Johanna Nylund ist die Avis dieser Neuinszenierung. Und welch ein absoluter Glücksgriff für diese schwere und darstellerisch so anspruchsvolle Partie! Wie sie die Rolle der unmoralischen Tochter des Leuchtturmwächters Lawrence in all ihren Facetten darstellte, ihre ausdrucksstarke Mimik und ihre Grimassen, wenn sie nicht sang und nur dem Geschehen folgte – und dazu ihr kräftiger und raumfüllender Sopran, mit der sie die schwierigsten Passagen dieser Partie sang, ist einfach nur große Oper! BRAVO!
Auch in den weiteren Partien durchweg glänzende Leistungen: Jonah Spungin als Lawrence, Jaime Mondaca Galaz als Harvey, Nikos Striezel als spielfreudiger Tallan und Franziska Pfalzgraf, die der Männerrolle des Jack ein starkes Profil verlieh.
Die musikalische Leitung des Abends lag bei Per-Otto Johansson, dem GMD des Detmolder Landestheaters. Johansson ließ das Symphonische Orchester in Ethel Smyths Musik schwelgen und ließ das Orchester in den dramatischen Momenten der Oper wahre Klangtürme von großer Emotionalität errichten. Schon bei der meisterhaften Ouvertüre von „The Wreckers“ bewies Johansson seine eigene Begeisterung für diese Partitur und das Vorspiel zum letzten Akt war von ganz besonderer, nahezu filigraner, Schönheit. GMD Johansson leitete die Premiere mit sicherer Hand und mit viel Leidenschaft. Dabei konnte er sich auf die glänzend aufspielenden Symphoniker absolut verlassen. Am Ende auch für sie und ihren Dirigenten Jubel und Ovationen vom restlos begeisterten Publikum.
- Rezension von Detlef Obens / DAS OPERNMAGAZIN
- Landestheater Detmold / Stückeseite
- Titelfoto: LT Detmold/THE WRECKERS/Lotte Kortenhaus, Marcel Brunner/ Foto: Jochen Quast
Ein unvergesslich herausragenden Opernabend vom Landestheater Detmold. Wir durften es erleben. Es war einfach der Hammer.