
Mit einem anspruchsvollen Programm unter dem Titel „Märchenhaft“ wurden an diesem Abend zwei zeitgenössische Kompositionen mit zwei modernen Klassikern verbunden. Das Werk „The Rapids of Life“ aus dem Jahre 2023 der finnischen Komponistin Outi Tarkiainen machte als schweizerische Erstaufführung den Anfang. Dabei werden die persönliche Erfahrungen bei der Geburt ihres Kindes und die intensiven Gefühle, die mit einem solchen Erlebnis verbunden sind, durch intensive Musik vermittelt. Von den Klangwogen, welche das in großer Besetzung spielende Orchester entwickeln, wird man förmlich überrollt. Es entwickelt sich eine bedrückende Stimmung, welche sich schließlich mit einem Schrei entlädt. Obwohl die Absicht der Komponistin eine ganz andere war, berührt die Musik besonders zu einer mit vielen Bedrohungen und Ängsten belasteten Zeit, wie der gegenwärtigen. (Rezension des Konzerts v. 4. März 2026)
Das „Konzert für Violine und Orchester Nr. 1, Sz 36“ von Béla Bartók stammt aus dem Jahre 1908. Bereits 1906 hat er die junge Geigerin Stefi Geyer kennengelernt und sich in sie verliebt. Es erstand eine romantische Beziehung, welche aber bereits 1908 endete. Obwohl er dieses Konzert ihr gewidmet hatte, hat sie es nie gespielt und hielt das Manuskript bis zu ihrem Tod 1956 unter Verschluss. So wurde es erst 1958, dreizehn Jahre nach dem Tod des Komponisten, uraufgeführt.

Dieses sehr emotionale, aus zwei Sätzen bestehende Konzert erfordert eine hochvirtuose Beherrschung des Instruments. Mit Patricia Kopatchinskaja wurde das Konzert zu einem eindrücklichen Erlebnis. Mit voller Hingabe und perfektem Spiel wurden alle Emotionen dieser Komposition spürbar durchlebt und zusammen mit dem Sinfonieorchester Basel unter der Leitung von Pekka Kuusisto, auch er ein gefragter Violinist, entstand eine hervorragende Wiedergabe dieses anspruchsvollen Werks.
Den wohlverdienten Applaus verdankte die Solistin mit einer originellen Zugabe. In der Coda des zweiten Satzes lässt der Komponist für einen kurzen einen Moment ein Kinderlied aufleuchten: „Der Esel ist ein dummes Tier, der Elefant kann nichts dafür, Iah, Iah…“ Im Original ein Kanon mit einem Spruch von Wilhelm Busch. Patricia Kopatchinskaja forderte nun das Publikum auf, zusammen mit ihr diesen Kanon zu singen. Zuerst sang sie gemeinsam mit dem Dirigenten und Antoine Lederlin, erstes Violoncello und der Konzertmeisterin Friederike Starkloff, diesen Kanon vor. Das Publikum wurde für den gemeinsamen Kanongesang in Gruppen aufgeteilt und so entstand ein Singen des gesamten Publikums. Eine humorvolle Idee, welche viel Beifall von allen Seiten erhielt.
Nach der Pause wurde mit „Entr‘acte für Streichorchester“ der amerikanischen Komponistin und Geigerin Caroline Shaw aus dem Jahre 2014 das zweite zeitgenössische Werk des Abends aufgeführt. Da wird man von teils bereits bekannten, teils aber auch unerwarteten Übergängen überrascht und zuweilen auch wieder von völlig zufällig wirkenden Streicherklängen fasziniert. Zauberhaft gespielt und durch die Kürze des Stückes umso spannender. Eine schöne Entdeckung für das aufmerksame Publikum.

Maurice Ravels Balletfassung von „Ma Mère l‘Oye“, aus dem Jahre 1910 ursprünglich für vierhändiges Klavier komponiert, für die Kinder seiner Freunde, war inspiriert durch das Märchen Dornröschen. Im Jahre 1911 folgte dann die Orchestrierung als Ballet Version, erweitert durch ein Prélude, eine Tanzszene und Interludes. Die einzelnen Szenen erklingen mit leuchtenden Orchesterfarben und offenbaren Ravel‘s geniales Kompositionstalent.
Mit diesem Konzert hat das Sinfonieorchester Basel, zusammen mit dem umsichtigen Dirigenten Pekka Kuusisto wieder seine Vielseitigkeit gezeigt und hat in jeder Hinsicht überzeugt. Sei es in ganz großer Besetzung oder in kleineren Formationen, immer spürt man die Hingabe für die einzelnen Werke und die große Spielfreude.
Der große Schlussapplaus war sehr verdient.
- Rezension von Marco Stücklin / Red. DAS OPERNMAGAZIN-CH
- Sinfonieorchester Basel
- Titelfoto: Sinfonieorchester Basel/Pekka Kuusisto und Patricia Kopatchinskaja/Foto: Bettina Matthiessen