Oper Dortmund: Premierenkritik – CARMEN am 1.2.2014

Ileana Mateescu (Carmen), Christoph Strehl (Don José)  ©Thomas M. Jauk / Stage Picture
Ileana Mateescu (Carmen), Christoph Strehl (Don José)
©Thomas M. Jauk / Stage Picture

Als Bizet im Jahre 1875 seine Oper CARMEN uraufführte, war weder ihm, noch der damaligen Musikwelt bewusst, dass dieses Werk einmal in der weltweiten Publikumsgunst einen ganz vorderen Stellenwert einnehmen würde. Der Mythos Carmen inspirierte nicht nur ganze Generationen von Carmen-Darstellerinnen und Musikern, er überschritt auch die Grenzen von der Musik hin in viele andere künstlerische Bereiche. Eine CARMEN wurde auch zum Sinnbild einer Frau, die emanzipiert und selbstbewusst, ohne soziale und konventionelle Fesseln, eigenverantwortlich leben und lieben will.

Die Geschichte der Femme fatale Carmen ist eine, die davon erzählt, wie eine Frau ganz bewusst ihre Reize einsetzt um dem Patriarchat die Zähne zu zeigen und gleichzeitig damit den Ausstieg aus ihrer miserablen sozialen Situation mithilfe der Männer zu erreichen. Daraus erwächst ihre Stärke und auch die Anziehungskraft, die sie auf das männliche Geschlecht ausübt. Liebesbeziehungen sind für sie Mittel zum Zweck. Und sie enden dann, wenn der jeweilige Zweck erfüllt ist.

Carmen umgarnt den Soldaten Don Jose, der ihr zur Flucht vor dem ihr drohenden Gefängnis verhelfen soll, ganz bewusst und zielgerichtet. Sie ist sich ihrer Macht über diesen Mann bewusst und er tut, was Carmen von ihm erwartet. Sein Einsatz für diese Frau ist hoch. Er opfert seine ganze bisherige Existenz einer Frau, die seine Liebe nicht erwidern kann. Sie hat schon sehr bald einen anderen Mann im Auge. Escamillo, einen vom Volk gefeierten Torero. Dem Prototyp eines Machos. Ein ganzer Kerl, zu dem sie aufblicken kann. Don Jose ist mittlerweile für sie nur noch ein lästiges Anhängsel, der sie mit seinen ständigen Liebesbeteuerungen nur noch anödet. Er will sie aber nicht ziehen lassen, er kämpft verzweifelt um ihre Anerkennung und Liebe. Als sie ihm unmissverständlich klarmacht, dass seine Zeit mit ihr Geschichte ist, tötet er sie und kann ihr ein letztes Mal unwidersprochen seine Liebe gestehen. …. Ah! Carmen! ma Carmen adorée!…

Foto@ ©Thomas M. Jauk/Stage Picture Gmbh
Foto@ ©Thomas M. Jauk/Stage Picture Gmbh

Georges Bizet hat diese tragische Liebe meisterhaft vertont. Seine kompositorische Sprache umfasst die gesamte Gefühlswelt der Protagonisten dieser Oper. Für viele ist es das, was die CARMEN ausmacht und ihren immerwährenden Reiz auf die Menschen ausübt. Bizet’s Komposition trägt und skizziert exzellent die Handlung der Geschichte. Ja, sie inszeniert die Oper fast von allein.

Katharina Thoma zeigte sich für die Dortmunder Carmen als Regisseurin verantwortlich. Zusammen mit der Bühnenbildnerin Julia Müer und der für die Kostüme zuständigen Irina Bartels, versetzte sie die Oper in die Neuzeit. Eine oftmals angewandte Form, einer Oper Zeitlosigkeit geben zu wollen und um die Intentionen des jeweiligen Regisseurs zu transportieren. Der Eindruck des Bühnenbildes in Dortmund war trist und nüchtern. Ausreichend Raum für die Handlung der Oper wurde zwar durch das Bühnenbild gegeben und doch wurde er nicht so genutzt, um sich der örtlichen Atmosphäre dieser eigentlich in Südspanien handelnden Oper auch nur ansatzweise nähern zu können. Frau Thoma inszenierte die Carmen abseits andalusischer Einflüsse und setzt das Drama von Carmen und Don Jose in einen anderen, mehr umfassenderen, Bezug. Ihr geht es um Grenzen, wie sie im Programmheft zur Oper Carmen schreibt. Grenzen zwischen Menschen, Männern und Frauen, Erster und Dritter Welt und die Grenze zwischen Leben und Tod. So gesehen ergeben die Nüchternheit des Bühnenbildes, der Kostüme und der Personenführung Sinn. Allein, die Bizet’sche Musik spricht eine andere Sprache. Und verbindet sogar vieles von dem, was uns die Geschichte der Carmen vermitteln will. Und das auch zeitlos.

Manches in der Dortmunder Inszenierung blieb jedoch unverständlich. Die Auftritte einer Bettlerin, die zudem in der Kartenszene zu „Gevatter Tod“ mutierte, die eine oder andere Tanzszene oder auch der Auftritt der Carmen im 4. Akt, der irgendwie eher an ein Sahra-Wagenknecht-Double als an eine feurige Carmen erinnerte. Manchmal ist weniger dann doch eben mehr.

Christoph Strehl (Don José), Ileana Mateescu (Carmen)
Christoph Strehl (Don José), Ileana Mateescu (Carmen)

Die Carmen am Premierenabend sang die Mezzosopranistin Ileana Mateescu. Ursprünglich war Katharina Peetz vorgesehen, die aber wegen Erkrankung kurzfristig absagen musste. Frau Mateescu sang die Partie der andalusischen Femme fatale eher zart angelegt, lies in der Kartenlegeszene und im Finale dann aber doch auch die dunklen Seiten der Carmen aufblitzen. Als Don Jose überzeugte der Dortmunder Tenor Christoph Strehl mit viel Einsatz. Stimmlich wie darstellerisch. Das Finale gestaltete er packend mit dem für diese Rolle notwendigen stimmlichen Schmelz und Pathos. Einen sehr männlichen Escamillo gab Morgan Moody, der leider -wohl hinderlich- bei seinem berühmten Auftrittslied auf zwei Tischen balancieren musste. Seinen kraftvollen Bariton konnte er aber besonders im Schlußakt platzieren. Christiane Kohl sang eine strahlkräftige Micaela mit vollem Einsatz.

Morgan Moody (Escamillo), Kinderchor
Morgan Moody (Escamillo), Kinderchor

Den Leutnant Zuniga sang der Bass Christian Sist gewohnt überzeugend. Mit Anke Briegel und Aglaja Camphausen als Frasquita und Mercedes und Stephan Boving und Fritz Steinbacher als Schmuggler,sowie Gerado Garciacano als Morales waren die fünf weiteren Rollen adäquat besetzt.

Wieder Lob an den Dortmunder Opernchor und Extrachor (Leitung Granville Walker) für ihre musikalische Leistung. Ebenso an den Opern-Kinderchor der Chorakademie Dortmund (Leitung Zeljo Davutovic) die mit viel Einsatz und Spielfreude den „Großen“ in nichts nachstanden.

Die musikalische Leitung des Abends lag in den Händen des Dortmunder GMD Gabriel Feltz, der diese Oper schmissig und mit Tempo dirigierte. Besonders erwähnenswert: Das Vorspiel zum dritten Akt der Oper geriet ihm und dem Philharmonischen Orchester Dortmund glänzend und zeigte einmal wieder mehr, welch einen hervorragenden Klangkörper die Dortmunder Oper aufzuweisen hat.

Am Ende starker Applaus für alle Mitwirkenden.

*Info: weitere Termine und Karten

*Fotos: ©Thomas M. Jauk / Stage Picture

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.