„Don Giovanni“ – Neuinszenierung an der Oper Leipzig

Oper Leipzig/DON GIOVANNI/Jonathan Michie/Foto © Tom Schulze

Es ist viel darüber geschrieben worden, was „giocoso“ [deutsch: spielerisch] in Bezug auf das „Dramma giocoso“ im Untertitel von Il dissoluto punito ossia Il Don Giovanni, KV 527 bedeutet. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde dieser Begriff als eine der vielen möglichen Bezeichnungen für eine „Opera buffa“ verwendet. Wolfgang Amadeus Mozarts Opera nach einem Libretto von Lorenzo Da Ponte, basiert auf der literarischen Vorlage von Giovanni Bertatis Don Giovanni Tenorio, ist voller Scharfsinn, aber ist eher ironisch als lustig. Die Oper wurde am 29. Oktober 1787 im Prager Nationaltheater (heute: Ständetheater) uraufgeführt und existiert in zwei Fassungen: dem Original und einer weiteren, die am 7. Mai 1788 in Wien wiederaufgeführt wurde. (Rezension der Premiere v. 21.01.2023)

 

 

Die Inszenierung, die am 21. Januar 2023 an der Oper Leipzig Premiere feierte, basiert auf der Prager Fassung, erweitert um eine Arie für Don Ottavio aus der Wiener Fassung („Dalla sua pace“) im ersten Akt. In den zahlreichen Inszenierungen, die ich von dieser Oper gesehen habe (u.a. in Salzburg, Mailand, Prag, Berlin), hat keine die Komplexität dieses Werkes erfasst. Ein Grund dafür ist der massive Wertewandel in Bezug auf Liebe, Sexualität und Ehe. Um die Geschichte für das heutige Publikum verständlich zu machen, müssen die Regisseure entscheiden, welche Elemente sie auf welche Weise darstellen.

Oper Leipzig/DON GIOVANNI/Donna Elvira (Kathrin Göring) und Leporello (Sejong Chang), oben in seinem Loft Don Giovanni (Jonathan Michie)/Foto © Tom Schulze

Die Regisseurin Katharina Thoma (Bühne: Étienne Pluss, Kostüme: Irena Bartels) inszenierte die Oper in einem Wohnhaus, in dem alle Hauptfiguren Nachbarn sind und ihre Interaktionen eher amüsant als erotisch sind. Im Zusammenhang mit dieser Oper bedeutet giocoso im Libretto, dass bestimmte unrealistische Situationen nicht wörtlich zu nehmen sind (z.B. Leporello als Don Giovanni verkleidet, der Donna Elvira im 2. Akt verführt sowie Szene 11 des 2. Aktes auf dem Friedhof, als die Statue des Komturs spricht). Solche Situationen sind als Parodien auf die Opern- und Literaturkonventionen der damaligen Zeit zu verstehen (darin liegt der Witz).

Die neue Leipziger Inszenierung kann sowohl als gelungene Adaption einer Oper aus dem 18. Jahrhundert als auch eine Fallstudie für die Schwierigkeiten gesehen werden, die Figuren in unsere Zeit zu übertragen, ohne vom Libretto abzuweichen. Einige Elemente, insbesondere Don Giovannis Verschleppung in die Hölle durch den Komtur, lassen sich nur schwer überzeugend umsetzen. Da Ponte mischte Parodie (das Publikum sollte die Sache nicht zu ernst nehmen), moralischem Urteil (gerechte Bestrafung durch das Mordopfer) und Trotz gegenüber dem göttlichen Urteil mit Verdammung als Folge. In dieser Inszenierung fand Don Giovanni sein Ende mit dem Komtur in einem Aufzug zum Keller, was weder ironisch noch erschreckend ist.

Eine Konsequenz der Verortung der Geschichte in ein Mietshaus ist, dass ein Teil der Klassenunterschiede verloren geht. Das Libretto macht deutlich, dass Don Giovanni einem viel höheren sozialen Rang angehört als Zerlina, was Teil ihrer Anziehung zu ihm vor ihrer Hochzeit mit Masetto ist. Wenn sie nur ein paar Türen voneinander entfernt in ähnlichen Wohnungen leben, hat es wenig Sinn, dass Don Giovanni Zerlina in seinen „Palazzo“ einlädt. Das Rezitativ, das dem Duett „La ci darem la mano“ vorausgeht, zeigt, dass Zerlina sich bewusst ist, dass Don Giovanni, ein Adliger, ihr ein weitaus besseres Leben bieten kann als Masetto, wenn er sein Versprechen, sie zu heiraten, einhält.

Mit seinem hellen Bariton entspricht Jonathan Michie dem Stimmtyp, für den Mozart diese Rolle geschrieben hat. In dieser Interpretation ist Don Giovanni ein sympathischer Lebemann, der das Leben genießt und den Vater von Donna Anna im Duell getötet hat, nur weil der Komtur sich weigerte, wegzugehen. Mitchies schauspielerische Leistungen, insbesondere sein lässiges Auftreten, entsprechen dem Regiekonzept eines modernen Mannes, der die Promiskuität genießt und weiterhin ein bequemes Leben führen könnte, wenn da nicht die Mordanklage wäre, die ihn das ganze Stück über verfolgt. Seine Leistung ist erfolgreich, wenn die Rolle auf diese Weise interpretiert wird.

Oper Leipzig/DON GIOVANNI/Olga Jelínková/Foto © Tom Schulze

Einer der musikalischen Höhepunkte des Abends war Olga Jelínkovás Darstellung der Donna Anna als einer jungen Frau, die sich eine erfüllende Liebe wünscht. Ihr Verlobter Don Ottavio bietet ihr emotionale Unterstützung, Schutz und Hingabe, aber es fehlt die erotische Chemie mit ihm. Ein Mann wie Don Giovanni, dem sie in der Anfangsszene nachstellt, kann zwar ihre sexuellen Bedürfnisse erfüllen, wäre aber kein fester Partner. Jelínkovás Körpersprache, vor allem wenn sie mit Ottavio allein ist, macht deutlich, dass sie will, das gleiche Verlangen für ihn zu fühlen, das sie für Don Giovanni empfindet. Das Libretto ist im 1. Akt, Szene 13, zweideutig, wenn Donna Anna Don Ottavio von ihrer Begegnung mit Don Giovanni erzählt. Sie beschwichtigt seine Ängste, indem sie andeutet, dass sie geflohen ist, bevor es zum Geschlechtsverkehr kam. Ob dies stimmt und ob sie den Kontakt mit Don Giovanni insgeheim genossen hat, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Jelínkovás zurückhaltende Darbietung der Arie „Or sai chi l’onore“ stellt die Aufrichtigkeit ihres Rachewunsches in Frage. Sie gab eine überzeugende Darstellung einer Frau, die zwischen widersprüchlichen Wünschen hin- und hergerissen ist und nicht weiß, wie sie mit Ottavios beharrlichen Forderungen nach einer sofortigen Heirat umgehen soll.

Kathrin Göring stellte Donna Elvira als eine weltgewandte Frau dar, die Don Giovannis Absichten verstanden zu haben scheint, bevor sie eine Affäre mit ihm hatte. Sie scheint Erfahrungen mit anderen Männern gemacht zu haben und begehrenswerte Qualitäten in Don Giovanni gefunden. Ihr Streben nach ihm ist von dem aufrichtigen Wunsch motiviert, ihn als Liebhaber zu behalten. Göring meisterte die schwierigen Koloraturpassagen der Partie und warnte Zerlina im 1. Akt, Szene 10 („Ah, fuggi il traditor!“) eindringlich vor Don Giovanni zu fliehen. Da die Aufführung der Prager Fassung folgte, war die Donna Elvira-Arie des 2. Aktes „Mi tradì, quell’alma ingrata“ in dieser Inszenierung nicht zu hören.

Don Ottavio wurde von Josh Lovell sympathisch dargeboten, der in beiden Arien, „Il mio tesoro intanto“ (Prager Fassung, 2. Akt, Szene 10) und „Dalla sua pace“ (Wiener Fassung, 1. Akt, Szene 14), technische Meisterschaft und Selbstvertrauen bewies. Diese Oper wirft einige offene Fragen auf, insbesondere, ob Donna Anna und Don Ottavio als Liebespaar zusammengehören. Die Aussage Ottavios im 1. Akt, Szene 3, „hai sposo e padre in me“, kann auf verschiedene Weise interpretiert werden. Ist er älter als sie und/oder sieht er sich in einer beschützenden Rolle ihr gegenüber? Seine beiden Arien gehören zu den schönsten, die je für die Tenorstimme geschrieben wurden, aber sie sind rein und ritterlich (ohne Mozarts Musik ist der Text von „Il mio tesoro intanto“ nichts anderes als eine Absichtserklärung, ein begangenes Unrecht zu rächen). In dieser Inszenierung wird diese Arie direkt an Donna Anna gesungen, was völlig falsch ist: Der Text der Arie und das vorangehende Rezitativ machen deutlich, dass er die Anwesenden (Donna Elvira, Zerlina und Masetto) anweist, sie zu trösten. Viel besser ist die Entscheidung, Ottavio seinen Koffer packen und abreisen zu lassen, während Donna Anna ihre letzte Arie, „Non mi dir, bell’idol mio“, im 2. Akt, Szene 12 singt, in der sie darum bittet, ihre Hochzeit zu verschieben. Dieser Ottavio begreift, dass Donna Anna in ihm eher einen guten Freund als einen Liebhaber und Ehemann sieht.

Oper Leipzig/DON GIOVANNI/ Sebastian Pilgrim, Jonathan Michie/Foto © Tom Schulze

Als Don Giovannis Diener machte Sejong Chang den als Essenslieferanten gekleideten Leporello angenehm und akzeptierend gegenüber den Forderungen seines Herrn. Obwohl Chang weniger Ressentiments zeigt als die meisten Darsteller dieser Rolle, macht er deutlich, dass seine Mitwirkung auch seinen eigenen Interessen dient. Dieser Leporello findet Vorteile darin, ihm zu dienen, sowohl in finanzieller Hinsicht als auch in der Möglichkeit, Frauen zu treffen, die er ohne Don Giovanni nicht kennenlernen würde. In dieser Inszenierung führt Leporello, verkleidet als Don Giovanni, Donna Elvira ins Schlafzimmer und scheint von dieser Erfahrung erfüllt zu sein, bis er auf die wütende Donna Anna, Don Ottavio, Masetto und Zerlina stößt. Stimmlich und visuell bringt Chang die Arie „Madamina, il catalogo è questo“ mit der richtigen Kombination aus Humor, Sarkasmus und Spott zur Geltung.

Masetto und Zerlina wurden als verliebtes Bauernpaar dargestellt, das sich jedoch bewusst ist, dass in ihrer Beziehung etwas fehlt. Peter Dolinšek spielte einen Masetto, der Zerlina leidenschaftlich liebt und die Fassung verliert, nachdem er erfährt, dass sie mit Don Giovanni weglaufen will. Eine große Entdeckung des Abends war Samantha Gaul als verführerische, süße Zerlina, die es versteht, Masetto nach der Auseinandersetzung mit Don Giovanni zu trösten. Ihre mitreißenden Koloraturen entsprachen den technischen und psychologischen Anforderungen der Rolle. Il Commendatore, gesungen von Sebastian Pilgrim, klang eher väterlich als wie eine rachsüchtige Stimme aus dem Jenseits.

Unter der Leitung von Jonathan Darlington spielte das Gewandhausorchester sowie die Komparserie der Oper Leipzig Mozarts komplexe Partitur mit zügigen Tempi und viel Schwung. Darlington hat sich von der historischen Praxis beeinflussen lassen, ist aber nicht kalt oder dogmatisch, sondern verleiht den emotionalen Konturen der Oper Nuancen und Sensibilität. Die Instrumentierung klingt nicht aufgeblasen, es wird aber nichts von der dramatischen oder emotionalen Wirkung großer Ensembles einbüßt.

 

  • Rezension von Dr. Daniel Floyd / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Leipzig / Stückeseite
  • Titelfoto: Oper Leipzig/DON GIOVANNI/Donna Anna (Olga Jelínková) und Don Giovanni (Jonathan Michie)/Foto© Tom Schulze 

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