DNT Weimar: Wagners „Tannhäuser“ – Willkommen in einer sterilen Welt, die keiner versteht

DNT Weimar/Außenansicht-illuminiert-/Foto @ Candy Welz

Am 18.5.2019 fand Richard Wagners „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg“ an historischer Spielstätte, dem Deutschen Nationaltheater Weimar, statt.

Die Oper „Tannhäuser“ gehört laut eigenem Anspruch des Opernhauses zum Kernrepertoire des Weimarer Musiktheaters. Die Erstaufführung des „Tannhäuser“ im Jahre 1849 verhalf dem Werk von Richard Wagner zu dem erwarteten Durchbruch und Anerkennung.

 

Die Weimarer Inszenierung des „Tannhäuser“ polarisiert auf eine unfassbare Art und Weise, da sie grenzwertig, sogar grenzüberschreitend, absurd und zum Teil grotesk in ihrer Darstellung und Wirkung ist und dem Meisterwerk von Richard Wagner überhaupt nicht gerecht werden kann. Bei einer Operninszenierung geht es primär darum, dass zumindest der Besucher der Aufführung den Kern der Handlung, die der Komponist vorgegeben hat, noch erkennen kann und neue Aspekte oder Ansatzpunkte in ihrer szenischen Kernaussage schlüssig dargelegt werden.

Die Inszenierung des Deutschen Nationaltheater Weimar hat als zentralen szenischen Ansatzpunkt eine Treppe auf der Bühne stehen, welche Bindeglied zwischen den mystisch, erotischen (Venusberg) und den irdisch, geistigen (Wartburg) Welten ist. Beide Reiche werden mit verschiedenen Farben, rot für die sündhafte, körperliche Liebe der Venus und weiß, steril für die geistige Liebe von Elisabeth, dargestellt.

Absolut nicht nachvollziehbar ist, dass die Inszenierung den zentralen Punkt der Oper, den Sängerkrieg auf Wartburg ins lächerlich zieht (Demontage eines Flügels) und zum Klamauk verkommen lässt. Damit geht die komplette Aussage des Sängerkriegs auf der Wartburg verloren.

Grotesk auch der Schluss der Oper, Elisabeth nimmt die Rolle der Venus im „Reich der Blasen“ ein, ihr zur Seite Wolfram von Eschenbach, der vorher Tannhäuser erdrosselt hat. Es bleiben zu viele Fragen offen und die Inszenierung widerspricht diametral den Vorgaben der Partitur von Richard Wagner.

 

Musikalisch präsentierte sich der Weimarer „Tannhäuser“ von einer sehr guten Seite.

Daeyoung Kim singt den Landgraf von Thüringen , mit voller, dunkler Bassstimme. Er artikuliert die textlichen Vorgaben in einer vortrefflichen Weise und setzt dabei die genau passenden Akzente in dem jeweiligen Ton ein. Sein stimmliches Register ist sehr ansprechend, da er auch die Töne in den sehr tiefen Lagen mit warmen Timbre wiedergibt. Im Sängerkrieg stellt er die Aufgabe für den Wettstreit „Könnt ihr der Liebe Wesen mir ergründenKim überzeugt auch darstellerisch als würdiger Herrscher, der Tannhäuser den Weg der Erlösung aufzeigt.

 

DNT Weimar / Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg – Camila Ribero-Souza (Elisabeth)/ Foto © Candy Welz

Die Weimarer Elisabeth wird von der brasilianischen Sopranistin Camila Ribero-Souza dargestellt und gesungen. Sie hat einen hellen, strahlenden Sopran , der genau für die gesanglichen Anforderungen der Elisabeth passt. Dazu hat sie das passende Volumen und den Stimmumfang um die von Wagner geforderte Klangwirkung der Stimme zu erzeugen. Sie schafft es mit einer großartigen Dynamik das komplette gesangliche Spektrum der Partie überragend zu präsentieren. Das an der einen oder anderen Stelle die Interaktion mit den anderen Protagonisten verloren geht, ist offensichtlich von den Regieanweisungen so gewollt.

Bei ihrem Auftritt im zweiten Aufzug, „Dich, teure Halle, grüß‘ ich wieder, froh grüß‘ ich dich, geliebter Raum“ und „Zurück von ihm – Nicht ihr seid seine Richter – Grausame – Werft von euch das wilde Schwert und gebt Gehör der reinen Jungfrau Wort“ singt sie mit einer hohen stimmlichen Intensität und Differenzierung, ohne in den Höhen zu überziehen und dabei voller Leidenschaft den inneren Zustand der Emotion gesanglich darzustellen.

Die Weimarer Venus wird von der Japanerin Sayaka Shigeshima dargestellt und gesungen. Oft werden in dieser Rolle aufgrund der gesanglichen Herausforderungen und Schwierigkeiten an diese Partie etablierte Sängerinnen eingesetzt, denen man allerdings rein optisch gesehen die „Göttin der Liebe“ schwer abnehmen kann. Hier in Weimar steht eine junge, gut aussehende Venus auf der Bühne, die erotisch, exotisch mit mädchenhaften Zauber Tannhäuser in den Bann zieht.

Sayaka Shigeshima ist auch sonst eine sehr positive Überraschung in der Aufführung des “Tannhäuser“ am DNT Weimar.

DNT Weimar / Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg – Corby Welch (Tannhäuser), Sayaka Shigeshima (Venus)/Foto © Candy Welz

Ihre gesangliche und darstellerische Leistung war auf höchstem Niveau. Sie verkörpert in ihrem roten Kleid die „Göttin der Liebe“, die den erotischen, göttlichen Zauber in ihrem Reich der Sinnlichkeit gesanglich grandios gestaltet. Hier agiert eine Venus auf der Bühne, die durch Körpersprache , Mimik und Interaktion (ein Blick, ein Lächeln, ein Kopf zur Seite senken, eine Berührung) vollends in der Rolle überzeugt. Ihre Stimme hat einen sehr angenehmen, warmen Klang und trotzdem eine sehr große Tragfähigkeit. Beeindruckend auch, wie sie die Tonfärbung einsetzt, um die Wirkung der Sprache noch zu verstärken.

Am Schluss des ersten Auszugs zeigt sie stimmlich ihr ganzes Vermögen. Ihr Disput und die Auseinandersetzung, das Ringen mit ihrem geliebten Sänger, gestaltet sie hoch dramatisch, emotional und dann wieder liebevoll, lockend. Ihre Stimmfarbe und warmes Timbre erzeugt bei „Hin zu den kalten Menschen flieh, vor deren blödem, trübem Wahn der Freude Götter wir entflohn tief in der Erde wärmenden Schoß“ eine ungemein, starke Wirkung auf den Zuhörer. Die Höhen sind klar und sehr sauber, ohne jeglichen Hang zu einer schrillen, überzogenen Tongebung. Eine großartige gesangliche und darstellerische Leistung der jungen Japanerin.

Die Rolle des Wolfram von Eschenbach wurde von Uwe Schenker-Primus in Weimar übernommen. Rein optisch hätte Schenker Primus an diesem Abend auch als Hans Sachs durchgehen können.

Sein Wolfram von Eschenbach an verschiedenen Stellen der Oper Opfer der szenischen Regievorgaben. Gesanglich zeigte er nach anfänglichen leichten Intonationsschwierigkeiten, die vermutlich aus einer Erkältung herrühren (Räuspern / Hüsteln) , eine vortreffliche Leistung. Seine Baritonstimme hat ein großes Volumen. Die großen Bindebögen in den Gesangslinien singt er auf sehr gutem Niveau. Die innere Zerrissenheit und Loyalität gegenüber Tannhäuser und seine geistig, keuche Liebe zu Elisabeth, wird durch die Inszenierung torpediert.

Der Auftritt im Sängerkrieg „Blick‘ ich umher in diesem edlen Kreise, welch hoher Anblick macht mein Herz erglühn“ wird von der szenischen Vorgabe gestört, aber gesanglich von ihm sehr gut umgesetzt. Eine der zentralsten Szenen und Höhepunkt für jeden Wolfram von Eschenbach Darsteller ist das Lied an den Abendstern, „O du, mein holder Abendstern, wohl grüßt‘ ich immer dich so gern.“ Schenker – Primus singt den Abendstern sehr schlicht, fast teilnahmslos beginnend, dann aber zum Schluss mit nötigen Steigerung. Ein sehr guter Wolfram von Eschenbach Darsteller ist Schenker – Primus, der in der Entwicklung seiner Rolle, den Fesseln der Regie unterworfen ist.

DNT Weimar / Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg – Corby Welch (Tannhäuser) © Candy Welz

Die Partie des Tannhäuser übernahm der amerikanische Tenor Corby Welch in der Weimarer Produktion. Hier singt ein Vertreter seines Fachs, der die Bezeichnung Heldentenor zu recht verdient. Corby Welch zeigt in der Aufführung wie wertvoll es ist, wenn ein Wagnertenor in der Lage ist, Notenwerte auszusingen, ausdrucksstark mit großem Volumen und tenoraler Glanz die Partie Partiturgetreu anzugehen. Wo andere Sänger seiner Gattung Notenwerte abkürzen, Lautstärke zurücknehmen oder sich stimmlich überfordern, zeigt Corby Welch keinerlei Defizite. Kraftvoll , emotional und stimmlich immer präsent ist sein Tannhäuser. Daneben setzt er die deutliche Deklamation des Textes als Mittel ein die Wirkung des Gesangs zu verstärken.

Sein Lobpreis an Venus im ersten Aufzug „Dir töne Lob Die Wunder sei’n gepriesen, die deine Macht mir Glücklichem erschuf ….“ und „Dank deiner Huld Gepriesen sei dein Lieben Beglückt für immer, wer bei dir geweilt“ und „Stets soll nur dir, nur dir mein Lied ertönen Gesungen laut sei nur dein Preis von mir“ mit der anschließende Bitte ihn ziehen zu lassen, singt Corby Welch mit leidenschaftlichem Ton und einer enormen Steigerung zum Schluss hin.

Beim Sängerkrieg auf Wartburg wird auch Welch zum Opfer der Inszenierung. Das Demontieren des Flügels und Slapstick ähnliche Gehabe der beteiligten Sänger wirkt absurd, überzeichnet und stört die inhaltliche Auseinandersetzung mit der zentralen Frage und die Auseinandersetzung der Sänger mit Heinrich. Nach dem Lobpreis auf die sinnliche Liebe und die Göttin der Liebe am Schluss des Wettstreites schafft es Corby Welch durch ein sehr ausdrucksstarkes „Weh Weh mir Unglücksel’gem“ den Wandel, Schmerz und die Verzweiflung über das Geschehene bei Tannhäuser glaubhaft einzuläuten.

Er steigert diese innere Emotion von Tannhäuser durch ein enormes stimmliches, ausdrucksstarkes Volumen, wie bei den Rufen um Erbarmen im zweiten Aufzug „O du, hoch über diesen Erdengründen, die mir den Engel meines Heils gesandt, erbarm dich mein, der ach so tief in Sünden, schmachvoll des Himmels Mittlerin verkannt

Den Höhepunkt der Tannhäuser Partie stellt die „Romerzählung“ dar. Corby Welch singt diese auf höchstem Niveau. Die so wichtige Änderung des stimmlichen Klangbildes bei der Beschreibung seiner Pilgerfahrt und auch den Ausbruch und Wunsch hin zum Venusberg meistert er stimmlich grandios. Ein großer Vertreter seines Fachs, der weiß welche Anforderungen Richard Wagner an seine Figuren in den Opern gestellt hat und dies auch umsetzen kann. Eine phantastische Leistung.

Der Chor des Deutschen Nationaltheater Weimar sang sehr homogen, aber ohne jegliche Emotion. Beim Pilgerchor wäre eine deutliche Steigerung und mehr Volumen wünschenswert gewesen.

Der Schlusschor „Heil Heil Der Gnade Wunder Heil Erlösung ward der Welt zuteil……. Der Gnade Heil ist dem Büßer beschieden, er geht nun ein in der Seligen Frieden“„ hatte endlich die nötige Spannung und das große Klangvolumen eines Wagnerchores.

Die Staatskapelle Weimar ist an diesem Abend sehr gut aufgelegt, spielt exakt und entwickelt den großen Klang der Partitur. Das Orchester zeigt eine hohe Musikalität, und der Klang ist äußerst breit angelegt. Bereits bei der Ouverture im ersten Aufzug, als auch beim Prelude im dritten Aufzug zeigt das Orchester der Staatskapelle Weimar eine wunderbare Form des Zelebrieren der Klangwelten der Tannhäuser Partitur. Einziges Manko, mit einer großer Wirkung, ist die mangelnde dynamische Differenzierung in wichtigen Teilen der Oper. Das Orchester war schlichtweg bei einigen Stellen zu laut und deckte die Sängerinnen bzw. die Sänger zu. Sehr schade und eigentlich eine der zentralen Aufgaben des musikalischen Leiters. 

Das gesamte Orchester, besonders auch die Bläser, spielte sehr genau und sauber unter dem leidenschaftlichen Dirigat von Dominik Beykirch.

 

  • Rezension der besuchten Vorstellung von Turgay Schmidt/Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Homepage des DNT Weimar
  • Titelfoto: DNT Weimar / Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg – Ensemble/© Candy Welz

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