Bayreuther Festspiele 2025: „Das Rheingold“

Bayreuther Festspiele 2025/DAS RHEINGOLD/Olafur Sigurdarson (Alberich), Ya-Chung Huang (Mime) und Kinderstatisterie der Bayreuther Festspiele/Foto: ©Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Dekonstruktion einer Oper in Bayreuth

Simone Young am Pult und ein exquisites Solistenensemble sorgten mit dem Bayreuther Festspielorchester für eine exzellente musikalische Umsetzung von Wagners Partitur. Das gezeigte Konversationsstück im Setting einer feudalen Villa mit einem glitzernden Pool, später einer chicen Kindertagesstätte mit acht braven Mädchen und einem ungezogenen Bengel, der mit Ketchup rumspritzte, wollte allerdings so gar nicht zur Musik passen, die man woanders schon als Entstehungsmythos der Schwerindustrie gesehen hat. Valentin Schwarz fasst den „Ring“ als eine Parabel über die Konkurrenz zwischen dem Lichtalben Wotan und dem Nachtalben Alberich auf, aber Richard Wagner hat in seiner Partitur sehr viel mehr ausgedrückt. (Gesehene Vorstellung: Derniere am 15. August 2025)

 

Dieses „Rheingold“ betreibt die Dekonstruktion der Oper, indem ein Nebenaspekt, nämlich die Rivalität zwischen den Zwillingsbrüdern Wotan, dem Lichtalben, und Alberich, dem Nachtalben, zum Hauptkonflikt hochstilisiert und ein wichtiges Requisit, der Ring, der die Macht verleiht, auf dem jedoch ein Fluch liegt, durch einen geraubten Jungen visualisiert wird. Das wirft bei der Umsetzung von Wagners Regieanweisungen erhebliche Probleme auf. Andrea Cozzi gestaltete das attraktive Setting in einer feudalen Villa mit Sitzgruppe und einem echten Eames Lounge Chair und Pool mit eleganten Übergängen. Andy Besuch charakterisierte jeden Charakter mit einem typgerechten zeitlosen Outfit, an dem die soziale Stellung der Person ablesbar war, zum Beispiel Loge mit einem eleganten Nadelstreifenanzug, Alberich in Blue Jeans mit Lederjacke, Wotan dezent in Beige, Froh mit grünem Blazer und Donner mit türkisfarbenem Dreiteiler.

Die Protagonisten haben keine Arien zu singen, es wird in Form von Accompagnato-Rezitativen gesprochen und im Sprachduktus gesungen, insofern ist es ein Konversationsstück. Die szenische Umsetzung, die Wagner konzipiert hat, erfordert jedoch viele theaterwirksame Aktionen, wie schnelle Szenenwechsel, das Aufscheinen des Goldschatzes als Lichteffekt, den Regenbogen, auf dem die Götter nach Walhall ziehen, im Idealfall jede Menge gleißendes Gold, die alle durch Verwandlungsmusik und mit Leitmotiven beschrieben sind. Man benötigt einen Ring und eine Visualisierung der Wirkung der Tarnkappe, dazu eine Schar von Statisten, die im Bergwerk schuften und hämmern und später das Gold herbeischaffen, um damit Alberich aus Wotans Gewalt freizukaufen. Diese starke Szene hat Wagner ausdrücklich beschrieben, und die fehlt in der szenischen Umsetzung, weil ja der Goldknabe bereits in Wotans Gewalt ist.

Wagner hat den „Ring“ ausdrücklich für sein Bayreuther Festspielhaus geschrieben, das 1876 das modernste Theater der Zeit war, mit Drehbühne, Lichteffekten und einem großen Schnürboden. Im Gegensatz zu anderen Opern ist Wagners „Rheingold“ der durchkomponierte Soundtrack zu einem Mythos, bei dem das Orchester oft mehr weiß als die Agierenden. So ertönt bei der Verwandlung Alberichs in einen Drachen exakt die Musik, die später den Drachen beschreibt, den Siegfried erlegt. Auch hier fehlt jegliche Visualisierung. Noch schmerzlicher vermisst man das Aufwiegen Freias mit Gold, bei dem just der verfluchte Ring den Ausschlag gibt. So entstehen szenische Leerstellen, die man, wenn man das Werk kennt, aus der Erinnerung auffüllt. Der Einzug der Götter in Walhall wird allein durch Frohs strahlenden Gesang visualisiert, aber der Regenbogen fehlt, die Burg erscheint nur als das Modell einer Pyramide in einem Glaskasten zum Walhall-Motiv.

Bei so viel Verweigerung jeglicher Theatereffekte kommt leicht Langeweile auf, zumal die Texte in Bayreuth nicht übertitelt sind, schon gar nicht in Fremdsprachen, wie man das von anderen Opernbühnen kennt. Die Textverständlichkeit beim gesungenen Wort ist jedoch nur in Ausnahmefällen gegeben, so dass Besucher, die das Werk nicht genau kennen, überfordert sind. Wer das „Rheingold“ nur vom Tonträger kennt, vermisst allerdings auch nichts.

Umso erfreulicher waren die Darstellungsleistungen der Sängerinnen und Sänger. Heldenbariton Olafur Sigurdarson als Alberich ist so mit seiner Rolle verwachsen, dass er absolut authentisch wirkte. Er lebte die Partie des gedemütigten Freiers mit Mut auch zu hässlichen Tönen, ja, Kreischen. Sein Fluch beeindruckte auf der ganzen Linie. Die Rheintöchter, diesmal als Kindemädchen, angeführt von Katharina Konradi, der kecken Woglinde, flirteten mit dem Altrocker, der sich nicht entscheiden konnte zwischen ihr, Wellgunde (Natalia Skrycka) und Floßhilde (Marie Henriette Reinhold), der etwas zurückhaltenderen. Die drei neckten den Alten und verrieten ihm in ihrem Übermut das Geheimnis des Rheingolds: Wer der Liebe entsagt kann aus dem Rheingold einen Ring schmieden, der ewige Macht verleiht. Spontan greift Alberich nach dem Rheingold – hier bringt er den Jungen mit der goldenen Kappe in seine Gewalt – und geht ab. Kein Gold, nirgends. Die Rheintöchter, legitime Erbinnen des Rheingolds, beklagen den Verlust.

Bayreuther Festspiele 2025/DAS RHEINGOLD/Tomasz Konieczny (Wotan)/Foto: ©Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Tomasz Konieczny als Wotan, als charismatischer Gatte der Göttin Fricka (Christa Mayer), zeigte genau die Unbekümmertheit eines Machthabers, der von den Untiefen des Lebens keine Ahnung hat. Zu den Klagen der Rheintöchter am Ende der Vorstellung tanzte er leger ein paar Schritte – es kümmerte ihn nicht. Herausragend, auch bezüglich der Textverständlichkeit, waren Daniel Behle als Wotans Rechtsbeistand Loge, Frickas Bruder und Gott des Feuers und Ya-Chung Huang als Mime. Behle zeichnet das Portrait des aalglatten Rechtsverdrehers, der immer für seinen Mandanten einen Ausweg weiß, Mimes Text passt allerdings gar nicht zu seiner Funktion als kleiner geknechteter Angestellter im Alberichs Kinderhort, beschreibt er doch die Wirkung des Rings. Bei Wagner ist er der Schmied, der aus dem Rheingold Ring und Tarnkappe geschaffen hat. Bassgewaltig und mit voluminösen Mänteln traten die Riesen Fafner (Patrick Zielke) und Fasolt (Tobias Kehrer) auf. Auch sie glänzen durch gute Textverständlichkeit.

Christina Nilsson als Freia, Göttin der ewigen Jugend, an die beiden Riesen als Honorar verschachert, machte mit wundervollem lyrisch-dramatischem Sopran ihre Panik glaubhaft. Mirko Roschkowski als Froh zeigte stimmschön große Empathie, während Nicholas Brownlee als Donner mächtig und lautstark auf den Putz haute. Gelungen war die Szene, in der die Riesen erscheinen, um ihren Lohn einzufordern, einer der Dialoge mit sehr guter Textverständlichkeit. Wotan, an seinen Vertrag gebunden, musste Freia übergeben – ein schwacher Herrscher – obwohl sich Froh und Donner, ihre Brüder, sich gegen die Riesen wendeten. Loge versprach Schadensbegrenzung. Mit dem abenteuerlichen Argument, Alberich habe das Rheingold ja auch nur geraubt, beschloss man, nach Nibelheim zu fahren und das Rheingold einzufordern.

Im Orchester wurde frühindustriell gehämmert – gezeigt wurde ein pastellfarbig dekorierter Kinderhort mit acht braven Mädchen und einem ungezogenen Bengel, ein seltsamer Kontrast zur Schmiedemusik. Die Musik blies sich zum Riesendrachen auf- szenisch passierte nichts.

Der in eine Kröte verwandelte Alberich verwandelte sich zurück in einen alten Mann, dem man mit seiner Kleidung auch seine Würde genommen hatte. Das Aufwiegen Freias mit Gold kam nur im gesungenen Text vor – szenisch Fehlanzeige. Beeindruckend war Anna Kissjudit als Erda, die als Kellnerin ihr Tablett mit Sektgläsern krachend fallen ließ, um die Aufmerksamkeit Wotans auf die Gefährlichkeit des Rings zu lenken. Der Regenbogen, auf dem die Götter schließlich nach Walhall ziehen, wurde nur durch Frohs wundervollen Gesang dargestellt. Das Publikum spendete lebhaften Applaus, den das hochkarätige Ensemble, das Orchester und die Dirigentin redlich verdient hatten. Der Regisseur war allerdings bei der letzten Vorstellung nicht anwesend.

Als konzertante Aufführung wäre dieses „Rheingold“ perfekt gewesen, aber die szenische Umsetzung blieb hinter der musikalischen Gestaltung deutlich zurück, was vor allem daran lag, dass der Nibelungenhort eben nicht als riesiger Goldschatz mit Ring und Tarnkappe als magischen Objekten gezeigt wurde, sondern als der Knabe mit der goldenen Mütze mit acht Mädchen. Regisseure wie Dietrich Hilsdorf, Peter Konwitschny, Robert Carsen und Frank Castorf haben sich auf den „Ring“ erst im reifen Alter eingelassen. Sie alle haben es sich, bei allen Verfremdungen, nicht nehmen lassen, die beschriebenen Theatereffekte zu zeigen.

Im Jubiläumsjahr 2026 wird der „Ring“ in der Inszenierung von Valentin Schwarz nicht mehr gespielt. Der hatte als junger Regisseur einige erfolgreiche Produktionen zeitgenössischer Opern vorgelegt, was ihn für den „Ring“, nach Castorf, dessen „Ring“ nach fünf Jahren und anfänglicher Kritik Kultstatus erlangte, ins Gespräch brachte. Bereits im Premierenjahr 2022 stieß der Regisseur allerdings mit seiner Idee, den „Ring des Nibelungen“ als Soap im Stil von „Denver Clan“ zu inszenieren und das begehrte Gold durch ein geraubtes Kind zu verkörpern, auf Unverständnis, zumal naturgemäß aus dem Libretto nicht ersichtlich ist, wessen Kind der Goldknabe eigentlich ist. In Bayreuth, dessen internationales Publikum eher konservativ ist, gefiel der Regieansatz nicht.

Die konsequente Fortsetzung der Dekonstruktion: „Ring 10010110“ (Ring 150, 10010110 ist die Zahl 150 im Binärcode) kommt 2026 tatsächlich als konzertante Aufführung, dirigiert von Christian Thielemann und illustriert mit Bildern aus vergangenen „Ring“-Inszenierungen, die von einer künstlichen Intelligenz aus einer Datenbank ausgewählt werden.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Bayreuther Festspiele 2025 / Stückeseite
  • Titelfoto: Bayreuther Festspiele 2025/DAS RHEINGOLD/Daniel Behle (Loge), Tobias Kehrer (Fafner), Patrick Zielke (Fasolt) und Kinderstatisterie der Bayreuther Festspiele/Foto: ©Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

 

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