Die Psychologie der Nacht – „Tristan und Isolde“ bei den Bayreuther Festspielen

 

Bayreuther Festspiele 2025/TRISTAN UND ISOLDE/Andreas Schager (Tristan), Camilla Nylund (Isolde)/Foto: © Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Literaturnobelpreisträger Thomas Mann, dessen 150. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird, sagte einmal, dass der Liebestrank in Wagners Tristan und Isolde in erster Linie ein dramaturgisches Mittel sei – für ihre Gefühle hätten die beiden Protagonisten den Trank nicht nötig, eigentlich könnten sie auch reines Wasser trinken. Der Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson führt diesen Gedanken in der aktuellen Bayreuther Inszenierung des Werks weiter: es gibt nicht einmal mehr Wasser, stattdessen einen Ausflug in die Tiefe der Psychen der Protagonisten – der aber bald an seine Grenzen kommt. (Rezension der besuchten Vorstellung v. 13. August 2025)

Es gibt in Bayreuth bekanntermaßen weder Klingel noch Gong. Der Beginn der Aufzüge wird stets durch Bläserfanfaren angekündigt, die ein Motiv aus dem anstehenden Aufzug anspielen. Es gibt auch keinen Auftrittsapplaus für den Dirigenten, weil man durch den Schalldeckel über dem Orchestergraben sowieso nicht sieht, wann er ans Pult tritt. Durch das Fehlen des Applauses und dadurch auch der Stille vor dem ersten Ton geht der leise Beginn des Vorspiels zu Richard Wagners Tristan und Isolde ein wenig unter. Schade einerseits, andererseits hat es seine ganz eigene Magie, zu erleben, wie innerhalb weniger Töne das Getuschel eingestellt wird und sich das Publikum ganz den langen, wogenden Melodiebögen hingibt, die Semyon Bychkov und das Bayreuther Festspielorchester da zaubern.

Bychkov lässt sich im Vorspiel Zeit, nimmt die Spielanweisung „langsam und schmachtend“ wörtlich, und arbeitet jeden noch so kleinen harmonischen Kniff Wagners ganz genau heraus. Durch das Tempo und die Freude an der Melodie drückt das Vorspiel mehr Leid als Leidenschaft aus, die großen Gefühle kommen dann später, wenn Bychkov das Orchester für die großen Liebes- und Leidensszenen ganz aufblühen lässt. Hier gelingt, wovon Wagner nach über hundert (!) erfolglosen Proben in Wien lange nur träumen konnte, nämlich die völlige Verschmelzung von Gesang und Orchester. Denn Bychkov achtet sehr genau darauf, was die Darstellenden auf der Bühne gerade brauchen: Wird es eng und er muss das Orchester zurücknehmen? Oder darf er aufs Ganze gehen, weil die Stimme die Lautstärke mitträgt?

Bayreuther Festspiele 2025/TRISTAN UND ISOLDE/Ekaterina Gubanova (Brangäne), Andreas Schager (Tristan), Jordan Shanahan
(Kurwenal), Camilla Nylund (Isolde), Günther Groissböck (Marke)/Foto: © Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Mit seiner Art, die Partitur ganz genau zu durchleuchten, ist Bychkov der richtige Dirigent für Thorleifur Örn Arnarssons Inszenierung, will der sich doch auf die inneren Vorgänge der Figuren konzentrieren. Auf das, was bei Wagner mehr als bei anderen Komponisten nicht nur im gesungenen Wort, sondern vor allem in den Tiefen der Partitur vergraben liegt. Arnarssons Kernidee hierzu ist das völlige Weglassen des Liebestranks. Anstatt ihre Dienerin Brangäne mit der Zubereitung des Sühnetrunkes zu betrauen und ihr so die Möglichkeit zu geben, den Todestrank mit dem Liebestrank zu vertauschen – ihr also eine Möglichkeit zu geben, in die Handlung einzugreifen, behält Isolde das Fläschchen für sich, bis sie es Tristan anbieten kann. Er, der auch zuvor schon signalisiert hat, dass er bereit ist zu sterben, nimmt den Trank bereitwillig an – woraufhin Isolde ihn wegwirft. Tristans Todessehnsucht ist der Liebesbeweis, den Isolde gebraucht hat, um ihre Liebe offen zu zeigen; Ganz ohne einen Zauber sind die beiden in der Lage, die gesellschaftlichen Konventionen und ihre eigenen Hemmnisse beiseitezulegen.

Diese Schlüsselszene, so sinnhaft und wirkungsstark sie ist, wird Arnarsson im weiteren Verlauf der Oper noch Probleme bereiten. Ansonsten gelingt es ihm aber, getragen von Vytautas Narbutas‘ Bühnenbild und Sybille Wallums Kostümen, ein starkes Fundament für seine psychologisierende Deutung zu legen. Die Bühne ist ein offener Raum, nur von der Decke hängende Taue erwecken die Assoziation an das Schiff, mit dem die Prinzessin Isolde zur Hochzeit mit König Marke nach England gefahren wird. Alle Figuren können sich gegenseitig sehen und werden noch dazu von für das Publikum sichtbaren Scheinwerfern bestrahlt. Der konkrete Ort ist zweitrangig, in erster Linie zeigt das Bühnenbild die Tagwelt, in der Gefühle zugunsten gesellschaftlicher Konvention unterdrückt werden müssen.

Einzig Isolde verfügt über eine Art Schutzraum, nämlich den überdimensionierten Rock ihres Brautkleides. Der liegt kunstvoll drapiert um sie herum ausgebreitet und hält die Welt fern. Die Welt – für sie sind das im ersten Aufzug Tristan, der als mit seiner Rolle hadernder, depressiver Held buchstäblich in den Seilen hängt, und dessen Diener Kurwenal, der Brangäne in übergriffiger Überheblichkeit einen Kuss aufdrängt. Doch das Kleid ist auch Gefängnis, denn in dem überdimensionierten Rock kann Isolde sich kaum bewegen, nicht handeln. Alles, was ihr bleibt, ist, ihre Gefühle – Auszüge aus dem Tristan-Text – mit schwarzer Tinte auf ihren Rock zu kritzeln. Auch nachdem Brangäne ihr aus dem Kleid geholfen hat, beschränkt sich Isoldes Bewegungsradius zunächst auf den ausgebreiteten Rocksaum – bis zu dem Zeitpunkt, wo sie Tristan zu sich kommen lässt und so die Kontrolle über die Handlung gewinnt. Insbesondere dieser Moment ist in den Proben zur Wiederaufnahme offensichtlich etwas nachgearbeitet worden, was der Intensität der Inszenierung guttut.

Ab dem zweiten Akt bröckelt das Konzept jedoch schon wieder. Das liegt zum einen daran, dass die Figur der Brangäne durch die fehlende Trank-Verwechslung überhaupt keine Funktion mehr hat – die ausgesungenen Schuldgefühle im Dialog mit Isolde kommen aus dem Nichts, als menschliche Alarmanlage kann Brangäne nun nur noch vor Marke und Melot warnen. Und was ist in Arnarssons Lesart „des Trankes Geheimnis“, das Brangäne dem König entdeckt haben will? Da kann die großartige Ekaterina Gubanova noch so intensiv spielen, es ist nichts mehr zu holen. Zumindest musikalisch kommt die Sängerin zu ihrem Recht und zeigt mit kunstvoller Stimmführung eine äußerst beeindruckende Leistung.

Aber auch Tristan und Isolde können im zweiten Aufzug nicht mehr so strahlen wie im ersten. Arnarsson spricht viel von der gemeinsamen Vergangenheit des Paares, erklärt, dass beide den Moment aus der Vorgeschichte des Stücks finden wollen, in dem sie sich verliebt haben. Um diese Suche in der Zeit und der eigenen Psyche zu versinnbildlichen, ist die Vergangenheit auf der Bühne ausgekippt worden. Im Querschnitt eines Schiffsrumpfes finden sich ein alter Spiegel, Statuen, Fotos und weiteres aus dem Inventar eines Trödelladens, nebst einigen Requisiten aus dem ersten Aufzug. Man versteht, worauf Arnarsson hinauswill, aber auch im zweiten Jahr der Inszenierung hat er noch keinen Weg gefunden, die Darstellenden auf griffige, bedeutungstragende Art mit dem Bühnenbild interagieren zu lassen. Besonders im Gedächtnis bleibt einzig der Moment, in dem Tristan und Isolde jenen schicksalhaften Moment des Verliebens, von dem sie im ersten Aufzug nur erzählt nachstellen: Isolde hält das Schwert (Wo war das eigentlich im ersten Akt, als Tristan damit erschlagen werden wollte?) und Tristan sieht ihr in die Augen, woraufhin sie die Waffe fallen lässt. Immerhin stellt der geschlossene, spärlich beleuchtete Raum als Nachtwelt einen starken Gegensatz zur Tagwelt des ersten Aufzugs dar.

Im dritten Akt, als der Tag durch die Entdeckung der Affäre endgültig in Tristans und Isoldes Nacht der Liebe eingedrungen ist, werden beide Welten gemischt. Einerseits sind die Seile aus dem ersten Aufzug wieder zu sehen, auch die hellen Lampen, aber eben auch Teile des Schiffes, in denen die Figuren herumirren. Prophetisch wirkt der Auftritt des Hirten, dessen Kostüm an einen Todesengel erinnert. Perfekt macht das Spiel mit Tag und Nacht die Lichtregie von Sascha Zauner: Drei Aufzüge lang wird die Bühne für die Zweisamkeit der Liebenden abgedunkelt und schlagartig erhellt, wenn die Tagwelt dorthinein eindringt. Der dritte Akt ist ganz taghell, was Tristans Ausruf „Wann wird es Nacht im Haus?“ zusätzliche Prägnanz verleiht, die heimische Dunkelheit kommt erst für den Liebestod zurück. Ausgerechnet bei Camilla Nylunds wunderschönem „Mild und leise, wie er lächelt“ schwächelt die Personenregie allerdings eklatant, denn während Tristans Lächeln besungen wird, liegt er fast vergessen auf einem Schiffsteil und Isolde besingt dramatisch ihr Kleid aus dem ersten Aufzug.

Obwohl die Inszenierung stellenweise ihre Probleme hat, steht sie dem uneingeschränkten Tristan-Genuss kein bisschen im Weg. Die Ausstattung ist ästhetisch ansprechend und so kann man ganz in die musikalische Welt eintauchen, die Semyon Bychkov gemeinsam mit dem erstklassigen Ensemble aufmacht. Den Tristan gibt, wie schon bei der Premiere der Inszenierung 2024, Andreas Schager. Schier mühelos meistert er die anspruchsvolle Partie; Probleme, gegen Wagners riesigen Orchesterapparat anzukommen, kennt er nicht. Er ist einer der Sänger, bei denen Bychkov das Orchester laufen lassen kann, wie er will, eng wird es nie. Gewiss, ein wenig ist Schagers Lautstärkegestaltung an die Tonhöhe geknüpft – höhere Töne sind stets lauter als tiefere – und doch gelingt ihm mit seinem ansprechend, dunklen Timbre eine überzeugende und emotional packende Gestaltung der Partie.

Bayreuther Festspiele 2025/TRISTAN UND ISOLDE/Camilla Nylund (Isolde)/Foto: © Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Seine Partnerin ist Camilla Nylund als Isolde. Auch sie ist eine erstklassige Wagner-Sängerin; Ihre Isolde ist teils herrisch-befehlshaberisch, was sie mit der gebührenden Schärfe in der Stimme zelebriert, teils emotional verzweifelt, ohne je ins Kreischen oder Quietschen zu rutschen. Auch von Verschleiß ist während der vierstündigen Aufführung nichts zu merken. Ihr Timbre ist eher lyrisch, was vor der Vorstellung die Frage aufgeworfen hat, ob sie denn die ideale Partnerin für den heroischen, vor allem aber gewohnheitsmäßig sehr lauten Schager ist. Doch Nylund hat in den vergangenen Monaten ordentlich an Lautstärke und Durchschlagkraft zugelegt – übrigens ganz ohne an Stimmschönheit einzubüßen – und so erweist sich diese Sorge als unbegründet. Wenn die zurückhaltende Inszenierung sie auch darstellerisch einschränkt und teils zu repetitiven Gesten zwingt, gesanglich liefert sie eine der besten Isolden ihrer Karriere.

Als König Marke ist Günther Groissböck zu hören. Besonders seinen letzten Monolog gestaltet der Bass hochemotional und leidenschaftlich. In puncto Strahlkraft und Klangfarbenreichtum kann er aber nicht an vergangene Auftritte heranreichen. Den Kurwenal gibt Jordan Shanahan mit großer Spielfreude, allein ihm beim Schauspiel zuzusehen ist schon ein Highlight des Abends. Auch musikalisch ist er mit seinem kernigen, dunklen Bassbariton beeindruckend wie eh und je. Schade, dass Shanahan für den kurzen „Herr Tristan“-Einsatz zu spät auf der Bühne ist und auch sonst gelegentlich leichte Kommunikationsprobleme mit Bychkov und dem Orchester auffallen. Lawson Anderson als Steuermann, Daniel Jenz als Hirt und Matthew Newlin als junger Seemann gestalten ihre kleinen Partien äußerst souverän. Besonders erfreulich ist Alexander Grassauers Darbietung als Melot. Als Bassbariton ist er nicht die konventionellste Besetzung für den eher tenoralen Melot und doch macht Grassauer mit seinem wuchtigen, dunklem Timbre auch in dieser Partie deutlich, warum er nach Bayreuth gehört. Der kurze Auftritt als Melot macht jetzt schon Lust auf seinen ersten Holländer – wann auch immer der kommen wird. Und so geht man an diesem Abend zufrieden aus dem Festspielhaus und in die Nacht, in deren Psychologie man gerade vier Stunden lang eintauchen durfte.

  • Rezension von Adele Bernhard / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Bayreuther Festspiele 2025 / Stückeseite
  • Titelfoto: Bayreuther Festspiele 2025/TRISTAN UND ISOLDE/Andreas Schager (Tristan), Camilla Nylund (Isolde)/Foto: © Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath
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