Bayreuth – wie es und Wagner weiland wirkten

Foto @ Angelika Matthäus

Oh, ich sehe mich schon in ein paar Jahren im Kreis der ewig rückwärts Gewandten. In ein paar Jahren? Nein, es wird noch nicht mal ein Jahr dauern. 

 

Wie ich dann rumjammere: Ich will meinen Neuenfels-Ratten-Lohengrin wieder haben. Ich will meinen Klaus Florian Vogt, denn er ist der einzig wahre Lohengrin. Ich will Annette Dasch als Elsa, nur sie kann das singen.

Und ich will, dass es diesen Laufenberg-Parsifal auf immer und ewig gibt. Aber auch den will ich mit Klaus Florian, weil er sich so kein bisschen anstrengen muss im dritten Aufzug und überhaupt.

Ich bin voll in den schrecklichen Bayreuth-Nachwehen. Zunächst wartet man ewig, bis es dann losgeht und schon sitzt man wieder im Zug zurück nach Hause.

Bayreuth ist magisch und elektrisch wie immer, es ist aufregend und entspannt, es ist das Bier tief in der Nacht im Oskar und Schweinebraten in Inges Café. Es hat die meisten nicht vorhandenen Taxen und die freundlichsten Busfahrer. Es ist das Weinfest in der Maximilianstraße und der über alle Maßen teure Weißwein auf dem Hügel. Und es ist das persönliche Treffen mit bislang nur virtuellen Facebook-Freunden.

Wo spielen eigentlich die Balkon-Pausen-Bläser, wenn es regnet? Regen in Bayreuth hatte ich bislang nicht erlebt, es ist ja schließlich Sommer. Sie spielen unter dem Balkon, genau.

Foto @ Angelika Matthäus

Wenn es regnet, merkt man erst, dass das Festspielhaus gar kein richtiges Foyer hat, eines, das groß genug ist, die Menschenmassen aufzunehmen. Das muss der Grund sein, warum die Festspiele im Juli beginnen und nicht im November.

Bayreuth sind die wunderbaren Einführungsvorträge von Dr. Sven Friedrich vormittags im Festspielhaus, witzig und kurzweilig. Es gibt sie nur in deutscher Sprache und ich habe mal an die armen ausländischen Gäste gedacht, die das womöglich nicht verstehen können. Ein paar Kopfhörer mit der entsprechenden Übersetzung wären ganz schön.

Bayreuth sind auch die Signierstunden am Kairos-Häuschen. Dieses wunderbare kleine Backsteingebäude mit Buchhandlung und Souvenirladen, mit Toiletten, die noch Klo hießen, als das Häuschen gebaut wurde, mit Opernglas-Verleih und einem großen alten gelben Briefkasten, in den man seine handgeschriebenen Postkarten werfen kann und das bald abgerissen werden soll, um durch einen schicken Neubau ersetzt zu werden.

Aber zurück zur Signierstunde. Reinstes Glück war mir beschieden und auch Freundin E. fügte sich in ihr Schicksal, mein Lohengrin unterschrieb und unterschrieb und ließ sich fotografieren und dafür ließ er sich mal hierhin und mal dorthin stellen.

Bayreuth sind die Pausengespräche, nirgendwo sonst habe ich mit so vielen Menschen gesprochen wie hier. Ob in der Wein-Warteschlange, auf der Parkbank, beim Warten unterm Regen-Sonnenschirm, irgendwie sind alle in Plauderlaune. Auch im Restaurant, ich kenne jetzt den Besitzer des Café Engel in Helsinki.

Bayreuth sind die langen Nachtgespräche mit Freundin E., wenn man zu müde ist ins Bett zu gehen und stattdessen lieber die Flasche Rosé leertrinkt. Es sind die viel zu schweren Koffer, weil man sich mal wieder nicht entscheiden konnte, und einfach den gesamten Kleiderschrank eingepackt hat.

Bayreuth ist die Musik, die Bühne. Der Parsifal, der jetzt beim zweiten Mal noch besser war als vor zwei Jahren. Ich habe so sehr mitgelitten mit dem armen Amfortas. Der Lohengrin mit dem wunderschönen blauen Bühnenbild, den traumhaften sich verschiebenden Kulissen zu Beginn des zweiten Aufzugs. Da kommt weder der Livestream noch die TV-Übertragung mit. Und dann Kundry und Ortrud, gesungen von Elena Pankratova, die das verbindende Element war bei meinen beiden diesjährigen Wagner-Opern.

Foto @ Angelika Matthäus

Mitten in der Stadt sitzt eine große Wagner-Figur auf einem Stuhl, ein Schild um den Hals mit der Bitte, man möge sich nicht auf ihn setzen. Mir schwankt der Boden.

 

  • Artikel von Angelika Matthäus / Red. DAS OPERNMAGAZIN 

2 Gedanken zu „Bayreuth – wie es und Wagner weiland wirkten&8220;

  1. Dieser wunderschöne Text von Frau Mattäus ist mal wieder eine der Perlen auf diesem Opernmagazin, wegen denen ich regelmäßige Leserin bin.

    1. Herzlichen Dank, liebe Regina Opernfreundin! Auch mir gefällt dieser stimmungsvolle Artikel von Angelika Matthäus ganz besonders. Ich freue mich, dass Sie unsere regelmäßige Leserin sind und hoffentlich noch lange bleiben! Herzliche Grüße – Detlef Obens

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