Bayerische Staatsoper: Pendereckis „DIE TEUFEL VON LOUDUN“

Bayerische Staatsoper/DIE TEUFEL VON LOUDUN/ U. Ress, A. Stundytė, W. Koch/Foto © Wilfried Hösl

Da wabern akustisch Gänsehautklänge und die obszön-gruseligen Schreie von vom Teufel Besessenen durch die heiligen Hallen der Staatsoper, eine Nonne wird brutalst (und genüsslich von Seiten der Ausübenden, bis sie sich übergeben müssen …) auf offener Bühne klistiert, einem Priester werden bei der Folter durch Elektro-Treaser grausame Verletzungen zugefügt und die Fingernägel herausgerissen, man wähnt sich in einem 70er Jahre Horror-Exorzistenfilm (Friedkinds THE EXORCIST oder Richard Donners THE OMEN grüßen von weither) – und man ist total fasziniert, ja geradezu gebannt von Pendereckis komplexem und mit ungeheurer Kraft unter die Haut gehendem Klangteppich, der die Handlung mehr als nur untermalt. Nach der Uraufführung in Hamburg 1969 schrieben Kritiker noch despektierlich von „Dünnschiss“, „minderwertig“, „Mini-Oper“ und bezeichneten die Oper als „überflüssiges Erstlingswerk“. Nun, wie sich schon bald zeigte, täuschten sich diese bärbeissig-biederen weissen Männer, Pendereckis Erstling verschwand (im Gegensatz zu manch anderer Oper aus der Zeit) nie vollständig vom Radar und – wie die begeisterte Reaktion des Publikums gestern Abend in der Bayerischen Staatsoper zeigte – zu Recht! (Rezension der Vorstellung v. 07. Juli 2022)

 

 

Die Aufführung zeigte einmal mehr mit aller Deutlichkeit, wie wichtig ein Ineinanderfließen von Szene und Musik ist, um einen beeindruckenden Musiktheaterabend zu generieren. Die musikalische Verantwortung lag dabei in den Händen von Vladimir Jurowski, der seit der Saison 2021/22 die Position des GMD der Bayerischen Staatsoper innehat. Er sorgte zusammen mit dem Riesenapparat des Bayerischen Staatsorchesters für eine beeindruckende Wiedergabe der flächigen, vertikal komponierten Partitur Pendereckis. Trotz des Riesenapparates, den Penderecki für dieses Werk vorschrieb, wurde es praktisch nie laut und schon gar nie ZU laut. Das Klangbild blieb stets transparent, nicht einmal die vielen Cluster führten zur Ermüdung der Ohren. Man war von der Musik fasziniert, der Klang war magisch in den Bann ziehend – und an gewissen Stellen auch abstoßend. Die zwei pausenlosen Stunden vergingen jedenfalls wie im Flug. Daran hatte (natürlich auch neben den exzellenten musikalischen Interpret:innen) die Inszenierung von Simon Stone ihren verdienten Anteil: Der Bühnengestalter Bob Cousins hatte für die 30 (zum Teil nur 40 Sekunden dauernden) Szenen eine kongeniale Lösung gefunden. Ein gigantischer weisser Kubus stand auf der Drehbühne, der durch einen klugen Einfall gar fünf Seitenflächen aufwies. Jede der Flächen wies andere geometrische Einschnitte auf, die Kapelle, Zelle, Folterraum, Treppenhaus, Kirchenraum, Beichtstuhl oder Schlafzimmer darstellten. Durch die Drehung wurden die häufigen Szenenwechsel fließend und organisch ermöglicht. Simon Stone nun erfüllte die abstrakt-konkrete Bühnenkonstruktion mit deutlicher, auch – wo angebracht – drastischer Interaktion. So wurde die Handlung deutlich, spannend, intensiv, ja atemberaubend und die Charaktere erhielten klare Konturen (welche ein Unterschied zu LES TROYENS am Abend zuvor).

Bayerische Staatsoper/DIE TEUFEL VON LOUDUN/ M. Winkler, A. Stundytė/Foto © Wilfried Hösl

Aušrinė Stundytė war eine Jeanne von eindringlicher Intensität. Ihre fatale Besessenheit erhielt durch die ihre Stimme in keinem Moment schonende Expressivität beängstigenden Ausdruck. Wolfgang Koch (er konnte die Premiere wegen einer Erkrankung nicht singen, die beiden folgenden Vorstellungen mussten wegen weiterer Coronafällen abgesagt werden, so dass die von mir besuchte Aufführung Kochs Premiere war) zeigte die Figur des Grandier mit all ihren widersprüchlichen, menschlichen Facetten. Er war der geile Priester, der keinem Mädchen, keiner Frau widerstehen könnte, man sah ihn beim Gruppensex, beim sexuellen Übergriff im Beichtstuhl, bei dem feigen Davonschleichen aus der Verantwortung, nachdem er die blutjunge Philippe ebenda geschwängert hatte. Doch da war auch seine aufrechte politische Haltung, seine konsequente Auflehnung gegen Richelieus Forderung, die Stadtmauern schleifen zu lassen. Dieser Grandier ist ein zwiespältiger Charakter, der jedoch in seiner Erduldung der Folter, in seiner Standhaftigkeit was seine Unschuld anbelangt zu einer moralischen Größe messianischen Ausmaßes aufsteigt. Wolfgang Koch verlieh diesem Grandier stimmlich alle divergierenden Aspekte eines wahren Menschen. Er konnte zugleich zärtlich sein, aufbrausend, herablassend, sarkastisch und mit den an seine Widersacherin Jeanne gerichteten Worten vor seiner Hinrichtung erlangte er die Parallele zu den Leiden Christi: „Seht da an, was ich bin, und lernet, was Liebe heißt.“

Bayerische Staatsoper/ DIE TEUFEL VON LOUDUN/Foto © Wilfried Hösl

Aus dem großen Ensemble ragten zudem Martin Winkler aus furchterregender Exorzist Barré, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke mit exemplarischer Diktion als königlicher Kommissär Baron de Laubardemont, die beiden intriganten „Bürger“ Adam (Apotheker) und Mannoury (Chirurg) von Kevin Conners, respektive Jochen Kupfer als willfährige Helfershelfer von Kirche und Staat heraus. Ulrich Reß war der ebenso willfährige Beichtvater der Ursulinen (Vater Mignon), Andrew Harris sang de Varer Ragnier, Piotr Micinski war der warmstimmigen Trost spendende Vater Ambroise. Grandios attackierte Danae Kontora die unheimlich schwierigen Intervallsprünge der Philippe im Beichtstuhl. Herausragende Leistungen zeigten auch die Ursulinen (Ursula Hesse von den Steinen, Nadezhda Gulitskaya und Lindsey Amann) die zusammen mit Aušrinė Stundytė das klanglich so exquisite Quartett bei Jeannes Suizidversuch gestalteten. Exzellent auch die beiden Schauspieler Thiemo Strutzenberger als Bürgermeister und Barbara Horvath als Stadtrichter de Cerisey. Als Henri de Condé entlarvte Sean Michael Plumb souverän die falsche Besessenheit der Nonnen, konnte das bestialische Verfahren aber nicht mehr aufhalten. Der Chor der Ursulinen interpretierte mit beängstigender Hysterie die diabolische Besessenheit. Den Auftritt in der Kirche mussten sie wie einen Akt von Pussy Riot absolvieren, in mit feministischen Parolen beschrifteten Unterkleidern. Überhaupt trug der Chor off- und onstage entscheidend zum Erfolg des Werks bei, mit atmosphärisch dichten Klängen aus dem Off und beinahe babylonischem Stimmengewirr beim öffentlichen Spießrutenlauf Grandiers durch die Straßen von LOUDUN.

Wer bereit ist, sich auf diese TEUFEL einzulassen, erlebt Musiktheater erster Güte!

 

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