Ausgestoßen und doch so glücklich – „Madama Butterfly“ bei den Maifestspielen Wiesbaden 2019

Staatstheater Wiesbaden/Madama Butterfly/ Foto: Sven-Helge Czichy

Im Rahmen der diesjährigen Internationalen Maifestspiele stand Puccinis Drama am 12.5.2019 im Staatstheater Wiesbaden auf dem Spielplan. Spektakuläres gibt die Wiesbadener Inszenierung nicht her. Sie ist traditionell angelegt und schlüssig. Die Bühne bleibt gänzlich unverändert und lediglich die bemalten Schiebewände mit Änderung der Lichtfarben und Helligkeit unterstreichen den jeweiligen Handlungsabschnitt. Störend, dass die Schiebewände durch Quietschen bei Positionswechsel die Musik massiv störten.

 

Das Drama zwischen zwei unterschiedlichen Welten, der 15-jährigen Geisha Cio-Cio-San, die Ihre Vermählung mit dem Amerikaner Pinkerton als Erfüllung ihres Lebenstraumes sieht, steht die harte, nüchterne Realität der westlichen Oberflächlichkeit des amerikanischen Offiziers gegenüber, der die Beziehung zu der Geisha und sie selbst, neudeutsch formuliert, als Episode und sie als Lebensabschnittsgefährtin betrachtet.

Besonderheit der Sondervorstellung im Rahmen der diesjährigen Maifestspiele war die Besetzung von Vincenzo Costanzo als Pinkerton und Ermonela Jaho als Cio -Cio – San. Wie sinnvoll oder nicht sinnvoll eine solche Umbesetzung von den beiden Hauptrollen in einer funktionierenden Produktion ist, sollte der Abend zeigen.

Der italienische Tenor Vincenzo Costanzo ist mit 28 Jahren einer der jüngsten Vertreter seines Fachs. Er sang die Partie des Pinkerton gut, aber ohne diese inhaltlich und darstellerisch ausfüllen zu können. Daneben zeigten sich stimmliche Defizite, die in dieser Form nicht zu erwarten gewesen sind. Die Stimme ist klein und speziell in der Mittellage und in der tiefen Lage erwartet man deutlich mehr Volumen und Tragfähigkeit. Dazu kamen im ersten Akt leichte Intonationsprobleme, die offensichtlich durch eine ihm eigene Tonfärbung verursacht wurden. Lange Gesangslinien und das so wichtige legato sind nicht seine Welt. Auffällig auch das abrupte Beenden der Schlusstöne, die zum Teil sehr abgehakt klangen. Im Laufe der Aufführung verstärkte sich der Eindruck, dass er nur auf die hohen Spitzentöne schaut und diese mit breiter Brust und ausgestreckten Armen und männlichem Pathos „raushauen“ möchte. Unangenehm dabei auch das lange Ziehen der Spitzentöne, was für einen Wettbewerb „Wer kann am Längsten“ sicherlich geeignet ist, dem Anspruch der Vorgaben der Partitur aber überhaupt nicht gerecht wird. Im zweiten Akt bei „Addio fiorito asil“ zeigte Costanzo das es stimmlich auch anders geht. Eine große Gesangslinie der wunderschönen Melodie, der Schmerz des Verlustes und Abschied aus dem „Blütenreich“ sang er emotional, getragen und mit einer tollen Steigerung zum Schluss hin.

Staatstheater Wiesbaden/Madama Butterfly/
Foto: Sven-Helge Czichy

Die albanische Sopranistin Ermonela Jaho war der gefeierte Star des Abends. Die mit annähernd 300.000 Follower bei Facebook in New York lebende Sopranistin, zeigte dem Wiesbadener Publikum, dass hier eine große Vertreterin ihres Faches die Rolle der 15 jährigen Geisha in Madama Butterfly übernommen hatte. Wunderschöne Gesangsbögen , eine unendliche Linie, ein perfektes Legatosingen zeigt Jaho an diesem Abend. Hier steht eine Sängerin auf der Bühne, die alle Anforderungen des Belcanto, also die besondere Betonung des schönen Klangs und der schönen Melodie vollends erfüllt. Überragend ihre Gesangstechnik, die sie in derart beherrscht, dass sie stimmlich differenziert jede Note von der Stimmfärbung und Dynamik genau ansetzen und anpassen bzw. variieren kann. Bereits im ersten Akt zeigte sie bei „Ieri son salita tutta sola“ und im Liebesduett am Schluss des ersten Aktes ihr breites stimmliches Spektrum. Grandios ihr „Un bel di vedremo“, was fesselnd und voller Emotion das Highlight des ersten Aktes gewesen ist.

Irritierend im ersten Akt war lediglich, dass Jaho ihre Stimme in der Mittellage zu sehr abdunkelt, wodurch zeitweise der jugendliche Glanz der Stimme verloren ging.

Im zweiten Akt steigerte sie noch ihre gesangliche Leistung und zeigte die Verletztheit und Zerrissenheit der Geisha durch stimmliche Variabiltät, die manchmal fast zu stark war. Zum Beispiel bei einigen Spitzentönen wandelte sie den Ton bereits in der Mitte des Notenwertes in ein Seufzen oder Schreien um. Die Höhen ihres Soprans sind strahlend hell und der Vocalausgleich und die dynamische Differenzierung sind beeindruckend. Sie schafft es bei den schwierigsten Spitzentönen, diese durch ein wunderschönes Decrescendo ins pianissimo (fast verschwindend) hin zu entwickeln. Darstellerisch ist es eine Schwerstaufgabe, zum einen der gesanglichen Herausforderung der Rolle gerecht zu werden und dabei den liebenden, fast kindlich naiven Charakter der 15 jährigen Geisha herauszuarbeiten. Dies gelang ihr nur in den Szenen, wo sie allein agierte, speziell im zweiten Akt. Die Entwicklung von der unschuldigen, verliebten Geisha Cio- Cio- San hin zur zerrissenen, gebrochenen Frau findet nur bedingt statt.

Minutenlanger Applaus bei Ihrem Einzelvorhang waren der Lohn für eine gesangliche Höchstleistung an diesem Abend im Staatstheater Wiesbaden.

An dieser Stelle sei auf die szenische Problematik der Gastsänger im Zusammenhang mit dieser Aufführung hingewiesen. Leider findet zwischen den beiden Hauptakteuren (Cio- Cio- San und Pinkerton) fast keine szenische Interaktion statt, jeder befindet sich in seiner darstellerischen Einzelwelt, was den Charakteren in keinster Weise nur ansatzweise gerecht wird. Jeder singt und agiert vorzugsweise am Bühnenrand zum Publikum hin, ohne den anderen mit einzubeziehen, gerade auch bei den Stellen, wo es die Partitur zwingend vorsieht. Die Entwicklung der Geschichte zweier Welten um Liebe, Verletzung, Enttäuschung und Zerrissenheit findet nicht statt.

Silvia Hauer war die positivste Überraschung des Abends. Sie sang eine fabelhafte Suzuki, die den Schmerz und die Verbundenheit zur Butterfly szenisch famos darstellt und stimmlich mit großem Volumen und warmen Timbre diese Gefühle vermittelt. Eine grandiose Leistung der Mezzosopranistin.

Auch der gebürtige Ire Benjamin Russell überzeugte in der Rolle des amerikanischen Konsuls und erfüllte die gesanglichen und darstellerischen Anforderungen der Rolle auf sehr gutem Niveau.

Staatstheater Wiesbaden/MADAMA BUTTERFLY/Foto @Sven-Helge Czichy

Bei den weiteren Protagonisten Eric Biegel als Goro, Daniel Carison als Fürst Yamadori und Doheon Kim als Onkel Bonzo, merkte man die gesangliche und darstellerische Routine als Teil dieser Butterfly Produktion in der aktuellen Spielzeit 18/19 sehr positiv an. Gleiches gilt für den Chor des Hessischen Staatstheaters , der sehr differenziert und homogen sich nahtlos in das hohe Niveau des Abends einfügte.

Besonders Lob gebührt dem phantastisch aufgelegten Orchester des Hessischen Staatstheaters unter der Leitung von Christina Domnick. Sie verstand es die hohe musikalische und klangliche Leistungsfähigkeit des Staatsorchester abzurufen und zu entwickeln.

Das Staatsorchester lies Puccinis Musik in einer ungemein intensiven, leidenschaftlichen und ergreifenden Klangwelt entstehen und die Freude und Emotion der Musik der Madama Butterfly konnte man bei dem Orchester und seiner Leiterin deutlich erkennen und besonders hören.

Standing ovation und eine große Begeisterung des Publikums waren der Dank an alle Beteiligten dieser „Butterfly“ im Rahmen der Internationalen Maifestspiele 2019.

 

 

MADAMA BUTTERFLY 
 
Giacomo Puccini (1858 – 1924)
Tragedia giapponese in zwei Akten
In italienischer Sprache. Mit deutschen Übertiteln.
Libretto: Giuseppe Giacosa & Luigi Illica, 
nach dem Schauspiel »Madama butterfly. A Tragedy of Japan« (1900) von David Belasco
Uraufführung: 1904 in Mailand

 

  • Eindrücke des Abends von Turgay Schmidt /Red. DAS OPERNMAGAZIN
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  • Titelfoto: Madama Butterfly/Staatstheater Wiesbaden/@Sven-Helge Czichy 

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