„Le Grand Macabre“ in der Elbphilharmonie: „Fürchtet euch nicht …“ – vor dem, was dieser Abend bietet!

Elbphilharmonie/LE GRAND MACABRE/NDR-Elbph.-Orchester/Foto @ Peter Hundert

Seine Kompositionen stehen im Mittelpunkt des diesjährigen „Internationalen Musikfests Hamburg“: György Ligeti. Der österreichisch-ungarische Komponist gehört fraglos zu den bekanntesten Vertretern der modernen Klassik und seine Oper „Le Grand Macabrezu den bedeutendsten Werken dieser musikalischen Periode. Am vergangenen Freitag hatte „Le Grand Macabre“ unter der Stabführung von Alan Gilbert, dem zukünftigen Chefdirigenten des NDR Elbphilharmonie Orchesters in der ausverkauften Elbphilharmonie Premiere; – szenisch statt allein konzertant. Auch die heutige Darbietung fand in einem vollbesetzten Konzertsaal statt und die Neugier auf das Werk, das Gilbert „zeitloses Meisterstück“ bezeichnet war groß. (Rezension der besuchten Vorstellung v. 12.5.19) 

 

An der Königlichen Oper in Stockholm kam 12. April 1978 das Stück zur Uraufführung, 1996 wurde ebenda auch die, heute gültige, überarbeitete Fassung aufgeführt.

In „Macabre“ geht es zwar mit großem Orchester, aber eher mit Autohupen und Türklinglen, statt mit Pauken und Trompeten um das nahende Ende der Welt. Hierzu verzichten Ligeti und sein Librettist Michael Meschke weitgehend auf großes Drama, sondern bedient sich verschiedener Variationen von Humor, Satire und Komik, unterstützt von plakativen bis skurrilen musikalischen Ausdrucksmitteln, um das Publikum zu erreichen. Es gibt zum einen das Liebespaar Amanda und Amando, das sich in einem leeren Grab lieber den körperlichen Freuden der Liebe hingibt und sich um ein Weltende nicht kümmert. Erst im Finale, wenn die Apokalypse ausblieb und alle gemeinsam dem Publikum raten „Fürchtet euch nicht!“, gesellen sie sich zu den anderen. Diese hatten bis dahin wie gewohnt weitergelebt und sich dem Trunk und erotischen wie politischen Machtspielchen hingegeben.

LE GRAND MACABRE/Elbphilharmonie/ Audrey Luna/Foto @ Peter Hundert

Doug Fitch ist mehr als nur Regisseur, er ist auch Bildender Künstler und Designer, der bereits zahlreiche Projekte mit bekannten Orchestern realisierte und an diesem Abend auch für Szenografie und Projektionen verantwortlich zeichnet. Zusammen mit seiner Kostümbildnerin Catherine Zuber, viel beschäftigt am Broadway, wie an Opernhäusern und Lichtdesigner Clifton Taylor gelingt Fitch ein ganz besonderes Spektakel, mit Zentrum in der Saalmitte, doch die Protagonisten agieren auch auf unterschiedlichen Ebenen des Zuschauerraums. Die gesamte Inszenierung hat etwas von der Art des Straßentheaters aus früheren Jahrhunderten. Nur das heute technische Hilfsmittel wie Lichtdesign und Videoprojektionen zur Verfügung stehen, um humorvolle Akzente zu setzen.

In „Le Grand Macabre“ gibt es zwar keine Melodien, an denen das Ohr sich laben kann um sie nie mehr zu vergessen. Doch Ligetis Musik und Fitch’s Art sie in Szene zu sezten halten uns auf eine Art und Weise den gesellschaftlichen Spiegel vor, der etwas symbiotisches hat: Denn trotz der optisch überzeichneten Figuren ist nichts aufdringlich schrill. Das Ungewohnte in der Musik wird nicht durch übertriebenen Aktionen auf der Bühne betont, um zu provozieren oder gar schockieren. Nein, alles ergibt ein vielleicht skurriles aber auch unterhaltsames Ganzes, das aus eventueller Abneigung der Musik gegenüber, zumindest Akzeptanz macht oder mehr noch, Freude an diesen zwei Stunden.

Le Grand Macabre/Elbphilharmonie/
Anthony Roth Costanzo/Foto @ Peter Hundert

Bei einem Werk der Moderne die Leistungen der Sänger und Musiker empathisch, auf Grund des hohen künstlerischen Anspruchs und gerecht, abseits der üblichen musikalischen Präferenzen zu beurteilen, ist eine besondere Aufgabe. Bei einer Verdi-, Wagner- Mozartarie, ist es möglich, zu unterscheiden, ob ein Ton misslang oder dem Ausdruck einer Emotion „geopfert“ wurde oder zu hören, ob etwas „verschleppt“ oder zu übereilt genommen wurde. Le Grand Macabre ist voller kaum fassbarer anspruchsvoller Rhythmen, Sprechgesang, aber auch Koloraturen, die aber im Schwierigkeitsgrad Mozart, Donizetti und Rossini in nichts nachstehen. Und es existieren Tonfolgen, die nicht unbedingt der Harmonielehre entsprechen, sondern aus gleichzeitig angespielten, nebeneinanderliegenden Tönen bestehen. Ähnlich, als wenn man wahllos seine Hand oder gar seinen Ellenbogen, auf die Tastatur eines Klaviers „knallt“. Nur, dass es hier nicht willkürlich, doch gewollt ist. Dann gibt es auch zahlreiche Passagen, in denen von den Sängern ein Tonregister verlangt wird, das weit über deren eigentliche Stimmlage hinaus geht.

Daher ist die höchste Anerkennung der Leistung aller in diesem großen Ensemble eine Selbstverständlichkeit. Das gilt zum einen für den NDR Chor und Solisten, wie John Relyea (Schwarzer Minister), Andrew Dickinson (Weißer Minister), und Rob Besserer (Atmosphericist), Claire de Sévigné (Venus) die allesamt ihre Partien mit viel Spielfreude und stimmlicher Sicherheit bewältigen.

Zum anderen gibt es natürlich auch hier Personen, Künstler, die durch den Umfang ihrer Rolle und auch durch deren Gestaltung besonderen Anklang finden.

LE GRAND MACABRE/Elbphilharmonie/ Elizabeth Watts u. Marta Fontanals/Foto @ Peter Hundert

Elizabeth Watts und Marta Fontanals-Simmons als Liebespaar Amanda und Amando, waren in ein Nacktheit und Palmenwedelrock darstellende Kostüme gekleidet, die bei Watts den Busen und bei Fontanals-Simmons ein männliches Sixpack betonten. Innig begehrend waren ihre Gesten und ihr Spiel. Ihre Stimmen harmonierten auf berührende Weise und besonders ihr Finalduett ließ entfernt an Richard Strauß und Erich Korngold denken.

Bei dem Paar Astradamors (Wilbur Pauley) und Mescalina Heidi Melton ist es die Dame, die nicht nur im übertragenen Sinne den Feuerpieß in der Hand hat. Sie bilden das zotige Gegenstück zu den wahrhaft Liebenden. Pauleys devoter, aber seine Frau eigentlich hassender Astradamors, ist herrlich humorvoll dargestellt. Auch Heidi Melton mangelt es nicht an Selbstironie und Komik, bei ihr wird dazu schnell auch klar, dass eine Wangersängerin in ihr schlummert. Was sie auch bereits unter anderem an Opernhäusern in Berlin, San Fransico oder Karlsruhe bewies.

Countertenor Anthony Roth Costanzo als in einer Art Plüschball steckender von seinen Ministern getriezter Fürst Go-Go besticht durch stimmliche Weichheit und Ausdrucksstärke, womit auch er neugierig macht auf sich in anderen Partien und sein 2018 erschienenes 1.Album „Glass Handel“.

LE GRAND MACABRE/Elbphilharmonie/ Claire de Sevigne/Foto @ Peter Hundert

Der Auftritt von Audrey Luna (Chef der Gepopo/Spider) ist nicht nur auffallend und besonders, weil sie zeitweise zu ihrem quietschrosa Kostüm, eine Art Krone in Form einer äußerst langbeinigen Spinne auf dem Kopf trägt, während sie, die bereits erwähnten mörderischen Koloraturen singt. Nein, es liegt daran, dass diese Koloraturen mühelos aus ihr herauszusprudeln scheinen und sie dennoch nicht daran hindern,dabei hinreißend komisch zu sein.

Mark Schowalter als Piet vom Fass und Bass-Bariton Werner Van Mechelen als „Möchtegern- Weltuntergang-Verkünder“ Nekrotzar bilden ein weiteres Paar n diesem Abend. Nekrotzar spannt, im wahrsten Sinne des Wortes Piet für sich ein, nennt ihn „Pferdchen“, reitet gar auf ihn und bleibt doch mehr ein „Don Quixotte“ statt ein zu fürchtender Herrscher. Van Mechelen gelingt es durch seine Darstellung, für sich einzunehmen und die Passagen, die weit über den normalen Stimmumfang eines Bass-Baritons hinausgehen, ebenso, wie auch die normalen oft fast lyrisch anmutenden Momente.

LE GRAND MACABRE/Elbphilharmonie/ Werner v. Mechelen und Heidi Melton/Foto @ Peter Hundert

Verkörpert Nekrotzar, den sich überschätzenden tragischen Verlierer so ist der Säufer Piet vom Fass, die tragisch komische Figur, die uns, blicken wir auf ihn, mit unseren eigenen Schwächen aussöhnt. Schowalter macht die perfekt, er lässt sich einspannen, wirkt verzweifelt aber doch nie mutlos. Sein Tenor hatte eine Leichtigkeit und, soweit hier zu hören einen Klang, der ihn prädestiniert für Rollen, wie zum Beipiel Wagners Loge, den er bereits in Seattle sang, oder Partien, die allgemein hin als „Buffotenor“, aber viel mehr Können und Wandlungsfähigkeit verlangen, als in dieser Bezeichnung steckt.

Auch Alan Gilbert und sein NDR Elbphilharmonie Orchester leisteten Beachtliches, besonders die Herren am Schlagwerk und die Damen und Herren an den Tasteninstrumenten, aber auch der Rest de Orchesters bewies, dass es auch wenig gespielten und ungewöhnlich notierten mehr als gewachsen ist.

Doch auch das Publikum bewies Offenheit für etwas, das man nicht alle Tage sieht und hört, ließ sich von Komik in Handlung und Musik mitreißen und dankte es allen Darstellern mit Jubel und Applaus.

 

  • Rezension des Abends von Birgit Kleinfeld/Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Homepage der ELBPHILHARMONIE
  • Titelfoto: LE GRAND MACABRE/Elbphilharmonie/ Werner v. Mechelen und Heidi Melton/Foto @ Peter Hundert

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