„Zwischen Leben und Tod“ – „DIE TOTE STADT“ an der Bayerischen Staatsoper

Bayerische Staatsoper/ DIE TOTE STADT: Jonas Kaufmann (Paul), Marlis Petersen(Marietta) /Foto © Wilfried Hösl

Die Tote Stadt von Korngold an der Bayerischen Staatsoper, beide Hauptrollen prominent besetzt, das Dirigat von keinem geringeren als Kirill Petrenko mit einer Regie von Simon Stone. Was soll also schief gehen? Nicht viel! Die musikalische Leistung an diesem Abend ist wirklich hervorragend. Trotzdem lässt es mich, bis auf die wirklich Gänsehaut-erzeugende Marlis Peterson mit einem zauberhaften „Glück, das mir verblieb“, recht kalt. Die generell fehlende Nähe kann an der Bühne liegen oder an der ausgedehnten Traum-Geschichte, die eher einer Filmerzählung gleicht oder den manchmal nicht überzeugenden Lichteffekten, die eher Peinlichkeit statt Angst-Zustände auf die Bühne bringen. Auf keinen Fall liegt es jedoch an dem unglaublichen Petrenko, der in Korngolds Partitur sowohl zarte Streicher mit märchenhaften Harfenklängen zu mischen vermag als auch groteske Karnevalsszenen vor dem Auge entstehen lassen kann. (Rezension der besuchten Vorstellung am 22.11.2019)

 

Außerdem ist es wirklich erfreulich, den Trend der Koproduktion bzw. des erneuten Zeigens auf einer anderen Bühne wachsen zu sehen. Auch vom Opernpublikum, das immerhin manchmal reist und immer öfter Livestreams schaut, hat kaum jemand in München diese Inszenierung 2016 bereits in Basel gesehen. Bei Überlegungen dieser Art könnte es hoffentlich irgendwann auch ganz schlicht gesagt um Ressourcen-Teilung gehen und damit meine ich nicht finanzielle.

Trotz der Kälte dieser Bühne (Ralph Myers), das Weiß der Wohnungswände lässt wenig anderes zu, ist das szenische Konzept spannend. Die Wohnung, zunächst eine gewöhnliche Raumaufteilung, entpuppt sich schnell als besonders. Ein kleiner Raum mit Schrein und Fototapete seiner „Toten“ grenzt an Pauls (Jonas Kaufmann) Schlafzimmer, das sich ihm, sobald er der lebenden Marietta näher kommt, verschließt. Die Kälte spiegelt zwar nicht die Emotionalität der Oper wider, doch aber vielleicht das Losgelöstsein von der Welt. Paul lebt mit seiner gestorbenen Marie, ihren Überbleibseln – den Haaren, dem Kleid, den Bildern, Schuhen – in einer „toten Stadt“, gefangen in der Trauer, der er auch in Form der kahlköpfigen Marie begegnet. Bald kommen aus allen Poren des Hauses Marie-Zombies heraus. Das gibt ein tolles, beängstigendes Bild!

Bayerische Staatsoper/ DIE TOTE STADT: Jonas Kaufmann (Paul), Marlis Petersen(Marietta) /Foto © Wilfried Hösl

Erst Marietta bringt Leben in dieses ausweglose Dasein. Und mit ihr schafft das Regieteam auch witzige Moment – Glitzerkleid, Einkaufswagen und rosa Fahrrad sei Dank. Sängerisch geht es jedoch noch bunter zu.

Jonas Kaufmann und Marlis Petersen bewältigen beide einen unglaublichen Kraftakt. Die Partien sind wirklich anstrengend, Petersen merkt man es jedoch nicht mal an. Sie hüpft mit einer Jugendlichkeit über Tische, Couch, Stühle und spielt von süßlich-tragisch (Marie) bis dramatisch-aufgeregt (Marietta), verführt den unschlüssigen Paul mit ihrer Wucht, die auch hörbar ist. Mit einer Leichtigkeit fliegt Petersen durch die Läufe in die Höhe. Sie überstrahlt optisch und akustisch alles. Das ist beeindruckend! Auch Jonas Kaufmann, der vieles über Kraft löst, wird im Laufe des Abends richtig freigesungen und phrasiert mit seinem typisch gaumig klingenden Tenor emotional und musikalisch.

Auch die kleineren Rollen sind wunderbar besetzt. Die warmherzige Brigitta wird von der ebenso warm singenden Jennifer Johnston dargestellt. Mit samtigem Ton, besonders in den vibratoreichen Tiefen, begleitet sie Paul am Anfang und Ende dieses Traums.

Bayerische Staatsoper/ DIE TOTE STADT: Andrzej Filończyk (Frank/Fritz), Marlis Petersen(Marietta) /Foto © Wilfried Hösl

Auch Andrzej Filonczyks Doppel-Rollen als Frank und Franz waren sauber gezeichnet, inklusive betörendem Pierrot-Lied. Und nicht zuletzt Mirjam Mesak (Juliette), Corinna Scheurle (Lucienne), Manuel Günther (Gaston / Victorian) und Dean Power (Graf Albert), die den der Rest der Tanzgruppe singen und elegant und mit Elan tanzen. Sie spielen Mariettas Freunde, die dramatische junge Gang. Die Szene erinnert vom Kostüm und Aufbau an diverse Musicals.

Doch so schön der Gesang und das Orchester, so schlimm der Albtraum Pauls. Die Konkurrenz zwischen Marietta und der Toten, der Liebe bzw. Lust für die jeweilige Frau zieht ihn entzwei. Den Höhepunkt erreicht der Kampf Mariettas um Pauls Zuneigung, als sie die Haare der Toten angreift, was sie letztendlich das Leben kostet. Zum Glück stellt sich alles nur als Albtraum heraus. Paul befindet sich plötzlich in einer Art zweitem Beginn desselben Szenarios, in dem jedoch beide, Marietta und er, getrennte Wege gehen. Mit großem Pathos verbrennt Paul die Andenken an Marie. Und die Moral von der Geschicht‘ steht dick im Raum: bewältige deine Trauer.

 

  • Rezension von Sarah Schnoor / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Bayerische Staatsoper / Stückeseite
  • Titelfoto: Bayerische Staatsoper/ DIE TOTE STADT: Jonas Kaufmann (Paul), Marlis Petersen(Marietta) /Foto © Wilfried Hösl

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