Zwei beste Freunde und eine Frau – „Ein Maskenball“ bei den Maifestspielen Wiesbaden 2019

Staatstheater Wiesbaden /MASKENBALL/ Foto @ Karl & Monika Forster

Der Mai ist ein besonderer Monat für das Staatstheater Wiesbaden, da alljährlich dort die Internationalen Maifestspiele den Höhepunkt einer Spielzeit darstellen. Die Festspiele am Staatstheater Wiesbaden haben eine sehr lange Tradition und sind die zweitältesten Festspiele in Deutschland. Neben besonderen musikalischen Veranstaltungen und Events mit Schwerpunkten, wie diese Jahr „Mozart“, zeigt das Staatstheater Wiesbaden auch Opern aus der aktuellen Spielzeit 18/19 und besetzt diese besonderen Aufführungen mit renommierten Gastsängerinnen und -sängern. (Besuchte Vorstellung am 16.5.2019)

 

Am 16.5.2019 fand die Sondervorstellung von Verdis „Maskenball“ im Staatstheater Wiesbaden statt. Die Wiesbadener Inszenierung ist von ihrer Grundgestaltung traditionell angelegt, in einer dunklen, düsteren, nebligen Atmosphäre ist der zentrale Punkt ein großes Backsteinhaus, welches durch Positionsveränderungen auf der Bühne den äußeren Rahmen für die jeweiligen Handlungsstränge der Oper gibt. Zeitweise erinnert die Atmosphäre auf der Bühne an die düstere, betrügende Stimmung , die man aus Victor Hugos „Les Miserables“ kennt. Die Handlung der Oper wird in der Wiesbadener Inszenierung in die Zeit der Prohibition gelegt. Die widerstreitenden Gruppen und handelnden Personen erscheinen mafiaartig in Anzügen, Hüten, langen Trenchcoats und jederzeit bewaffnet. Unweigerlich wird hier der Betrachter an die Zeit von „Al Capone“ und des „Großen Gatsby“ erinnert. Es ist eine Dekade von lockerer Moral, Gewalt, der berauschenden Glitzerwelt und den Herrschern über den Schwarzhandel und der Unterwelt. Die Wiesbadener Inszenierung ist schlüssig, fesselnd und wird der musikalischen und historischen Vorlage absolut gerecht.

Die Protagonisten des Maskenballs waren an diesem Abend vom Staatstheater Wiesbaden hochkarätig mit Gastsängerinnen und Gastsänger besetzt.

Stefano la Colla als Riccardo ist ein italienischer Tenor, der bereits mit den ersten Tönen im Akt 1 der Oper „Der Maskenball“, bei seinem Auftritt mit Amici miei – soldatie voi del par diletti a me sehr deutlich macht , das hier ein echter, gestandener Verdi Tenor auf der Bühne in Wiesbaden steht.

Staatstheater Wiesbaden /MASKENBALL/ Foto @ Karl & Monika Forster

Er singt die Partie des Grafen mit kraftvoller, strahlender Stimme und einem sehr angenehmen, genau zum Charakter passenden Timbre. Auch die so wichtigen Töne in der tiefen – und mittleren Lage sind bei ihm deutlich zu hören. Die für die Partie geforderten großen Gesangslinien und – bögen und die leidenschaftliche, stimmliche Umsetzung großer Emotionen wie bei „L’anima mia in lei rapita ogni grandezza oblia“ werden von ihm mit Bravour gemeistert. Er schafft es die jeweilige innere Stimmung des Charakters so gesanglich darzustellen, dass aus der Stimmfärbung und dynamischen Entwicklung eines Tones die Emotion, sei sie leicht wie bei „E scherzo od è follia“ oder voller Leidenschaft beim Duett mit Amelia im Akt 2 „Quante volte dal cielo implorai – la pietà che tu chiedi da me„ erkennbar und besonders hörbar wird. Auch die szenische Interaktion zwischen den Personen setzt er richtig um.

Phantastisch die Arie im 3. Akt , zweite Szene „Forse la soglia attinse – ma se m’è forza perderti“ wo La Colla voller innerer Ergriffenheit und Emotion den Schmerz, die Zerrissenheit um seine Liebe und Gefühle zu Amelia „Ist es nicht Pflicht ? O Gott ! Kann ich noch zaudern?“ stimmlich auf höchstem Niveau präsentiert. Die Spitzentöne sind von einer unglaublich, starken Intensität und Dynamik ohne dabei zu Überziehen.

Den grandiosen gesanglichen und darstellerischen Schlusspunkt als sterbender Graf setzt Stefano La Colla mit einem anrührend, getragen gesungenen Abschied „Io che amai la tua consorte Rispettato ho il suo candor“. Bravo, Bravissimo zu diesem Riccardo.

Der russische Sänger Vladislav Sulimsky singt die Partie des Renato an diesem Abend in Wiesbaden. Seine Stimme hat ein dunkles Timbre und ist sehr tragfähig und von großem Volumen. Er hat die Rolle des scheinbar betrogenen Ehemanns sehr gut gesanglich und darstellerisch angelegt.

Er steigert sich im Laufe der Oper und zeigt dabei sehr deutlich die Entwicklung des treuen Freundes hin zum gebrochenen , zerrissenen und scheinbar verratenen Ehemann und Freund. Seine Arie „Alzati là tuo figlio“ im Akt 3 der Oper ist gesanglich und darstellerisch auf sehr hohem Niveau und ist ein Spiegel seiner bestehenden Emotionen – „Durch Verrat lohnest du mir die Treue, die von all deinen Freunden ich der erste dir immer geweiht“.

Die uruguayische Sopranistin Maria José Siri singt die Partie der Amelia bei der Sondervorstellung im Rahmen der Internationalen Maifestspiele. Die von ihr verkörperte Amelia zeigt sie mit einer sehr ergreifenden, gefühlvollen Rollenauslegung. Ihr Sopran hat eine enorme Tragfähigkeit, großes Volumen und einen sehr warmen stimmlichen Ansatz. Sie zeigt in einer nachvollziehbaren Rollenentwicklung in einer berührende Weise die treue Ehefrau, die von ihrer Liebe und den Gefühlen, eigentlich wo anders hingetrieben wird. An einigen Stellen wünscht man sich bei Siri in den Höhen ein weniger starkes Vibrato, welches die gesangliche Umsetzung der Amelia noch besser machen würde.

Im großen Moment zu Beginn des zweiten Aktes „Ecco l’orrido campo ove s’accoppia“ zeigt Siri ihr ganzes gesangliches Können. Dynamisch differenziert, voller Zweifel, großer Hingerissenheit und Liebesschmerz singt sie auf höchstem Niveau und schafft es das Spektrum eines wunderschönen piano bis zum emotionsgetragenen fortissimo voll auszuschöpfen.

Die Wahrsagerin Ulrica wird von der slowenischen Mezzosopranistin Monika Bohinec gesungen. Sie hat eine große, dunkle Stimme, welche auch die für diese Rolle erforderliche Tragfähigkeit und das Volumen in den Tiefen hat. In der zweiten Szene des ersten Aktes „Re dell’abisso, affrettati, precipita per l’etra“ bringt sie stimmlich das mystisch, unheimliche der Wahrsagerin sehr gut hervor.

Hier wird die Gesamtwirkung jedoch von den szenischen Vorgaben der Inszenierung massiv gestört, da durch das Barhafte ähnliche Ambiente die Aura der Wahrsagerin verloren geht.

Staatstheater Wiesbaden /MASKENBALL/ Foto @ Karl & Monika Forster

Eine sehr positive Überraschung an diesem Abend ist die junge israelische Sopranistin Shira Patchornik in der Rolle des Oscar. Sie singt und spielt den treuen Diener überragend und kann mit ihrem hellen, klaren Sopran vollends überzeugen. Sie variiert die sehr wohlklingende Stimme genau passend, sei es leicht verspielt oder ernsthaft mahnend. Die Leichtigkeit Ihres Vortrags kombiniert mit der hellen, klaren Stimme sind ein wirklicher Höhepunkt in dem schon sehr hohen Niveau der Aufführung.

Volta la terrea“ im ersten Akt und „Saper vorreste“ im dritten Akt zeigen die hohe Musikalität und das große stimmliches Vermögen von Patchornik. Neben der Leichtigkeit ihrer Stimme und dem wunderschönen Aussingen der großen Bögen singt und spielt sie die Rolle des Oscar leidenschaftlich und glaubhaft. Eine große Leistung an diesem Abend, die vom Publikum entsprechend begeisternd gewürdigt wurde.

Auch die weiteren Protagonisten des Wiesbadener Maskenballs, vor allem Benjamin Russell als Silvano, Florian Kontschak als Tom und Tuncay Kurtoglu als Samuel fügten sich in das hohe Niveau des Abends nahtlos ein.

Der Chor des Hessischen Staatstheaters (Chor: Albert Horne) sang sehr homogen, dynamisch differenziert und folgte jederzeit den Vorgaben des Dirigenten.

Die tragende Säule des Abends war das hervorragende Orchester des Hessischen Staatstheaters. Von den vorhandenen, kammermusikalischen Vorgaben bis hin zu den großen musikalischen Momenten in der Partitur des Maskenballs zeigte das Orchester eine grandiose klangliche und spielerische Leistungsfähigkeit und Vermögen, welche genau, sauber und dem Dirigat von Christoph Stiller folgend, keinerlei Wünsche übrig ließ.

Einziger Negativpunkt an diesem Abend waren die sehr störenden verbalen Hinweise der hinter einem Paravent postierten Souffleuse.

Ein großer Verdi Abend wurde von dem Wiesbadener Publikum mit langanhaltenden Applaus und Begeisterung gewürdigt. Kompliment dem Staatstheater Wiesbaden zu diesem Maskenball.

 

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