Kölner Philharmonie: Kent Nagano interpretiert Wagner und Bruckner neu

Kent Nagano / © Felix Broede

Umjubeltes Konzert am 16. Mai 2019 mit dem Concerto Köln in der Kölner Philharmonie – Stardirigent Kent Nagano interpretiert Wagner und Bruckner neu

Kent Nagano hat sich eine neue Aufgabe gestellt: zusammen mit dem Concerto Köln, einem der erlesensten Orchester für historische Aufführungspraxis, hat er Wagners „Wesendonck-Lieder“ mit der Mezzosopranistin Sophie Harmsen und Bruckners 3. Sinfonie, die Wagner gewidmet ist, erarbeitet und in der gut besetzten Kölner Philharmonie aufgeführt. Concerto Köln spielte die Lieder und die Sinfonie unter der Leitung von Kent Nagano so spannend, als würde man sie zu ersten Mal hören. Das Publikum applaudierte begeistert.

 

Eine Aufzeichnung des Konzerts wird am 30. Mai 2019 um 20.03 Uhr im Deutschlandfunk Kultur gesendet und steht für 30 Tage zum Nachhören auf der Webseite deutschlandfunkkultur.de zur Verfügung.

Sophie Harmsen gestaltete die Vertonung von Wagners Affäre mit der Fabrikantengattin Mathilde Wesendonck, die die Texte schrieb, zu denen Wagner die Klavierbegleitung komponierte, mit warmem, perfekt geführten Mezzosopran.

Nur zu „Träume“ hat Wagner selbst eine Orchesterfassung geschrieben, die anderen vier Lieder arrangierte der Wagner-Dirigent Felix Josef Mottl. Für Wagner waren die Lieder eine Vorbereitung zu „Tristan und Isolde“. In dieser Oper verarbeitete er seine verbotene Liebe zu Mathilde Wesendonck.

Die Begleitung durch das Concerto Köln unterstrich die romantischen Emotionen mit delikatesten Piano-Passagen und erlesenen Bläser-Soli. Kent Nagano schuf mit den auf Original-Instrumenten aus Wagners Zeit spielenden Musikern einen nie gehörten Wohlklang. Die Singstimme wurde nie zugedeckt, sondern von den sehr farbig eingesetzten Streichern und Bläsern gleichberechtigt ergänzt.

Eingang der Kölner Philharmonie / @KölnMusik/Matthias Baus

Dabei ist es viel schwerer, auf historischen Instrumenten zu spielen als auf modernen Orchesterinstrumenten. Die Streicher spielen auf Darmsaiten, die viel leiser sind und nicht so scharf im Anspiel, die Blasinstrumente wirken matter und sprechen nicht so leicht an wie moderne Instrumente. Nach dem zweiten Satz der Bruckner-Sinfonie mussten die Instrumente neu gestimmt werden, weil sie viel empfindlicher sind als moderne Instrumente.

Die Musiker des Concerto Köln sind Spezialisten in der Behandlung ihrer historischen Instrumente. Sie gelten als Experten für Barockmusik und haben bereits 75, zum großen Teil preisgekrönte Einspielungen mit Musik des 17., 18. und frühen 19. Jahrhunderts veröffentlicht.

Für ihre Einspielung von Vincis Oper „Artaserse“ mit Daniel Behle und fünf Countertenören unter Diego Fasolis wurden sie 2013 für den International Opera Award nominiert. Sie spielen in diesem Jahr erstmalig Musik des mittleren bis späten 19. Jahrhunderts und haben sich dazu auf das Format eines Sinfonieorchesters mit acht Kontrabässen vergrößert. Als Kulturbotschafter der Europäischen Union (2012) und mit Förderung des Landes NRW gehört das in Köln beheimatete 1985 gegründete Orchester zu den musikalischen Aushängeschildern.

Anlässlich Beethovens 250. Geburtstag werden sie am 21. August 2020 im Kölner Dom mit Kent Nagano Beethovens „Missa solemnis“ und Stockhausens „Gesang der Jünglinge im Feuer“ aufführen.

Mit Kent Nagano am Pult erreichten sie mit ihren historischen Instrumenten das Niveau eines modernen sinfonischen Spitzenorchesters. Die Hörner, Trompeten und Holzblasinstrumente bezauberten durch einen etwas verschatteten, aber perfekt intonierten Klang, was man vor allem in Bruckners 3. Sinfonie, die er Richard Wagner gewidmet hat, erkennen konnte.

Nagano ließ die dritte – und kürzeste – Fassung dieser Sinfonie spielen, in der Bruckner den Klang und stilistische Mittel Richard Wagners beschwört. Die Motive aus Wagners „Tristan“, die er in die erste Fassung eingefügt hatte, hat Bruckner selbst in der zweiten und dritten Fassung wieder gestrichen.

Nagano ließ Bruckners d-moll-Sinfonie so durchsichtig und filigran musizieren, dass sie fast klassisch wirkte. Ihm gelang es mit dem unfassbar präzise spielenden Orchester, einen betörenden und in den großen Tutti-Passagen überwältigenden Klang zu erzeugen. Dabei schuf er eine enorme Dynamik, indem er leise Passagen tatsächlich pianissimo spielen ließ. Die Zuhörer waren so gebannt, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können.

Ein besonderes Lob verdienen die Trompeten, die das Trompetenmotiv des ersten Satzes am Schluss in siegreichem D-Dur spielten. Auch die Hörner habe ich selten so perfekt ansprechen gehört.

Dazu trug die Faszination des Dirigenten Kent Nagano bei, der wie ein Magier das auf die Größe eines hochromantischen Orchesters besetzte Concerto Köln beflügelte.

Kent Nagano / Foto @ Felix Broede
Kent Nagano / Foto @ Felix Broede

Die Chemie zwischen Nagano und dem Orchester scheint jedenfalls zu stimmen. Beim Signiertermin sprach er höchstes Lob aus: „Sie haben dieses perfekte Orchester in Köln!“

Kent Nagano wurde 1984 international bekannt, als Messiaen Seiji Ozawa empfahl, ihn bei der Vorbereitung zur Premiere seiner einzigen Oper „Saint François d’Assise“ assistieren zu lassen. Diese nur selten aufgeführte Oper dirigierte Nagano dann 1998 selbst bei den Salzburger Festspielen. Seit 2015 ist er Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper und des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg.

Von 2006 bis 2013 leitete Nagano als Generalmusikdirektor die Bayerische Staatsoper. Er ist auch Music Director des Orchestre symphonique de Montréal (OSM), bei dem er den Vertrag bis zum Jahr 2020 verlängert hat. Nagano ist also ein vielbeschäftigter und gefragter Star unter den internationalen Dirigenten.

Sein jüngstes Projekt sind die „Wagner-Lesarten“, bei dem er mit dem Concerto Köln in Kooperation mit der Hochschule für Musik und Tanz Köln und der Universität Köln Werke Richard Wagners, vor allem den kompletten „Ring des Nibelungen“ in historischer Aufführungspraxis erarbeitet. Er sagt selbst, dass er sich für die Verwirklichung dieses Mammutprojekts noch fünf Jahre Zeit nehmen möchte.

Die Kölner Philharmonie mit ihrer durch Holzvertäfelung perfekten Akustik und der modernen Aufzeichnungstechnik ist für dieses Projekt der geeignete Raum. Die Konzerte können dort live aufgezeichnet werden und auf CD als Dokumente des Originalklangs verbreitet werden. Das Orchester gastiert aber auch weltweit, ich rechne also fest damit, dass diese Produktion in andere Städte eingeladen wird.

 

  • Konzertrezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer/Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Kölner Philharmonie
  • Concerto Köln
  • Titelfoto: Blick in den Saal der Kölner Philharmonie / Foto © KölnMusik/Guido Erbring

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