Zum Abschied die Neunte: Kirill Petrenko vollendet seinen Mahler-Zyklus „9×9“ mit dem Symphonieorchester Vorarlberg

Konzert am 2. 10., im Festspielhaus Bregenz.
Fotograph: Dietmar Mathis

Als Kirill Petrenko und das Symphonieorchester Vorarlberg vor rund dreizehn Jahren mit der Aufführung der 1. Sinfonie von Gustav Mahler einen neuen Mahler-Zyklus begonnen haben, war die Welt noch eine andere: Die Finanzkrise des Jahres 2008 nahm derweil ihren verheerenden Lauf, der Syrienkrieg und die darauffolgenden Flüchtlingsbewegungen des Jahres 2015 lagen noch in ferner Zukunft. Unvorstellbar waren zu diesem Zeitpunkt auch die Auswüchse und Folgen der Corona-Pandemie auf unsere Kultur und Gesellschaft.(Rezension des Konzertes aus dem Montforthaus Feldkirch, 3. Oktober 2021)

 

Auch die Karriere des Dirigenten Kirill Petrenko befand sich im Jahre 2008 noch auf ihrem steilen Anstieg. Er schuf sich einen Namen, wurde überall hochgeschätzt und hat gerade die Komische Oper Berlin verlassen, um sich als freischaffender Künstler neuen Projekten zu widmen. Über drei Sommer wurde er für die musikalische Leitung von Wagners „Der Ring des Nibelungen“ bei den Bayreuther Festspielen hochbejubelt. Als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper wurde er daraufhin mehrmals zum Dirigenten des Jahres gewählt. Aber auch seine Zeit in München ist mittlerweile zu Ende gegangen. Spätestens mit seiner Berufung an die Spitze der Berliner Philharmoniker darf sich Kirill Petrenko als mitunter bedeutendster Dirigent der Gegenwart bezeichnen. Zu seinem Herzensprojekt und einer musikalischen Konstante entwickelte sich jedoch sein „9×9 Mahler-Zyklus“ mit dem Symphonieorchester Vorarlberg, dessen Konzerte an den Spielstätten in Bregenz und Feldkirch landläufig als „Provinz“ belächelt werden. Es ist jedoch diese Provinz, in welcher die europäische Heimat dieses Ausnahmedirigenten liegt. Im Jahre 1990 ist Petrenko mit seiner Familie nach Vorarlberg übersiedelt, seine musikalischen Wurzeln liegen am Landeskonservatorium in Feldkirch, sein Vater war Musiker im hiesigen Orchester. Und so hat Kirill Petrenko trotz weltweitem Ruhm seine Region nie vergessen und beglückt sie einmal in der Spielzeit mit der Einstudierung und Aufführung einer Sinfonie von Gustav Mahler. Nun fand dieser Zyklus mit der 9. Sinfonie seinen Abschluss, der gleichermaßen als Höhepunkt und Meilenstein in die Geschichte des Symphonieorchesters Vorarlberg eingehen wird.

Kirill Petrenko © Wolfgang Hösl

Die Anspannung im Saal, gerade bei den Orchestermusikerinnen und -musikern, war an diesem Nachmittag merklich zu spüren: Derart auf ihren Dirigenten fokussiert, im Bewusstsein um die Bedeutung des Abends, an sich selbst die allerhöchsten Ansprüche stellend – so hat man ein Orchester wahrlich selten erlebt!

Im dritten Satz, dem Rondo-Burleske, brillierte das Orchester durch äußerste Präzision und prägnante, sorgfältig ausgeführte Soli. Sie harmonierten in Perfektion, hingerissen durch einen Dirigenten, der seinen erbarmungslosen Willen in jeden einzelnen auf der Bühne zu übertragen wusste.

Konzert am 2. 10., im Festspielhaus Bregenz.
Fotograph: Dietmar Mathis

Und im 4. Satz, dem abschließenden Adagio Sehr langsam und noch zurückhaltend bewies Petrenko, dass er seinen transparenten Orchesterklang, für welchen er an der Bayerischen Staatsoper so berühmt wurde, auch auf diesen Klangkörper übertragen konnte. Das Symphonieorchester Vorarlberg jedenfalls gar nicht nach „Provinz“. Die Streicher intonierten glasklar und sauber, musizierten gleichermaßen hingebungsvoll und bauten den Abgesang der Sinfonie als lyrisches Kammerspiel auf.

Für Gustav Mahler verkörperte die 9. Sinfonie seinen musikalischen Abschied von der Welt. Sie wurde schließlich erst posthum von Bruno Walter uraufgeführt. Es bleibt dem Symphonieorchester Vorarlberg zu wünschen, dass Kirill Petrenko eines Tages wieder heimkehren wird und sein Abschluss des Mahlerzyklus nicht als Abschied des Dirigenten zu deuten ist.

 

  • Rezension von Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Symphonieorchester Vorarlberg
  • Titelfoto: Konzert am 2. 10.21 im Festspielhaus Bregenz/Fotograph: Dietmar Mathis

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