Wuppertal: „La Bohème“ – Das ganze Leben in einem Karton

Oper Wuppertal/LA BOHEME/ Opernchor-Kinderchor/ Foto @ Jens Grossmann

Immo Karaman und Fabian Posca lesen Puccini und bescheren mit ihrer „La Bohème“ dem Wuppertaler Publikum einen seelenvollen Opernabend.

  • Rezension der Premiere vom 2. November 2019

 

Nach der fulminanten Produktion von Korngolds „Toter Stadt“ in der vergangenen Saison richtete man nun gespannt den Blick auf die neue Inszenierung des Regieduos Immo Karaman (Inszenierung und Bühne) und Fabian Posca (Kostüm und Choreographie). Sind beide Künstler bisher hauptsächlich mit Werken der klassischen Moderne wie dem vielbeachteten Britten-Zyklus an der Deutschen Oper am Rhein, diversen Uraufführungen sowie Spielplanraritäten wie Prokofjews „Feurigem Engel“ oder Zemlinskys „Zwerg“ in Erscheinung getreten, widmen sie sich nun einem der Standardwerke der Opernliteratur, ja vielleicht DER Oper schlechthin. „La Bohème“ – diese im Paris des 19. Jahrhunderts angesiedelte Geschichte um vier junge Lebenskünstler, die sich mehr schlecht als recht durchschlagen, die Miete schuldig bleiben und aus allem, was sich ihnen im Leben entgegenstellt, eine kleine Inszenierung, einen Witz, eine Anekdote erschaffen und einfach ihren Spaß haben; jenes melodie- und klanggewordene Sinnbild für tragische Liebe vor den Kulissen der Seine-Stadt, dekoriert mit Häubchen, Handschuhen, Hüten und Muff.

Oper Wuppertal/LA BOHEME/ Ralitsa Ralinova, Aleš Jenis, Opernchor/ Foto @ Jens Grossmann

Karaman und Posca schauen in ihrer aktuellen Inszenierung mit ebenso klarem wie liebevollem Blick auf die Protagonisten und hinter die Kulissen derer Lebensentwürfe, durchleuchten treffsicher den plüschigen Schein des Pariser Postkartenidylls und treffen mit ihrer Analyse mitten ins Herz.

Der Werkstoff Papier spielt dabei eine zentrale Rolle. Papier, das knistert, knittert, schnell entflammt, zart und leicht zerstörbar ist, das andererseits aber auch die Basis vielerlei künstlerischen Schaffens darstellt – vom Schreiben, Malen und Zeichnen über die Faltkunst bis in die Mode. Schöpfung und Vergänglichkeit sind in kaum einem anderen Material derart bildhaft miteinander verknüpft, und so erscheint es folgerichtig, dass Papier, Pappe und Karton zu sinnstiftenden Mitakteuren in der Wuppertaler „Boheme“ avancieren. Auch wenn, soviel sei vorweggenommen, diese Aufführung „nicht von Pappe“ sein wird.

Der Abend beginnt im Inneren eines Paketes. Darin entfaltet sich die Mansarde der Bohemiens; arte povera im doppelten Sinne: Möbel, der Ofen, das Feuer, die Getränke, ja selbst der Papagei, sind aus Karton; aus einer Kiste und einer Papierolle wird eine Filmkamera gezaubert. Die materielle Armut wird kaschiert als funkelndes Leben zwischen Pappkartons inmitten papierener Wände, die permanente Geldnot der Protagonisten verwandelt zum Kreativspielfeld, in dem aus Nichts Welten geschaffen werden. Ein Hoch auf den Augenblick, die Lebendigkeit, das Freisein – so präsentiert sich das Leben der vier jungen Künstler im ersten Akt: unbeschwert, voller Überraschungen – und ohne Konsequenzen.

So lustig, lebendig und dabei vollkommen frei von Klamauk wie in der Regie von Immo Karaman war dies wohl kaum je zu erleben. Im Publikum wurde geschmunzelt und gelacht; glücklich lächelnd über so viel schönes, phantasievolles Theater saß man verzaubert, wie ein Kind im Weihnachtsmärchen.

Das Auftauchen von Mimi in der Wohnung, ihre verloschene Kerze, der angeblich vergessene Schlüssel, die Begegnung mit Rodolfo, die erste Berührung der Hände, wie sich beide gegenseitig ihr Leben erzählen – all das hat so etwas anrührend Einfaches und Klares, dass es einem beim Hinschauen und Zuhören fast das Herz zerreißt.

Für beide Protagonisten stehen dem Wuppertaler Opernhaus junge Kräfte zur Verfügung, wie man sie sich besser nicht wünschen könnte:

Oper Wuppertal/LA BOHEME/ Sangmin Jeon, Li Keng/ Foto @ Jens Grossmann

Sangmin Jeon, dessen Tenor bereits als Victorin und Gaston in der „Toten Stadt“ aufhorchen ließ, bekommt mit der Partie des Rodolfo hervorragende Gelegenheit, seine Fähigkeiten voll zur Geltung zu bringen. Mit runder Brille und im Strickpullover äußerlich ein wenig an Harry Potter erinnernd, entfaltet der junge Sänger auf der Bühne mit jeder Faser und jeder Geste einen Spielwitz, welcher ihn ab der ersten Sekunde die Herzen der Zuschauer erobern lässt. Im Verbund mit seiner leichten, eleganten Stimmführung, vorzüglicher Phrasierung und ausgezeichnetem Legato wird er zur Idealbesetzung für den jungen Dichter und am Ende vom Publikum für seine Leistung enthusiastisch gefeiert.

Mit der taiwanesischen Sopranistin Li Keng konnte für die Mimi eine exzellente Sängerdarstellerin gewonnen werden: mit anrührendem Spiel und einer Stimme, vermittels derer sie große schöne Bögen, kraftvolle Aufschwünge in leuchtende Höhen und warme Tiefen eindrucksvoll und zu Herzen gehend zu gestalten wusste. Makellos und glasklar ihr hohes C zum Schluss des ersten Aktes, atemberaubend ihre verschwindenden, lebenaushauchenden und dabei jederzeit tragfähigen Piani am Ende des Stückes.

Aber noch ist die Liebe jung, das Leben zum Ende des ersten Aktes scheinbar in Ordnung, und so geht es gemeinsam auf den Weihnachtsmarkt und ins Cafe Momus im Quartier Latin.

Dies präsentiert sich wie eine Szene aus dem Kamishibai, jenem japanischen Papiertheater: in einem papiernen Rahmen erscheint schemenhaft stilisiert – wie in einem Comic – das Markttreiben aus Spaziergängern, Verkäufern und Kindern. Lustige Papierautos kreuzen die Szene, einmal stoßen zwei zusammen, woraufhin ein „BOOOM!“-Sternchen im Bild auftaucht. Das Ganze mutet ein wenig surreal an, erinnert teils an Animationsfilme der zwanziger und dreißiger Jahre mit seinen raffinierten Wimmel- und Verwirrbildern aus rhythmischen Abläufen, in die unsere Protagonisten wie in ein Meer eintauchen, kurz darin verschwinden, wieder zum Vorschein kommen…

Aus der Menge schält sich Musetta heraus. Ralitsa Ralinova gestaltet ihre Partie weder mit spitziger noch soubrettenhafter, sondern mit sehr lyrischer und warmer Stimme. In ihrer Arie formt sie ein tiefgehendes Rollenportrait und erfreut den ganzen Abend über mit ebenso weicher wie kraftvoller Höhe, schönen Differenzierungen und überzeugendem Spiel.

Oper Wuppertal/LA BOHEME/ Sebastian Campione, Simon Stricker, Aleš Jenis, Sangmin Jeon/ Foto @ Jens Grossmann

Alés Jenis vermag in der Partie des Marcello ansprechende und kraftvolle Akzente zu setzen, Simon Stricker als Schaunard erfreut einmal mehr mit wohlklingender, ausgeglichener Baritonstimme, und auch alle weiteren Partien sind trefflich besetzt.

Mit Chor, Extrachor und dem Kinderchor in der Einstudierung von Markus Baisch bot das Haus alle Kräfte auf und brachte die Bühne fast zum Bersten. Die rhythmisch und im Zusammenspiel zwischen Orchestergraben und Bühne nicht immer einfachen Passagen fanden hier untadelige und klangschöne Bewältigung.

Generalmusikdirektorin Julia Jones am Pult des differenziert und wohlklingend aufspielenden Sinfonieorchesters Wuppertal koordiniert mit sicherer Hand das diffizile Spiel zwischen Bühne, seitlich im Rang platzierter Banda und Orchestergraben im zweiten Akt und lässt den gesamten Abend über mit eleganter Stabführung Puccinis Partitur atmen, leuchten und klingen.

Der Auftritt der Soldaten und des Tambourmajors entwickelt sich bei Karaman und Posca zu einer Art von gigantischem, überdimensionalem Computerspiel. Bilder aus dem Beamer – das Leben eine Projektion. Ein riesiger grüner Drache erscheint wie aus einem Comic entsprungen über den Köpfen der Darsteller; mit Pappschwertern und Pappschilden wird gegen ihn gekämpft, die Szene befindet sich im Rausch des virtuellen Lebens, das echte wird ausgeblendet. Von der Menge unbemerkt, bricht im Schatten des wilden Treibens Mimi unter einem Schwächeanfall zusammen.

Nach der Pause zu Beginn des dritten Aktes, werden die Reste der rauschenden Nacht zusammengekehrt. Wo zuvor Feierlaune und Übermut regierten, breitet sich nun Ernüchterung aus. Der Papierdrache wird von einem Mitarbeiter der Müllabfuhr in den Schnürboden gezogen, Pappwände und Kartonreste verschwinden in Müllcontainern, die Bühne leert sich, und dahinter ist… nichts. Kein schöner Land, kein Arkadien, sondern einfach schwarzer leerer Raum mit einigen übriggebliebenen Papierkisten. Nach der Leichtigkeit und der Verspieltheit des ersten Teiles wird hier nun die andere Seite der Medaille sichtbar. Kälte kriecht durch die Ritzen, die Welt ist unwirtlich geworden. Wir sehen den Hinterausgang einer drittklassigen Bar. Drinnen sieht man Frauen in billigen Fummeln tanzen, draußen wird geraucht und gefroren. Die Illusion ist zerbrochen, das Kartenhaus in sich zusammengefallen, es bleibt nicht mehr viel übrig.

Mimi und Rodolfo wollen sich trennen. Sie tun es in einer Weise, die einem das Herz brechen lässt: liebevoll, still, hilflos und – wie Mimi mehrfach wiederholt: „ohne Groll“. Bis zum Frühling wollen sie noch zusammenbleiben, um den Winter nicht allein durchstehen zu müssen. Es tut weh, diese zerbrechliche Liebe, die verlorene Sehnsucht und Rodolfos Angst vor wahrer Verbindlichkeit, seine unendliche Hilflosigkeit und innere Einsamkeit mit anschauen zu müssen.

Die Kartons, welche zu Beginn des Stückes noch Symbol für wunderbare Überraschungen, Geburtstags- oder Weihnachtspakete waren und scheinbar ein ganzes Leben voller phänomenaler Möglichkeiten in sich bargen, werden nun zu Symbolen der Vereinsamung und der Heimatlosigkeit. Der Umzugskarton als Illusion von Mobilität wird unter genauer Betrachtung zum Gefängnis und makabren Bezugspunkt in einer sonst beziehungsleeren, entwurzelten Lebenswelt.

Die fröhliche Wunder- und Beziehungskiste des Anfangs ist entzaubert, die Scherze der vier Künstlerfreunde wirken nach all dem wie ein schlechtes Remake – seltsam leer, um sich selbst kreisend, künstlich überdreht. Man schaut ihrem Treiben zu und ist nicht mehr erfreut oder amüsiert; der Lack ist ab, die Magie verflogen.

Oper Wuppertal/LA BOHEME/ Sangmin Jeon, Li Keng/ Foto @ Jens Grossmann –

Am Ende stirbt Mimi einsam auf dem Boden liegend, nur von einer Decke geschützt. Es gibt keine Mansarde mehr, keine Geborgenheit, nur noch einen letzten Karton. Als Rodolfo ihn anhebt und mit ihm die Bühne verlässt, weiß man, dass er von nun an schwereres Gepäck haben wird.

Nach dem letzten Akkord erhoben sich minutenlange Jubelstürme für alle Beteiligten; der überbordende Applaus für die solistischen Leistungen, die Chöre und Statisterie wollte kein Ende nehmen und schloss das später hinzukommende Regieduo mit nochmaliger Steigerung auf das Herzlichste mit ein.

So wenig Lokalkolorit gab es wohl noch nie in einer Aufführung der „Bohème“. Aber auch selten so viel Liebe, so viel Lachen, so viel anrührende Spielfreude und sehnsüchtige Momente.

Möge dieser wunderbaren Aufführung ein langes Leben im Spielplan vor vollem Haus beschieden sein!

 

  • Rezension von Sibylle Eichhorn / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Wuppertal / Stückeseite
  • Titelfoto: Oper Wuppertal/LA BOHEME/ Sangmin Jeon, Li Keng/ Foto @ Jens Grossmann

 

 

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