Vollendeter Weltenschmerz: Fortsetzung des Dresdner Beethoven-Zyklus unter Christian Thielemann

Konzert am 18.10.20 mit C. Thielemann / Copyright by Matthias Creutziger

Sinfonie Nr. 6, op. 68 „Pastorale“
Sinfonie Nr. 7, op. 92

Sächsische Staatskapelle Dresden
Christian Thielemann / 18. Oktober 2020

Es ist Beethoven-Jahr: Auch wenn pandemiebedingt der 250. Geburtstag des Komponisten etwas kleiner gefeiert wurde, stehen seine Sinfonien weltweit an erster Stelle im Repertoire sämtlicher renommierter Orchester und auch kleinerer Ensembles. Beethovens sechste und siebte Sinfonie sind sicherlich keine Seltenheit im Konzertsaal, und dennoch war es die Sächsische Staatskapelle Dresden, die mit der Fortsetzung ihres Beethoven-Sinfonien-Zyklus noch einmal etwas ganz Außergewöhnliches aus der Partitur herauszuholen wusste. Denn am Pult der Staatskapelle stand ein Kapellmeister in romantischer Tradition eines Wilhelm Furtwängler, Otto Klemperer oder Karl Böhm, ein Musiker mit Expertise für die Gattung des „deutschen Fachs“ von Richard Wagner, Ludwig van Beethoven und Richard Strauss schlechthin, Christian Thielemann: Zehn Jahren nach Einspielung des hochgelobten Beethoven-Zyklus‘ mit den Wiener Philharmonikern bewies er nun in der Semperoper, dass es mit ihm noch einen Dirigenten gibt, der ausdrücklich etwas zu dem Werke Beethovens mitzuteilen hat. Denn in Christian Thielemann lebt das Bewusstsein Beethovens auch heute weiter!

 

Die sechste Sinfonie Beethovens, die „Pastorale“, beschreibt einen Tag auf dem Lande mit freudiger Ankunft, gemeinsamen Tänzen, einem Gewittersturm und dankbarem Hirtengesang im Abschluss – ein wahres arkadisches Schäferspiel. Den Kopfsatz im Allegro ma non troppo, mit dem zärtlichen zusammen- und auseinanderlaufen kleiner Motive und Melodiebögen, nahm Christian Thielemann mit spannungsreicher Unbestimmtheit, hier ein wenig schneller, dann ein unerwartetes Ritardando, aber alles im Fluss der Musik. Beachtenswert, wie Thielemann sein Publikum zu genauem Zuhören anregte, indem er in den Wiederholungen kleinste Differenzierungen in der motivischen Arbeit erklingen ließ. So nahm er beispielsweise die Holzbläser unmerklich in ihrer Lautstärke zurück und verlängerte dabei dezent eine Fermate am Phrasenschluss. Erst im dritten Satz, dem Allegro, raffte Thielemann sein Dirigat zusammen, um in kontrollierter Ektase sämtliche Gewalt im vierten Satz, dem „Gewittersturm“, wieder zu entladen. ´

Konzert am 18.10.20 mit C. Thielemann / Copyright by Matthias Creutziger

Nach dieser emotionalen „Pastorale-Achterbahn“ wurde dem Publikum Corona-bedingt die notwendige Pause verwehrt und nach kurzem Zwischenapplaus ging es direkt mit Beethovens siebter Sinfonie weiter. Aus dem gesamten Schaffen des Komponisten sticht in seiner Intensität der zweite Satz, das langsam schreitende Allegretto, noch einmal besonders hervor. Fast ein wenig trocken, ohne einen Anschein von Sentimentalität, schritt Thielemann in diesem Satz prozessionsartig voran und wusste gekonnt die Holzbläser schablonenartig in den sanften Fluss der Streichergruppen einzuweben. Im krönenden Abschluss der Sinfonie, dem Allegro con brio, sprach aus seinem Dirigat der wahrhaftige Geist Beethovens in seinem umfänglichen Wahn und Weltenschmerz. Hier konnte sich Thielemann schließlich nicht mehr bändigen und erlag – im positiven Sinne – der emotionalen Raserei des Werkes.

Christian Thielemann ist den neuzeitlichen Versuchen, mit angeblich originalen Metronom-Angaben des Komponisten ein aberwitziges Tempo zu provozieren, glücklicherweise nicht erliegen. Vielmehr musizierte der Kapellmeister in romantischer Lesart einen ruhend-spannungsvollen, stetig voranschreitenden Beethoven. Oder um es mit den Worten Wilhelm Furtwänglers zu beschreiben „Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige“­ – Auf der Suche nach höchster Authentizität bewies Thielemann nicht nur ein Gespür für das passende Tempo, sondern darüber hinaus ebenso auch für Ausdruck und Form. Mit dieser Interpretation bereiteten die Musikerinnern und Musiker der Staatskapelle Dresden dem Komponisten Ludwig van Beethoven womöglich das wertvollste und teuerste Geschenk zu dessen 250. Geburtstag.

 

  • Rezension von Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Sächsische Staatskapelle Dresden
  • Titelfoto und weitere: Konzert am 18.10.20 mit C. Thielemann / Copyright by Matthias Creutziger

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.