„Verbrechen, das ungesühnt bis zum heutigen Tag“ – Irrelohe von Franz Schreker in Lyon

Opéra de Lyon/IRRELOHE/ Foto ©Stofleth

„Irrelohe“ von Franz Schreker fängt als Stummfilm mit dem Vorspiel der Oper als Untermalung an. In dieser Oper geht es um ein äußerst düsteres Familiengeheimnis. Es geht um eine Vergewaltigung vor 30 Jahren, deren Opfer, Lola, so traumatisiert ist, dass sie immer noch nicht in der Lage ist, ihren unehelichen Sohn Peter über seine Herkunft aufzuklären. Der Täter war der längst verstorbene  Graf von Irrelohe, dessen Sohn Heinrich weiß, dass der Hang zur sexuellen Hemmungslosigkeit und Unbeherrschheit in der Familie liegt und der deshalb ein zurückgezogenes Leben als Privatgelehrter führt. Die hochexpressive Musik Franz Schrekers mit atonalen Elementen illustriert plastisch mit dem Orchesterpart die Ängste und Abgründe, die im Charakter der Protagonisten liegen. (Rezension der Premiere v. 19.03.2022)

 

 

Diese Musik ist extrem schwer zu spielen, hat aber enorm viele Farben. Mit dem 1937 geborenen Altmeister Bernhard Kontarsky hat man einen ausgewiesenen Experten für Musik des 20. und 21. Jahrhunderts verpflichtet, der das groß besetzte Orchester zum Funkeln bringt und den Ausdruck der  exzellenten Sänger*innen musikalisch um die Dimension des Unterbewussten ergänzt. Die Musik beschreibt suggestiv die psychische Verfassung der Protagonisten.

Ein Interview mit dem Dirigenten Bernhard Kontarsky finden Sie unter DIESEM LINK.

Opéra de Lyon/IRRELOHE/ Foto ©Stofleth

In der Regie von Christian Bösch kommt Franz Schrekers Oper „Irrelohe“ in der Optik eines Stummfilms daher und ist in die Entstehungszeit der Oper, die Zeit des Stummfilms, verlegt. Das Bühnenbild von Falko Herold zeigt im Vordergrund einen Dorfkiosk und ist weitgehend schwarz-weiß gehalten. Es wird von der Burg Irrelohe über dem Dorf beherrscht, dem Sitz des Grafen von Irrelohe. Die schwarz-weißen Film-Sequenzen, die von Orchestermusik untermalt sind, gehen nahtlos in die Handlung über.

Die dreiaktige Oper wurde 1924 unter der musikalischen Leitung von Otto Klemperer in Köln uraufgeführt. Sie ist hochromantisch mit atonalen Elementen und erinnert in der Tonsprache und in der Dramaturgie an „Elektra“ von Richard Strauss. Sie ist ähnlich groß besetzt und irisiert in den opulentesten Orchesterfarben. Die exzellenten Solisten bleiben ihren Partien nichts schuldig. Es sind typgerecht besetzte Darsteller*innen mit großen Stimmen.

Die Katastrophe bahnt sich an, als Eva, die Tochter des Försters, sich in Heinrich verliebt und Peter, ihrem Jugendfreund, den Laufpass gibt. Ihre Hochzeit mit Heinrich lockt Musiker auf den Plan.

Als Katalysator der Handlung fungiert der alte Geiger Christobald, vor 30 Jahren Verlobter Lolas und Zeuge des Geschehens. Er kommt 30 Jahre später als Rächer nach Irrelohe und erzählt Peter die Geschichte seiner Zeugung: als er auf der Hochzeit des alten Grafen mit der Fiedel aufspielte habe der an seinem Hochzeitstag Christobalds junge tanzende attraktive rotlockige junge Verlobte vor aller Augen vergewaltigt. „Und plötzlich schoss ihm das Blut in die Stirn, rot, rot sein Kopf. Es sprangen Flammen aus seinem Haar, und stürzte los auf sie und nahm sie, nahm sie vor allen Leuten.“  Er habe nicht eingegriffen. „Entsetzt und feige, ich floh, ich Hund, ich Schuft!“

Als Christobald den Namen der Geschändeten – Lola – nennt, begreift Peter, dass das Opfer seine Mutter gewesen sein muss und er selbst die Frucht dieser Vergewaltigung. Peter zerbricht an dieser schockierenden Offenbarung und entwickelt eine nervöse Störung.

Eva steht zwischen Peter und Heinrich, denn beide sind in sie verliebt. Eva, die vom verschlossenen Heinrich fasziniert ist, lockt ihn aus seinem Elfenbeinturm indem sie ihm ihre Liebe erklärt, und es kommt in einem Liebesduett, das dem im ersten Akt der Walküre nicht nachsteht, fast zur großen Vereinigung, die Heinrich aber ablehnt, weil er sich beherrschen will. Er möchte bis nach der Hochzeit warten.

Während der Hochzeit von Eva und Heinrich eskaliert die Rivalität der Halbbrüder: Peter versucht, Heinrich zu erstechen, weil der Eva nicht mit ihm teilen will, Heinrich wehrt sich jedoch und bringt seinerseits Peter mit dessen Messer um. Eva schneidet sich die Pulsadern auf, es gibt kein Happy End.

Zu diesem Showdown der feindlichen Brüder hat Christobald als Vergeltung für Lolas Schmach das Schloss in Brand gesteckt, das lichterloh und ausgesprochen bühnenwirksam abbrennt.

Opéra de Lyon/IRRELOHE/ Foto ©Stofleth

Die renommierte Wagner- und Strauss-Sängerin Lioba Braun gibt der alten Lola eine beklemmende Kontur. Sie trauert ihrer verlorenen Schönheit und Jugend nach und kann das, was ihr angetan wurde, weder benennen noch rächen. „Einst war ich jung, einst war ich schön,“ ist ihr Mantra, das sie ständig wiederholt.

Eine enorme Bühnenpräsenz hat Charaktertenor Michaël Gniffke als Christobald, der Geiger. Sein Auftritt elektrisiert. Er war Augenzeuge der Tat und enthüllt Lolas Sohn Peter das Geheimnis seiner Abstammung. Er hat sich in den 30 Jahren zum Feuerteufel entwickelt, Wagners Loge lässt grüßen. Er glaubt, dass nur ein Brand des Schlosses Irrelohe den Fluch, der auf dem Geschlecht der Grafen liegt, bannen kann. Oder, modern ausgedrückt, dass nur ein Abfackeln des Schlosses als Rache für Lolas Schmach angemessen ist.

Der junge Bariton Julian Orlishausen macht Peters Weg in eine psychische Störung glaubhaft. Er stellt einen jungen Mann dar, der an seiner Sexualität verzweifelt, weil er sie nicht ausleben darf. Ein absolut typgerechter Sänger und Darsteller, dessen Zerrissenheit im Orchester kommentiert wird.

Tobias Hächler zeichnet die Entwicklung des zurückgezogen lebenden jungen Grafen, dessen Liebe von Eva geweckt wird, und der sich mit Mühe beherrscht, als eindrucksvolle Steigerung. Seine Liebesszene mit Eva ist ganz großes Musiktheater.

Opéra de Lyon/IRRELOHE/ Foto ©Stofleth

Die kanadische Sopranistin Ambur Braid als Eva ist eine Offenbarung. Ihre große, wunderschöne und klare Stimme verleiht der selbstbewussten jungen Frau, die sich ihren Ehemann selbst aussucht und Heinrich aus seiner freiwillig gewählten Einsamkeit lockt, Kontur. Sie scheitert ähnlich großartig wie Senta in Wagners „Fliegendem Holländer“. Sie hat 2020 in Frankfurt die Salome gesungen. Als ihr Bräutigam Heinrich seinen Halbbruder auf ihrer Hochzeit umgebracht hat schneidet sie sich die Pulsadern auf, anders als in Schrekers Libretto. Zuschauer im 21.Jahrhundert brauchen kein Happy End!

Auffallend ist die sehr typgerechte Besetzung auch der kleinen Partien und die durchdachte Personenführung, auch die des Chors in der Einstudierung von Benedict Kearns.

Die hochgradig expressive Musik wurde 1924 nicht verstanden, und auch heute noch ist sie nicht jedermanns Sache. Der aktuelle Bezug auf den Umgang mit den Tabuthemen Missbrauch und Sexualität liegt auf der Hand.

Mit den Video-Sequenzen werden Mittel des Stummfilms eingesetzt wie Großaufnahmen und Texttafeln, die nahtlos in die gespielte Handlung übergehen. Dadurch kommt die Inszenierung modernen Rezeptionsgewohnheiten entgegen. Die ersten beiden Akte sind zusammen eine Stunde 16 Minuten lang, der dritte Akt 56 Minuten. Es wird Deutsch mit französischen Übertiteln gesungen. Diese Oper steht eindeutig in der Tradition Richard Wagners, entwickelt aber dessen Tonsprache ähnlich wie Richard Strauss weiter.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Opéra de Lyon / Stückeseite
  • Titelfoto: Opéra de Lyon/IRRELOHE/ Foto ©Stofleth

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