„Turandot“ am Staatstheater Darmstadt – Von Abspaltungen und Dämonen

Staatstheater Darmstadt/TURANDOT/ Aldo di Toro, Soojin Moon/ Foto @ Nils Heck

Es gibt so viele vernünftige Menschen in diesem Märchen, Liu, Timur, Ping, Pang, Pong, Altoum, alle raten Turandot, es doch zu lassen mit ihren Rätseln und dem Töten der vielen vielen Prinzen, es sind schon 13 im Jahr des Tigers und das ist wirklich anstrengend. Es gibt das Volk in Peking, blutrünstig bis zum Umfallen und opportunistisch wenn es darum geht, die eigene Haut zu retten. Und es gibt Calaf und Turandot, besessen der Eine und rachsüchtig die Andere, wie es nur ein Mensch sein kann. (Rezension der besuchten Premiere am 31.8.2019 von Angelika Matthäus)

 

Ein Mensch mit unterschiedlichen Facetten, das ist der Gedanke, den Valentin Schwarz zu seiner zweiten Regiearbeit in Darmstadt hat. Der Gedanke ist bestechend, umwerfend, grandios, Turandot als Abspaltung Calafs, eine Ausgeburt seiner Phantasie, sein zweites Ich? Oder eine durch seine Besessenheit gesteigerte Phantasievorstellung, die er sich mit jedem Rätsel immer mehr zu Eigen macht? Letztendlich bringt ihn Lius Tod zur Besinnung. Valentin Schwarz inszeniert gegen das Happy End, aber keinesfalls gegen die Musik.

Staatstheater Darmstadt/ TURANDOT/Aldo di Toro/ © Nils Heck (9)

Im Bühnenbild, das Andrea Cozzi für diese Turandot geschaffen hat, sitzt das Volk von Peking, im Dämmerlicht zu erahnen, auf einer Tribüne. Etliche Figuren aus der legendären Terracotta-Armee übertragen ihre regungslose Würde auf die Choristen. Es gibt nicht die sonst bei Turandot üblichen öffentlichen Spektakel der Grausamkeiten. Hier werden zwar auch Menschen aufs Rad gebunden und es werden ihnen die Glieder zerschlagen. Aber das ahnt man nur hinter einem Riesenbild, einer Malerei, die Calaf der Selbsttherapie dient und die inneren Dämonen auf die Leinwand bannen soll. Mit der Arbeit an diesem Bild ist der Maler Calaf zu Beginn beschäftigt. Liu und sein Vater Timur versuchen, ihn zur Vernunft zu bringen. Aber hier ringt ganz offensichtlich einer mit sich selbst, mit der dunklen Seite seiner Persönlichkeit. Dadurch wird alles zu einem Alptraum Calafs. Einer, der ihn in seine Phantasien hineinzieht. Und aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Turandot selbst ist eine Dämonin in dieser Phantasie, eine gefährliche Dämonin, wie überhaupt dem Maler sein Werk immer mehr entgleitet.

Überhaupt diese Turandot. Die Kaisertochter ist in dieser Inszenierung Teil des Alptraums, der Phantasie. Als Figur mehr Zombie mit irrem Blick hinter den Wimpern als Frau. Mehr gieriger Vampir als Prinzessin, sie wirft sich auf Calaf, als wolle sie ihm den berühmten Biss in den Hals verpassen, um ihn auszusaugen.

Mit schwarzem Lack und Leder unterm weißen Kleid geistert sie wie eine Magierin zwischen den Reihen herum, besessen davon, alle Männer, die sie begehren, zu vernichten. An den Rätseln sind alle gescheitert, niemand wird sie jemals besitzen. Sie wird recht behalten.

Warum nun kann Calaf diese Rätsel auf Leben und Tod lösen? Turandot ist Teil seiner Persönlichkeit, sie ist in ihm und somit sind auch die Antworten in ihm. Dann ist er es, der das Spiel weitertreibt. Er will sie nicht gegen ihren Willen, er will, dass sie sich ihm unterwirft. Mit seiner Forderung, sie soll ihm bis zum Morgengrauen seinen Namen nennen, beginnt die furchterregende Nacht des „niemand schlafe“, sie befiehlt dem Volk von Peking unter Androhung der Folter und des Todes, seinen Namen herauszufinden. Calaf wird siegen, das Opfer ist Liu.

Staatstheater Darmstadt/ TURANDOT/Soojin Moon © Nils Heck 

Gesungen wird in Darmstadt auf hohem Niveau.

Die Darmstädter Solistinnen und Solisten bewältigen das sehr gut, die drei Hauptpartien überzeugen mit schöner Stimmkultur. Soojin Moon als Turandot muss in dieser Inszenierung gestalterisch weit über die übliche Unberührbarkeit der Eisprinzessin hinausgehen. Aldo di Toro als Calaf singt tadellos und beeindruckt mit seinem verstört wirkenden Spiel. Jana Baumeister ist eine Liu, die in traditioneller Manier als Gegenentwurf zur eiskalten Turandot besetzt ist. Dass sie und Timur, gesungen von Dong-Won Seo zum Paar werden, nun, ungewöhnlich, aber nicht unmöglich. Die Ping-Pang-Pong-Szenen mit Julian Orlishausen, David Lee und Michael Pegher können als groteske Sequenzen ausgezeichnet für sich stehen. Die von Sören Eickhoff einstudierten Chöre (samt Kinderchor) konnten beim Schlussapplaus endlich auch die phantasievollen Kostüme von Pascal Seibicke für alle sichtbar vorführen.

Das Staatsorchester Darmstadt unter Leitung von Giuseppe Finzi spielte solide und ließ sich von der außergewöhnlichen Musik der Turandot zwischen vermeintlichem Chinakitsch und alpenländisch anmutenden Klängen nicht aufs Glatteis führen.

Für mich war diese Turandot ein überraschendes Highlight. Valentin Schwarz wird im kommenden Jahr den Ring in Bayreuth inszenieren, ich freue mich sehr darauf.

 

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