„Turandot“ am Staatstheater Darmstadt – Von Abspaltungen und Dämonen

Staatstheater Darmstadt/TURANDOT/ Aldo di Toro, Soojin Moon/ Foto @ Nils Heck

Es gibt so viele vernünftige Menschen in diesem Märchen, Liu, Timur, Ping, Pang, Pong, Altoum, alle raten Turandot, es doch zu lassen mit ihren Rätseln und dem Töten der vielen vielen Prinzen, es sind schon 13 im Jahr des Tigers und das ist wirklich anstrengend. Es gibt das Volk in Peking, blutrünstig bis zum Umfallen und opportunistisch wenn es darum geht, die eigene Haut zu retten. Und es gibt Calaf und Turandot, besessen der Eine und rachsüchtig die Andere, wie es nur ein Mensch sein kann. (Rezension der besuchten Premiere am 31.8.2019 von Angelika Matthäus)

 

Ein Mensch mit unterschiedlichen Facetten, das ist der Gedanke, den Valentin Schwarz zu seiner zweiten Regiearbeit in Darmstadt hat. Der Gedanke ist bestechend, umwerfend, grandios, Turandot als Abspaltung Calafs, eine Ausgeburt seiner Phantasie, sein zweites Ich? Oder eine durch seine Besessenheit gesteigerte Phantasievorstellung, die er sich mit jedem Rätsel immer mehr zu Eigen macht? Letztendlich bringt ihn Lius Tod zur Besinnung. Valentin Schwarz inszeniert gegen das Happy End, aber keinesfalls gegen die Musik.

Giacomo Puccini starb am 29. November 1924, bevor er seine Oper zu Ende komponieren konnte, seine Musik endet mit dem Tod von Liu. „Ich glaube, dass Turandot nie fertig wird. So kann man nicht arbeiten. Wenn das Fieber nachlässt, hört es bald ganz auf, und ohne Fieber gibt es keine künstlerische Produktion, denn die Kunst ist eine Art Krankheit, ein Ausnahmezustand der Seele, Überreizung einer jeden Faser, eines jeden Atoms, und so könnte man weitermachen ad aeternum“ schrieb Puccini an seinen Librettisten Giuseppe Adami am 10. November 1920.

Es fehlte noch das Schlussduett. Erst im September erhielt Puccini einen Text, der ihn zufriedenstellte. Sofort begann er mit den Entwürfen und Randbemerkungen. „Hier muss eine markante, schöne, ungewöhnliche Melodie her“ schrieb er zum Schlussduett, das der Höhepunkt der ganzen Oper werden sollte. Doch diese Melodie kam nie zustande.

Staatstheater Darmstadt/ TURANDOT/ Aldo di Toro, Julian Orlishausen, Michael Pegher, David Lee/ Foto @ Nils Heck

Um in der Musik die fernöstliche Welt anklingen zu lassen, suchte Puccini Rat bei seinem Freund Baron Fassini, der sich in der chinesischen Kultur sehr gut auskannte. Später borgte er sich bei ihm auch eine Spieldose, chinesische Melodien wie die Kaiserhymne daraus zitiert Puccini in der Oper. Große und kleine Trommeln, Harfe, Celesta, Becken, Triangel, Tamtam, chinesisches Glockenspiel, Xylophon, Röhrenglocken kommen zum Einsatz. Aber nach Chinakitsch klingt beim Staatsorchester Darmstadt nichts. Dirigent Giuseppe Finzi sagt im Programmheft, dass Puccini mit seiner letzten Oper neue Wege beschreiten und sozusagen das Tor zur Moderne aufstoßen wollte.

Die Turandot wurde nach Puccinis Tod von Franco Alfano nach den Skizzen und Aufzeichnungen Puccinis vollendet. Toscanini hielt das Finale Alfanos allerdings für zu eigenständig und zu lang und kürzte es um etwa ein Drittel. Tatsächlich hatte Alfano die Anweisung Puccinis, jeden Bombast zu vermeiden, nicht beachtet und einen gewaltigen, pompösen Schluss komponiert. Ein symphonisches Intermezzo, in dem Puccini den Kuss, der Turandot schließlich erweicht, nachzeichnen wollte, komponierte er nicht.

In Darmstadt wird die Fragment-Version der Turandot gezeigt, uraufgeführt unter Toscanini am 25. April 1926 in Mailand. Arturo Toscanini, mit Gespür für dramatische Effekte, dirigierte nur bis zum Puccini-Ende, legte den Taktstock hin und sagte: „Hier endet das Werk des Meisters. Danach starb er.“ Woraufhin ein ergriffenes Schweigen im Raum schwebte, bis eine Stimme aus den Rängen rief: „Viva Puccini!“ und ohrenbetäubender Jubel brach los. Erst ab der zweiten Vorstellung wurde der Schluss in der heute üblichen Form aufgeführt.

Der Musikwissenschaftler Jürgen Maehder entdeckte 1978 das vollständige Finale Alfanos, welches seit 1983 an verschiedenen Opernhäusern in der ganzen Welt aufgeführt wurde, so etwa an der New York City Opera (1983), am Theatro dell`Opera di Roma (1985) und am Opernhaus Bonn (1985), am Staatstheater Saarbrücken (1993), am Landestheater Salzburg (Großes Festspielhaus, 1994) und am Württembergischen Staatstheater Stuttgart (1997).

Staatstheater Darmstadt/ TURANDOT/Ensemble © Nils Heck

Mittlerweile existiert auch ein weiterer alternativer Schluss des italienischen Komponisten Luciano Berio aus dem Jahre 2002. Weil in Alfanos Schlussszene der alles verändernde Kuss kaum musikalische Ausgestaltung erfährt (gerade zu diesem entscheidenden Dreh- und Angelpunkt der Handlung existieren keine musikalischen Skizzen Puccinis), machte sich Berio an diese Aufgabe. Außerdem versetzt er dem Schluss ein musikalisches Fragezeichen, stellt das plötzlich eintretende Happy End somit in Frage.

Ein Happy End, das so ausgesehen hätte:

Calaf und Turandot sind allein. Calaf wirft Turandot ihre Grausamkeit vor. Er reißt ihr den Schleier vom Kopf und küsst sie leidenschaftlich. Nun erst bricht ihr Widerstand. Sie erzählt ihm, dass sie ihn vom ersten Augenblick an gefürchtet, aber auch geliebt habe. Nun teilt Calaf ihr seinen Namen mit und begibt sich in ihre Hand. Turandot und Calaf erscheinen vor dem Kaiser Altoum. Turandot verkündet Calafs Namen: „Liebe“. Unter dem Jubel des Volkes sinken sich beide in die Arme und werden glücklich.

Puccini selbst war mit der Dramaturgie des Schlusses äußerst unzufrieden, fand bis zu seinem Tode keine Möglichkeit, ihn geeignet musikalisch zu gestalten, was das Fehlen der Skizzen zum Kuss untermauert.

Was sich dem Komponisten Puccini als Schluss verweigerte, verweigert der Regisseur uns. Es bleibt bei dem durch den Tod beendeten Fragment. Da liegt Liu tot in der Mitte und der Himmel öffnet sich, es regnet. Calaf, abgekühlt?, reingewaschen? bricht über ihr zusammen. Die Liebe geht über Leichen, aber sie siegt? Im Fragment hingegen scheitert sie auf ganzer Linie.

Während Alfanos Schlussmusik schreitet Turandot langsam durch die Reihen des Volkes die Tribüne hinauf. Dort verharrt sie am Ende einsam im Gegenlicht. So wie die Figur in der Collage der Angst, die Calaf zu Beginn gemalt hatte.

Staatstheater Darmstadt/ TURANDOT/Aldo di Toro/ © Nils Heck (9)

Im Bühnenbild, das Andrea Cozzi für diese Turandot geschaffen hat, sitzt das Volk von Peking, im Dämmerlicht zu erahnen, auf einer Tribüne. Etliche Figuren aus der legendären Terracotta-Armee übertragen ihre regungslose Würde auf die Choristen. Es gibt nicht die sonst bei Turandot üblichen öffentlichen Spektakel der Grausamkeiten. Hier werden zwar auch Menschen aufs Rad gebunden und es werden ihnen die Glieder zerschlagen. Aber das ahnt man nur hinter einem Riesenbild, einer Malerei, die Calaf der Selbsttherapie dient und die inneren Dämonen auf die Leinwand bannen soll. Mit der Arbeit an diesem Bild ist der Maler Calaf zu Beginn beschäftigt. Liu und sein Vater Timur versuchen, ihn zur Vernunft zu bringen. Aber hier ringt ganz offensichtlich einer mit sich selbst, mit der dunklen Seite seiner Persönlichkeit. Dadurch wird alles zu einem Alptraum Calafs. Einer, der ihn in seine Phantasien hineinzieht. Und aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Turandot selbst ist eine Dämonin in dieser Phantasie, eine gefährliche Dämonin, wie überhaupt dem Maler sein Werk immer mehr entgleitet.

Überhaupt diese Turandot. Die Kaisertochter ist in dieser Inszenierung Teil des Alptraums, der Phantasie. Als Figur mehr Zombie mit irrem Blick hinter den Wimpern als Frau. Mehr gieriger Vampir als Prinzessin, sie wirft sich auf Calaf, als wolle sie ihm den berühmten Biss in den Hals verpassen, um ihn auszusaugen.

Mit schwarzem Lack und Leder unterm weißen Kleid geistert sie wie eine Magierin zwischen den Reihen herum, besessen davon, alle Männer, die sie begehren, zu vernichten. An den Rätseln sind alle gescheitert, niemand wird sie jemals besitzen. Sie wird recht behalten.

Warum nun kann Calaf diese Rätsel auf Leben und Tod lösen? Turandot ist Teil seiner Persönlichkeit, sie ist in ihm und somit sind auch die Antworten in ihm. Dann ist er es, der das Spiel weitertreibt. Er will sie nicht gegen ihren Willen, er will, dass sie sich ihm unterwirft. Mit seiner Forderung, sie soll ihm bis zum Morgengrauen seinen Namen nennen, beginnt die furchterregende Nacht des „niemand schlafe“, sie befiehlt dem Volk von Peking unter Androhung der Folter und des Todes, seinen Namen herauszufinden. Calaf wird siegen, das Opfer ist Liu.

Staatstheater Darmstadt/ TURANDOT/Soojin Moon © Nils Heck 

Gesungen wird in Darmstadt auf hohem Niveau.

Die Darmstädter Solistinnen und Solisten bewältigen das sehr gut, die drei Hauptpartien überzeugen mit schöner Stimmkultur. Soojin Moon als Turandot muss in dieser Inszenierung gestalterisch weit über die übliche Unberührbarkeit der Eisprinzessin hinausgehen. Aldo di Toro als Calaf singt tadellos und beeindruckt mit seinem verstört wirkenden Spiel. Jana Baumeister ist eine Liu, die in traditioneller Manier als Gegenentwurf zur eiskalten Turandot besetzt ist. Dass sie und Timur, gesungen von Dong-Won Seo zum Paar werden, nun, ungewöhnlich, aber nicht unmöglich. Die Ping-Pang-Pong-Szenen mit Julian Orlishausen, David Lee und Michael Pegher können als groteske Sequenzen ausgezeichnet für sich stehen. Die von Sören Eickhoff einstudierten Chöre (samt Kinderchor) konnten beim Schlussapplaus endlich auch die phantasievollen Kostüme von Pascal Seibicke für alle sichtbar vorführen.

Das Staatsorchester Darmstadt unter Leitung von Giuseppe Finzi spielte solide und ließ sich von der außergewöhnlichen Musik der Turandot zwischen vermeintlichem Chinakitsch und alpenländisch anmutenden Klängen nicht aufs Glatteis führen.

Für mich war diese Turandot ein überraschendes Highlight. Valentin Schwarz wird im kommenden Jahr den Ring in Bayreuth inszenieren, ich freue mich sehr darauf.

 

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