Trotz Corona: „Ständchen“ im Garten live für Kölner Senioren

Matthias Hoffmann

Es ist ein wunderbarer Frühlingsnachmittag mit strahlendem Sonnenschein. „Das sind unsere Logenplätze“, sagt Spielleiterin Eike Ecker und deutet auf die Fenster der Seniorenzimmer, die auf den Garten hinaus gehen. In einigen Fenstern stehen Seniorinnen und Senioren, die mit Interesse den LKW mit dem improvisierten Bühnenvorhang und dem Klavier auf der Ladefläche beobachten, der auf dem Rasen geparkt ist. Bei anderen sind die Fenster geöffnet, aber die Bewohner können nicht aufstehen und ans Fenster treten. Auf der Terrasse sitzen weitere Zuschauerinnen und Zuschauer im Sicherheitsabstand von 2 Metern voneinander entfernt und warten gespannt auf das, was kommt.

Zwei Stars der Kölner Oper, Bassbariton Matthias Hoffmann und Charaktertenor John Heuzenroeder, beide langjährige Mitglieder im Ensemble der Kölner Oper, gestalten mit Studienleiter Arne Willimczik am Klavier ein Konzert der besonderen Art. (Eindrücke des Konzertes vom 24.4.2020)

 

 

Mit Franz Schuberts Ständchen: „Leise flehen meine Lieder“ eröffnet der Australier John Heuzenroeder mit lyrischem Schmelz.

Ja, das Schreiben und das Lesen sind nie mein Fall gewesen …“ singt Matthias Hoffmann augenzwinkernd die Arie des Zsupan aus dem „Zigeunerbaron“ und bekommt donnernden Applaus.

Danach gestaltet Heuzenröder das Ständchen des Beppo, alias Harlekin: „O Columbina tenero“ aus „Pagliacci“, zu dem der eilig von der Kostümabteilung improvisierte Vorhang – Thema „Theater im Theater“ – perfekt passt. Das Sonnenlicht, das in der Arie besungen wird, ist reichlich vorhanden, man braucht dazu keine Lichtregie.

Ich brech´ die Herzen der stolzesten Frau´n“ von Lothar Brühne aus dem Film „Fünf Millionen suchen ihren Erben“ wird von Hoffmann mit umwerfendem Charme dargeboten, da schmelzen die Damen dahin. Hoffmann hat in den vergangenen Spielzeiten viele Rollen seines Fachs gestaltet, unter anderem mit sehr großem Erfolg den Mozart-Figaro, Schaunard in „La Bohéme“ und den Wotan in „Die Walküre für Kinder“.

John Heuzenroeder

Im Operettenhit: „Dein ist mein ganzes Herz“ von Franz Lehar kann Heuzenröder noch einmal seinen Tenor aufblühen lassen. Er gestaltet in der Oper Köln Partien wie Mozarts Pedrillo oder Hauptmann Pirzel in Zimmermanns „Die Soldaten“.

Den krönenden Abschluss bildet Hoffmann mit „Probier´s mal mit Gemütlichkeit“, dem Lied des Bären Balu aus Disney´s Dschungelbuch.

Die Akustik ist phantastisch, da die Wände des Hauses den Schall reflektieren. „Ohne Mikro, ohne Verstärkung geht es gut, wenn es in diesem Verhältnis ist,“ so Heuzenroeder mit der Corona-Maske in der Hand. „Natürlich, der Aufbau ist klein, aber das Gefühl ist nicht klein, es ist eher größer!

Man sieht in den Gesichtern der alten Leute ein Leuchten des Wiedererkennens der aufgeführten Hits.

Einrichtungsleiter Guido Löhrer, der eigentlich seinen freien Tag hat, bedankt sich sichtlich gerührt bei den beiden Sängern, dem Pianisten Arne Willimczik und bei der Intendantin. „Wir haben sofort zugesagt, als das Angebot an uns herangetragen wurde, denn unsere Senioren dürfen seit mehr als 40 Tagen keinen Besuch mehr bekommen. Wir müssen ihrer Schutzbedürftigkeit Rechnung tragen,“ so Löhrer.

Die 80 Bewohnerinnen und Bewohner sind alle in Einzelzimmern untergebracht, die Pflegerinnen und Pfleger arbeiten in festen Teams auf den getrennten Abteilungen, um Infektionswege verfolgen zu können, und damit im Fall eines Falles, der zum Glück noch nicht eigetreten ist, nicht das ganze Haus betroffen ist. Selbst rüstige Seniorinnen und Senioren dürfen das Gelände auch zum Einkaufen und Spazieren gehen nicht verlassen, weil die Ansteckungsgefahr durch das Corona-Virus zu groß ist.

Auf Abstand: Heuzenroeder, Hoffmann und Willimczyk/“Ständchen“ der Kölner Oper

Als bekannt wird, dass Geschäftsführer Löhrer heute Geburtstag hat, stimmen Dirigent und Pianist Willimcik, Hoffmann und Heuzenroeder spontan „Happy Birthday“ an, das der Tenor mit einigen Spitzentönen aufwertet und das alle mitsingen. „Das ist mein schönstes Geburtstagsgeschenk“, so der Verwaltungsjurist.

Vor dem Konzert konnte ich mit Tenor John Heuzenroeder und Bassbariton Matthias Hoffmann sprechen. Sie sind feste Mitglieder des Ensembles und ihre Gagen werden weiterbezahlt, aber ihnen sind etliche Gastspiele ausgefallen, das heißt, auch sie spüren die durch den Lockdown bedingten Einschränkungen finanziell.

Pianist Arne Willimczik ist eigentlich Dirigent und seit 2014/15 Studienleiter an der Oper Köln. Als solcher hat er 2016 „Weiße Rose“ von Udo Zimmermann und 2017 „Der Kaiser von Atlantis“ von Viktor Ullmann als Dirigent einstudiert und dirigiert.

Eigentlich hätten sie im März und April eine Serie „Turandot“ gehabt, bei der Hoffmann den Mandarin, Heuzenroeder den Minister Pang gesungen hätte und Willimczik dirigiert. Am 18. April 2020 wäre die Wiederaufnahme „Der Kaiser von Atlantis“ unter der musikalischen Leitung von Willimczik gefolgt. Ihnen fehlt das Publikum und das Musizieren mit Orchester, Kollegen und Chor. Als die Intendantin das Format der Konzerte vor Kliniken und Seniorenheimen vorstellte haben sie sich sofort gemeldet. „Die Freude auf den Gesichtern der Zuschauerinnen und Zuschauer ist der größte Lohn,“ so Matthias Hoffmann.

Dr. Birgit Meyer und Sänger

Mit der Intendantin, Frau Dr. Birgit Meyer und der Oberspielleiterin Eicke Ecker zusammen habe ich zunächst die Location gesucht. Es ist das Johanniter-Seniorenheim in Köln-Zollstock, dessen Garten mitten in der Stadt für das Open-Air-Konzert prädestiniert ist.

Das erste Konzert aus der Reihe fand am 22.4.2020 vor einem anderen Seniorenzentrum in Köln statt. Heuzenröder als Romantiker und Hoffmann als Charmeur und Schwerenöter bieten mit ihren sechs Allzeit-Hits ein Programm, das auch bei älteren Ladies und Gentlemen sehr gut ankommt.

Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Foto @ Thilo Beu

Auch mich hat der live-Gesang im strahlenden Sonnenschein tief gerührt. Mir ist dabei erschreckend klar geworden, welches unfassbare Wunder eine gelungene Opernvorstellung mit Orchester, Chor und Solisten darstellt, und wie tief die Corona-bedingten Einschränkungen in die Freiheit der Kunst eingreifen.

Die etwa 20-minütigen Konzerte gehen auf eine Initiative der Intendantin der Oper Köln, Dr. Birgit Meyer, und dem Kölner Pfarrer Hans Mörtter zurück. „Wenn das Publikum nicht wie sonst in unserer Reihe ‚Oper für Jung und Alt‘ zu uns kommen kann, gehen wir zu ihm“, fasst Birgit Meyer zusammen. „Wir möchten gerade den Menschen, die zur Zeit gar nicht herauskommen, Freude schenken.“ Hans Mörtter erläutert seine Motivation: „Es geht um Ermutigung, Wahrnehmung und Zusammenhalt.“

Die Live-Auftritte finden in loser Reihenfolge mehrmals pro Woche vor Krankenhäusern und Pflegeheimen statt. Interessierte können eine Aufzeichung des Programms in den Kulissen von „Turandot“ online als Streaming-Angebot verfolgen:

 
  • Bericht von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / RED. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Köln
  • Fotos: Ursula Hartlapp-Lindemeyer mit freundl. Genehmigung der Künstler und Veranstalters

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