Theater Aachen: Fidelio – Eine Collage mit Texten vom Band und Fidelio-Häppchen

Fidelio/ Emiliy Newton, Ünüsan Kuloglu / Foto@Carl Brunn
Fidelio/ Emiliy Newton, Ünüsan Kuloglu / Foto@Carl Brunn

Wer sich auf eine „schöne Oper“ mit Beethovens einzigem Bühnenwerk „Fidelio“ im Aachener Theater gefreut hatte und nicht die Vorab-Presse verfolgt hatte, dürfte sich sehr gewundert haben und enttäuscht nach Hause gegangen sein – so konnte man es zumindest dem für das höfliche Aachener Publikum ungewöhnlichen Buh-Sturm entnehmen. In der Pause wie auch bei der nachfolgenden Premierenfeier beherrschte allgemeine Rat – und Verständnislosigkeit das Feld mit vielen negativen Kommentaren: „Was soll das? Unverständlich! Meine arme Lieblingsoper“. Was war geschehen?

Der junge Wiener Regisseur Alexander Charim wollte den immerhin seit 200 Jahren weltweit ständig auf dem Spielplan stehenden Klassiker vom Muff befreien und speziell die Gedankenwelt der Akteure herausstellen. Das geht nur schwerlich mit dem angestaubten Originaltext, den man oft wohlweislich nicht als Übertitel präsentiert. Unangenehm ist die musikalisch hervorragende konzertante Aufführung in Köln in Erinnerung, wo die Texte fast in Augenhöhe der Sänger großformatig projiziert wurden. Charim hatte die Idee, die gesprochenen und gesungen Dialoge als Wort- und Satzfetzen vom Band über eine Vielzahl von Lautsprechern zu präsentieren, dazu eigene Texte, das Ganze oftmals immer wieder und besonders laut, mit Hall, Verfremdung, mit unterlegten Geräuschen, sogar Vogelzwitschern war zu vernehmen. So sann Leonore darüber nach, ob sie ihren Mann wohl finden werde oder ob er tot ist, Marzelline dachte an ihre Leidenschaft zu Florestan, Pizarros Gedanken – und sein extrem aufgeregtes Verhalten – kreisten nervös um den nahenden Besuch des Ministers.

Fidelio/ Ünüsan Kuloglu, Emily Newton, Patricio Arroyo, Jelena Rakic, Ulrich Schneider/ Foto@ Carl Brunn
Fidelio/ Ünüsan Kuloglu, Emily Newton, Patricio Arroyo, Jelena Rakic, Ulrich Schneider/ Foto@ Carl Brunn

Zur Eingewöhnung und noch vor der Ouvertüre hockte Leonore auf dem Bett in einem weißen hellen Schlafzimmer, welches später als gitterlose und nicht abgeschlossene Gefängniszelle dienen sollte; auf die Wand starrt Florestan. Dazu dann die ersten Texte aus Marguerite Duras „Der Schmerz“, ein wenig vom Beethoven-Brief „an seine ferne Geliebte“ und einiges von Charim selbst. Das mochte zur Einstimmung auf die Themen Liebe und Treue, Revolution, Gerechtigkeit, Freiheit ja noch angehen. Aber es nervte zunehmend, vor allem die ständigen Wiederholungen, was zwar als Bild für die Gedanken, die einem im Kopf kreisen, nachvollziehbar ist, aber mit der Zeit Widerwillen auslöst und vor allem die Oper und ihren Fluss vollends zerreißt. So wird das wunderschöne Quartett zunächst fast abgehackt heruntergehechelt, um dann in der Originalversion präsentiert zu werden. Wer kann da noch genussvoll zuhören?

Ort der Aktionen ist ein drehbares schickes Haus im Bauhausstil, welches den Blick freilässt auf die Hinterbühne und die Technik, mit Schlafzimmer/Gefängniszelle, mit dem Hof für die Gefangenen, mit einem Platz für das Personal, mit einer heile-Welt-Seite per gepinseltem See vor einem Alpen-Panorama. Darüber das verglaste Büro des Pizarro mit guter Übersicht. Und Raum für allerlei Mätzchen – militärische Morgentoilette mit Zähneputzen und synchrones Jogourth-Löffeln der Gefangenen, ewiges wildes Herumgerenne, und das Absingen aller von „Leb wohl du warmes Sonnenlicht“ am Ende des ersten Aktes an der Rampe und von vorher verteilten Zetteln. Und muss ein Knabe im Rokoko-Dress die nahende Befreiung ankündigen ?

Auch die Szene mit der versuchten Erschießung von Florestan gab zu denken: Pizarro hatte ihm eine Pistole in die Hand gedrückt mit der Aufforderung zum Selbstmord, er selbst hatte zwei davon, und Leonore auch eine, die man starr aufeinander richtete und dann gleichzeitig fallen ließ. Was die ersten Buhrufe provozierte: die Assoziation zum zeitgleich laufenden „Sonntagabend-Tatort“ in der ARD war da durchaus naheliegend.

Fidelio/ Emily Newton/ Foto@Carl Brunn
Fidelio/ Emily Newton/ Foto@Carl Brunn

Es mögen durchaus interessant Ansätze da sein, den psychischen Schaden eines Eingekerkerten eindringlich darzustellen, der kaum einen Rückweg in sein normales Seelenleben zu finden vermag; insofern hat Ünüsan Kuloglu als Florestan die Rolle zumindest darstellerisch interessant gestaltet. Als „bester Opernsänger der Türkei“ ausgezeichnet, sang er sein „Gott ! welch´ Dunkel hier“ nicht nur bei hellster Beleuchtung (auch der Zuschauerraum war illuminiert), sondern passte von seinem Leibesumfang her nicht wirklich zum Bild des ausgemergelten Gefangenen. Und war mit der schwierigen Partie vollends überfordert oder indisponiert – was aber nicht angesagt worden war. Seine kräftige Stimmen schaffte nur mit großer Anstrengung die Höhen, war gequetscht, scharf, kippte gelegentlich gar. Sein Wechsel vom Bariton zum Heldentenor war zumindest an diesem Abend doch sehr bedenklich. Dazu hatte ihm der Regisseur Stumpfsinn und Bewegungslosigkeit verordnet, er sang oft gegen die Wand und aus der Ecke, was dazu den Klang unangenehm veränderte.

Sängerisch und mimisch hervorragend schlugen sich die amerikanische Sopranistin Emily Newton mit glockenreiner ausdrucksstarker Stimme sowie Ulrich Schneider als Rocco mit sonorem Bass. Jelena Rakic konnte erkältungsbedingt die Marzelline leider nur spielen. Aber sie mimte auch sängerisch; das klappte so hervorragend Dank der wunderbaren Stimme von Antonia Bourve von der Seitenbühne, dass es fast nicht auffiel – die beiden bekamen besonderen Applaus für diese Leistung. Der Isländer Hrólfur Saemundsson gab einen schneidigen Pizarro, wenn er auch im Duett mit Rocco stimmlich schon der Schwächere war. An Patricio Arroyo in der kleinen Rolle des Jaquino und dem wenig beschäftigte Chor war nichts auszusetzen. Wohl aber am Orchester, welches sich wohl immer noch ein wenig im Urlaub wähnte. Etliche Patzer der Hörner, viel Unruhe, oft zu große Lautstärke und kräftige Synchronisationsmängel mit der Bühne vor allem im zunehmend aus dem Ruder laufenden nervösen Schlussteil waren schon ein wenig verdrießlich. Wenn auch der GMD Kazem Abdullah einen schönen Grundklang und blühende Farben aus dem Graben entließ. Aber da ist sicherlich in den nächsten Aufführungen noch viel Luft nach oben.

Fidelio/ Emily Newton. Patricio Arroyo, Jelena Rakic, Ulrich Schneider, Hrolfur Saemundsson /Foto@Carl Brunn
Fidelio/ Emily Newton. Patricio Arroyo, Jelena Rakic, Ulrich Schneider, Hrolfur Saemundsson /Foto@Carl Brunn

Das Werk – eine Oper war es ja eigentlich nicht – endete wieder im Schlafzimmer, Florestan hatte seine Nöte und Fantasien unsichtbar an die Wände gekritzelt, die von seiner Frau wieder weggewischt wurden; ihm blieb nur noch, das Tagebuch zu zerreißen. Mit Taschenlampen im dunklen Raum dann das Schlussduett, Leonore umarmt Florestan zum Schluss, er lässt fast widerstrebend seine Hände unten. Offen bleibt die Zukunft. Es gibt viele psychologische Ansätze in der Inszenierung; so verstieg sich der Rezensent auf eine Ansatzmöglichkeit, indem Florestan unter einer schweren Psychose leidet, die er vielleicht bereits schon hatte er und ich die ganze Geschichte als therapeutischen Ansatz nur vorgestellt hat.

Wie dem auch sei – das Thema Kerker, Folterungen, politische Morde und Menschen verschwinden lassen ohne Urteile ist ja aktueller denn je und muss auch thematisiert werden. Aber ob sich Beethovens wunderbarer Oper in derartig zerstückelte Form dazu eignet, muss doch sehr bezweifelt werden. Viel und einhelliger Applaus für die Sänger, Buhsalven für das Regieteam, welches sich ganz am Schluss und auch nur einmal zeigte.

 Kritik: Michael Cramer / Der Opernfreund (Premierenkritik v. 15.9.2013) 

alle Fotos @ Carl Brunn – Theater Aachen

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