Teodor Currentzis triumphiert in der Kölner Philharmonie mit Mahler und Strauss

Blick in den Saal der Kölner Philharmonie / Foto © KölnMusik/Guido Erbring

Die Musiker des SWR-Symphonieorchesters gehen nach der Premiere des Programms am 13. Februar 2020 in der Stuttgarter Liederhalle mit „Tod und Verklärung“ von Richard Strauss und mit Mahlers 1. Sinfonie auf Europatournee, 13 Konzerte insgesamt, zuerst in Stuttgart, danach unter anderem in Wien, Luzern, Madrid und Paris. Der Name des Chefdirigenten sorgt für ausverkaufte Häuser, es ist der in Griechenland geborene Wahlrusse Teodor Currentzis, der von 2011 bis 2019 die Oper Perm zu Weltruhm führte. (Bericht des Konzertes v. 20.2.2020)

 

Zum ersten Mal seit der Eröffnung des Konzerthauses 1986 findet an Weiberfastnacht, dem ersten Tag des Straßenkarnevals in Köln, in der Kölner Philharmonie ein klassisches Konzert statt. Im September 2019 als Station der Gastspielreise des SWR-Symphonieorchesters am naturgemäß freien Termin in Köln angesetzt füllt sich der Saal im Vorverkauf nur schleppend. Die Veranstalter warnen vor karnevalsbedingten Einschränkungen und vor einer Anreise mit dem Auto. Viele Besucher kommen am Abend spontan, die Stehplatzkarten und auch die meisten Restkarten sind nach kurzer Zeit alle weg.

Das Konzert trifft genau meine Stimmung an diesem Tag, an dem der Anschlag von Hanau, bei dem aus rassistischen Gründen neun Menschen ermordet wurden, die Medien beherrscht. Ein besseres Statement für Vielfalt und Toleranz kann ich mir nicht vorstellen, denn Mahlers 1. Sinfonie verleugnet nicht seine Herkunft.

Am 24. November 1907 dirigierte Gustav Mahler zum letzten Mal in Wien, nachdem er zehn Jahre lang die Wiener Hofoper geleitet und dieses Haus zu Weltgeltung geführt hatte. Er übernahm die Leitung der Metropolitan Opera in New York mit Wagners „Tristan und Isolde“. Grund für seinen Wechsel in die USA war unter anderem der Antisemitismus, dem er in Deutschland und Österreich immer wieder ausgesetzt war.

Mahlers Bedeutung als Komponist wurde in Europa erst in den 60-er Jahren durch Leonard Bernsteins Einsatz als Dirigent in Wien wieder entdeckt, denn in der NS-Zeit waren die Werke jüdischer Komponisten in Deutschland verboten. Der Durchbruch war 1971, als Visconti das Adagietto aus Mahlers 5. Sinfonie als Filmmusik zu „Tod in Venedig“ adaptierte.

Teodor Currentzis verkörpert eine neue Generation charismatischer Dirigenten, die ihre Auseinandersetzung mit dem Stück auch kommunizieren. Der SWR stellt seine Einführung zu Mahlers 1. Sinfonie auf seine Website

In dieser Dokumentation erkennt man, wie tief Currentzis das Stück durchdringt. Nachdem man den Vortrag mit zwei Pianisten erlebt hat kann man erst die ungeheuer delikate Instrumentierung Mahlers schätzen.

Ohne Taktstock, in einem schwarzen Kittel über einer hautengen schwarzen Hose, an den Füßen Springerstiefel mit roten Schnürsenkeln, betritt er das Podium. Er dirigiert mit seiner Körpersprache, mitunter denkt man, er fliegt gleich davon. „Was der aus dem Orchester herausholt ist enorm“, so ein Besucher, der als Stammgast der Kölner Philharmonie gelten kann.

Currentzis ist zweifelsfrei ein Superstar, der Besucher anlockt, die sonst nie einen Konzertsaal betreten hätten, und das SWR-Sinfonieorchester ist so professionell, dass es alles mehr als achtbar über die Runden bringt.

Mahlers 1. Sinfonie begründete seinen Ruf als Komponist, denn sie enthält bereits alle Charakteristika seiner Tonsprache, die er in weiteren acht Sinfonien und dem Fragment einer zehnten perfektionierte.

Die 1. Sinfonie Mahlers kann als Resümee seiner Jahre als Kapellmeister an zahlreichen europäischen Häusern, bei denen er hauptsächlich Opern dirigierte, gelten. Sie endeten mit der Festanstellung des 28-jährigen als Musikdirektor der königlichen Oper Budapest 1888. Sein Zyklus „Lieder eines fahrenden Gesellen“ liefert thematische Grundlagen für seine 1. Sinfonie.

Der erste Satz stellt das „Erwachen der Natur aus langem Winterschlaf“ dar. Mit unfassbar zarten und fragilen Streicherklängen wird das Thema vorbereitet und dann „Ging heut´ morgen übers Feld“ von den Celli angestimmt.

Der dritte Satz mit „Bruder Jakob“ als Grundthema ist angeregt durch das parodistische Bild „Des Jägers Leichenbegräbnis“, ein Kaleidoskop von zum Teil vulgären böhmischen und jiddischen Liedzitaten, ja sogar von Klezmer-Musik, die die Hörgewohnheiten seiner Zeitgenossen überfordert haben. Currentzis kostet diese Phrasen voll aus und betont die Modernität.

Im vierten Satz „stürmisch bewegt“ stellt er einen inneren Kampf eines Künstlers dar, der mit einem Triumph endet.

Teodor Currentzis © Anton Zavjyalov

Currentzis arbeitet mit extremer Dynamik, sowohl, was die Tempi als auch was die Lautstärke angeht. Er beschwört Bilder und er akzentuiert große Linien. Auch Zuhörer, die Mahlers extrem facettenreiche Musik noch nicht kennen, sind begeistert.

Davor setzt Currentzis „Tod und Verklärung“, ein Jugendwerk des 25-jährigen Richard Strauss. Thematisch ähnlich gelagert basiert die sinfonische Dichtung auf einer Dichtung des Meininger Konzertmeisters Alexander Ritter, in dem den Zuhörern mit Bezug auf die Heldenverehrung der damaligen Zeit eine Hilfestellung gegeben wurde, die damals doch recht kühne Komposition mit langsamer Einleitung, schnellem Hauptsatz und triumphierender Coda zu verstehen. Currentzis durchmisst den Weg von tragischem c-Moll zu strahlendem C-Dur mit enormer Dynamik, wobei er die opulenten Klangfarben und zauberhaften Melodien, für die Richard Strauss berühmt ist, in einen überwältigenden gloriosen Schluss münden lässt.

Im Programmheft sind 113 Musiker aufgeführt, zum Beispiel 17 erste, 16 zweite Violinen und zehn Kontrabässe. Besonders hervorzuheben sind der Konzertmeister Christian Osterkorn (Solo-Violine), die Solo-Flötistin Tatjana Ruhland, Anne Angerer Solo-Oboe und Dirk Altmann Klarinette.

Großer Beifall und Standing Ovations in der Kölner Philharmonie für das SWR-Sinfonieorchester mit diesem spätromantischen Programm. Auf eine Zugabe wie in Stuttgart verzichtet man an diesem Abend.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer
  • Kölner Philharmonie
  • Titelfoto: Teodor Currentzis / Foto©Nadia Romanova

 

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