Staatsoper Hamburg: Wiederaufnahme von Korngolds „Die tote Stadt“ am 2.10.2018

Hamburger Staatsoper / Foto @ Westermann
Hamburger Staatsoper / Foto @ Westermann

Erich Wolfgang Korngold war ein Komponist jüdischer Abstammung, der seine österreichische Heimat Brünn 1934 verließ um einer Einladung von Max Reinhardt nach Hollywood zu folgen. Hier arrangierte er unter anderem Mendelssohns Musik für Reinhardts Film „Ein Sommernachtstraum“ und komponierte eigene Filmmusiken, von denen mehrere für einen „Oscar“ nominiert wurden, und „Robin Hood, König der Vagabunden“, wie auch „Ein rastloses Leben“, diese Auszeichnung erhielten. 

 

Doch Korngold, der sich selber als „Vertreter der modernen Klassik“ bezeichnete, konnte schon 1916, mit gerade 19 Jahren, auf die Veröffentlichung verschiedener vielbeachteter Lieder, Sonaten, Kammer- und Orchesterwerke und auf die Aufführungen von zwei Opern zurückblicken: „Der Ring des Polykrates“ und „Violanta“.
Im Alter von 23 Jahren gelang Korngold mit seiner Oper „Die tote Stadt“ der endgültige Durchbruch. Uraufführung hatte das großorchestrig besetzte und durchkomponierte Werk zeitgleich in Hamburg und Köln am 4. November 1920.

„Die tote Stadt“ erzählt die Geschichte von Paul, der gefangen ist zwischen Realität und fast wahnhafter Trauer um seine Frau Marie. Er trifft auf die Tänzerin Marietta, die Marie sehr ähnelt. Es entspinnt sich eine Liebesgeschichte, die damit endet, dass Paul Marietta tötet. Doch dann entpuppt sich alles als Traum und Paul verspricht seinem Freund Frank, zu versuchen Brügge, die für ihn tote Stadt, und „Kirche des Gewesenen“ zu verlassen.

Allison Oakes / Foto Agentur

Für die Hamburger Inszenierung von Korngolds Oper „Die tote Stadt“ zeichnen Regisseurin Karoline Gruber, Bühnenbildner Roy Spahn und Kostümbildnerin Mechthild Seipel verantwortlich. Ihre Produktion überlässt es weitgehend den Zuschauern zu entscheiden, wo der Wahn endet und die Realität beginnt. Karolin Gruber selbst nennt es „ein gefährliches Spiel“. Und das ist es. Ein Spiel, mit aus Trauer geborenen Sehnsüchten und Illusionen. Der Bilderrahmen enthält kein Bild von der toten Marie und doch scheinen alle sie zu sehen. Ist es allein Marietta (Allison Oakes), die vergnügte Lebenslustige, ja Hure, die die heilige Maria ersetzt? Schlüpft nicht vielleicht auch Brigitta (Marta Swiderska) aus Liebe in die Rolle ihrer toten Herrin? Und Marietta in die Brigittas? Wer der beiden ist es wirklich, die als das Symbol für Leben schwanger ist, Brigitta oder Marietta? Auf jeden Fall trägt eine auch einmal das Kostüm der anderen.

Dann Frank (Alexey Bogdanchikov): Er ist Freund und gleichzeitig Rivale und gehört als Fitz auch zu den Komödianten, die unter anderem ein Schattenspiel um „Robert Le Diable“ aufführen, dessen Hörner, jedoch eher an Eselsohren erinnern und so auch an Parallelen zu Sommernachtstraum, Zettel und Feenkönigin Titiana erinnen.

Nicht zuletzt aber, ist Frank auch der Todesengel, erst mit einem dann mit zwei schwarzen Flügeln. Was eine weitere Frage aufwirft: Verlässt Paul Brügge mit dem Freund oder mit dem Tod? Alles im allen ist Karoline Gruber und ihrem Team jedoch ein „Spiel“ gelungen, das mehr fasziniert und nachhaltig in seinen Bann zieht, als zu verwirren.

Das Bühnenbild von Roy Spahn ist meist minimalistisch, ohne karg zu sein. Der Hintergrund und die Seitenelemente, zeigen Pauls Fetisch: Maries Haare. Erst wenn er sich seinem Begehren und Marietta hingibt, füllt sich die Bühne mit Möbeln, Brügges Skyline wird im zweiten Bild, dass in der Stadt spielt, auf eine Art rostigen Dampfer projiziert, samt Leiter, die an „Deck“ führt und Frank erlaubt, immer wieder zu beobachten oder auch sanft die Strippen zu ziehen.
Mechthild Seipels Kostüme sind zeitlos, passen zu den Charakteren, wie zum Beispiel, das klare Rot und Blau für Marietta oder die goldenen und grotesken weißen Masken zu den schwarzen und „statuenbronzenen“ Kostümen für die Bürger Brügges und die Prozession.

Hamburger Staatsoper/ Die tote Stadt/ Foto © Bernd Uhlig (2015)

Klaus Florian Vogt, der ehemalige Hornist des Philharmonischen Staatsorchester Hamburg, gehört schon lange zu jenen Tenören, an die man denkt, wenn weltweit eine der großen Wagner-Partien zu besetzen ist. Am heutigen Abend erhielt er uneingeschränkte und tiefste Hochachtung für seine Leistung. Und bekam sie auch in Form von Jubel,
Als
Paul steht er gerade mal fünf Minuten nicht auf der Bühne. Den Rest der Zeit singt und spielt er sich, zwar nicht um Kopf und Kragen, aber als ging es nicht nur für eine Rolle um Leben und Tod. Seine Intensität geht hier und da auf kosten perfekter Töne. Doch nichtsdestotrotz beeindruckt er nicht nur darstellerisch. Es sind die Kleinigkeiten, die seine Darstellung groß machen: Die Mischung aus Ekel und Innigkeit, als er sich die Hände und den Bilderrahmen nach Mariettas Berührung reinigt. Oder auch wie er den inneren Kampf hinaus singt/schreit, wenn er Marietta mit anderen sieht oder sich gegen seine Begierde wehrt. Und auch wenn er am Ende da sitzt und seinem Freund Frank (Alexey Bogdanchikov) auf dessen Frage „Ich reise ab, kommst du mit mir?“ Mit einem ruhigen „Ich versuche es.“, antwortet, das alles offenlässt.

Die Sopranistin Allison Oakes als Marie/Marietta, die sich als indisponiert entschuldigen ließ, ließ mit ihrer überragenden Leistung vermuten, dass eine solche Ansage, die Geister der Angst aus gesundheitlichen Gründen nicht genug leiten zu können, sehr wohl vertreiben kann. Ja, vielleicht klang sie an der einen oder anderen Stelle etwas angestrengt und in der Mittellage rauh. Doch ist dies Kritik auf höchstem Niveau. Ihr Sopran fand die metallen dramatische Strahlkraft einer Wagner-Heroine oder auch einer Lady Macbeth. Auch gibt sie sich der Rolle, ihrer Entwicklung und Zerrissenheit hin, die mich, auch wenn ich Vergleiche dieser Art lieber meide, an eine Leonie Rysanek erinnert. Sie tanzt und flirtet, liebt und leidet und der Zuschauer leidet mit ihr, hingerissen auch von ihrer stimmlichen Stärke und Ausdruckskraft. Wie schön, dass sie zwar nicht als Wagner-Heldin doch noch als Gutrune zu sehen sein wird.
Auch
Alexey Bogdanchikov betrat die Bühne krank. Sein Bariton hat jene Wärme, die ihn für Rollen wie Posa aber auch Onegin prädestinieren. Ja, stimmlich war sein Frank gestern auf Grund der Krankheit in Volumen und Umfang eingeschränkter als gewöhnlich. Und doch tat dies weder der Schönheit seiner Stimme noch seiner Gesamtleistung irgendwie Abbruch. Irgendwann scheint bei ihm darstellerisch ein Knoten geplatzt zu sein, so dass seine Spielfreude mehr und mehr zu Tage kommt. So wie sie es bisher her voll und ganz als „Onegin“ (2016) und auch als „Barbiere“, tat.

Mezzosopranistin Marta Swiderska besticht als Brigitta mit ihrem dunklen, samtigen Timbre und einer unaufdringlich eindringlichen Darstellung. Auch sie ist eine Meisterin der intensiven kleinen Gesten. Zum Beispiel mit der Art wie sie zögert, bevor sie Paul aufmunternd die Schulter drückt oder auch wie sie sich auf offener Bühne in eine Marie Kopie verwandelt. Die Staatsoper Hamburg hat gut daran getan, die Absolventin des Internationalen Opernstudios als Ensenblemitglied aufzunehmen.
Mit der israelischen Sopranistin
Na’ama Shulman (Juliette) und dem Tenor Sungho Kim (Gaston / Victorin) stehen zwei frischgebackenen Mitglieder des Internationalen Opernstudios auf der Bühne, mit Tenor Dongwon Kang (Graf Albert), wie Kim aus Südkorea, ein Stipendiat der Daegu Opera House Foundation. Alle drei, wie auch Gabriele Rossmanith (Lucienne), langjähriges, beliebtes Ensemble Mitglied runden als spottende Komödianten den Abend ab. Der Chor der Hamburgischen Staatsoper, und besonders auch die Kinder als gespenstisch faszinierende Geisterprozession, tragen, wie man neudeutsch so schon sagt, besonderen „Thrill“ bei.

Roland Kluttig und dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg gelingt es, die Spannung und die alle Sinne überflutende Kraft der Musik Korngolds intensiv zu vermitteln.

 

Erich Wolfgang Korngold

Die tote Stadt

 

Musikalische Leitung: Roland Kluttig

Inszenierung: Karoline Gruber
Bühnenbild: Roy Spahn
Kostüme: Mechthild Seipel
Licht: Hans Toelstede
Dramaturgie: Kerstin Schüssler-Bach

Chor: Christian Günther

 

Mit: Paul Klaus Florian Vogt/Charles Workman (5./10.10.), Marietta/Die Erscheinung Mariens Allison Oakes, Frank/Fritz Alexey Bogdanchikov, Brigitta Marta Swiderska, Juliette Na’ama Shulman, Lucienne KS Gabriele Rossmanith, Gaston/Victorin Sungho Kim, Graf Albert Dongwon KangPhilharmonisches Staatsorchester HamburgChor der Hamburgischen Staatsoper

 

Unterstützt durch die Stiftung zur Förderung der Hamburgischen Staatsoper

 

Vorstellung am 2., 5., 10. Oktober, jeweils um 19.30 Uhr und am 13. Oktober 2018 um 19.00 Uhr

 

  • Rezension der besuchten Vorstellung am 2.10.2018 von Birgit Kleinfeld
  • Weitere Infos, Termine und Karten unter DIESEM LINK 
  • Titelfoto: Hamburger Staatsoper/ Die tote Stadt/ Foto © Bernd Uhlig (2015)

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