Staatsoper Hamburg: Wenn Musik Bilder malt – Gelungene Wiederaufnahme der Straussoper „Daphne“

Staatsoper Hamburg/Richard Strauss
DAPHNE / Foto Copyright: Brinkhoff/Mögenburg

Daphne, eine von Richard Strauss‘ letzten Opern mit dem Text von Joseph Gregor erlebte heute ihre Wiederaufnahme an der Staatsoper Hamburg. Mit der glockenrein klingenden Christiane Karg in der Titelrolle und dem stimmgewaltigen Andreas Schager als Apollo. (Rezension der WA vom 31.5.2019) 

 

Wie schon in anderen seiner Opern beschäftigt sich Strauss auch in Daphne mit einem Thema der griechisch/römischen Mythologie. Ist Daphne in Ovids Metamorphosen noch eine Nymphe, die Tochter des Flussgottes Peneios und Gaea (Gaia) der Personifizierung der Erde, so ist sie bei Strauß und Gregor die Tochter eines Fischerpaares. Gleich geblieben ist, dass Daphne sich der Natur, besonders den Bäumen und anderen Pflanzen näher fühlt als den Menschen. Auf dem Fruchtbarkeitsfest für den Gott Dionysos, zeigen ihr Jugendfreund Leukippos, wie auch der als Jäger verkleidete Gott Apollo, ihr Begehren. Leukippos provoziert den Gott, nachdem dieser sich zu erkennen gab, und wird von diesem erschlagen. Dann jedoch erkennt er Daphnes tiefe Verzweiflung in einer Welt zu leben, in der sie sich schon immer fremd fühlte. Auf sein Gebet und Bitten hin verleiht Gottvater Zeus Daphne die Gestalt eines immergrünen Lorbeerbaumes. Sodass sie ein Teil der Welt wird, der sie sich schon immer zugehörig fühlte.

Staatsoper Hamburg/ Richard Strauss
DAPHNE / Foto Copyright: Brinkhoff/Mögenburg

Regisseur Christof Loy und sein Team: Annette Kurz (Bühne), Ursula Renzenbrink (Kostüme), Roland Edrich (Licht) und Choreograf Thomas Wilhelm lassen keine Zweifel daran, wo sie die Handlung ansiedeln. Nämlich nicht in hellenischen Gefilden, sondern eher in der Geburtsregion des Komponisten: Bayern. Ersichtlich aus der Bretterwand, die das Gasthaus von Daphnes Eltern symbolisiert, den Trachten, die die Schäfer und die Mägde tragen und auch den Bierkrügen. Alles ist eher bodenständig bis derbe, anstatt mystisch verklärt oder uralte Naturrituale symbolisierend. Am rätselhaftesten ist die szenische Umsetzung der Verwandlung. Im schlichten Unterkleid, einen Kranz im Haar steht Daphne da, begrüßt die Bäume, die sie als Brüder empfindet, ruft die Vögel auf, sich in den Zweigen, die ihr wachsen niederzulassen. Um dann in Handschellen gelegt, von Soldaten abgeführt zu werden. Während der Verwandlungsmusik, leert sich die Bühne und nur der tote Leukippos bleibt zurück. Den Flöten, allen voran die Piccoli, gelingt es zwar, Bilder von unberührter Natur vor dem inneren Auge auferstehen zu lassen. Die selig glücklichen Töne Daphnes von überall und nirgends her, berühren zutiefst und doch ist die einer der wenigen Momente, in denen Strauss‘ wunderbar bildmalerische Musik, wirklich zu Geltung kommen darf. Auch erwachte der Wunsch, nach ein klein wenig romantisch subtiler Mystik durch Lichtregie, um die Magie der Musik zu untermalen.

Zugegeben, Loy und Team wollen augenscheinlich nichts anderes als die „Alltagstauglichkeit“, eines wunderschönen Sagenthemas zu beweisen. Und, um auf Daphnes Verhaftung zurückzukommen, sicher ist das ein angebrachter Hinweis darauf wie leicht Traum und Wirklichkeit verschwimmen. Denn nach seinem Gebet verschwindet Apollo und darum steht Daphne als Mörderin da. Auch zeigt Loy uns wie schwer Andersfühlende und -denkende es haben. Und doch scheint seine Umsetzung etwas zu grob, mit der einfachen, doch tiefsinnigen Schönheit der Texte und den Zauber webenden Klängen der Musik umzugehen, bei der es auch mit geschlossenen Augen gelingt, der Geschichte zu folgen, sie in Herz und Seele nach zu fühlen.

Das liegt auch an Christof Prick und dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg. Die Flöten zeichnen voll spielerischer Leichtigkeit ein Bild von ländlicher Idylle. Streicher und Blech machen die schwellende Bedrohung deutlich, lassen uns Blitz- und Donnerschläge regelrecht sehen, wie auch flirrende Geigen, einen Hauch von überirdischer Mystik zum Klingen bringen. Hier und da waren leichte Schwächen zu hören, die jedoch das Niveau des gesamten Abends nicht schmälern.

Der, in der Festszene von Tänzern unterstützte Herrenchor des Chors der Hamburgischen Staatsoper, schien stimmlich und darstellerisch in seinen Rollen aufzugehen, jeder wirkte authentisch, selbst jene Herren die, auf dem Dionysos-Gelage Dirndl tragen mussten.

Auch Tigran Martirossian (Peneios) und Renate Spingler (Gaea) überzeugten. Besonders Springler gab der dem Alkohol und auch dem erotischen Sinn des Festes, sehr zugeneigten Gaea durch ihren tiefen und vollen Mezzo ein beeindruckendes Profil.

Staatsoper Hamburg/Richard Strauss
DAPHNE / Foto Copyright: Brinkhoff/Mögenburg

Mit Vladimir Baykov, Ziad Nehme, Julian Arsenault und Bruno Vargas waren die vier Schäfer, Ensemble-prominent und mehr als gut besetzt. Zeigt sich doch die Qualität eines Künstlers auch in der Art, wie er auch kleine Rollen präsentiert. In diesem Sinne „klein aber fein“ war auch die Leistung von Raffaela Lintl, die zwar bereits in der Premiere dieser Produktion als Erste Magd zu sehen gewesen war, doch erst gestern für die erkrankt Katarina Konradi einsprang. Sie, wie auch Ida Aldrian schäumten geradezu vor mädchenhaft kecken Charme und stimmlicher Leichtigkeit.

Herrlich wie sie Leukippos (Michael Schade) bezirzen. Herrlich aber auch, wie Schade sich bezirzen lässt und die Zerrissenheit des von Daphne abgewiesenen Liebhaber zeigt. Es hat etwa Rührendes wenn der Hüne, für seine Kindheitsfreundin den Baum spielt und es ist Schades natürlichem Charme zu verdanken, dass sein Leukippos zwar Mitleid erregt, wenn er sich in ein Kleid zwängt um sich Daphne trügerisch schwesterlich zu nähern, aber seine Darstellung aller Lächerlichkeit entbehrt. Seine Stimme bietet einen rollengemäß wunderbaren Gegensatz zu der Andreas Schagers. Schades Tenor ist ebenfalls kraftvoll doch in erster weich und lyrisch schmeichelnd. Andreas Schager erfüllt in jeder Hinsicht die Partie des Gottes, den Daphne als mächtig bezeichnet. Er bewegt sich als Apollo selbstsicher, ist leicht Mittelpunkt der Aufmerksamkeit aller, schmettert mit wagnerischem Stahl in seinem Tenor die Töne heraus und überrascht dann im Gebet, mit Sanftheit und fast zarten Piani.

Christiane Karg als Daphne ist voller Unschuld und naturverbundener Reinheit. Wie leidet sie auf dem Fest, wie ist sie zwar erschüttert, doch auch hingegeben Apollo gegenüber. Ihre Losgelöstheit von allem menschlichem am Ende zeigt sich in jeder ihrer Gesten. Ihre Verwandlung geschieht völlig natürlich. Und nachträglich betrachtet, ändert nicht einmal die Verhaftungsszene etwas an der Faszination der Verwandlung von einer jungen Frau in ein ätherisches Wesen. Ihr Sopran ist von einer schier unfassbaren Klarheit, lässt sofort an klar und unberührt dahin fließende Bäche erinnern. Wie diese Bäche jedes Hinderniss, jeden Kiesel, jeden Fels, wie selbstverständlich bewältigen, bewältigt Christiane Karg jeden Ton, jede Koloratur, jede noch so anspruchsvolle Passage, nicht weniger als meisterhaft.

Sie, Schager, Schade und auch alle andere Darsteller, verhalfen Strauss‘ Musikgemälde dazu in alles Farben und Facetten zu ertönen und zu begeistern. Eine gelungene Wiederaufnahme!

 

  • Rezension der WA von Birgit Kleinfeld / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Staatsoper Hamburg / Stückeseite
  • Titelfoto: Staatsoper Hamburg
    Richard Strauss/ DAPHNE / Foto Copyright: Brinkhoff/Mögenburg

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