„Hier gilt´s der Kunst“ – „Die Meistersinger von Nürnberg“ bei den Maifestspielen Wiesbaden 2019

Staatstheater Wiesbaden/Die Meistersinger von Nürnberg/ Foto @ Karl_Monika Forster

Ausverkaufte Festspielaufführung der „Meistersinger von Nürnberg“ mit Starbesetzung in Wiesbaden am 30.5.2019

Die Meistersinger von Nürnberg“ sind die ideale Festspieloper, denn musikalisch feiert hier eine bürgerliche Gesellschaft sich selbst. Strahlendes C-Dur, opulente Chorszenen, die deutsche Handwerkstugenden feiern, und ein großes Ensemble hochkarätiger Stars, die in liebevoll auskomponierten Portraits sympathische, aber auch skurrile Menschen darstellen. Die Uraufführung 1868 in München war einer der größten Erfolge Richard Wagners. Auch in Wiesbaden will der Applaus für die Künstler nicht enden, die Inszenierung gibt Anstöße zu regen Diskussionen.

Der absolute Star ist diesmal nicht der Tenor, sondern der Bassbariton Hans Sachs (Michael Volle), der „Schuster und Poet dazu“ ist und fast selbst um die junge Eva (Betsy Horne), Goldschmiedetochter, deren Herz aber dem Ritter Stolzing gehört, gefreit hätte. Sensationelles Rollendebut von Thomas Blondelle als Walther von Stolzing!

 

Sein Gegenspieler, der ebenfalls gerne Eva heiraten würde, der Stadtschreiber Sixtus Beckmesser (Johannes Martin Kränzle), ist ein trockener akademischer Pedant, aber durchaus nicht unsympathisch. Leider wird er viel zu oft als Karikatur gegeben, das hat er nicht verdient. Hier in Wiesbaden erfüllt Johannes Martin Kränzle diese Partie mit menschlicher Größe und gibt einen absolut bemitleidenswerten Stadtschreiber, der alles richtig machen will und doch in der Liebe krachend scheitert. Aber er rappelt sich wieder auf und macht in seinem Amt weiter.

Eine Aufführung der „Meistersinger“ ist immer ein Kraftakt, den eigentlich nur große Häuser mit eigenen Ensemblemitgliedern stemmen können. Mit der Premiere hat das Staatstheater Wiesbaden die Spielzeit 2018/19 eröffnet, jetzt zu den Festspielen hat man Michael Volle, Johannes Martin Kränzle, Daniel Behle und Günter Groissböck von der Bayreuther Inszenierung verpflichtet, dazu Thomas Blondelle mit seinem Rollendebut als Stolzing und Betsy Hone als Eva. Das jugendliche Paar überzeugt auf der ganzen Linie. Betsy Horne eröffnet das Quintett „Selig wie die Sonne …“ mit ihrem warmen, jugendlichen Sopran mit faszinierender Bühnenpräsenz und steht den Bayreuth-Stars in nichts nach.

Staatstheater Wiesbaden/Die Meistersinger von Nürnberg/ Foto @ Karl_Monika Forster

Thomas Blondelle, seit 2009 Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin, als Stolzing ist nicht nur ein sehr guter Tenor (er hat bei den Festspielen auch „Idomeneo“ und „Tito“ gesungen) mit jugendlicher Kraft und Fülle, sondern vor allem ein temperamentvoller Darsteller. Wie er den Prozess der Entstehung des Preislieds gestaltet, ist vorbildlich, und wie er in jugendlichem Ungestüm erst Eva entführen möchte, dann aber doch auf Pogners Bedingung eingeht und ein begeisterndes Preislied, das das ganze Volk hinreißt, präsentiert, ist eine schauspielerische Glanzleistung. Der Umgang mit dem Bügelbrett zusammen mit Sachs und der Gesichtsausdruck, mit dem er den von Sachs präsentierten fränkischen Trachtenanzug für den Auftritt auf der Festwiese kommentiert, sind unbezahlbar.

Konsequent ist es, dass er die Meisterwürde ablehnt („Nicht Meister, nein, will ohne Meister selig sein!“) und mit Eva die Gesellschaft verlässt. Hier deutet sich der Konflikt zwischen den Generationen an, den Regisseur Bernd Mottl dadurch noch überspitzt, dass er die Meister als gebrechliche Senioren in rentnerbeige darstellt, die in einem Altersheim von ihren Gesellen als Pfleger versorgt werden.

Das Stück spielt in der Jetztzeit und beginnt in der der Katharinenkirche gegenüber liegenden Gaststätte „Alt Nürnberg“, der Gesang in der Kirche erklingt aus dem Off, und Stolzing, Eva und die Meistersinger kommen nach und nach zum Frühschoppen rein. Magdalena (Margarete Joswig), mit wunderbarem Mezzosopran Vertraute und Freundin Evas, und David (Daniel Behle) sind Bedienung in diesem Lokal, und David kann Stolzing gleich im Hinblick auf die Regeln der Meistersinger beraten – ein Kabinettstückchen der Sangeskunst!

Günter Groissböck, der den Pogner mit großer Bass-Autorität als etwas beratungsresistenten Vater, der das Glück für seine Tochter will, indem er sie dem besten Sänger beim Preissingen am Johannistag zur Frau gibt, darstellt, ist nur an seiner Stimme zu erkennen. Er kommt mit einem Gehgestell mit Pfleger auf die Bühne, ist mit Blindenbrille und gebeugt ein schwerer Pflegefall.

Staatstheater Wiesbaden/Die Meistersinger von Nürnberg/ Foto @ Karl_Monika Forster

Auch die anderen Meister (Benjamin Russell als Kothner, Ralf Rachbauer als Kunz Vogelgesang, Florian Kantschak als Nachtigall, Rouwen Huther als Zorn, Reiner Goldberg als Eisslinger, Andreas Karasiak als Moser, Daniel Carison als Ortel, Philip Mayer als Schwarz, Wolfgang Vater als Foltz) sind auf alt geschminkt und spielen mit großer Freude die Senioren mit ihren Gehhilfen und Zipperlein.

Dem gegenüber stehen die Lehrbuben als Altenpfleger (Istvan Balota, Marie Dehler, Grégoire Delamare, Marvin Gauger-Schmidt, Hyemi Jung, Hounwoo Kim, Scott Ingham, Luca Leonardi, Florian Löffler, Maike Menningen, Karolina Michel und Pal Sutton), die schon bei Stolzings erstem Anlauf für ein Preislied spontan applaudieren.

Wagner polarisiert, schon wegen der schieren Länge. Es gibt zwei Pausen, die Aufführung dauert von 17.00 Uhr bis 22.30 Uhr.

Wäre die Musik oder die Handlung schlecht, man hätte das Werk längst vergessen.

Aber „Die Meistersinger von Nürnberg“ leben und werden immer wieder auch von kleinen Häusern gespielt. Warum? Weil sie ein zeitloses Thema behandeln, nämlich die Frage: „Was ist Kunst?“ und ganz nebenbei die Rituale eines Vereins, hier der Meistersinger, liebevoll karikieren.

Dabei stellt sich die Frage: „Wer gehört zu uns?“, und da kommt der forsche Ritter Stolzing in seiner Motorradkluft gerade recht. Die heftige Diskussion über seinen ersten Vortrag könnte so in jedem Verein stattfinden, sie wird persönlich, und es zeigt sich, dass die Meistersinger mit ihren starren Regeln mit Stolzings Lied überfordert sind. Der wird allerdings von Sachs liebevoll in die rechte Bahn gelenkt und schafft es am Schluss, alle, auch die Meister, mit seinem Preislied zu überzeugen.

Der wahre Verlierer ist der Akademiker (Stadtschreiber) Beckmesser, der sich mit seinem regelkonformen, aber antiquierten Gesang lächerlich macht und in der nächtlichen Prügelszene auch noch vom „gesunden Volksempfinden“ für sein Ständchen, das er Eva nach 22.00 Uhr singt, abgestraft wird. Den Anfang macht Daniel Behle, absolute Luxusbesetzung des David, der glaubt, Beckmesser singe seine Magdalene (Margarete Joswig) an, und Beckmesser gnadenlos vermöbelt.

Maifestspiele Wiesbaden / Logo

Wagner komponiert hier die typische Gruppendynamik einer Massenschlägerei in Form einer Doppel-Fuge, die sich aus einer nächtlichen Ruhestörung entwickelt und in eine üble Prügelei ausartet. GMD Patrick Lange hat die Zügel fest in der Hand, der Chor und Extrachor unter der Leitung von Albert Horne gestalten präzise und stimmgewaltig mit den Solisten die Prügelfuge. Am Schluss öffnen sich alle Fenster, und die im Schlaf gestörten Bürger machen ihrem Unmut Luft. Großartiger Aktschluss!

Nur der Nachtwächter, ein Mann in den besten Jahren mit langem grauem Zopf (Tuncay Kurtoğlu), der mit kräftigem Bass die Ordnungsmacht darstellt, kriegt vom ganzen Aufruhr nichts mit.

Die Schlussszene auf der Festwiese, hier ein Festsaal des Gasthofs „Alt-Nürnberg“, geschmückt mit Massen von Flaggen der Zünfte wird mit einem Riesenchor, einem entzückenden Kinderballett, einer folkloristischen Tanzgruppe und den Meistersingern mit ihren mittelalterlichen Talaren (so etwas gibt es auch noch an deutschen Hochschulen) dargestellt.

Die Meistersinger sitzen auf einem erhöhten Podium und halten Hof. Hier ist die Bühne fast zu klein für die vielen Sänger, die die aufmarschierenden Zünfte und das Volk darstellen. Das Volk ist zum Teil schlicht in Schwarz gekleidet oder trägt einheitliche Trachten (Bühne und Kostüme: Friedrich Eggert), man fühlt sich an Karnevalssitzungen erinnert.

Die Musik ist opulent und eingängig, Bürgerstolz in prangendem C-Dur, ein absolutes Meisterwerk mit strahlenden Blechbläsern. GMD Patrick Kuhn und Chordirektor Albert Horne haben die Zügel fest in der Hand: transparent in den einzelnen Stimmen, überbordend an Klangfarben und überschäumend an Kraft. Der Orchestergraben ist zu klein für so viele Musiker, daher hat man die Harfen (Beckmesser-Harfe Kristina Kuhn) in der Orchesterloge untergebracht, drei Trompeter in der Loge darüber.

Dass Regisseur Bernd Mottl die Meistersinger als Greise darstellt spitzt zwar den Generationenkonflikt zu, aber nach meinem Verständnis sind es Männer in den besten Jahren, selbstbewusste Bürger, die Stützen der Gesellschaft, die nebenher ein wenig Brauchtum, hier die Dichtung von Liedern, pflegen.

Gerade auch Hans Sachs ist höchstens Anfang 50, denn er ist ernsthaft in Eva verliebt und übt nur aus Altruismus Verzicht. Er vergleicht sich mit König Marke: „ Hans Sachs war klug und wollte nichts von Herrn Markes Glück.“ Ein Darsteller wie Michael Volle kann diese Resignation herzergreifend vermitteln. Der pfeift im dritten Akt auf das Alter, er tritt ganz normal als selbstbewusster Schuhmacher und erfolgreicher Poet auf, dessen Autorität die Gesellschaft folgt. Einem Greis aus dem Seniorenheim nimmt man diese Rolle einfach nicht ab.

Dass Stolzing (Thomas Blondelle) eigentlich chancenlos ist macht ihm Beckmesser gnadenlos klar: „versungen und vertan“ hat Stolzing bei dem Versuch, in den Kreis der Meistersinger aufgenommen zu werden. Nur Sachs erkennt die Qualität von Stolzings improvisiertem Lied: „Der Vogel, der dort sang, dem war der Schnabel hold gewachsen, macht er den Meistern bang, sehr wohl gefiel er doch Hans Sachsen“.

Staatstheater Wiesbaden/Foyer Großes Haus/Foto: Sven-Helge Czichy

Die Dialoge des eingespielten Teams Sachs-Beckmesser sind schon von Wagner unbezahlbar gedichtet, aber von Volle und Kränzle auch herrlich ausgeführt. Wie Sachs Beckmesser in die Falle lockt, das von ihm aufgeschriebene Gedicht zu adaptieren und der dann beim Versuch, Stolzings Text mit seinen bescheidenen musikalischen Mitteln vorzutragen, ins offene Messer läuft, der Chor als Volk ihn dann auch gnadenlos durchfallen lässt, ist beste musikalische Komödie mit Tiefgang.

Stolzing dagegen hat mit der Hilfe von Sachs die Regelnder Meistersinger verinnerlicht und präsentiert ein überzeugendes Preislied, und sowohl die Meister als auch das Volk sind zufrieden, da brüskiert er die Gesellschaft, er wolle nur die Braut und „ohne Meister selig sein“.

Stolzing und Eva verlassen die Gesellschaft, die aber gleich nach dem Appell des Sachs: „Verachtet mir die Meister nicht“ wieder zur Tagesordnung übergeht und sich selbst bejubelt.

Die beiden jungen Paare sowie sind ideale Identifikationsfiguren für junge Zuschauer, die sich entweder anpassen (David und Magdalene) oder ausbrechen (Eva und Stolzing).

Hier liegt die Stärke der Inszenierung: sie stellt die Kluft zwischen den Generationen dar, die Parallelen zum Führungspersonal einiger Vereine oder auch zur Geisteshaltung einiger politischer Parteien liegen auf der Hand. Eine kurzweilige Inszenierung, die zu regen Diskussionen Anlass gibt.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer/Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Staatstheater Wiesbaden/Stückeseite
  • Titelfoto: Staatstheater Wiesbaden/Die Meistersinger von Nürnberg/ Foto @ Karl_Monika Forster

Ein Gedanke zu „„Hier gilt´s der Kunst“ – „Die Meistersinger von Nürnberg“ bei den Maifestspielen Wiesbaden 2019

  1. Es war eine perfekte Opernaufführung. Ich freue mich schon auf 2020. Erstaunlich was Wiesbaden hier auf die Bühne (Beine) stellt. Letztes Jahr der Tannhäuser mit Top Besetzung und dieses Jahr könnte nicht besser gesungen sein.
    Vielleicht gibt es in der Zukunft einen Meistersinger in der Welt von YouTube und alt eingesessenen Parteien als Meister. Wäre doch eine spannende Parallele welche ich permanent vor mir gesehen habe.

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