»DIESER AUGENBLICK IST SIEGFRIEDS TOD« – „Faszination Wagner“ begeistert bei den Maifestspielen Wiesbaden

„Faszination Wagner“ / Schager, Baich, Cara/ Foto @ Turgay Schmidt/Das Opernmagazin

Die Internationalen Maifestspiele 2019 des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden haben es geschafft, nach dem sensationellen Triumph und seinem Debut als Siegfried an der Metropolitan Opera New York (27.4.2019 und 4.5.2019), den gefragtesten Heldentenor unserer Zeit Andreas Schager, die Violinistin Lidia Baich und den Regisseur Selcuk Cara mit der Produktion „Faszination Wagner“ im Rahmen der Internationalen Maifestspiele 2019 nach Wiesbaden zu holen. Nach der gefeierten Weltaufführung im Oktober 2018 am tschechischen Nationaltheater in Prag, stellte die Aufführung am 29.5.2019 im Staatstheater Wiesbaden, die deutsche Erstaufführung dieses Wagner`schen Gesamtkunstwerkes dar.

 

 

Die Produktion trägt den Namen „Faszination Wagner“. Andreas Schager und der Regisseur Selcuk Cara kreieren eine Dimension einer musikalischen und filmisch, bildhaften Interpretation des „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner. Dabei nimmt Cara bei den einzelnen Filmsequenzen den visuellen, medialen Rückgriff auf die Elemente: Feuer, Wasser, Luft und Erde.

Wir wollten mit der Produktion – Faszination Wagner – eine Tür öffnen, um Menschen, die nicht 16 Stunden in die Oper gehen, einen Zugang zum Ring des Nibelungen zu schaffen. Wir haben eine Art und Form gesucht diesen Zugang zu schaffen, wir wollten nicht einfach ein Konzert machen, sondern ein bisschen mehr. Selcuk hat dann die Idee gehabt, warum zeigen wir nicht den Tod von Siegfried, und er sieht kurz vor seinem Ende noch mal sein ganzes Leben vor seinen Augen. Wir haben es dann musikalisch als auch filmisch auf der Leinwand so dargestellt.“ (Andreas Schager)

Der Abend begann mit dem Vorspiel von „Lohengrin“. Bereits mit den ersten Takten zeigte das Hessische Staatsorchester unter der Leitung von Guillermo Garcia Calvo eine ungemeine Intensität und Klangtransparenz und lies die Wagnersche Schöpfung im wahrsten Sinne des Wortes zum Leben erwachen.

Lidia Baich/ „Faszination Wagner“ Foto @ Marcus Klein

Als dann Lidia Baich auf der Violine „Guaneri del Gesú“ spielend die Bühne betrat und zusammen mit dem Staatsorchester die symphonischen Phantasien aus „Tristan und Isolde“ für Violine und Orchester begann, legte sich ein Zauber auf das Staatstheater Wiesbaden, der unglaublich intensiv auf die Besucher im Opernhaus wirkte. Die Musik aus „Tristan und Isolde“, der klare, ergreifende Ton der Violine, die visuelle Untermalung und Verstärkung von der Leinwand und das unglaublich virtuose, emotionale Spiel von Lidia Baich fesselten und ließen den Handlungsstrang von „Tristan und Isolde“ auf eine gefühlsvolle, intensive Art entstehen, ohne den Gesang und Text als weiteres Mittel einzusetzen. Die prächtigen, farbvollen Bilder von fließenden Wasser sind als visuelle Untermauerung und Verstärkung über die Leinwand hier sehr gut eingesetzt.

Eine enorme klangliche Intensität wird in dem Zusammenspiel der Solo Violine und dem Orchester erzeugt, die den emotionalen Zustand der Liebesnacht „So stürben wir, um ungetrennt, ewig einig ohne End’, ohn’ Erwachen, ohn’ Erbangen, namenlos in Lieb’ umfangen, ganz uns selbst gegeben, der Liebe nur zu leben“ hörbar und sogar fühlbar machte. Unfassbar direkt mit einer mächtigen Wirkung auf den Besucher.

Bei Isoldes Liebestod Mild und leise, wie er lächelt, wie das Auge hold er öffnet – seht ihr’s, Freunde ? Seht ihr’s nicht ?“ verstärkte sich diese Wirkung, die Lidia Baich mit ihrem Spiel erzeugte in einer Art und Weise, dass der Zuhörer den süßen Abschied und Liebestod allein über die Musik und den Klang der Violine in sich aufnahm.

Nach dem letzten Ton war eine unfassbare Stille im Opernhaus, bevor das Publikum dann mit begeisternden, langanhaltenden Applaus und unzähligen „Bravo Rufe“ diese Höchstleistung von Lidia Baich und dem Hessischen Staatsorchester im ersten Teil der „Faszination Wagner“ honorierten.

Der zweite Teil von „Faszination Wagner“ hat als zentrales Thema „Der Ring des Nibelungen“ aus der Perspektive des gealterten Helden Siegfried, der am Ende seines irdischen Weges auf sein Leben zurückblickt.

Stell dir vor, in der letzten Sekunde deines Lebens laufen all die Bilder vor deinem geistigen Auge ab, die dich zu dem gemacht haben, der du jetzt bist; aber auch all die Bilder, die dir womöglich erklären, warum du jetzt sterben musst. Dieser Augenblick ist Siegfrieds Tod“ (Selcuk Cara)

Siegfrieds Lebensrückblick ist in vier Episoden unterteilt: Die Schöpfung, die Spiegelung, der Ursprung, das Schicksal.

Auf der Bühne ist die große Leinwand im Hintergrund positioniert und der gealterte Held Siegfried betritt mit zeitlupenartigen Schritten, aus den Tiefen der Erde kommend, die Weltenscheibe. Er ist blass/weiß im Gesicht und trägt ein weißes Leinenhemd und Hose, welches an das letzte irdische Gewand (Totenhemd) erinnert.

Der Held steht allein auf der Bühne. Jeglicher jugendlich, strahlender Glanz ist ihm genommen. Er befindet sich am Ende seines Lebensweges. Mit dem letzten Schritt von unten auf die Weltenscheibe setzt das Orchester ein und die Musik beginnt.

Andreas Schager/“Faszination Wagner“/ Foto Marcus Klein

Andreas Schager, als Siegfried, befindet sich permanent auf der Bühne und nimmt im Verlaufe der „Faszination Wagner“ dort verschiedene Positionen ein.

Die seitlichen Positionen befinden sich rechts und links auf Übergängen über dem Orchestergraben.

Die einzelnen Episoden, die Siegfried jetzt reflektierend im Laufe der Aufführung durchlebt werden durch Positionswechsel optisch so dargestellt, dass die jeweilige Position den Helden zum Leben erwacht. Aufgrund dieser Positionierung befindet er sich in der richtigen Dimension der Episode. Beim Schmiedelied des Siegfried im rechten Bereich, wo das metallische Schlagwerk des Orchesters positioniert ist. Beim Waldweben und Vöglein im linken Bereich, wo die sanften Klänge der Harfen und Streicher den Helden berühren und unterstützen.

Beim „Schmiedelied“ aus Siegfried zeigt Andreas Schager den überlegenen Helden, der kraftvoll mit strahlenden Glanz voller Selbstbewusstsein im Zenit seiner jugendlichen Unbekümmertheit steht. „Nothung Nothung Neidliches Schwert Was musstest du zerspringen ? Zu Spreu nun schuf ich die scharfe Pracht, im Tiegel brat‘ ich die Späne…“

Andreas Schager singt mit einer ungemein langen und intensiven Linie und steigert dabei zum Ende hin. „Hoho Hoho Hohei Hohei Blase, Balg – Blase die Glut“ . Das große Volumen und die schneidende Strahlkraft seines Tenors erzielen mit den starken Bildern von der Leinwand aus Feuer und Glut eine ungemein starke, emotionale Wirkung.

Bei „Waldweben“ und „Waldvogel“ zeigt Andreas Schager die Emotion , den inneren Zustand des Helden von einer geänderten, verträumte, gar lieblichen Seite. Wie er mit einer wunderschönen, weichen Tonfärbung bei der Frage „Aber – wie sah meine Mutter wohl aus ? Das kann ich nun gar nicht mir denken“ die Dynamik zurück nimmt und glaubhaft die Fragen stellt „Da bang sie mich geboren, warum aber starb sie da ? Sterben die Menschenmütter an ihren Söhnen alle dahin ? Traurig wäre das, traun“ ist berührend und wirkt direkt auf den Zuhörer. Man wird eins mit dem Helden. Die Begegnung mit dem Waldvogel wird durch die Videosequenz des kleinen Vogels auf der Leinwand fast zu einem Dialog mit dem Helden.

Der nun folgende Rückblick, die Spiegelung, führt den Helden in die Zeit seiner Eltern, dem Wälsungenpaar, Siegmund und Sieglinde aus „Die Walküre“. Andreas Schager nimmt nun die Position als Siegmund im Zentrum der Bühne ein. Starke Bilder eines in Zeitlupe fliegenden mächtigen Schwertes vollziehen den zeitlichen Sprung in „Die Walküre“. Wölfe in freier Wildbahn zeigen visuell, die Wildheit, Freiheit, Kraft und Faszination dieser Könige der Wälder.

Hess. Staatstheater/Faszination Wagner / Foto @ Selcuk Cara

Ein Schwert verhiess mir der Vater, ich fänd‘ es in höchster Not….“ wird von Andreas Schager stimmlich und auch darstellerisch in einer Form umgesetzt, wie es besser nicht geht. Ausbrechend, emotionsgeladen, dann wieder weich und liebend, steigert er hin zu den berühmten „Wälse Rufen“. Schager nutzt hier nicht nur sein kraftvolles stimmliches Potential, sondern differenziert die beiden Rufe mit einer klaren zeitlichen und dynamischen Vorstellung.

Der erste Ruf wird von ihm stimmlich so angesetzt, dass er zum Ende ein kurzes, wirkungsstarkes Crescendo einsetzt um den zweiten Ruf mit einer Intensität und Kraft dann heraus zu singen, das der Besucher von dem enormen Volumen, der seinem Gesang immanenten Energie und der heldischen Strahlkraft seiner Stimme direkt getroffen und ergriffen wird.

Welch ein phantastischer Heldentenor steht hier in Wiesbaden auf der Bühne.

Die Götterdämmerung, das Ende der Götter und der Beginn eines neuen Zeitalters wird orchestral eingeleitet durch Siegfrieds Rheinfahrt.

Siegfrieds Erzählung „Mime hieß ein mürrischer Zwerg …….“ gestaltet Schager voller, jugendhafter Unbekümmertheit und dem sicheren Gefühl Siegfrieds auf die eigene Stärke und Kraft zu vertrauen. „Hei Siegfried gehört nun der Niblungen Hort Oh Fänd‘ in der Höhle den Hort er jetzt Wollt‘ er den Tarnhelm gewinnen, der taugt‘ ihm zu wonniger Tat Doch möcht‘ er den Ring sich erraten, der macht ihn zum Walter der Welt“.

Stimmlich höchst differenziert ändert Andreas Schager hier die Färbung seiner strahlenden Stimme um genau passend das Vöglein zu zitieren, welches Siegfried sang: „Hei, Siegfried erschlug nun den schlimmen Zwerg – Jetzt wüsst‘ ich ihm noch das herrlichste Weib…“. 

Das Ende naht, der sterbende Held nimmt Abschied „Brünnhilde Heilige Braut Wach‘ auf! Öffne dein Auge – Wer verschloss dich wieder in Schlaf Wer band dich in Schlummer so bang Der Wecker kam; er küsst dich wach, und aber – der Braut bricht er die Bande: da lacht ihm Brünnhildes Lust – Ach Dieses Auge, ewig nun offen – Ach, dieses Atems wonniges Wehen – Süsses Vergehen – seliges Grauen: Brünnhild‘ bietet mir – Gruss“ Andreas Schager gestaltet diesen zentralen Moment in der Götterdämmerung so intensiv , mit einer überdeutlichen Diktion und am Schluss mit einem piano gesungenen letzten Gruß. Gänsehaut Moment im Opernhaus, denn der danach folgende Trauermarsch greift diese Emotionslage von Siegfried musikalisch auf.

„Faszination Wagner“/ Foto @ Selcuk Cara

Das Hessische Staatsorchester unter der Leitung von Guillermo Garcia Calvo zeigt an diesem Abend eine unglaubliche Höchstleistung, die den Vergleich zu renommierten Orchestern großer Opernhäuser nicht scheuen muss. Das Orchester und ihr Leiter leben die Tempi und langen Bögen und lassen die Musik ungemein intensiv fließen und zeigen dabei noch eine so beeindruckende dynamische Differenzierung, das hier wahrhaftig die Musik Wagners auf höchstem Niveau zelebriert wird. Calvo ist ein Dirigent, der seine Persönlichkeit dem Orchester von der ersten Note an sehr deutlich macht und diese famose orchestrale Leistung mit seinem Dirigat, Körpersprache und Mimik aus dem orchestralen Klangkörper hervorholt. Calvo schaffte es an diesem Abend das Orchester, den Gesang, das Violinenspiel und die visuellen Impulsen der Videosequenzen von der Leinwand perfekt zu vereinen.

Andreas Schager steht im Zentrum der Bühne mit dem Rücken zum Publikum und die Bilder des Lebensrückblicks von Siegfried laufen nunmehr in schneller Zeitfolge über die Leinwand. Der letzte Impuls, das letzte Aufflackern des Lebensfunken des Helden , bevor das Ende da ist.

Totenstille im Opernhaus, bevor wie ein Sturm der begeisterte, langanhaltende Applaus des Publikums losbricht. Unzählige Bravo Rufe und das frenetische Feiern der Protagonisten von „Faszination Wagner“ , zeigen eines sehr deutlich.

Im Staatstheater Wiesbaden ist Großes geschehen. Eine unfassbar schlüssige, hoch emotionale Produktion, die jede Form der Superlativen verdient hat.

Hier wurde am 29.5.2019 mit der deutschen Erstaufführung in Wiesbaden Richard Wagner Geschichte geschrieben.

 

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