Lise Lindstrom, Andrzej Dobber

Staatsoper Hamburg: WA von Richard Strauss‘ „Frau ohne Schatten“ – Musikalisch überzeugend

Staatsoper Hamburg/Frau ohne Schatten/ Foto © Brinkhoff/Mögenburg

Ein bisschen aus der Zeit gefallen ist sie wohl schon, die „Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss. In den letzten Zügen des Ersten Weltkriegs und der Zeit danach komponiert erlebte dieses Werk 1919 seine Uraufführung und entführte seine Zuschauer in eine Phantasie- und Märchenwelt voller Magie und Farbigkeit. Dass in der Psychologie der Figuren weitaus mehr steckt, dass es um Menschlichkeit und das Erlangen von Menschlichkeit geht, ist ein interessanter Aspekt, führt man sich die Dokumente barbarischen Treibens im Europa der Jahre 1914-1918 vor Augen. ( Premiere 16.04.2017/WA 26.12.2018/Besuchte Vorstellung:30.12.2018 )

 

Die Inszenierung von Andreas Kriegenburg liefert leider nur eine wenig tiefgehende Lesart des Stoffs an und kümmert sich auch kaum um die Phantasie und Magie der Vorlage. Gleichwohl spielt der Aspekt der Realitätsflucht eine große Rolle: Die gesamte Deutung ist auf die Färberin ausgerichtet, die sich in eine Traumwelt flüchtet und die Kaiserin dort als ihr Spiegelbild erlebt. Diese Deutung ist sicherlich nicht uninteressant, misslingt jedoch allzu oft, da die Regie sich immer wieder über das Libretto hinwegsetzt, mit rein musikalischen Zwischenspielen wenig anzufangen weiß und dadurch vieles sehr ins Statische gerät. So wird das fulminante Finale des zweiten Aktes quasi gar nicht bedient und starre Blicke ins Publikum sind alles, was zu sehen ist. So beraubt die Regie den Abend allzu oft seiner Magie und lässt eklatante Spannungslöcher entstehen. Offenkundig wird dies auch im Finale des dritten Aktes, wenn die vereinten Paare auf zwei Parkbänken sitzen und der Kinderchor im Hintergrund ein schier nicht enden wollendes Ballspiel zelebriert. Fein gearbeitet und voller Spannung sind dagegen – und da offenbart sich eben auch wieder Kriegenburgs Qualität – die kleinen Szenen, die dialogischen Momente, die Auseinandersetzungen und Reibungen wie beispielsweise im ersten und zweiten Akt zwischen Barak und der Färberin.

Staatsoper Hamburg/Frau ohne Schatten/ Foto © Brinkhoff/Mögenburg

Die musikalische Seite bietet dagegen viel Erfreuliches. Allen voran sei Lise Lindstrom in der Rolle der Färberin genannt, die ein beeindruckendes Rollenportrait abliefert. Den inszenatorischen Ansatz, dass sich die Färberin aus dem auf ihr lastenden Druck aus der Realität herausträumt, spielt Lindstrom phänomenal: wir sehen eine zarte Frau, die immer wieder am Rande des Zerbrechens ist, die sich immer wieder aufbäumt und keift und zetert um sich irgendwie im Moloch des Färberhaushaltes zu behaupten – das berührt ungemein. Und auch musikalisch beeindruckt Lindstrom enorm: Ihre Stimme überzeugt mit großer Strahlkraft und im Wechsel der Farben lotet sie alle Höhen und Tiefen der Figur perfekt aus. Scheinbar mühelos gelingt es ihr sich gegen das enorme Strauss’sche Orchester durchzusetzen und sowohl das ihrer Rolle abverlangte giftig-keifende Parlieren mit großer Textverständlichkeit umzusetzen, als auch in den weiten, fließenden Melodiebögen zu schwelgen. Ihr zur Seite steht Wolfgang Koch als ein Barak, wie er im Buche steht. Im Spiel ein Mann voller Fürsorge und Verständnis, dem zuzuschauen und ertragen zu müssen, wie ihn sein Weib quält, schon fast schmerzt und der dann aber – Gott sei Dank – doch zeigt, dass ihm auch der Kragen platzen kann. Er singt die Partie tadellos und überzeugt nicht nur einmal durch enorme Klangschönheit. Gerade sein „Mir anvertraut“ im dritten Akt geht wahrlich zu Herzen.

Emily Magee als Kaiserin überrascht mit großer Dramatik in der Stimme. Diese Kaiserin ist weniger das zarte Feenwesen, denn eben ein resolutes Abbild der Färberin. Dies ist im Kontext der Inszenierung durchaus stimmig, im musikalischen nicht uninteressant. Magee legt Kraft in ihre Partie und zeigt szenisch wie stimmlich eine Kaiserin, die weniger ängstlich, denn fordernd ist, die nicht in ätherischen Höhen verzaubert, sondern sich resolut in der Menschenwelt behauptet. Linda Watson als Amme meistert die halsbrecherische Partie absolut souverän. Ihre Amme ist jedoch weniger das irrlichternde, janusköpfige Wesen, sondern oftmals starre Betrachterin der Szenerie. Sie ist weniger die intrigante Lenkerin, sondern eher…. ja, was eigentlich? Denn hier offenbart sich leider eine eklatante Schwachstelle der Inszenierung: Ist die Amme sonst Mittlerin zwischen Menschen- und Geisterwelt, beraubt sie die Regie hier mehr oder weniger ihrer Funktion, da durch die Idee des „Spiegelbildes“ Kaiserin und Färberin ja viel enger miteinander verbunden sind. Und da kann man Watson auch nur bedingt einen Vorwurf machen, dass ihr Spiel gelegentlich statisch gerät. Musikalisch überzeugt sie aber und gerade in den tiefen Lagen gibt sie der Amme das Dämonische, dass die diese Figur so besonders macht. Dass die Textverständlichkeit hin und wieder kleine Wünsche offenlässt, ist in Anbetracht der monströsen Partie absolut verzeihbar.

Staatsoper Hamburg/Frau ohne Schatten/ Foto © Brinkhoff/Mögenburg

Eric Cutler als Kaiser überzeugt musikalisch voll und ganz. Mit viel Strahlkraft in den Höhen und angenehmen Timbre in der Stimme liefert er ein treffliches Rollenportrait. Szenisch – und hier sitzt man letztendlich etwas ratlos – liefert diese Figur wenig und wirkt gelegentlich gar hilflos. In den weiteren Partien überzeugen Bogdan Baciu als Geisterbote und Dongwon Kim als Erscheinung des Jünglings. Auch die weiteren kleinen Rollen sind bestens besetzt und zeigen ein exzellentes musikalisches Gesamtbild.

Die kleinen Chorpassagen werden vom Chor der Staatsoper und von den Hamburger Alsterspatzen souverän erledigt, auch wenn die hinter der Szene gesungenen Passagen in ihrer Klangqualität mittels Verstärkung und Zuspielung nicht besonders gut klingen.

Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg liefert einen erstklassigen Strauss ab. Schwelgend in den lyrischen Passagen, mit astreiner Intonation und höchster Akkuratesse in den Bläsern tönt es wirklich hervorragend aus dem Graben. GMD Kent Nagano zelebriert gerade die ruhigen und fast schon kammermusikalischen Passagen der Partitur mit viel Liebe zum Detail und voller Innigkeit. Gleichwohl verweigert er sich ein wenig das Schroffe und Dröhnende, die wohl kalkulierten Dissonanzen mit aller Schärfe zu setzen. Wir hören einen weichen und fließenden, einen oft zarten und wohltönenden Strauss, dem der Gegenpart wilder, aufbrausender und drastischer Klanggewalt ein wenig fehlt.

Auch wenn die Inszenierung des Werks leider nicht durchgängig zu überzeugen vermag, bleibt nach dem Besuch der Vorstellung gerade ob der exzellenten Sängerleistungen – und hier sei nochmals der phänomenale Auftritt von Lise Lindstrom genannt – ein nachhaltiger Eindruck.

 

  • Rezension von Sebastian Jacobs/Der Opernfreund 2.01.2019Danke an die Freunde von www.deropernfreund.de
  • Homepage der Hamburger Staatsoper
  • Die Fotos stammen von © Brinkhoff/Mögenburg (Die Bilder zeigen teilweise die Besetzung der Premierenserie 2016/17)
  • Titelfoto: Lise Lindstrom, Andrzej Dobber @ Bringhoff/Mögenburg-Staatsoper Hamburg, FRAU OHNE SCHATTEN

Ein Gedanke zu „Staatsoper Hamburg: WA von Richard Strauss‘ „Frau ohne Schatten“ – Musikalisch überzeugend

  1. Ein hervorragendes Ensemble (nicht nur die fünf Hauptrollen mit -für mich Linda Watson und Lise Lindström an der Spitze) zusammen mit einer großartigen Orchesterleistung machen diese Aufführung zu einem unvergesslichen Opernabend – das Dirigat von Kent setzt allem die Spitze auf! Die Inszenierung von mag (und hat m.E.) Schwächen und Inkongruenzen, aber: Man ist durchaus viel, viel Schlimmeres gewohnt….ich denke auch an die voeherige Hamburger Inszenierung der „Frau ohne Schatten“ von Keith Werner….sie ist ja auch sicher nicht zu Unrecht im Hades des Fundus veeschwunden.

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