Staatsoper Hamburg: Saisoneröffnung mit Schostakowitschs Oper „Die Nase“

Staatsoper Hamburg/ DIE NASE/ Bo Skovhus, Levente Páll / Foto @ Arno Declair

Mit Dmitri Schostakowitschs Oper Die Nase startet die Staatsoper Hamburg am 7. September in die neue Spielzeit. Die Eröffnungsproduktion inszeniert die Hamburger Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier, dirigiert wird sie vom Hamburgischen Generalmusikdirektor Kent Nagano.

Zeitversetzt wird die Premiere ab 20.30 Uhr auch open air auf Kino-Leinwände am Jungfernstieg, auf dem Harburger Rathausplatz und in Bergedorf übertragen. (Rezension der Premiere v. 7.9.2019)

 

Liebe Leserinnen und Leser,

könnte Ihre Nase Karriere in der Politik machen? Ist ihr Rücken stattlich, ihre Flügel herrschaftlich wulstig und ihr Geruchssinn zuverlässig? Obacht, dass sie eines Tages nicht doch zu viel Machtluft schnuppert und sich einfach auf und davon macht! Das gehe gar nicht, meinen Sie? Doch, doch! Dem Beamten Kowaljow ist das passiert. Glauben Sie es oder nicht!

 

Staatsoper Hamburg/ DIE NASE/ Bo Skovhus, Levente Páll/ Foto @ Arno Declair

Zum Inhalt:

Der Barbier Jakowlewitsch findet eines Morgens in seinem Frühstücksbrot eine Nase. Zeitgleich erwacht der Beamte Kowaljow, sieht in den Spiegel – seine Nase ist weg. Der Barbier versucht derweil die Nase verschwinden zu lassen.

Kowaljow sucht und findet sie schliesslich: uniformiert in einer Kathedrale. Seine Nase pocht auf ihre neugewonnene Freiheit, wird bald schon berühmter als ihr Träger und macht als Politiker Karriere.

Ein Großteil russischer Geschichte findet sich hier auf der Bühne dargestellt, obwohl Gogols Novelle doch soviel früher entstand! Das eigentliche Thema zieht sich bis in unsere Zeit und trifft den Nerv, es wird irgendwie wohl immer aktuell sein…

Die Nase ist eine absurde Groteske über Identitätsverlust und vereint Komisches und Schreckliches zugleich: Es geht um das Lachen, das im Halse stecken bleibt. Denn mitten auf der Drehbühne erhebt sich ein Wachturm, ein Überwachungsspiegel, es wimmelt vor Polizei. Es entwickelt sich eine politische Uniformität, der alle verfallen, mitlaufen, mitjubeln und eben auch mitmarschieren.

Dass eine Nase ein Eigenleben führt, schürt in der Gesellschaft die Furcht vor dem Unbekannten und endet in einer Megahysterie.

Eine Nase macht sich selbständig, wird sogar Geheimer Staatsrat und lustwandelt durch den Park – wo gibt´s denn sowas? Überall natürlich, denn diese Nase könnte für einen Titel stehen, für einen Orden, für einen Reisepass. Wehe dem, der all das verliert. Er wird zum Nichts, weshalb der „entnasifizierte“ Kollegienassessor Kowaljow auch entsprechend nervös ist.

Die Diktaturen funktionieren ja alle gleich. Immer wieder hebt der Mob den rechten Arm zum sogenannten „deutschen Gruß“ und sein Volk zum willigen, aufgeheizten Mob mit Schlagstöcken in den Händen, Das sind die zwei Seiten jeder Diktatur: Jubelstürme einerseits, ganz viel Pathos, totale Überwachung andererseits. Schostakowitsch musste diesen Widerspruch zeit seines Lebens aushalten: Offiziell als sowjetischer Vorzeigekomponist gewürdigt, tatsächlich immer wieder in Todesangst vor Stalins Launen.

 

Staatsoper Hamburg/ DIE NASE/ Renate Spingler, Tänzer, Chor der Hamburgischen Staatsoper/ Foto @ Arno Declair

Dmitri Schostakowitsch

hat sich mit 21 Jahren 1927 auf diese Erzählung, etwa 1836 zuvor von Gogol geschrieben, gestützt. Mit einer lauten, dramatischen Musik zur Untermalung der Geschichte (wunderbar dirigiert von Kent Nagano mit seinem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg,) trifft er auch heute noch den Zeitgeist aus den dramatischen Erlebnissen eines 1. Weltkrieges und seine furchtbaren Folgen nicht nur am Leib sondern auch den verirrten Seelen der Menschen. Diese Art von schlagzeuglastiger Musik des 20. Jahrhunderts zeigt soviel Intensität! Perkussionisten leisten sich auf der Bühne eine Rhythmus-Schlacht, es jault und faucht aus dem Graben, und Nagano genießt es, die Heftigkeit und Risikofreude des jungen Schostakowitsch zum Klingen zu bringen.

Nur, die Menschen haben wenig daraus gelernt – der 2. Weltkrieg folgte schnell mit ebensolch Reaktionen und Handlungen. Die Nase selbst zeigte einprägsam die Folgen auf!

Bo Skovhus als Platon Kusmitsch Kowaljow, zeigte seine Verzweiflung, Ungläubigkeit an der Situation und intensive Mimik bei der Suche nach seiner Nase. Stimmlich perfekt und deutlich drückte er die Erlebnisse auf der Bühne aus, erzählte seine Geschichte rund um die politischen Geschehnisse dieser Zeit und der persönlichen Schande, ein Mensch ohne die so überaus wichtige Nase zu sein!

Levente Páll als Iwan Jakowlewitsch,der Barbier – ein Charakter mit leicht unterwürfigen Zügen gegen die Obrigkeit, Bruder Leichtfuß mit Bauernschläue sozusagen – zeigte den sich durchschlagenden Normalbürger in Perfektion, zeitlos und beängstigend aktuell. Dies zeichnete ihn als den Arzt, der die Geschichte mit der nicht mehr anhaften wollenden Nase begutachtete ebenso aus, völlig mitleidlos und eher mit Humor nehmend und das Ergebnis: Es ist wie es ist – wenn sie nicht zurück an ihren Platz will, will sie eben nicht!

Gideon Poppe als Iwan, Diener des Kowaljow, eine etwas behäbige Seele von Mensch stand seinem Herrn doch immer zur Seite, wenn auch die eigene Vorteilhaftigkeit gewährleistet sein musste. Ganz wie im richtigen Leben eben.

Bernhard Berchtold als die Nase, in Gestalt eines Staatsrates – sehr überzeugend dargestellt! Ein Eigenleben als Nase, hofiert, gehetzt und sogar geschlagen…. Ohne Worte und Mimik, trotzdem sehr überzeugend!

Kristof Van Boven als Hüsrev-Mirza – Seine Ansprache wird zum -irgendwie bekannten- Vortrag, bei dem die Stimmung schnell umschlagen wird: Aus belächeltem Zuhören wird ein begeisterungswilliges Volk. Stark umgesetzt von Van Boven.

Katja Pieweck als Aleksandra Grigoriewna Podtotschina, Athanasia Zöhrer als Tochter der Podtotschina – Sopransolo in der Kirche, Renate Spingler als die alte Gräfin, Hellen Kwon als Praskowja Ossipowna – Verkäuferin. Sie alle sind Karikaturen ihrer selbst, aber dabei glaubwürdig, ehrlich bis zur Schmerzgrenze. Wobei eine auf der Bühne dargestellte Vergewaltigung einer Brezelverkäuferin ( Hellen Kwon) sicher nochmal eine Stufe schwieriger – aber auch gelungen ist!

Am Ende viel Applaus des Premierenpublikums für dieses besondere Werk und seine künstlerische Umsetzung in der Hamburger Staatsoper. 

 

Staatsoper Hamburg/ DIE NASE/ Bo Skovhus / Foto @ Arno Declair

Besetzung:

Bo Skovhus als Platon Kusmitsch Kowaljow,

Levente Páll als Iwan Jakowlewitsch,

Andreas Conrad als Polizeihauptmeister,

Gideon Poppe als Iwan, Diener des Kowaljow,

Bernhard Berchtold als die Nase, in Gestalt eines Staatsrates,

Katja Pieweck als Aleksandra Grigoriewna Podtotschina,

Athanasia Zöhrer als Tochter der Podtotschina – Sopransolo in der Kirche,

Renate Spingler als die alte Gräfin,

Hellen Kwon als Praskowja Ossipowna – Verkäuferin,

Michael Heim als Jarischkin,

Peter Galliard als Polizeipförtner – Pjotr Fjodorowitsch – Oberst – 2. Bekannter,

Stefan Sevenich als Wachmann – Taxifahrer – Iwan Iwanowitsch – 1. Bekannter,

Julian Arsenault als Diener der Gräfin – Spekulant – Major,

Sungho Kim als 1. Eunuche,

Hiroshi Amako als 2. Eunuche – Tenorsolo in der Kirche,

Dongwon Kang als 3. Eunuche,

Sander De Jong als 4. Eunuche,

Kristof Van Boven als Hüsrev-Mirza

sowie der Chor der Hamburgischen Staatsoper

und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg.

Inszenierung: Karin Beier
Bühnenbild: Stéphane Laimé
Kostüme: Eva Dessecker
Choreografie: Altea Garrido
Dramaturgie: Christian Tschirner
Video: Meika DresenkampSeverin Renke
Licht: Hartmut Litzinger

 

  • Rezension von Marion Nevoigt /Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Termine, Infos und Karten unter DIESEM LINK
  • Titelfoto: Staatsoper Hamburg/ DIE NASE/ Bo Skovhus / Foto @ Arno Declair

 

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