Staatsoper Berlin: Eine „Medea“(„Médée“) die unter die Haut geht!

Staatsoper Unter den Linden/ Saalansicht/ Foto © Gordon Welters

Diese  Médée/Medea, das ist, was wir Musiker unter uns als das Höchste in dramatischer Musik anerkennen.“ Das soll Johannes Brahms über Luigi Cherubinis imposant dramatische Vertonung von Europides antikem gleichnamigen Stoff gesagt haben, nach welchem François-Benoît Hoffman den Text verfasste. Heute feierte Cherubinis Oper, die im Jahr 1797 in ihrer ursprünglichen Form in Paris ihre Uraufführung erlebte, an der Staatsoper Unter den Linden unter Leitung von Maestro Daniel Barenboim mit Charles Castronovo als Jason und durch eine mehr als hervorragende Sonya Yoncheva in der Titelrolle eine wahrhaft fulminante Premiere.  – Bericht der Premiere v. 7.10.2018

 

Wie damals Paris, setzt auch Berlin auf die Fassung mit gesprochenen Dialogen anstelle von Rezitativen.
Der Inhalt ist so komplex verwirrend, wie die Musik dramatisch verdichtet, sich ganz auf Médée, ihre Rache, ihr Leid, ausrichtet.
Kurz erzählt: Einst half die Zauberin Médée, dem Argonauten Jason das berühmte goldene Vlies zu finden. Die beiden heirateten, Médée gebar ihm zwei Kinder, doch dann verstieß er sie zugunsten von Dircé, der Tochter König Créon. Die Oper beginnt kurz vor Dircé und Jasons Hochzeit mit der unerwarteten Rückkehr Médée. Nachdem diese vergeblich versucht, Jason zurückzugewinnen, vergiftet sie Dircé, tötet die eigenen Kinder. Jason teilt sie mit, dass sie weiß, dass ihr Weg im Hades endet und ihr Schatten am Styx auf ihn wartete.

Andrea Breth kann, wie so viele Opern inszenierende Regisseure heutzutage, ihre Affinität zu, und ihre Erfahrung mit Sprechtheater nicht verleugnen. Ihre Personenführung , wenn auch manchmal etwas rätselhaft, ist lebendig und direkt: Ihre Figuren, abgesehen vom eh meist unsichtbarem Chor, stehen nicht nur herum sie handeln, agieren, empfinden. So zieht uns schon die erste Szene hinein in eine Welt von Macht und Angst, wenn die Begleiterinnen der Dircé (Elsa Dreisig), diese regelrecht in das Hochzeitskleid hineinprügeln und Dircé ihre Arie völlig von Angst aufgelöst singt. Immer wieder blickt sie durch eine Tür und erschaudert, doch es ist nicht die gefürchtete Rivalin Médée, die durch die Tür tritt, sondern Jason (Charles Castronovo) und ihr eigener Vater, Créon. Männer, die diese labile Frau formen wie sie es wollen, während nicht nur Jason, augenscheinlich immer noch die Frau begehrt, die er verstieß. Außerdem betrügt Jason, seine „Nochnichtfrau“ ungeniert mit einer ihrer Begleiterinnen, während Créon der anderen gegenüber nicht abgeneigt scheint. Mit diesem Wissen wirkt Médée schon vor ihrem ersten Auftreten, als das Opfer, das sich – wohl zu Recht – wehrte, anstatt als die rachsüchtige Frau. Médée selbst ist die einzige Figur, mit deren Leid, Wut und Zerrissenheit, sich der Zuschauer bis zu einem Gewissen Grade gerne identifiziert. Wenn auch nicht zu leugnen ist, dass Breth alle Figuren lebensnah zeichnet, selbst wenn Médée, auch hier die Rolle einer Außenseiterin zugeordnet werden muss. Dies wird noch durch Carla Tetis Kostüme unterstützt: Médée trägt wallende Gewänder, die einer Zauberin würdig sind und im richtigen Licht, leicht in dem Brombeerton von Jasons Anzug schimmern, Dircé ein goldenes Prachtgewand, alle anderen Straßenkleidung.

Dennoch bleiben hier und da Ungereimtheiten, die zwar nicht auf Kosten der Musik und ihrer Dynamik, wohl aber auf Kosten, des Textes und seiner Bedeutung gehen. So wenn Médée, zwar davon spricht, sich vor Créon zu Boden zu werfen, sich aber gleichzeitig aufrichtet, bevor sie sich an ihn schmiegt. Oder wenn Neris, Jason mitteilt, Médée würden seinen Kindern das Herz durchbohren wollen, während er seine Söhne (Malik Bah, Toyi Kramer) schon in den Armen hält.

Staatsoper Berlin/MEDÉE/ Iain Paterson (Créon), Elsa Dreisig (Dircé), Charles Castronovo (Jason) und Ensemble/ Foto @ Bernd Uhlig

Die grafisch klaren Bühnenbilder von Martin Zehetgruber: drehbare, durch Rolltore trennbare, ineinander übergehende Räume, deren weiße Wände vom Boden her zu rosten scheinen, erinnern an Lagerräume. Gefüllt mit Kisten und der Statue eines Rappen, manchmal vollständig, manchmal liegt der abgeschlagene Kopf in der Mitte des jeweiligen Lagers.

Durch ihn, besonders aber durch die Lichtregie von Olaf Freese,die übergroße, übermächtige Schatten projiziert und durch beinahe pyrotechnische Effekte bekommt die Produktion einen leicht mystischen Hauch, der ihr sonst leider fehlt. Doch auf der Bühne verteilte Fackelträger, deren Fackeln noch durch die semi-transparenten , geschlossenen Tore leuchten und insbesondere die Feuersbrunst am Ende, die alles in mysteriöses Halbdunkel taucht, das angenehmes Schaudern verursacht.

Dieses Schaudern, das einen Opernabend zu einem wahren Erlebnis macht, zu verursachen, obliegt jedoch in erster Linie Daniel Barenboim und der Staatskapelle Berlin die ihren Applaus verdientermaßen als geschlossenes Ganzes auf der Bühne entgegennahmen. Cherubinis Musik macht vom ersten Takt an deutlich, dass das Augenmerk allein auf Trauer, Wut und Drama liegt: auf Médée. Hier und da ist Leichtigkeit zu hören, doch bleibt das drohende Ende hörbar, zieht sich dramatisch und machtvoll durch die gesamte Oper. Maestro Barenboim und seinem Orchester gelingt es, feine Akzente zu setzen und Empathie, den Sängern gegen über walten zu lassen, sie nie zu übertönen.
Die Sänger selbst, vom von Martin Wright geleiteten Chor, über die beiden Begleiterinnen Sarah Aristidou, Corinna Scheurle überzeugen.
So auch Elsa Dreisig als aus Angst fast hysterische Dircé. Die Sopranistin kann bereits einen ersten Preis beim bekannten „Operalia“- Wettbewerb ihr eigen nennen und weitere Auszeichnungen. Und wirklich zieht sie mit ihrer intensiven Darstellung in den Bann, ihre Stimme ist glockenhell, groß und in den Höhen machen sich ab und zu Schärfen bemerkbar, was dem positiven Gesangklangbild jedoch kaum schadet.
Iain Patersons Bass hingegen strahlt, eine für Bässe heutzutage im Zusammenspiel manchmal seltene Fülle und Wärme aus, die zu Créon, wie er hier charakterlich angelegt ist, so gar nicht passt, die aber neugierig macht auf Rollen, wie WagnersHolländer“ oder auch den Hans Sachs. Szenisch ist sein Créon von Machthunger, Begierde und Grausamkeit der eigenen Tochter gegenüber geprägt, die er mit der gleichen Inbrunst am Schlafittchen hält, wie er Medées Zärtlichkeiten zu genießen scheint.

Ähnlich wohltönend, doch dem Ohr, mangels Möglichkeiten, viel zu selten schmeichelnd, ist die Stimme von Mezzospopranistin Marina Prudenskaya. Ihre Dienerin Néris, ist auch gesanglich der beruhigende Gegenpol zu der Energie versprühende Medée. Sie ist der omnipräsente, wachende Schatten, der dank Prudenskayas Bühnenpräsenz, jedoch nie unbemerkt bleibt.
An dieser fehlt es jedoch auch Tenor
Charles Castronovo, sein Jason ist ein Macho, wie er im Buche steht, und auf den wir Frauen, „sicher würde uns das nicht passieren„, immer wieder selber hineinfallen. Anfangs mit wohligem Vergnügen, bis uns auffällt, das alles, ja wirklich alles, selbst die Liebe zu den gemeinsamen Kindern, nichts als Pose und Machtspielchen ist. Castronovos Spiel ist mehr als überzeugend und authentisch. Stimmlich besitzt er jenen Schmelz, der einen Tenor seiner klasse auszeichnet, den selbst wenn die Mittellage etwas belegt klingen mag an manchen Stellen, so beschenkt er das Publikum doch auch mit hohen, sicheren Spitzentönen.

Staatsoper Berlin/MEDÉE / Sonya Yoncheva/ Ensemble/ Foto @ Bernd Uhlig

Doch ihr kann an diesem Abend niemand das Wasser reichen: Sonya Yoncheva als  großartige Médée. Noch vor wenigen Jahren wurde es mit Skepsis aufgenommen, als sie in der konzertanten Aufführung von Gounods Faust in der Hamburger Musikhalle, für die, für Anna Netrebko kurzzeitig als Ersatz vorgesehene Angela Gheorghiu als Marguerite einsprang. Doch nur bis ihr erster Ton zart und kraftvoll zugleich mühelos bis hinauf in den Olymp der Halle drang. Danach galt es, wie auch jetzt, einfach zu genießen. Seit dem hat sich viel verändert, längst gehört Yoncheva selbst zu den Stars, de sie damals „nur“ ersetzte. Ihre Stimme hat an Volumen und Tonumfang gewonnen, ihre Modulation ist faszinierend, oft bedarf es nicht des Blickes auf den Übertext, denn es gelingt ihr nur mittels Stimme und auch körperlicher Ausdruckskraft, das Publikum fühlen zu lassen, was ihre Rolle fühlt. Spiel und Gesang sind da bei von einer Leichtigkeit, wie sie oft bei Eiskunstläufern zu sehen ist, die Pirouetten drehen, vierfach springen als sei es das Leichteste der Welt und das kombiniert, mit darstellerischem Ausdruck. Und genau diese Leichtigkeit ist es die uns deutlich mach, wie viel Arbeit und Können dahinter steckt. Unsichtbar, versteckt.

Dies zu vermitteln gelingt Yoncheva zu 120 %. Sie küsst, beißt und schlägt sich mit Jason, schmeichelt Créon, lockt mit an Wahnsinn grenzender Zärtlichkeit, ihre Kinder zu sich um sie zu töten, rennt durch die sich drehenden Räume und stirbt eindrucksvoll doch nicht übertrieben, vor dem sich schließenden Vorhang.

Und das alles, ohne auch nur die kleinste stimmliche Schwäche zu zeigen, selbst sprechend, flüsternd, verursacht sie Gänsehaut und lässt kurz den Atem anhalten.

Ja, ihr gebührt der Löwenanteil an Lob und Jubel. Ihre Leistung, verlieh dieser Aufführung klang- und spielfarbenprächtige Besonderheit, die auch unbelichtet schönen Fassaden der Oper und der sie umstehenden Gebäude an diesem Abend durch die Lichtperformance Festival of Lights erfuhren .

 

  • Rezension von Birgit Kleinfeld / Redaktion DAS OPERNMAGAZIN ©10-2018
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  • Titelfoto: Staatsoper Berlin/MEDÉE / Sonya Yoncheva/ Ensemble/ Foto @ Bernd Uhlig

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