
Sensationelle Eröffnung des Bonner Beethovenfests mit dem Londoner Aurora Orchestra
Der russisch-polnische Komponist Dmitri Schostakowitsch lebte mit einem gepackten Koffer unter seinem Bett, denn er rechnete täglich mit seiner Deportation nach Sibirien, wie es seiner Schwester 1937 widerfahren war. Nachdem seine Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ von Stalin in einem Artikel in der „Prawda“ 1936 verrissen worden war, hatte er seine 4. Sinfonie in ständiger Angst vor der Zensur zurückgezogen. Schostakowitschs 5. Sinfonie entstand nach dem Vorbild von Beethovens 5. Sinfonie nach dem Modell „Per aspera ad astra“ zur Zeit des stalinistischen Terrors und wurde 1937 mit großem Erfolg in Leningrad uraufgeführt. „Der Jubel ist unter Drohungen erzwungen. (…) So als schlage man uns mit einem Knüppel und verlange dazu. Jubeln sollt ihr! Und der geschlagene Mensch erhebt sich, kann sich kaum auf den Beinen halten“, so Schostakowitsch, dem mit diesem Werk die Gratwanderung als linientreuer Komponist des sozialistischen Realismus gelang, den er maßgeblich prägte. Die Solo-Flöte sehe ich als Ich-Erzähler, die die Ängste und Konflikte des Komponisten im Dialog mit dem Orchester ausdrückt. Auch die anderen Instrumente, zum Beispiel Oboe, Klarinette, Hörner und Solo-Violine haben im zweiten Satz Ländler-artige Solopassagen, die alle von den schneidenden Blechbläsern niedergemacht werden. Der dritte Satz ist fast nur den Streichern vorbehalten und äußert eine bleierne Resignation. Der vierte Satz, ein penetranter Marsch, wurde früher als Verherrlichung des Regimes interpretiert, aber der Komponist sieht darin einen Todesmarsch. Zum Glück sind Sinfonien keine Programmmusik, da kann jeder seine eigene Interpretation finden. Für mich ist es Schostakowitschs Auseinandersetzung mit der stalinistischen Diktatur, die sein Leben und seine künstlerische Freiheit bedrohte. Ein Meisterwerk! (Rezension der Vorstellung v. 29. August 2025)
Das in London von Dirigent Nicholas Collon 2005 geründete Aurora Orchestra hat Schostakowitschs 5. Sinfonie bereits am 16. und am 17. August 2025 mit großem Erfolg bei den BBC Proms in der Royal Albert Hall gespielt. Das Orchester spielte diese Sinfonie mit großer Besetzung (12 ersten Geigen, sechs Kontrabässen, zwei Harfen und erlesenen Bläsern) auch in der Bonner Oper auswendig. Nur die Cellist*innen und Kontrabassist*innen sitzen, alle anderen spielen stehend. Von Solisten wird das erwartet, bei Orchestermusikern ist das eher ungewöhnlich, vor allem bei einem so groß besetzten Werk. Man muss sich als Musiker viel intensiver mit dem Werk auseinandersetzen, wenn man es „by heart“ spielt, und schließt es buchstäblich ins Herz, wenn man es auswendig spielt. Der Blickkontakt zwischen Musizierenden und Dirigent ist einfach immer da, und das Ganze wird deutlich mehr als die Summe seiner Teile. Es war wie aus einem Guss, wobei die erlesenen Hörner, die brillanten Holzbläser, die Flöten, die Oboen, die Klarinetten und die Solovioline Individuen darstellten, die von den schneidenden Trompeten und Posaunen immer wieder niedergemacht wurden. Für mich ein beeindruckendes Plädoyer für Vielfalt und Toleranz und gegen eine totalitäre Diktatur.
„Alles Ultra“ – unter dem Motto steht das Beethovenfest 2025. Damit bezieht man sich auf einen Ausspruch Goethes, der schon im Jahr 1825 darauf hinwies, dass die Welt sich wild, unübersichtlich und orientierungslos wandle – ein Gefühl, das uns auch heute bekannt vorkommt. Mit Beethovens Violinkonzert als Auftakt hat Intendant Steven Walter ein Werk aus dem Jahr 1806 ausgewählt, das wegen seiner Modernität und genresprengenden Komplexität von den Zeitgenossen Beethovens nicht verstanden wurde. Beethoven hat damit den Prototyp des romantischen Violinkonzerts geschaffen, der mehr einer Sinfonie gleicht als einem Paradestück für einen Solisten. Erst Felix Mendelssohn-Bartholdy verschaffte dem Werk mit dem Geiger Joseph Joachim 1844 den verdienten Durchbruch. Die junge kirgisische Geigerin Alena Baeva gestaltete Beethovens Violinkonzert im Dialog mit dem Aurora Orchestra unter Nicholas Collon mit einer ungeheuren Dynamik und Mut zu ganz zarten Tönen ihrer Guarneri del Gesù von 1838. Die Kadenzen übernahm sie weitgehend von Beethovens Transkription des Violinkonzerts für Klavier, wobei sie ein paar kleine Varianten einbaute und sich deutlich größere Freiheit als üblich für Ritardandi andere rhythmische Varianten nahm. Die junge Geigerin pflegt ein Repertoire von rund 50 Violinkonzerten und konzertiert mit renommierten Orchestern weltweit. Als Zugabe spielte Baeva mit Alexandra Wood, der Konzertmeisterin des Aurora Orchesters, ein filigranes Violinduo von Luciano Berio.
Noch gibt es keine Konzerte in der denkmalgerecht restaurierten Beethovenhalle, deren Schlüssel am 27. August 2025 an die Betreibergesellschaft übergeben wurde, wie Oberbürgermeisterin Katja Dörner stolz verkündete. Sie soll erst am 16. Dezember 2025 mit der Auferstehungssinfonie Mahlers und mit Beethovens 4. Klavierkonzert vom Bonner Beethoven Orchester unter GMD Dirk Kaftan zu Beethovens 255. Geburtstag offiziell wiedereröffnet werden und steht ab 2026 dem Beethovenfest als Spielstätte zur Verfügung.

Das Beethovenfest vom 28. August bis 27. September 2025 findet an mehr als 20 verschiedenen Spielstätten, vom Opernhaus und der Kölner Philharmonie bis zu Flashmobs in der Innenstadt in Bonn und Umgebung mit Konzerten, Vorträgen und interaktiven Formaten unter dem Motto: „Alles Ultra“ statt. Eröffnet wurde es in der Oper Bonn von der Bonner Oberbürgermeisterin Katja Dörner, Nathanael Liminski, Chef der Staatskanzlei NRW und vom Intendanten Steven Walter. Mehr als 30 Minuten standen für die Reden nicht zur Verfügung, denn dann begann die Live-Übertragung des Konzerts des Aurora – Orchesters, das sendereif spielte, im WDR 3 im Rahmen des ARD-Radiofestivals. Parallel dazu „ließen die Hamburger Freestyle-Ikone Samy Deluxe und das Mikis Takeover! Ensemble die Grenzen zwischen Hip-Hop und Klassik einstürzen“, wie das Programm das Open Air Konzert bei freiem Eintritt auf dem Bonner Markt ankündigte. Im Anschluss lud der Intendant im Foyer der Oper zum Feiern ein. Dazu spielten Jakob Nierenz, Lukas Akintaya und Jesse Francis als Band auf.
Intendant Steven Walter gelingt es wie keinem anderen, das Beethovenfest in die Stadtgesellschaft zu öffnen, neue Besucherkreise anzusprechen und vor allem, die politische Dimension der Musik greifbar zu machen. Als Komponist steht Schostakowitsch neben Beethoven im Fokus, da sich sein Todestag zum 50. Mal jährte und er, im Gegensatz zu anderen, die Diktatur Stalins in der Sowjetunion überlebte.
Das ausgefallenste Projekt ist in diesem Jahr am 10. September 2025 die Premiere von Homers „Odyssee“ als Sprechoper im Schauspiel Bonn. Es handelt sich um einen Kompositionsauftrag der Stadt Bonn und des Beethoven Orchesters unter seinem GMD Dirk Kaftan an den Beethoven-Fellow und Komponisten Ketan Bhatti. In der Regie des Regisseurs Sigmar Solberg reflektieren Schauspielerinnen und Schauspieler des Bonner Theaters die von Homer aufgezeichneten Abenteuer des Odysseus aus heutiger Sicht, begleitet vom Beethoven Orchester. Es wird spannend!
- Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Beethovenfest Bonn 2025
- Titelfoto: Beethovenfest 2025/Eröffnungskonzert/Aurora Orchester/Foto: Nekame Klahsom