
© SF/Marco Borrelli
Zwischen historischen Reminiszenzen und poetischen Anklängen erzählt das Dramma di ambiente storico „Andrea Chénier“ in vier Bildern die Geschichte des titelgebenden Dichters, der vom Unterstützer der ursprünglichen Anliegen zum enttäuschten Gegner der tatsächlichen Revolution wurde und deshalb dem Tod an der Guillotine entgegentreten musste. Luigi Illica, auch Verfasser der Libretti von „La Bohème“ oder „Tosca“, stützte sich dabei sowohl auf Geschichtsdokumente der Revolution und ihrer Gerichtsverfahren als auch auf die Lyrik André Chéniers, ohne jedoch ein die Historie nacherzählendes Drama mit direkten literarischen Zitaten schaffen zu wollen. So entstanden atmosphärische Impressionen des französischen Revolutionszeitalters mit seinen Protagonisten und Antagonisten, zu denen Umberto Giordano eine ebenso stimmungsvolle, noch in der Tradition der klassischen italienischen Oper verhaftete, diese aber gleichzeitig aufbrechende Musik schrieb. Bei den Salzburger Festspielen gelangte dieses Werk zur konzertanten Aufführung – mit einer glanzvollen Besetzung, deren Namen die gehegten Erwartungen mehr als erfüllte. (Rezension der Vorstellung v. 25. August 2025)
„La nostra morte è il trionfo dell’amore!“
Um jedoch nicht nur ein politisches Drama, sondern auch ein emotionales zu bilden, wurde das historische Schicksal André Chéniers ausgestaltet und um ein Liebesdreieck erweitert, woraus sich eine komplexe Verstrickung aus persönlichen ersehnten oder bis zum gemeinsamen Tod reichenden Beziehungen und den je nach gesellschaftlichem Stand unterschiedlichen Auswirkungen der Revolution ergibt. Chénier trifft auf einem Fest ihrer gräflichen Mutter Maddalena, eine Adelige, die von seinen durchaus kritischen Gedichten sogleich verzaubert wird. Allerdings liebt sie auch der langjährige Diener des Hauses Gérard, der die soziale Ungleichheit und die Haltung des Adels gegenüber den Armen beklagt, in seiner Liebe zu einer Grafentochter jedoch gleichzeitig gewissermaßen befangen ist. Der zeitliche Sprung zum Jahr 1794, in dem die weitreichenden Folgen der Revolution unmittelbar spürbar wurden, macht deutlich, dass auch anfängliche Unterstützer wie Gérard von den Entwicklungen und gewaltvollen Ausformungen enttäuscht wurden, sie zwar zu Macht gelangt, jedoch letztlich in eine neue Abhängigkeit geraten sind. Nach mehreren anonymen, hinreißenden Briefen Maddalenas kommt es zu einem nächtlichen Wiedersehen mit Chénier, das jedoch für beide ein höchst riskantes Unterfangen darstellt, da sie von einem Incroyable belauscht werden. Chénier wird von der Polizei gesucht und sollte, wie ihm sein Freund Roucher rät, Paris verlassen, doch die Liebe zu Maddalena und der Wunsch, sie zu beschützen, halten ihn davon ab. Obwohl Gérard, der Chénier zunächst selbst anklagte und erst von seinen gewaltsamen Bedrängungen Maddalenas abließ, als er merkte, dass diese lieber den Tod als ihn statt Chénier wählen würde, sich schließlich selbst der Falschaussage bezichtigt und um Begnadigung bittet, wird Andrea Chénier wegen seiner Kritik an der Gestalt der Revolution zur Hinrichtung verurteilt. Um gemeinsam mit ihm zu sterben und auch im Tod der unsterblichen Liebe treu zu bleiben, nimmt Maddalena durch Bestechung den Platz der Verurteilten Idia Legray ein und schreitet Arm in Arm mit Chénier zum Schafott. Nicht nur diese hoch emotionale Schlussszene, sondern das gesamte Werk eignet sich in seiner Anlage als Folge von stark verdichteten Bildern, die eine chronologische Erzählweise aufbrechen und wie mit einem Brennglas auf die entscheidenden Momente fokussieren, gut für eine konzertante Aufführung. Auch in Salzburg konnte so, wenngleich durch die Natur einer solchen Vorstellung ein wenig an dramaturgisch fortlaufender Erzählkraft verloren geht, der Sog dieses Revolutions- und Liebesdramas auf eindrückliche Weise spürbar werden.
Hochkarätige Besetzung und vielversprechende Debuts

Dieses Gelingen ist maßgeblich der in allen Rollen überzeugenden Besetzung zuzuschreiben. Mit seinem Debut als Andrea Chénier bewies Piotr Beczała die schier unendliche Kraft seiner Stimme, die jedoch nie zu gezwungener Force verkommt oder zu einem Verlust an Ausdruck führt, sondern bis zuletzt äußerst präsent und mit warmem Klang das tatsächlich sehr Große Festspielhaus erfüllte. Auch in den hohen Tönen verliert er nicht an Strahlkraft, stets bleiben sie wohl geformt und im Strahlen weich abgerundet. Bei manchen Passagen, so etwa bei Chéniers Vortrag seiner Dichtkunst auf dem Fest der Contessa di Coigny, wünschte man sich womöglich eine etwas differenziertere Gestaltung, die auch Platz für introspektiveren Ausdruck und sanfter geformte, wohl auch leisere Klänge lässt, doch beeindruckt Beczała insgesamt so sehr mit seiner unerschütterlichen Stimme, dass man diesem kräftigen Portrait des Revolutionskritikers vom ersten bis zum letzten Ton gebannt folgt. An seiner Seite gab auch Elena Stikhina ihr Debut als Maddalena di Coigny. Während anfangs der Eindruck entstand, sie müsse sich in diese Rolle erst einfinden, entwickelte sie im Verlauf des Abends eine höchst emotionale, stimmlich zart und innig gestaltete Darstellung der adeligen Liebenden. Auch sie begeistert mit starker Präsenz, die aber immer wieder einer sinnlichen, zugleich tieftraurigen Melancholie im Klang weicht, welche für äußerst bewegende Momente sorgt, nicht zuletzt in der bekannten Arie „La mamma morta“, die Stikhina sehr einfühlsam und berührend gestaltet. Für den zerrissenen und enttäuschten Diener Gérard ist mit Luca Salsi wohl die optimale Besetzung gelungen, denn er vermag es, die widerstrebenden Interessen und Emotionen dieser Figur eindrücklich und variabel im Ausdruck hören zu lassen. Seine Stimme bleibt stets kraftvoll, wechselt aber immer wieder zwischen scharfen, fast aggressiven Ausbrüchen, bedauernden, auch verzweifelten weicheren Klängen und sogar emotional zarten Momenten. Doch auch über dieses hochkarätige Trio hinaus war an diesem Abend eine sängerisch beeindruckende Leistung zu erleben. Armand Rabot als Chéniers Freund Roucher sorgte mit starkem, eindringlichem Ton, der einen guten Kontrast zu Beczałas Strahlkraft bildete, für bewegende Szenen. Bereits zu Beginn präsentierte sich Dora Jana Klarić, Teilnehmerin des Young Singers Project, als durchaus edle Contessa di Coigny, die wenig Aufmerksamkeit für die Leiden der Armen hat. Mit samtenen Klangfarben und einem dunkel gefärbten Timbre gelingen ihr eindrückliche Momente, die mit Freude auf den weiteren Weg der Sängerin blicken lassen. Mit gewohnt leuchtender, samtiger Stimme bewegt Noa Beinart in einer kurzen Szene als Madelon, bei der man lediglich bedauert, dass sie nicht länger währt. Auch die übrigen kleineren Rollen waren mit Seray Pinar als Bersi, Felix Gygli als Pietro Fléville sowie mit den weiteren Teilnehmer*innen des Young Singers Project Christopher Humbert, Robert Raso, Tomislav Jukić, Ilia Skvirskii, Brett Pruunsild, Marcel Durka und Trevor Haumschilt-Rocha hervorragend besetzt, wobei besonders Humbert als Fouquier-Tinville mit sonorem, kräftigem Bass, Jukić als scharfer, präsenter Incroyable und Skvirskii als hell klingender Abate mit klarer Diktion hervorstachen.
Stimmungsvoller Orchesterklang und ausdrucksstarker Chor

© SF/Marco Borrelli
Die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor bewies, nach einer ebenso überzeugenden Darbietung unter anderem in „Macbeth“, erneut sein hohes Niveau und sorgte, zwischen Klagen der unterdrückten Armen und revolutionären Kämpfern schwankend, für eine vielseitige, stimmungsvolle Unterstreichung der jeweiligen Szenen. Äußerst homogen und klangstark präsentierten sich vor allem die Männer, denen anzumerken war, wie viel Spielfreude sie für eine szenische Aufführung mitbrächten. Am Pult des Mozarteumorchesters Salzburg leitete Marco Armiliato jenes mit viel Energie, hoher Spannung und differenzierter Gestaltung, sowohl in Dynamik als auch Ausdruck. Nach geringfügigen Koordinationsschwierigkeiten zu Beginn entwickelte sich der Orchesterklang zu einer im besten Sinne kontrollierten, fein artikulierenden, im Klang zu starken, intensiven, aber auch sehr sanften, weichen Momenten fähigen Größe, die in diesem Werk neben atmosphärischer Gestaltung ebenso erzählende Funktion einnimmt. In der Lautstärke orientierte sich Armiliato gelegentlich etwas zu sehr an den äußerst präsenten Solisten der drei Hauptfiguren, die sich ohne Probleme über das Orchester erheben konnten, sodass es für die kleineren Rollen, besonders bei diesbezüglich diffiziler Stimmlage, stellenweise nicht leicht war, sich in der Größe des Saals zu behaupten. Insgesamt entstand jedoch ein homogenes, emotional fein austariertes Gesamtbild dieser dramatischen Oper, in dem die jeweiligen Momente sehr differenziert zum Ausdruck kamen.
„Nell’ora che si muor eterni diveniamo…“
Am Ende dieser beeindruckenden Aufführung, die auch ohne Regie für eine musikalisch bewegende Dramaturgie sorgte, ertönte zurecht begeisterter Applaus für sämtliche Beteiligte, allen voran die drei Hauptsolisten des Abends. Es ist zu hoffen, dass Elena Stikhina und Piotr Beczała nach diesem erfolgreichen Debut auch bald in einer szenischen Aufführung von „Andrea Chénier“ zu erleben sein werden. Ebenso blickt man jedoch gespannt auf die weitere Entwicklung der jungen Sänger und Sängerinnen der Besetzung, die mit diesem, wenngleich teilweise kurzen Auftritt die Neugier weckten, wohin sie ihr Weg noch führen mag.
- Rezension von Elena Deinhammer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Salzburger Festspiele 2025 / Stückeseite
- Titelfoto: Salzburger Festspiele 2025/Andrea Chénier (konzertant) 2025: Piotr Beczala (Andrea Chénier), Elena Stikhina (Maddalena di Coigny), Marco Armiliato (Musikalische Leitung), Mozarteumorchester Salzburg/Foto: © SF/Marco Borrelli